KersfelöerTageblaS
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A Hersfelöer Kreisblatt
±Ü Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
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Nr. 84
Mittwoch, den 9. April 1930
80. Jahrgang
Vor der Reichstagsauflösung?
Tadakstenererhohung und Mineralwassersteuer vom Steuerausschuß abgelehnt
Nun doch MchstagsaMWng?
# Berlin, 9. April.
Es hat den Anschein, als ob die pessimistischen Voraussagen über das Schicksal des gegenwärtigen Reichstages sich nun doch noch erfüllen sollen. Die Reichsregierung hat am Dienstag im Steuerausschuß des Reichstages zwei Niederlagen davongetragen. Die Vorlage über die Verkürzung der Stundungsfristen bei der Tabaksteuer und das Gesetz über die Mineralwasserbesteuerung fanden im Ausschuß keine Mehrheit. Mit der V i e r st e u e r, dieser stärksten Säule der Finanzreform, wird es zum mindesten im Ausschuß kaum besser gehen. Aeußerungen von feiten führender Persönlichkeiten der Bayerischen'Volkspartei zeigen alles andere als die Neigung zum Entgegenkommen, wenngleich man davon spricht, daß in den allernächsten Tagen besondere Schritte unternommen werden sollen, um gerade die Bayerische Volkspartei zum Einlenken zu bewegen. Von den Sozialdemokraten darf man nicht erwarten, daß sie für die Regierung in die Bresche springen werden.
Nimmt also die Beratung der Steuergesetze im Plenum des Reichstages denselben Verlaut wie im Steuerausschuß, dann ist die neue Regierung e n d g ültig unterlegen. , Die unwiderrufliche Entscheidung des Parlaments fällt in der dritten Lesung, und in parlamentarischen Kreisen hat man immerhin noch die Hoffnung, daß die zwischen der zweiten und dritten Lesung liegende Frist von der Regierung noch ausgenutzt werden wird, um eins Wendung der Dinge vorzubereiten.
Für die letzte Abstimmung rechnet man in Regierungs- kreisen stark auf die D e u t s ch n a t i o n a l e n, deren oberste Instanzen am Dienstag und Mittwoch in Berlin versammelt sind. Wenn diese, wie man in der Regierung hofft, bei ausreichenden agrarischen Zugeständnissen die Bahn für die Unterstützung der Finanzvorlage durch die Rechte frei- „ ^rh^Myr^mnhdfens die Mehrheit der deutschnationalen Fraktion dieser Parole Folge iegLi-n.«>Kie1 beachtet wurde am Dienstag in diesem Zusammenhang die Haltung des Organs des Reichslandbundes, der „Deutschen Tageszeitung", die bereits die Bedenken der Landwirtschaft gegen eine Verzögerung der Agrargesetzgebung durch Anwendung des Art. 48 ausgesprochen hat. Die Landwirtschaft lehne nach dem Blatt jegliche Beeinträchtigung einer sachdienlichen und schnellen Regierungsarbeit deutlich ab und hoffe, daß die Agrarvorlagen noch vor • Ostern unter Dach und Fach gebracht sein werden. Die Landwirtschaft erwarte von den Parteien, die innerlich zu ihr stehen, daß sie alles unterlassen, was die schnelle Durchführung der großen Hilfsaktion auf normalem Wege stören könnte.
Die Unterstützung der Deutschnationalen genügt jedoch noch nicht, nachdem in der Generaldebatte, an die der Steuerausschuß 2 Tage verschwendet hat, u. a. neben den Deutschnationalen und Sozialdemokraten auch die Wirtschaftspartei und die Bayerische Volkspartei sich gegen die Biersteuer ausgesprochen habe. Es kommt also darauf an, auch diese beiden Parteien und vor allem die Bayerische Volkspartei umzustimmen und es fragt sich, mit welchen Opfern das erkauft werden wird.
