HersfelüerTageblatt
MtNtt<mHHMM«W*m*HHlH«HWH^IMMMM MMM *♦
Hersfetöer Kreisblatt '
Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfelö -
Nr. 163 Dienstag, den 15. Juli 1930 80. Jahrgang
———■—■*——■—'■■—'■>r 'wg— ™™—htt -^^--^ ----------------- ..._■,■
Die Krisis auf Sem Höhepunkt
Einigung der Regierungsparteien über die Bürgerabgabe — Heute Entscheidung im Plenum
Am Kreuzmes
In dieser Woche soll die v o r l ä u f i g e Sanierung der Reichsfinanzen durch den Reichstag vollendet werden, und das Parlament wird am Ende der Woche in die langersehnten Ferien gehen. Ob die Abgeordneten jedoch noch Gelegenheit haben werden, bis zum Wochenende zusammen zu bleiben, das ist vorläufig noch die Frage. Es könnte nämlich sein, daß die Auflösung des Reichstages dem geschäftigen Hin und Her im Wallotbau ein vorschnelles Ende bereitet.
Wohl sah die Lage zu Beginn der Woche schon wieder etwas freundlicher aus als am Samstag, wo man in großen Schlagzeilen in den Blättern lesen konnte „Knalleffekt im Steuerausschuß", „Regierung in höch - st e r Not!" und anderes mehr. Die Reichsregierung, die nach der Abstimmung im Steuerausschuß des Reichstages nur noch den § 1 ihrer Borlage in Händen hielt, während ihr der übrige Teil des Steuerbuketts rücksichtslos zerpflückt worden war, hat schließlich in schwierigen Verhandlungen die Regierungsparteien wieder dazu bewegen können, bei der Beratung der Deckungsvorlage im Plenum des Reichstages Initiativanträge einzubringen, welche d ^ ursprüngliche Programm der Reichsregierung mit unwesentlichen Abänderungen wieder herstellen. Wille zur Einigung war also, da keiner der Regierungsparteien etwas an Neuwahlen liegt, vorhanden. Die alte Parteibasis, mit der die Regierung Brü- ning ins Leben trat, wird ihr nach erfolgreicher Durchführung der letzten Verhandlungen um Kopfsteuer und Notopfer der Festbesoldeten als Kerntruppe am Dienstag zur Verfügung stehen. Aber woher will die Regierung, die sich zu dem großen Sprung ins Dunkle anschickt, die Mehrheit nehmen? Was für die Regierungsparteien gilt, nämlich, daß sie sich nicht kompromittieren und durch ihr Verharren aus ihren ÄSsajjjSÄ
im gleichen Maße für die Opposition, die das Recht hat, der Reichsregierung ablehnend gegenüberzustehen und von dieser Haltung nicht abzugehen.
Für die Sozialdemokratie ist die Lage wohl endgültig geklärt. Ihre ermunternde Frage an den Reichskanzler: Warum erschöpft man nicht alle parlamentarischen Möglichkeiten vor der Anwendung des Artikels 48 und tritt nicht an u n s heran? ist bei diesem nicht auf das erhoffte Verständnis gestoßen. Die Sozialdemokraten wollten bekanntlich auf der Grundlage einer anderen Regierungsbasis und eines anderen Regierungsprogramms an der Sanierung der Reichsfinanzen tätig mitarbeiten. Die Regierung Brüning aber, die ihre Existenz zu einem guten Teil"der Rechten verdankt, die immer wieder die Brücke nach rechts schlug und nur mit dieser Grundtendenz ihres Wirkens vor kurzem die widerstrebende Deutsche Volkspartei zurückgewann, mußte im gegenwärtigen Augenblick auf die aktive Mitwirkung der Sozialdemokratie verzichten. Von den Sozialdemokraten wird also am Dienstag gegen die Regierungsvorlage gestimmt werden. Trotzdem wird man nicht sagen können, daß der Gedanke einer Umbildung des Kabinetts Brüning und der Aufnahme sozialdemokratischer Minister in das Kabinett endgültig tot ist. Die Freunde einer parlamentarischen Konstellation nach Art der Großen Koalition befürworten es, wenn die Uebergänge langsamer genommen und unter Umständen im Herbst vorhandene Möglichkeiten nicht durch vorzeitige, mechanische Anwendung des Begriffes der Großen Koalition zerstört werden.
