HersfelöerTageblatt
Hersfelder Kreisbla« I^ä
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Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
Nr. 164
Mittwoch, den 16. Juli 1930
80. Jahrgang
Ein schwerer Konflikt
Der Reichspräsident sagt die Teilnahme an
VrrispoM und
ArbeitsbelchaWngsprogramm
„Wird es billiger werden?" Das ist die bange Frage, die sich in der letzten Zeit so mancher Wirtschaftsführer, aber auch mancher Lohnempfänger, dessen Reallohn durch Steuern und Preissteigerungen immer neue Kürzungen erfuhr, vorgelegt haben mag. Mit dem Oeynhauser Schiedsspruch, der Preisabbau nach Lohnsenkung festsetzte, wurde ein erster Anfang gemacht. Bestehen Möglichkeiten, die Aktion vorwärtszutreiben? Davon soll in folgendem die Rede sein.
Das Arbeltslosenproblem ist gleichbedeutend mit dem P reis Problem. Gelingt es, das Preisniveau zu senken, so tritt damit automatisch eine Erhöhung der Nachfrage nach Waren ein und damit eine Erweiterung der Beschäftigung in der Wirtschaft. Nun ist es selbstverständlich. daß wir keine vom Ausland isolierte Preispolitik treiben können, hängen wir doch in dem Bezüge der wichtigsten Rohstoffe vom Weltmarkt und seinen Preisen ab. Löhne, Steuern, Kapitalzinsen usw. tun dann das ihrige, um die Preishöhe bei uns endgültig zu bestimmen.
Die Lage des internationalen Marktes für wichtige Rohstoffe steht gegenwärtig im Zeichen einer außerordentlichen Preissenkung. Für Textilrohstoffe wie Wolle, Baumwolle, Rohseide, Jute sind die Preise ganz erheblich, zum Teil in einem ruinösen Ausmaße zurückgegangen. Dasselbe trifft zu für Häute und Gummi. Ebenfalls erhebliche Preisrückgänge finden sich bei Eisen, Stahl und sonstigen Metallen wie Kupfer, Zinn und Zink. Dieser Preisrückgang kommt deutlich und klar in der Entwicklung des deutschen Großhandelspreis von Rohstoffen und halbfertigen Waren ging ununterbrochen von 128,3 (1913 = 100) im Januar d. J. auf 120 am 9. Juli zurück. Teilweise sind die Preise erheblich unter den Preisstand von 1913 gesunken. Man hätte nun erwarten müssen, daß angesichts des drängenden Absatzproblems die industriellen Fertigwaren dieser Erleichterung auf dem Rohstoffmarkt gefolgt wären durch eine mindestens entsprechende Preissenkung. Das ist leider nicht der Fall, wie ein Blick auf die Entwicklung des Großhandelsindexes für industrielle Fertigwaren lehrt. Zwar ist auch hier ein Rückgang von 156 im Januar auf 151 Anfang Juli eingetreten, aber abgesehen davon, daß die Verbilligung der Rohstoffe nur bedingt in diesem Preisrückgang zum Ausdruck kommt, hat sich seit Mai das Tempo des industriellen Preisrückganges sehr verlangsamt, und in den beiden letzten Monaten hat die Abwärtsbewegung überhaupt aufgehört. Das ist ein Zustand, den man im Interesse der gesamten Wirtschaft nur auf das äußerste beklagen kann.
Die Starrheit der Preishaltung steht in einem immer bedrohlicher werdenden Gegensatz zu der riesigen Arbeitslosigkeit. Die Preise dort nicht zu senken, wo Voraussetzungen für einen Preisabbau durchaus gegeben find, kann nicht als kluge, vorausschauende Wirtschaftspolitik angesprochen werden. Was man durch hartnäckiges Festhalten an den alten Preisen zu gewinnen glaubt, verwandelt sich in Wirklichkeit in schweren Verlust.