Dazu tritt die weitere Sorge, daß allzu große Zugeständnisse an die Deutschnationalen hier und die Bayerische Volkspartei dort unter Umständen bei einem Teil der anderen Mittelparteien Widerspruch hervorrufen könnten. Gegenüber diesen in mehrfachen Reihen aufgebauten Hindernissen hat die Regierung eine starke Waffe nur in der A uf l ö s u n g s d r o h u n g zur Hand, die jedenfalls, — man sieht es aus ihrer Presse — bei den Deutschnationalen, weniger schon bei den Sozialdemokraten und der Bayerischen Volkspartei und am wenigsten bei der Wirtschaftspartei der Wirkung sicher ist.
AbMlZhNte SLedW^lagen
Tabakerhöhung und Mineralwassersteuer im Steuerausschuß abgelehnt
In der Dienstagsitzung des Steuerausschusses wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Kommunisten ein Antrag der Deutschnationalen angenommen, wonach die Verwaltungsabgabe für die Tabaksteuerläger statt 1 Prozent nur % Prozent betragen soll.
In der Gesamtabstimmung wurde die Tabaksteuervorlage in der Fassung des Kompromisses der Regierungsparteien abgelehnt, weil nur die Regierungsparteien dafür stimmten.
Ein Gefchäftsordnungsantrag, über die ursprüngliche Regierungsvorlage abzustimmen, wurde gleichfalls abge° lehnt.
Die Zuckersteuer wurde in der Fassung der ursprüng. lichen Regierungsvorlage angenommen, der Gesetzenwurf soll am 1. Mai in Kraft treten.
Die Mineralwassersteuer wurde mit großer Mehrheit abgelehnt.
Mit der Ablehnung der Mineralwassersteuer, der Tabak- steuer und der Freilassung des Petroleums beträgt der bisherige Ausfall im Deckungsprogramm der Regierung 67 Millionen Mark.
In der Sitzung gab Reichsfinanzminister Dr. M o l - denhauer einen Bericht über die K a ss en l a g e des Reiches, wonach der Fehlbetrag Ende März 222 Millionen betrug. Diesem Fehlbetrag standen Deckungsmittel in Höhe von 267 Millionen gegenüber, so daß Ende März noch ein verfügbarer Bestand bei dem Betriebskredit von 45 Millionen vorhanden war. Durch inzwischen erfolgte Kredit- und Anleiheregulierungen und ferner durch das neue Finanzprogramm haben sich die früher ausgestellten Finanzierungs- pläne in wesentlichen Punkten geändert. Sie führen nunmehr zu folgendem Ergebnis:
Für April Ueberschuß von 125 Millionen, für Mai Fehlbetrag von 228 Millionen, für 3uni Fehlbetrag von 7 Millionen, für das erste Vierteljahr also ein Fehlbetrag von 110 Millionen; für Juli Ueberschuß von 198 Millionen, für August Ueberschuß von 5 Millionen, für September Fehlbetrag von 38 Millionen, für das zweite Vierteljahr also Ueberschuß von 165 Millionen, für das dritte Vierteljahr Fehlbetrag von 123 Millionen.
Hiernach würde Ende Dezember ein Fehlbetrag von rund 70 Millionen vorhanden sein. Der Schwerpunkt der Bilanz liegt im Monat Mai, in dem ein Fehlbetrag von 228 Millionen eintritt, zu dessen Deckung nur 125 Millionen Bestände aus April vorhanden sein werden, so daß im Mai noch etwa 100 Millionen fehlen werden. Außerdem wird nach den Vereinbarungen, die mit dem Bankenkonsortium getroffen sind, der Restbetrag d >s Dezemberkredites in Höhe von 300 Millionen kündbar. Verhandlungen über Streckung der Kündigungsfrist und über i ie Deckung des Fehlbetrages für Ende Mai sind im Gange Für das Ergebnis dieser Verhandlungen wird die Bewilligung der Mittel zur Ordnung des Etats von Bedeutung fein.
Die Bilanz zeigt einen erfreulichen Fortschritt in der Sanierung der Kassenlage, die aber auch jetzt noch derart angespannt ist, daß sie durch eine mit einem Steuerausfall verbundene Verzögerung in der Verabschiedung der Dek- ^Wysvorlagen erneut gefährdet werden
—---- EDDW
Die verbesserten Agrarzölle
Einigung zwischen Kabinett und Fraktionsführern.