Die Reichsregierung will also die erforderlichen Hilfs- truppen bei den Deutschnationalen mobilisieren. Die Haltung der Westarp-Gruppe der Deutschnationalen, deren Partei in der letzten Zeit der Regierung mehrfache Absagen erteilt hat, war bis zuletzt ungewiß. Parteioffiziös wurde verlautbart, daß diesmal auf einen Sieg des Westarp- FlügelL und auf eine Niederlage des Hugenberg-Flügels nicht gerechnet werden kann. Ob es also dem Einfluß des Reichsernährungsministers Schiele gelingen wird, der Regierung die erhoffte deutfchnationale Mithilfe zu sichern, bleibt abzuwarten. Der Reichskanzler kam den Deutschnationalen mit der Erfüllung einiger ihrer Forderungen, u. a der Bürgerabgabe, entgegen. Die Bürgerabgabe diese andere Bezeichnung für die mittelalterliche Kopfsteuer ist bekanntlich während der Sonntagsoerhandlungen neben der Begrenzung der Dahrlehnspsticht des Reiches an die Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung und anderen Ergänzungen erneut in das Regierungsprogramm ausgenommen worden.
Nachdem der Gedanke, mit wechselnden Mehrheiten das Regierungsprogramm im Reichstag durchzubringen, gefallen ist, geht es also am Wochenbeginn nur noch um die Entscheidung: Mehrheit mit R e ch t s , d h. mit Unterstützung von etwa 20 Deutschnationalen oder Artikel 4 8. Die Regierung steht am Kreuzweg. Welcher Weg wird gegangen werden? Reichskanzler Brüning wird bei der zweiten Lesung der Deckungsvorlage im Plenum des Reichstags noch einmal einen letzten Appell an alle diejenigen richten, die es angeht. Sollte es zur Ablehnung der Steuervorlagen im Parlament kommen, so wird nachdem sich der Reichstag selbst ausgeschaltet hat, das Kabinett die Finanzgesetze auf dem Wege der Notverordnung mit Hilfe des Art.' 48 der Reichsverfassung in Kraft setzen. Ueber die Art der Anwendung des Artikels 48. ob
RrZierungsparteiell Sir Birgeritetier
* Berlin, 14. Juli.
Die Reichstagsfraktion der Deutschen Volksparkei Hai nunmehr der abgeänderten Bürgersteuer zugestimmt. Das Zentrum und die Demokraken haben in ihren Araktions- sthungen zwar Bedenken geäußert, wollen die Steuer selbst jedoch nicht scheitern lassen. Die Bedenken bestehen beim Zentrum gegen die Steuer deshalb, weil einer von ihm geforderten Staffelung bei der Bürgersteuer nicht stakkgegeberi wurde. Die Virtschaftspartei stimmt gleichfalls für die Steuer. Auch mit der Zustimmung der Bayerischen Volksparkei wird gerechnet, so daß die Bürgersteuer von allen Regierungsparteien gedeckt werden wird.
Offen bleibt jedoch noch, ob sie auch im Plenum eine Mehrheit finden wird, denn in der Araktionssitzung der Deutschnationalen stellte Dr. Oberfohren fest, daß die Araktion an der Ablehnung der Steuern festhalte, und daß insbesondere die Bürgersteuer nicht dem entspreche, was die Deutschnationale Parkei sich unter ihr vorstelle..
Rätselraten über Die heutige
Abstimmung
Bei Ablehnung der Deckungsvorlagen wahrscheinlich Reichskagsauflösung.
Berlin, 15. Juli. Die hinter der Regierung stehenden Parteien haben sich zwar am Montag darauf geeinigt, in der Plenarsitzung des Reichstages am Dienstag die Deckungsvorlage der Regierung einschließlich der Bürgersteuer wieder herzustellen, aber trotzdem ist der Ausgang der Debatte noch keineswegs abzusehen. Vorweg sei bemerkt, daß die Regierung noch immer hofft, eine Mehrheit für ihre Vorlage zu bekommen, jedoch kann zur StUA^, tÜLMand-iauLa. ivaller ^Kitje Mehrheit kommen fort. Wenn der Beschluß der Deukfch- nationalen, gegen die Deckungsvorlage zu stimmen, bestehen bleibk, so ist die Regierung mit den hinter ihr stehenden Parteien in der Minderheit; selbst wenn sich ein Teil der Deutschnationalen der Stimme enthält und ungefähr 20 Deutschnationale für die Regierung stimmen, so ist immer noch die Abstimmung von Zufälligkeiten in der Anwesenheit der Abgeordneten abhängig.
