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Nr. SI (Erstes Vlatl) Sonnabend, den 5. April 1930
80. Jahrgang
SWmge RiMMhMrnizeii
Moldenhauers Deckungsvortage vor dem Steuerausschutz des Reichstages
Seingsnrlege eingebracht
Berlin, 4. April.
Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer hat am Freilag im Steuerausschuß des Reichstages die Deckungsvorlage eingebracht. Er bat um ein Ermächtigungsgesetz, um im gegebenen Zeitpunkt die Sapitalertragssteuer aufzuheben und die Kapitalverkehrssteuer zu senken, damit das notwendige Einfließen ausländischer Kapitalien erleichtert wird. Der Minister bat, die Vorlagen möglichst schnell zu verabschieden. Sie müßten noch vor der Osterpause erledigt werden, weil sonst die in der Sanierung befindliche Kassenlage r derum gefährdet werde. Die Deckungsvorlage hätte die Aufgabe, das Defizit des Etats 1930 auszu- füllen. Das Defizit fei auf etwa 292 Millionen Mark berechnet gewesen. Es habe sich aber ergeben, daß es etwas höher sein werde, es würde etwa 304 bis 315 Millionen Mark betragen. Aus der Biersteuer würde ein Mehr von 240 Millionen Mark erwartet, wovon 150 Millionen an das Reich und 90 Millionen an die Länder fallen. Der erhöhte Kaffee- und Teszoll bringe 55 Millionen, der Benzin- und Benzollzoll 65 Millionen, wovon 25 Millionen an das Reich und 40 an die Länder fallen sollen. Die Steuer aus der inländischen Benzin- und Benzolproduktion würde eine Einnahme von 16 Millionen Mark ergeben. Aus der Industrie- belastung sollen dem Etat selbst 50 Millionen zufließen. Weitere 50 Millionen sollen für den Rotstock der Arbeitslosenversicherung verwendet werden. Schließlich soll noch die Mineralwassersteuer 40 Millionen bringen. Alle diese Vorlagen ergäben für das Reich ein Aufkommen von 326 Millionen. Auf die Länder entfielen 160 Millionen, davon auf die Gemeinden 40 Millionen. Der Ausfall infolge späteren Inkrafttretens der Gesetze betrage 22 Millionen, so daß die auskommenden 304 Millionen dem oben angeführ-
Der ®raW«M - zu 5« ZariigleHeg der Reichsbahn
Berlin, 4. April.
Der Verkehrsausschuß des Reichsverbandes des Deutschen Groß- und Ueberseehandels e. V. beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung u. a: mit der Frage der Neuregelung des Stückgutverkehrs und der von der Reichsbahn oorge- schlagenen Maßnahme zur Durchführung einer Tariferhöhung sowie mit der Frage der Beziehungen zwischen Eisenbahn und Kraftwagen. Er brächte seine Stellungnahme zu diesen Fragen in einer Entschließung zum Ausdruck, in der in Anerkennung der wenig übersichtlichen Lage der Finanzen der Reichsbahn und im Hinblick auf den in den letzten Monaten eingetretenen Verkehrsrückgang der Verkehrsausschuß des RDGUe. trotz starker Bedenken der Neuordnung der Stückguttarife und des Expreßguttarifes zu- stimmt. Diese Zustimmung geschieht allerdings unter der Voraussetzung, daß die Reichsbahn ihre Absichten, eine allgemeine Tariferhöhung zur Erzielung der von ihr für erforderlich gehaltenen Mehreinnahmen durchzuführen, endgültig aufgibt. Gegen jede Erhöhung der Eisenbahntarife im Güter -und Personenverkehr müsse mit aller Schärfe Einspruch erhoben werden. Im besonderen würden die Tariferhöhungsvorschläge der Reichsbahn für Massengüter der unteren Tarifklassen untragbar sein. Eine finanzielle Entlastung der Reichsbahn müsse auf anderem Wege herbeigeführt werden. Vor allem müßten Ersparnisse durch innere Reformen, besonders auf personellem Gebiet, angestrebt werden. Es müsse weiter beschleunigt auf eine organische Zusammenarbeit zwischen Eisenbahn und Kraftwagen hingewirkt und eine rationellere Zusammenarbeit zwischen Post und Eisenbahn erreicht werden. Es wird endlich empfohlen, die seinerzeit nicht abgeschlossenen Arbeiten zu einer systematischen Reform des Gütertarifsystems von neuem aufzubauen.
Stetige Mitglieder der Zadlmgrdanl
Berlin, 5. April.