Berlin, 9. April. In der gestrigen Rachmittagssitzung wurden die Beratungen des Reichskabinetts über die Agrarfragen zu Ende geführt. Sie ergäben eine völlige Einigung über den Entwurf eines „Gesetzes zum Schuhe der Landwirtschaft".
3m Anschluß an die Kabinettssitzung fand eine Frak- lionssührerbesprechung unter dem Vorsitz des Reichskanzlers Dr. B r ü n i n g stakt, an der Vertreter des Zentrums, bet Deutschen Volkspartei, der Demokraten, der Wirtschaftspar- lei, der Christlich-Rationalen Arbeitsgemeinschaft und der Bayerischen Volkspartei teilnahmen. 3n dieser Besprechung, die bis in die späten Abendstunden dauerte, wurde der Gesetzentwurf zum Schutze der Landwirtschaft eingehend durchgesprochen, wobei Uebereinstimmung erzielt wurde.
Anm. d. Red.: Mit der Einigung über das Agrarpro- gramm ist allerdings das Schicksal über die landwirkschaft- lichen Hilfsmaßnahmen noch nicht entschieden. Vielmehr hängt die definitive Entscheidung über das Agrarprogramm ab von der Zustimmung der hinter der Regierung stehenden Parteien zu der Deckungsvorlage der Reichsregierung, insbesondere zu dem Arbeitslosenversicherungskompromiß und der Biersteuer. Die in der Regierung vertretenen Parteien werden sich erst dann entscheiden, für das Agrarprogramm einzutreten, wenn eine Entscheidung über das Finanzprogramm herbeigeführt worden ist
Berlin, 9. April. Ueber die neuen Agrarzölle erfährt man aus, parlamentarischen Kreisen, daß das Gesetz zum Schutz der Landwirtschaft, das dem Reichstag demnächst zu- geht, 20 Mark für Speck (statt bisher 14 Mark), und 10 Mark für Schmalz (statt 6 Mark) vorsieht. Ebenso sollen die Zölle auf die Rohstoffe der Margarinefabrikation, auf Talg, Stärke und Dextrin, erhöht werden. Ferner soll ein höherer Milchzoll vorgesehen sein. Schließlich soll für die Geflügel- frmen etwas getan werden, um sie für die Erhöhung der Zölle aus di: Getreidearten zu entschädigen, die für die Geflügelhaltung in erster Reihe in Frage kommen. Es wird daher an eine Erhöhung des Eierzolls gedacht, die allerdings sehr langwierige diplomatische Verhandlungen ooraus- setzt, da der Eierzott im südslawischen und im italienischen Handelsvertrag gebunden ist.
Mißlungene Präsidentenwahl in Lettland
Sieben ergebnislose Mahlgänge.
Riga, 9. April. Am Dienstag stand auf der Tagesordnung des Landtags die Mahl des neuen Staatspräsidenten Lettlands. Bis 9.30 Uhr abends hatten sieben Wahlgänge stattgefunden, die jedoch ergebnislos verliefen. Der Kandidat des Bauernbundes, Kviesiss, Vizepräsident des Landtages, erhielt 49 Stimmen, doch fehlten ihm noch zwei Stimmen an der notwendigen absoluten Mehrheit. Der Sozial- demokrat Dr. K o l n t u s, Präsident des Landtages, brächte es auf 36 Stimmen. Die Fortsetzung der Wahl wurde auf heute nachmittag vertagt.
Die Katastrophe des deutschen Postflugzeuges in England, das am 7. April auf seinem Rückfluge nach Berlin in der Grafschaft Surrey abstürzte und in Flammen aufging, wobei Pilot und Bordmechaniker den Tod fanden.
Der baorMmbe DWAMteMsÄ
Berlin, 9. April. (Eig. Meldg.)
In allernächster Zeit werden umfangreiche Veränderungen in der Besetzung der diplomatischen Posten des Reiches eintreten. Man spricht davon, daß dieser große Diplo- matenjchub noch vor Ostern durchgeführt werden soll. Die Entscheidung darüber liegt beim Reichspräsidenten, der auf Grund der Vorschläge des Reichsaußenministers die Ernennungen vollzieht.