In den Wandelgängen des Reichstages werden alle Kombinationen besprochen, die etwa in Anwendung kommen könnten. Ueberwiegend kommt jedoch die Meinung zum Ausdruck, daß bei der Ablehnung der Deckungsvorlage der Regierung nichts weiter übrig bleibt, als
den Reichstag aufzulöfen.
Wenn nämlich die Deckungsvorlage abgelehnt wird, das Haus den Etat und die übrigen Vorlagen erledigt, sich dann vertagt und die Regierung hinterher die Deckungsvorlage durch eine Notverordnung in Kraft setzt, so würden fofort'die Sozialdemokraten die Wiedereinberufung des Reichstages verlangen mit dem ausschließlichen Zweck, die Notverordnung wieder aufzuheben. Da nicht daran zu zweifeln ist, daß mit den Stimmen der Oppositionsparteien die Aufhebung der Notverordnung erreicht werden würde, könnte dann die Regierung den Reichstag nicht mehr aus diesem Grunde auflösen, sondern müßte eine vollkommen neue Vorlage im Reichstag zur Entscheidung stellen. Der einzige Ausweg -ms den Schwierigkeiten wäre eventuell dadurch möglich, daß uns der Parteien den Antrag stellt, die Deckungsvorlage nochmals dem Steuerausschuß zu überweisen. Diese 'Version tauchte erst in den Abendstunden auf, es ist jedoch durchaus nicht ausgeschlossen, daß man zu diesem letzten Mittel greift. Was dainit bezweckt werden soll und kann, läßt sich im Augenblick noch nicht vollkommen übersetzen; es muß jedoch daran erinnert werden, daß schon vor einigen Tagen die Sozialdemokraten im Ausschuß durchblicken ließen, daß sie zur Mitarbeit an der Deckungsvorlage bereit wären, wenn man ihren Wünschen mehr entgegenkommen und in einem Sonderausschuß die Möglichkeit größerer Streichungen am Etat prüfen werde.
In den späten Abendstunden verlautete noch, daß die Wirtschaftspartei sich von der Regierungskoalition trennen und ihren Minister aus dem Kabinett zurückziehen werde, wenn der Versuch gemacht werden sollte, ohne Auflösung des Reichstages die Deckungsvorlage durch eine Notverord- nung in Kraft zu fetzen.
bei „ p r ä f e n t e m Reichstag" oder erst nach Auflösung, war man sich bis zuletzt uneinig. Als wahrscheinlicher galt die vorherige Parlamentsauflösung.
Wir stehen also wieder einmal vor schweren politischen Entscheidungen, kommt doch die Anwendung des Artikels 48 schon der Verhängung des Belagerungszustandes nahe. Nicht nur die verfassungsrechtlichen Schwierigkeiten, in die sich die Reichsregierung mit dem so verschieden ausgelegten Artikel 48 begibt, werden neue Beunruhigung schaffen. In eine Zeit wachsender Arbeitslösig- keit fiele dann ein neuer W a h l k a m p f mit all seiner Unruhe und Erhitzung der politischen Leidenschaften. Und welches Aussehen würde der neue Reichstag haben? Es wird sich mit ihm sicherlich nicht leichter regieren lassen, und das große Werk der endgültigen Finanzreform würde neue, für Wirtschaft und Finanzen verderbliche Verzögerung erfahren. Wenn dann, woran kaum zu zweifeln ist, im Herbst ein neues Defizit erscheint, dann könnten die Schwierigekiten leicht ins Ungemessene steigen. ~ '
Krug von Nidda sächsischer
Ministerpräsident?
Ein Weg zur sächsischen Regierungsbildung.