Gelingt es nicht, die Arbeitslosigkeit durch Belebung der wirtschaftlichen Tätigkeit auf natürlichem Wege zu vermindern, so müssen durch Erhöhung der Steuerlast der öffentlichen Körperschaften die zum Unterhalt der Millionen erforderlichen Mittel beschafft werden. Was man also am Preisstande aus der einen Seite als Plus glaubt buchen zu können, geht um einen höheren Betrag an zusätzlicher fiskalischer Belastung auf der anderen Seite wieder hinaus. Dazu gesellt sich aber die wachsende politische und wirtschaftliche Unruhe, die das Geschäftsvertrauen drinnen und draußen schwächt und auftraghemmend wirkt. Gerade die Kreise, welche die kapitalistische Wirtschaftsweise als die ergebnisreichste und billigste loben und vertreten, schneiden sich ins eigene Fleisch, wenn sie nicht dafür sorgen, daß zur Entspannung der bedrängten Wirtschaftslage das unbedingt Mögliche und Notwendige auch getan wird Man sollte nicht nur immer fordern, daß a n d e r e etwas tun Man muß auch selbst das Seinige zur Lösung der schicksalsschweren Probleme, die uns bedrängen, beitragen.
Von der Reichsregierung muß mit allem Nachdruck gefordert werden, daß sie sich vor den Konsumenten stellt und unter Anwendung ihres ganzen moralischen 'und verwaltungsmäßigen Einflusses dafür sorgt, daß ungerechtfertigte Preisforderungen mit allen Mitteln b £ - t 3 m p f t werden. Eine gute Handhabe bietet u. a zweifellos das in Aussicht genommene Arbeitsbeschaf- fungsprogramm, das feinen Sinn und Wert verlieren würde, wenn es nicht zur Durchführung möglicher Preissenkungen benutzt würde.
den preutz. Besreiungsseiern im Rheinland w
KmM 8rw-ÄW«g!
Der Reichspräsident fährt nicht in die Rheinprovinz.
Berlin, 16. Juli.
Der Reichspräsident hat seine Teilnahme an den Befreiungsfeiern in Koblenz, Trier und Aachen sowie in Wiesbaden abgesagt.
Diese Absage hat er in folgendem Schreiben an den preußischen Ministerpräsidenten begründet:
„Sehr geehrter Herr Ministerpräsident!
Ihre Einladung zur Teilnahme an der Befreiungsfeier der preußischen Staatsregierung in Koblenz am 22. Juli habe ich durch mein Schreiben vom 5. Juli angenommen.
Meine Zusage erfolgte in der Voraussetzung, daß das Verbot des Stahlhelms, Bund der Frontsoldaten, in Rheinland und Westfalen, daß ich, wie Sie wissen, nach eingehender Prüfung des Tatbestandes als unberechtigt und dem Sinne des Gesetzes zuwiderlaufend bezeichnen muß, bis dahin aufgehoben sei und auch dieser Verband der alten Soldaten an den Befreiungsfeiern teilnehmen könne. Sie haben zwar die Aufhebung dieses Verbotes, für die sich auch die Reichsregierung inzwischen verwandt hat, wiederholt in Aussicht gestellt, trotz wiederholten Erinnerns sie aber bisher nicht verfügt.
Statt dessen hat der preußische Minister des Innern in seinem dem Herrn Reichskanzler abschriftlich übermittelten Schreiben vom 14. Juli 1930 dem Stahlhelm für die Wie- derzulassung in Rheinland und Westfalen Bedingungen gestellt, aus deren Verlangen und Formulierung ich entnehmen muß, daß Sie und das preußische Staatsministerium meinem von der Reichsregierung unterstützten Wunsche nicht zu entsprechen gesonnen sind. Damit schließen Sie den Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, von der MeMayme an oen ytper ucu^eiretungsfeiern aus und machen es den in dieser Organisation vereinigten alten Frontkämpfern unmöglich, in geschlossener Formation mich zu begrüßen, während alle anderen Verbände bei allen Veranstaltungen. die aus Anlaß der Räumung stattfanden, zu- gelassen und in großer Zahl aufbrachen.
Diese ungleichmäßige Behandlung ist für mich unerträglich. Ich kann es mit meiner verfassungsmäßigen Pflicht zur Ueberparteilichkeit nicht vereinbaren, an Be- freiungsfeiern teilzunehmen, von denen ein Teil von Staatsbürgern durch ein — nach meiner Auffassung nichts begründetes — Verbot ihrer Organisation ausgeschlossen ist. Ich habe mich daher zu meinem Bedauern entschließen müssen, meine Ihnen unter dem 5. Juli erteilte Zusage zur Teilnahme an der preußischen Befreiungsfeier in Koblenz rückgängig zu machen: aus dem gleichen Grunde habe ich auch meine in Verbindung mit der Reife nach Koblenz geplanten Besuche in Trier, Aachen und Wiesbaden abgesagt und so lange verschoben, als die vorerwähnten Gründe bestehen.
Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung gez. von Hindenburg".
Die Reife des Reichspräsidenten nach Speyer und der Pfalz sowie nach Mainz wird planmäßig stattfinden. Der Reichspräsident wird von Mainz am Sonntag, 20. Juli, abends unmittelbar nach Berlin zurückkehren.
Im Anschluß daran wird bekanntgegeben, daß der Stahlhelm Zusicherungen gegeben habe, sich jeder wie immer gearteten militärischen Betätigung zu enthalten. Auch sei die preußische Regierung rechtzeitig davon verständigt worden, daß die Reise des Herrn Reichspräsidenten unterbleibe, falls das Stahlhelmverbot nicht vorher aufgehoben würde.
Brauns Antwort auf den
Hindenburg-Brief
Berlin, 16. Juli. Der preußische Ministerpräsident Dr. Braun hat am Dienstag nachmittag die Vertreter der Presse empfangen, um ihnen seine Stellungnahme zum Schreiben des Reichspräsidenten bekanntzugeben. Diese Stellung bewegt sich ungefähr in den Bahnen, wie sie in dem folgenden, am Abend an den Reichspräsidenten zur Ab- sendung gelangten Schreiben Dr. Brauns zum Ausdruck kommen:
„Hochverehrter Herr Reichspräsident!
Aus Ihrem Schreiben vom 15. Juli 1930 muß ich zu meinem Bedauern ersehen, daß Sie Ihre Teilnahme an den rheinischen Befreiungsfeiern im preußischen Gebiet nunmehr von der Wiederzulassung der in den Provinzen Rheinland und Westfalen aufgelösten Gruppen des Stahlhelms, Bund der Frontsoldaten ‘e. V., abhängig machen. Ich empfinde dies um so schmerzlicher, als dadurch ein Mißklang in die Befreiungsfeiern hineinkommen muß, den ich, so weit es an mir liegt, gern vermieden sehen würde. Um Ihrem Wunsche, Herr Reichspräsident auf Wiederzulassung des Stahlhelms in den Provinzen Rheinland und Westfalen mt- gegenzukommen, hat der Herr preußische Minister des Innern mit meinem Einverständnis dem Bundesamt des Stahlhelms gegenüber mit Schreiben vom 14. Juli 1930 die Wie- derzulassüng der in diesen Provinzen aufgelösten Gruppen dieser Vereinigung in Aussicht gestellt. In diesem Schreiben, auf das auch Sie, Herr Reichspräsident, Seaug.nehmen,
jen Nichtaushebunq des Stahlhelmverbots ab hat der Herr preußische Minister des Innern zum Ausdruck gebracht, daß er gegen eine Neubildung der aufgelösten Gruppen des Stahlhelms in den Provinzen Rheinland und Westfalen keine Bedenken geltend machen würde, wenn ihm von der Bundesleitung des Stahlhelms bindende Zusicherungen für eine künftige, den bestehenden Gesetzen nicht zuwider- laufende Betätigung gegeben würde. Zu einer solchen Forderung bestand Veranlassung, da an der Ernsthaftigkeit der Versicherungen des Stahlhelms auf Grund seiner bisherigen Haltung berechtigte Zweifel gehegt werden mußten, die nur durch besondere Zusagen der verantwortlichen Bundesführer beseitigt werden können. Eine Antwort des Stahlhelms auf das Schreiben des Herrn preußischen Ministers des Innern ist jedoch bisher nicht eingegangen.
Ihre Auffassung, Herr Reichspräsident, daß die Auslösung des Stahlhelms von Rheinland und Westfalen dem Sinne des Gesetzes vom 22. März 1921 (Reichsgesetzblatt S. 235) zuwiderlaufe, vermag ich mir nicht zu eigen zu machen. Ich stelle vielmehr fest, daß die gesetzmäßig zuständigen Stellen Preußens und des Reichs übereinstimmend das Verbot auf Grund einwandfreien und reichhaltigen Tatsachenmaterials erlassen haben. Es ist mir nicht bekannt, inwieweit Ihnen, Herr Reichspräsident, Material Vorgelegen hat, das zu dem in Ihrem Schreiben vom 15. Juli, zum Ausdruck gebrachten Urteil führen könnte.
