KersfelöerTageblaS
ES-EHSSS] Hersfelder Kreisblatt
~?l®?^^ Amtlicher tznzeiger für den Kreis Hersfel- '
mit Sea Beilagen : IlisKrierteS AaterhaltunaSblall / Nach AeterabeaS / Lerv und Icholle / AatsrhaLLvag auS Will ~ Belebrmia oaS Kurrwell / WirttLaftlichs ZaMsttsseD.
Nr. 158
Mittwoch, den 9. Juli 1930
80. Jahrgang
Die Volksbewegung gegen die Separatisten
Keine sranz. Schadensersatzsorderungen?
— Selbstjustiz jetzt auch in Trier — Die ausgezwungene Polizeibejchränkung rächt sich -
M MMreitWgen am Rhein
ä£ Die neuen Ausschreitungen im Rheinland haben auch im Reiche die Wogen der Erregung hochgehen lassen. Hart prallen die Meinungsgegensätze aufeinander. Die einen verurteilen diesen „Unfrieden am Rhein" und gehen so weit, den Rochefeldzug gegen die Separatisten als von rechtsrheinischen Drahtziehern veranlaßt hinzustellen. Sie leugnen also jene spontane Volksbewegung. Das geschieht b e - sti mm t zu Unrecht. Reichsaußenminister Dr. Curtius hat in seiner Antwort an den französischen Botschafter de Margerie die Auffassung der Reichsregierung dargelegt, die dahin geht, daß die Vorgänge psychologisch aus dem ein Jahrzehnt lang aufgespeicherten Grimm und der maßlosen Erbitterung der durch die Separatistenbanden terrorisierten Bevölkerung zu erklären sind.
Nun ist es klar, daß aus dem Gesichtspunkt heraus, daß Akte von Selbstjustiz in einem Rechtsstaat zu unterbleiben haben, da die Sühne für Verbrechen in die Hand des Staates gegeben ist, die Vorgänge im Rheinland zu verurteilen fein werden. Ebenso wie aber Hoheitsakte eines Staates, die dem Empfinden des Volkes widersprechen, auf Widerstand stoßen bzw. die Rechtsprechung eines Staates, wenn sie dem Rechtsempfinden des Volkes zuwiderläuft, abgelehnt wird, so kann auch der Fall eintreten, daß die Volksstimmung Sühne für Verbrechen fordert, welche der Staat aus irgendwelchen Gründen nicht zu geben in der Lage ist. Nach dem Wortlaut der Ziffer V, Anlage 2 der Haager Vereinbarun-
bat lick bekanntlich das Reich Amnestie, d. h. zum Verzicht auf Repressalien gegenüber den „Fremden Frankreichs" verpflichtet.
Offenbar muß man selbst das Opfer jener Verbrecherbanden geworden sein, um in der Angelegenheit überhaupt mitreden zu können. Unseres Erachtens wird es daher das beste sein, nicht allzuviel Mitleid auf jene Gesellen zu verschwenden, die in der Stunde der furchtbarsten Not ihrem Vaterland in den Rücken fielen und schwerstes Unheil über ihre Mitbürger heraufbeschworen. Den Luxus derartiger schöner Gefühle können wir uns in der Zeit schwersten Kampfes ums Dasein nicht leisten. Wenn es Tatsache ist, worüber kein Zweifel bestehen kann, daß rheinische Arbeiter die Zusammenarbeit mit ehemaligen Separatisten ablehnen, wenn das Publikum den Marktstand eines ehemaligen Separatisten boykot- tiert dann scheinen uns diese Beweise bürgerlicher Verachtung so stark zu sein, daß ihnen irgendwie Rechnung getragen werden muß.
Der französische Schritt in Berlin betras eine rein innerdeutsche Angelegenheit. Ein Verstoß des Reiches gegen feine Haager Verpflichtungen lag nicht vor. Ganz abgesehen davon, kann man von der deutschen Polizei, die auf Grund der Versailler Bestimmungen in unzulänglicher Stärke nach 12 Jahren ins Rheinland zurück- gekehrt ist und v ö l l i g neuartigen Verhältnis- s e n gegüberstand, nicht verlangen daß sie spontane Kundgebungen im Keime erstickt.