Dresden, 15. Juli. In den Montagverhandlungen der bürgerlichen Parteien einschließlich Nationalsozialisten zwecks Bildung einer Regierung in Sachsen nahmen die Demokraten und die Volksnationale Reichsvereinigung wiederum nicht teil. Die Deutschnationalen erklärten ihr Einver- ständnis mit der Wahl ihres Parteimitgliedes, des früheren sächsischen Wirtschaftsministers, Dr. Krug von Nidda, zum Ministerpräsidenten. Dr. Krug von Nidda war bekanntlich von den Nationalsozialisten zum Ministerpräsidenten vorgeschlagen worden. Der Vertreter der Deutschnationalen forderte aber, daß der Ministerpräsident noch ein anderes Ressort übernehmen solle. Außerdem wurde von den Deutschnationalen gefordert, daß das Innen- und das Ar- beitsminisierium nur von einem Minister gemeinsam v-r- waltet werden soll. Ein Vertreter der Nationalsozialisten erklärte, daß man an der Forderung auf Besetzung aller sieben Ministerien durch besondere Minister nicht festhalten werde. Von valksparteilicher Seite wurde der Kandidatur von Dr. Krug von Nidda zugestinnm. Dabei drückte der volkspartei- liche Vertreter die Erwartung aus, daß der Ministerpräsident seine Minister selbst berufen werde. Auch die Christlich- Sozialen und die Volksrechtpartei erklärten sich mit der Kandidatur von Niddas einverstanden, so daß dieser bei der heutigen Wahl voraussichtlich mindestens 46 Stimmen auf sich vereinigen wird, während 49 zur absoluten Mehrheit erforderlich wären Mit den Volksnationalen soll wegen ihrer Zustimmung zur Kandidatur Krug von Nidda noch verhandelt werden.
MWeirMsmmerr
Kein Kriegsschiffneubau bis September.
Paris, 15. Juli. Die italienische Regierung hat den französischen Vorschlag, den Bau neuer Kriegsschiffe bis September aufzuschieben, mit Genugtuung zur Kenntnis genommen und dem französischen Außenministerium bestätigt, daß sie ihrerseits alle Flottenbauten während dieses Zeitraumes aussehen werde.
Schweden und Norwegen antworten
Briand
Stockholm, 15. Juli. In ihrer Antwort auf die Denkschrift Briands erklärt die schwedische Regierung ihre Bereitwilligkeit zu einer Aussprache in Genf. Sie äußert sich aber skeptisch zu dem Gedanken, jetzt bereits ein wohlausge- bildetes Staatensystem mit ständigem Sekretariat und Konferenzen zu schaffen und hält eine wirtschaftliche Besprechmrg im Zusammenhang mit den Völkerbundstagungen für zweckmäßig. A
«■
Oslo, 15. Juli. Die norwegische Regierung spricht ihre größte Befriedigung über das Memorandum aus und erklärt, daß sie in der Hauptsache mit der vorgeschlagenen Organisation einer europäischen Zusammenarbeit überein- stimme. Die Aufgabe dieser Zusammenarbeit liege nach Ansicht der norwegischen Regierung vor allem auf wirtschaftlichem Gebiete; ihre Entwicklung würde dann später von selber eine gesteigerte politische Zusammenarbeit mit sich bringen. '
Wiens Halst
Demonstration vor der deutschen Gesandtschaft.
, Warschau, 15. Juli.
In Polen wurde am Sonntag gleichzeitig mit einer Trauerseier anläßlich des Zehnjahrestages der Volksabstimmung in Masuren und Ermland die 520-Jahrfeier der Schlacht bei Tannenberg und Grundwald begangen. Dabei kam es in Warschau vor der deutschen Gesandtschaft zu einer großen deutschfeindlichen Demonstration. Die Demonstranten trugen Fahnen und Transparente mit Aufschriften wie: „Nieder mit Deutschland!", „Wir erinnern die Deutschen an die Schlacht von Grunwald 1410“, (In dieser Schlacht wurde bekanntlich der deutsche Ritterorden geschlagen, was praktisch dem Deutschtum den Osten kostete.) In den umliegenden Höfen waren größere Polizeiaufgebote in Bereitschaft gehalten, die größere Ausschreitungen verhüteten. Etwa 20 Personen wurden verhaftet, jedoch nach Feststellung der Personalien wieder entlassen.
Die Bergungsarbeiten in Hausdorf
44 Todesopfer noch nicht geborgen.
Hausdorf, 15. Juli. Den Bergungsarbeiten im Kurt- Schacht stellen sich jetzt dadurch noch neue Schwierigkeiten entgegen, daß durch den Kohlenstaubberg unaufhörlich Wasser dringt. Unter diesen Umständen d die Arbeiten mit größter Gefahr für jeden Teilnehmer "" Bergungsaktion verbunden. In den letzten 48 Stunden mg es nur, drei Tote zu bergen, einen hoffte man im Lc, des Abends freilegen zu können, während vier we lere n. , gesichtet wurden. Die Zahl der noch nicht Geborgenen wird mit 44 angegeben.