Ich wäre nach wie vor bereit, die Neubildung des Stahlhelms für die in Rede stehenden Gebiete zuzulaffen, falls ich die Ernsthaftigkeit der vom Stahlhelm gegebenen Zusicherungen anzunehmen in der Lage wäre und infolgedessen die Gesetzmäßigkeit seines künftigen Verhaltens als gewährleistet betrachten könnte. Dies wäre möglich, wenn der Stahlhelm die von ihm geforderte Erklärung, die lediglich der geltenden Gesetzeslage entspricht, abgäbe und damit von sich aus das Hindernis, das Ihrer Meinung nach Ihrer Teilnahme an den Befreiungsfeiern entgegensteht, aus dem Wege räumte. Ich ^Mb^L^LoUnu^lusdru^^iK^^llelinaenwird^t^Ze- denken, die sich Ihrer- Reise in das Rheinland entgegenge- stellt haben, noch zu beheben, und daß es der Bevölkerung des preußischen Gebiets vergönnt sein wird, doch noch Sie.’ sehr geehrter Herr Reichspräsident, bei den Befreiungsfeiern begrüßen zu können. —
Mit dem Ausdruck meiner besonderen Verehrung Ihr sehr ergebener gez.: Braun."
Die DAp. im Rheinland zum Schritt des Reichspräsidenten.
Düsseldorf, 16. Juli. Die Vertreter der Deutschen Volks- partei aus den vier rheinischen Wahlkreisen haben nach einer Besprechung folgende Entschließung gefaßt: Die Deutsche Volkspartei, Rheinprovinz, stellt sich rückhaltlos aus den Standpunkt des Herrn. Reichspräsidenten von Hinüen- burg, der mit Recht von der preußischen Regierung verlangt, daß das Stahlhelmverbot angesichts der Befreiung der Rheinlande von fremder Besetzung sofort aufgehoben wird.
Ztlriüzittzitig der Schsigebete
Weimar, 15. Juli.
In unterrichteten Kreisen verlautet, daß die thüringischen Schulgebete, die durch das Urteil des SiastsgeriHis- Hofes vom 11. Juli als verfassungswidrig erklärt wurden, dadurch aufgehoben werden sollen, daß im Amtsblatt L’j thüringisch e n Ministeriums das Urteil des Stastsgerichts- ssts mit feiner R:- -ründung veröffentlicht wird. Dies werde dann al^tr' . des Erlasses gelten.
Deuts hlautzs Antwort Briand übergeben
Paris, 16. Juli. An die [Sehergabe der Antwort der deutschen Regierung auf das französische Europa-Memorandum schloß sich eine längere Unterhaltung zwischen Borschaf- ttr von Hoesch und Außenminister Briand über die Möglichkeiten und Ausblicke für die Gestaltung einer Zusammen- arbeit unter den europäischen Staaten.
Bahufchutztruppe im Saargebiet vermindert
Saarbrücken, 16. Juli. Nach Räumung des linken Rheinufers hat die Regierungskommission unter Berufung auf den von dem Vertreter Italiens in der Sitzung des Völkerbundsrates vom 18. März 1926 vorgelegten Bericht, auf den in der gleichen Sitzung gefaßten Ratsbeschluß und auf den Ratsbeschluß vom 12. März 1927 beschlossen, den Effektivbestand der Eisenbahnschutztruppe des Saargebiets auf die Zahl 250 herabzufetzen. Die Regierungskommission hat außerdem den Völkerbundsrat verständigt, daß die Eisenbahnkommission reduziert wurde und noch um weitere Einheiten reduziert werden wird. Die Regierungskommission wird dem Völkerbundsrat gegen Ende August eine ausführliche Mitteilung über diese Angelegenheit zugehen lassen.
Der finnische Reichstag aufgelöst
Neuwahlen Anfang Oktober.
Helsingfors, 16. Juli. Der Präsident der Republik hat am Dienstag den Reichstag aufgelöst, weil nicht alle von der Regierung eingebrachten antikommunistifchen Gefetzesvor- lagen angenommen wurden.
Die Neuwahlen sollen am 1. und 2. Ok-, ober durchge- führt werden; der neue Reichstag soll am 20. Oktober zu sammentreten. ^. -