Es gäbe in der ganzen Frage schon eine Lösung. E i n e Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten würden wir uns nämlich mit Freuden gefallen lassen, das wäre die Erklärung Frankreichs, alle diejenigen, die es wegen ihrer Dienste für dessen würdig hält, in seine Grenzen aufzunehmen und als französische Staatsbürger anzuerkennen.
Sturm aus ein öennenWenlokni
Trier, 8. Juli.
Vor dem im Westen von Trier gelegenen Gasthaus Zepp, einem Hause, das früher ein bekanntes Verkehrslokal für Besatzungsangehörige und Separatisten war, sammelte sich am Abend eine größere Menschenmenge an, die Miene machte, das Gasthaus zu stürmen.
Der Polizei gelang es, zunächst die tobende Menge zu- rückzuhalten. Als sie sich aber dem Verlangen nach Ausliefe- rung der Familie Zepp widersetzte, wurde sie von der rasen- den Menae einfach überrannt. Diese stürmte in das Haus, zerschlug Türen und Fenster und warf die Möbel teilweise aus dem Fenster in die am Hause vorbeifließende Mosel. Zepp hatte sich mit seiner Familie so verbarrikadiert, daß man nicht an ihn herankommen konnte. Die Menschenmasse war vor allem dadurch aufgepeitscht worden, daß vor dem Eintreffen der Polizei mehrere Schüsse aus dem Hause gefallen waren, die indessen niemand getroffen hatten.
Die Menge stand unter Führung eines Mannes, der auf die Denunziation eines ehemaligen Sonderbündlers hin vom französischen Vesatzungsgericht zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war und diese Strafe verbüßt hat.
IW der Flugbootes 5.864
Das Schicksal einzelner Passagiere ungewiß.
Stettin, 8. Juli.
Das Flugzeug Dornierwal D. 864 mußte an der Südspitze von Bornholm auf See niedergehen, da ein Motorschaden den Weiterflug unmöglich machte.
Es wurde darauf von einem oorüberfaijrer^en Motor- schoner in Schlepptau genommen und nach B Holm ein- zubringen versucht.
Zehn Seemeilen von Bornholm kenterte die Maschine plötzlich.
Der Motorschoner versuchte sofort die Insassen zu retten. Es gelang ihm auch, den Piloten, Flugzeugkapitän Kuhring, den Bordmonteur Friedrich und einen Passagier namens Erikson an Bord zu nehmen. Nach dem Kentern des Flugzeuges eilte auch ein Dampfer zu Hilfe, dem es gelungen ist, zwei Passagiere, deren Namen noch unbekannt sind, zu retten.
Zwei Passagiere, darunter auch eine Dame und der Bordfunker Tittmann, werden zurzeit noch vermißt, so daß man annimmt, daß sie den Tod gefunden haben. Das Flugzeug liegt fehl bei Bornholm.
Nachforschungen nach dem Verbleib des Bordfunkers ‘ Tittmann und der zwei Insassen, deren Namen noch nicht bekannt sind, haben bis jetzt noch zu keinem Ergebnis geführt. da schwere See die Sucharbeiten der Torpedoboote sehr erschwert. Flugkapitän Kuhring, der im erschöpftem Zustande im Krankenhause in Nexö Aufnahme gefunden hat, teilt mit, daß sich nach dem Niedergänge des Flugzeuges auf das Master aus»niayeii an PM vegeoen hatten und vom Bordmechaniker mit Schwimmwesten versehen worden seien. Als das Boot kenterte, feien drei Personen von dem schleppenden Motorschoner und zwei weitere Personen von einem Dampfer ausgenommen worden, dessen Namen er aber nicht erkennen konnte. Von dem Verbleib der übrigen drei Personen wisse er nichts. Das zweimotorige Wasserflugzeug mußte niedergehen, weil die Kurbelwelle des Hinteren Jupitermotors gebrochen war.