Die Reichsbank teilt mit: Nach der Satzung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, B.I.Z., hat der Reichsbankpräsident als Mitglieder des Verwaltungsrats der Bank einen Vertreter der Finanz- und der Industrie oder des Handels und einen weiteren deutschen, der Industrie oder Handel vertritt, zu ernennen. Außerdem ist von Amts wegen Mitglied des Verwaltungsrats der Reichsbankpräsident selbst. Nachdem die Auswahl der Vertreter mit Rücksicht auf den bevorstehenden Wechsel im Amt des Reichsbankpräsidenten bisher ausgesetzt war, hat Reichsbankpräsident Dr Luther am Tage seines Amtsantritts Herrn Dr. Karl Melchior in Hamburg und Herrn Kommerzienrat Dr. Paul R e u f ch, Oberhausen (Rheinland), zu Mitgliedern des Verwaltungsrats berufen. Zum Stellvertreter des Verwaltungsrats der B.J.Z. hat der Reichsbankpräsident Herrn Geh. Finanzrat Dr. Bocke, Mitglied des ReichsbankdireZ- toriums, ernannt.
Abgeordneter Dr. Rademacher (Dnt.) erklärte u. a., die vorliegenden Gesetzentwürfe bildeten kein organisches Ganzes. Es fehle das Gesetz über die Ausgleichssteuer für Benzin und Benzol, das Gesetz über den Finanzausgleich usw. Abgeordneter Dr. Hertz (Soz.) fragte die Reichsregierung. ob sie noch an ihrer Absicht festhalte, daß jetzt nicht nur Steuererhöhungen zum Ausgleich des Etats und zur Sanierung der Reichskasse vorgenommen werden, sondern daß dies nur der erste Schritt sein solle auf dem Wege zum Ziel, mit der Finanzgesundung auch die Wirtschaftsbelebung und -gesundung zu verbinden. Offenbar solle der Reichstag auf die Beratung der ausstehenden Vorlagen verzichten. Das Finanzprogramm fei aber in allen seinen Teilen ein Ganzes. Nach dem Regierungsprogramm und nach den Forderungen der Regierungsparteien für die Ost- Hilfe und die Agrarhilfe müsse mit erheblichen Mehrausgaben gerechnet werden.
Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer erklärte hierzu, augenblicklich könne er Einzelheiten über Ostprogramme und Agrarvorlagen nicht angeben. Er könne aber erklären, daß durch die neuen Vorschläge der Etatansatz nicht gestört werde, vordringlicher als der Erlaß der Be- sörderungssieuern in Höhe von 100 bis 150 Millionen Mark gegenüber der Reichsbahn fei ihm die Senkung der Real- steuern und der Einkommensteuer erschienen. Er habe die Hoffnung, daß es trotzdem gelingen werde, eine Tariferhöhung zu vermeiden. Die Verlagerung der direkten Steuern auf die indirekten sei schon im Programm der vorigen Regierung und Hilferdings enthalten gewesen. Bei der Kapitalflucht müsse man mit außerordentlich hohen Beträgen rechnen. Und um diesem darin zum Ausdruck kommenden Pessimismus entgegenzutreten und die schwere Belastung des Gewerbes zu mildern, habe man die direkten Steuern abzubauen und die indirekten zu erhöhen beschlossen. Die Verhandlungen des Ausschusses werden am Sonn- auvnb juiiyeltöV f
Politische Forderungen der 3nd»strie
Düsseldorf, 4. April. (Eig. Meldg.)
Am Freitag tagte der „Verein zur Wahrung der gemeinsamen Interessen im Rheinland und Westfalen", der sogenannte Langnamoerein, in Düsseldorf., Mehr als 1000 Teilnehmer dieser Spitzenorganisation der rheinischwestfälischen Wirtschaft hatten sich eingefunden. Nach einer Eröffnungsansprache des Vorsitzenden Dr. Fritz Sprin - g o r u m - Dortmund, der insbesondere die Forderung auf- stellte, daß die Finanzreform nicht durch die Entfesselung neuer Arbeitskämpfe illusorisch gemacht werden dürfe, sprach der Geschäftsführer des Langnamvereins, Dr. Schlenker. Er betonte u. a., die Arbeit des Vereins müsse mehr vom Schreibtisch und Sitzungszimmer weg in die eigentliche Kampfbahn des öffentlichen Lebens gelegt werden. Politik könne nun einmal nur durch Politik überwunden werden. Vielleicht sollten die größten Unternehmungen neben dem kaufmännischen und technischen Direktor noch einen politischen Direktor erhalten.