Die bedeutendsten Posten, die für eine Neubesetzung in Frage kommen, sind der P o st e n des Staatssekretärs beim Auswärtigen Amt, den jetzt Staatssekretär von Schubert innehat, und der Londoner Bot - schafterposten, dessen Inhaber seit mehr als zehn Jahren Sthamer ist. Sthamer hat mehrfach Rücktrittsabsichten geäußert, da er sich in Anbetracht seines hohen Alters von den Dienstgeschästen zurückzuziehen beabsichtigt. Als Kandidaten für diesen Posten wird u. a. der jetzige Unter- Meraisekretär beim Völkerbund Dufour F e r o n c e ge- aAMü dezLwMzrdneten von Lindeiner- Wildau für den Londoner BS^chafrevpopeu um tre- .m...£ Aussicht auf Erfolg haben. Auchmer bisherige deutsche Botschafter in Rom, Dr v o n N e u r a t h , und der jetzige Pariser Botschafter Dr. von H o e s ch kommen für den Londoner Posten in Betracht.
Ebenso zahlreich sind die Namen, deren Träger als Kandidaten für das Amt des Staatssekretär im Auswärtigen Amt genannt werden. Die meisten Aussichten dürfte der jetzige deutsche Botschafter in Angora N a bo I n y haben. In Frage kommen jedoch auch von Neurath und von Hoesch. Nadolny war früher einmal als Nachfolger des Grafen Brockdorff-Rantzau in Moskau in Aussicht genommen. Möglich ist auch eine Besetzung des Postens mit dem jetzigen Stellvertreter des Staatssekretärs, dem Ministerialdirektor Dr. K o e p k e.
Staatssekretär von Schubert soll sich angeblich für den römischen Botschafterposten interessieren. Der jetzige deutsche Gesandte in Warschau,.R a u s ch e r, kommt für die Botschaft in Angora in Betracht. Der bisherige Reichs- pressechef, Ministerialdirektor Dr. Z^e ch (in, scheint als Vertreter Deutschlands beim Völkerbund in Aussicht genommen zu sein. Bei einem Freiwerden der Wiener Gesandtschaft durch einen Rücktritt des Grafen von Lerchen- f e l d könnte möglicherweise der Abg. von Lindeiner-Wildau diesen Posten übernehmen. Lindeiner-Wilbau wird aber auch als Anwärter für die Gesandtschaft in Luxemburg oder Prag genannt Bei allen diesen Namensnennungen handelt es sich vorläufig um Kombinationen, da Sicheres über den Diplomatenschub vorläufig noch nicht bekanntgeworden ist.
FestWgsvorseld Ellab - ßatBriagea
Scharfe Ablehnung der Bevölkerung
Straßburg, 8. April.
3n der Bevölkerung Elsaß-Lothringens wächst die Erregung über die fortgesetzten Geländeanforderungen des französischen Kriegsministeriums zwecks Anlage von Be- festigungswerken, die zu dem großen Festungsbauprogramm Frankreichs an der Ostgrenze gehören.
Der neueste Fall betrifft den uralten Hagenausr Forst, durch den die Festungsbauten gezogen werden sollen. Das Pariser Kriegsministerium hatte an die Stadt Hagenau das Ersuchen gerichtet. Gelände abzutreten zur Anlage von Unterständen und zu Abholzungen in deren Umgebung.
Der Gemeinderat der Stadt Hagenau hat auf Grund der Ausschußvorschläge einstimmig beschlossen, die Abtretung des angeforderken Geländes zu verweigern.
Es ist allerdings nicht zweifelhaft, daß der französische Staat über diesen Beschluß einer elsässischen Gemeinde hinweggehen wird, doch ist die Einstimmigkeit der Gemeindevertretung ein neues Zeichen für bte grundsätzliche Ablehnung, die in Elsaß-Lothringen gegenüber dem Sau des neuen Festungsgürtels besteht.
Im Hafen von Hongkong ereignete sich auf einem initiiert Torpndobootszerstörer eine schwere Explosion. Vier atrosen mürbe getötet und mehrere verletzt. .