Deutschland und Bauesrava
Verhandlungen im Auswärtigen Ausschuß des Reichstages.
Berlin, 8. Juli
Der Auswärtige Ausschuß des Reichstages trat unter dem Vorsitz des Abgeordneten Wallraf (Dnat.) zu einer Sitzung zusammen, auf deren Tagesordnung zunächst die Frage der Beantwortung der Vriandschen Paneuropa-Denk- schrift steht. Zu Beginn der Sitzung nahm Reichsaußen- minister Dr. Curtius das Wort, um die Grundzüge der vom Reichskabinett beschlossenen Antwort dem Ausschuß bekannt zu geben.
Die Tagung des Auswärtigen Ausschusses wird wahrscheinlich mehrere Tage dauern, da die Tagesordnung nachträglich noch erheblich verlängert worden ist. So soll sich an die Beratung der Paneuropafrage eine Aussprache über die Saarverhandlungen schließen. Dann sollen neben zahlreichen außenpolitischen Abkommen die Handelsverträge mit Oesterreich und Polen zur Beratung kommen.
Der Steuerausschuß des Reichstages. begann die Beratung der Deckungsvorlagen. Im sozialpolitischen Ausschuß wurden die Anträge über die Krisenfürsorge behandelt, während der Haushaltsausschuß die Osthilfe weiterberiet und seine langen Beratungen über diesen Gegenstand zum Abschluß brächte.
Italiens MtWsrt
„Erst Abrüstung, dann Paneuropa"
Rom, 9. Juli.
Die Antwort der italienischen Regierung auf die Pan- europa-Denkschrift Briands wird in politischen Kreisen als ein Dokument europäischer Bedeutung gewertet.
Die italienische Auffassung, daß eine europäische Union erst dann denkbar ist, wenn die Staaten, die sich daran betei- iigcn sollen, untereinander wirklich gleichberechtigt und durch eine tatsächliche Abrüstung vor einander sicher sind, kommt auch in den Kommentaren der Abendblätter deutlich zum Ausdruck.
Die „Tribuna" stellt fest, die ganze Nachkriegsgeschichte zeige deutlich, daß die französische Auffassung über die Frage der Sicherheit völlig falsch sei. Erst Abrüstung, dann Pan- europa! Solange Frankreich die grundlegende Wahrheit nickst begriffen habe, daß man auf Vorherrschaft verzichten müp?, wenn man zur Gleichheit zwischen verschiedenen Staaten gelangen wolle, und daß die Geister abrüsten müßten, wenn man Zusammenarbeit wünsche, könne man sicher sein, daß die europäische Union nicht zur Wirklichkeit werde.
Die Dienstagsitzung des Reichskabinetts
Berlin, 9. Juli. Die gestrige Sitzung des Reichskabinetts dauerte von 4 Uhr bis gegen 7.30 Uhr. Sie galt im wesentlichen Fragen der Ankurbelung der Wirtschaft, deren Besprechung am 2. Juli begonnen worden war. Die Erledigung der Vorlagen zur Durchführung des Arbeitsbeschaf- fungsprogramms wurde weiter gefördert.
Die Parteiführerbesprechung mit dem Reichskanzler wurde gegen 9 Uhr ausgenommen.
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In der dann unter dem Vorsitz der Reichskanzlers abgehaltenen Besprechung mit den Führern der hinter der Regierung stehenden Parteien wurde das Deckungsprogramm auf das eingehendste erörtert, wobei die Parteien zur Ergänzung dieses Programms Anregungen vorbrachten. Ueber diese Anregungen wird das Reichskabinett heute nachmittag feine Entscheidung treffen und alsdann die Fraktionen zur endgültigen Stellungnahme darüber auffordern.
Preußen will sparen
Berlin, 9. Juli. Entsprechend dem vom Preußischen Landtage angenommenen Anträge, der verstärkte Sparmaßnahmen fordert, bereitet die Preußische Staatsregierung ein großes Sparprogramm vor, das im Herbst dem Parlament als Gesetzentwurf vorgelegt werden soll.
Wie verlautet, sieht das Programm u. a. die Aufhebung von rund hundert Amtsgerichten und einigen Landgerichten vor. Außerdem sollen etwa 50 Landkreise und drei Regie- rungspräsidien ausgehoben werden.
Vor einer Niederlage der englischen Regierung?
London, 9. Juli. Die politische Lage erscheint als um sicher und man erörtert die Möglichkeit einer Niederlage der Regierung in der morgigen Sitzung des Unterhauses, sobald die Liberalen den Abänderungsantrag zur Finanzvorlage einbringen werden, der verlangt, daß die Ausgaben für neue technische Ausrüstungen industrieller Unternehmungen von der Einkommensteuer befreit werden. Die Konservativen werden den Antrag sicherlich unterstützen. Wird über ihn abgestimmt, was allerdings noch zweifelhaft ist, dann wird die Regierung in Gefahr kommen. Wahrscheinlich wird die Regierung mitteilen, daß sie die Vorlage über die Kohlenbergwerke zurückzieht, nachdem die Verhandlungen mit dem Oberhaus über dessen Abänderungsankräge gescheitert ist.
Blutige Zusammenstöße in Ägypten
Sechs Tote, 46 Verwundete.
Kairo, 9. 7. Schwere Zusammenstöße ereigneten sich in Mansurah, als der frühere Ministerpräsident N a h a s Pascha mit mehreren Nationalisten zum Besuch der Stadt eingetroffen war. Die Menge schleuderte auf der Straße und von den Balkons an den Kais Steine auf Polizei und Militär, so daß dieses sich gezwungen sah, nach den üblichen Aufforderungen zum Räumen der Straße das Feuer aus die Menge zu eröffnen. Ein Abgeordneter, der zugleich Mitglied des Vollzugsrats der Wafd-Partei ist, wurde durch einen Bajonettstich am Arme verletzt. Der Oberstaatsanwalt, der während der Unruhen Ermittlungen veranstalten wollte, mußte vor dem Steinhagel der Menge weichen, die auch mit Sand gefüllte Flaschen schleuderte. Der Kampf zog sich lange Zeit hin. Die Menge versuchte u. a. auch einen Polizeibeamten mit einer Schlinge aus Eisendraht an einem Fensterkreuz aufzuhängen, aber die Schlinge zerriß. Insgesamt wurden sechs Personen getötet, drei fielen auf feiten der Polizei und der Truppen und drei aus feiten der Aufständischen. Außerdem wurden 21 Polizeibeamte, 13 Soldaten und 12 Aufständische verletzt. Polizei und Militär waren in Stärke von 1700 Mann in Mansurah und Umgebung zusammengezogen.
Wie amtlich mitgeteilt wird, smd die Behörden Herren der Lage. Nahas Pascha ist nach Kairo zurückgefahren.
Der Rlteiu-SeiteilliiKal
Zürich, 8. Juli.
In der Neuen Züricher Zeitung äußert sich der bekannte französische Publizist und Politiker Ernest Judet über die hauptsächlichsten Probleme, die zwischen Frankreich und der Schweiz schweben Bezüglich der Rheinregulierung und oer Erstellung eines französischen Seitenkanals bemerkt er, die in diesem Kanal erzeugte Energie würde Frankreich sehr teuer zu stehen kommen, und ihre Gesamtlänge würde überdies hinter dem zurückbleiben, was bei Benutzung des alten Rheinbettes selbst erzeugt werde.
Bei einer Durchführung des gegenwärtig geplanten Programms würde niemand zufrieden fein, weder Frankreich, das feine utfprünglid ’ Rechnung überholt finden werde, noch die Schweiz und Deutschland, die in ihren Jn- eressen geschädigt würden. Man sollte sich nicht auf den Status quo festlegen, sondern eine wirkliche Wirtschaftspolitik einMkitsn suchen.