Den dritten Vortrag über „Ersparnisse im öffentlichen Haushalt" hielt Ministerialdirektor Dr. Brecht. Der Reichshaushall für 1930 fei, abgesehen von der noch offenen Frage der Arbeitslosenversicherung, finanz- technisch solide aufgebaut. Große Ersparnisse bringe er aber nicht. Die Hoffnung auf ein besseres Saldo für 1931 sei bisher erst in Höhe von rund 100 bis 150 Millionen fundiert. Man müsse sich nach und nach mit der Erhöhung der Arbeitslosenbeiträge um 54 Prozent befreunden. Durch Reform allein könne man die Erhöhung der Deckung nicht ersetzen. Verschiebung auf die Wohlfahrtspflege der Gemeinden sei keine Ersparnis, sondern ergebe nur neue Verwirrung und Erhöhung der Realsteuern. Nach dem Sparprogramm auf lange Sicht, das der Redner eingehend entwickelte, müsse die große Reichsreform möglichst schnell kommen.
Nach Dr. Brecht sprach Geheimrat W i e l a n d , der darauf hinwies, daß die Vorschläge des Reichsverbandes der Deutschen Industrie mit dem Schlagwort: „Man solle einen Spardiktator schaffen", unbeachtet geblieben seien. Es müsse . eine neutrale Stelle geschaffen werden, die den Haushalt dauernd bearbeite und Einblick in die einzelnen Ressorts habe.
Die Tagung wurde mit einem Schlußwort von Generaldirektor Dr. S i l v e r b e r g beendet. Auch seiner Ansicht nach habe tatsächlich die Wirtschaft in der Politik ver- , sagt. Es habe jemand einmal das Wort geprägt: „Wirtschaft ist Schicksal." Arbeit schaffen, fei Ausgabe des Unter- I nehmertums, nicht die der öffentlichen Hand. Das Nebeneinander der Bürokratie von Reich, Ländern und Gemeinden liege in dem Drängen des Reiches nach Exekutive begründet' Man müsse dahin kommen, die Reichsgesetzgebung und Exekutive zusammenzufassen.
Die „Europa" ist am Freitagmittag um 1.40 Uhr auf her Reede von Bremerhaven eingetroffen und legte am Pier an, wo um 2.15 Uhr die Landung der Passagiere erfolgte.
Nie schwedische Königin gestorben.
Königin Viktoria von Schweden ist in Rom am Freitag um 19 Uhr infolge eines Herzschlages gestorben.
Die Nachricht vom Tode der Königin hat in Stockholm tiefe Trauer ausgelöst. Der Rundfunk stellte sofort seine Darbietungen ein. Alle Theatervorstellungen sind abgesagt worden.
Königin Viktoria von Schweden. I
Königin Viktoria von Schweden wurde am 7. August 1862 geboren. Sie war bekanntlich eine badische Prinzessin und Enkelin Kaiser Wilhelms I. Am 20. September 1881 fand ihre Vermählung mit König Gustav V. statt. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird dte Königin in der Riddar- holskirchein Stockholm^ betgesetzt werden, wo bereits acht täte Ruhe gesunden h. bru. Königin Viktorlawar fett Zähren schwer krank und verbrachte die letzte Zeit des Klimas wegen fast ausschließlich in Rom.
Das Frühstück der Seedelegierten
Das Suchen nach einer Sicherheilsformel für Frankreich Beratungen über die technischen Punkte.
London, 5. April. Das Hauptereignis des gestrigen Tages der Seemächtekonferenz war das Frühstück im Ela- ridge-Hotel, an dem MacDonald, Henderson, B r i a n d und V a n s i t t a r t teilnahmen. Zweck der Zusammenkunft war die Erörterung der Sicherheilsformel für Frankreich. Die Tatsache, daß diese Erörterungen immer noch fortgesetzt werden, scheint zu beweisen, daß die Suche nach dieser Formel trotz aller bisherigen Mißerfolge immer noch nicht aufgegeben worden.ist.
Nach Schluß der Besprechungen hatte MacDonald im Ritz-Hotel eine Unterredung mit Stimson. Die politische Erörterung wird heute um 11 Uhr im St. James- Palast fortgesetzt.
Eine Sitzung der Sachverständigen der amerikanischen britischen und japanischen Delegation erörterte die technischen Punkte, die sich aus dem von den drei Mächten erzielten Abkommen ergeben. Es wurde dabei eingehend der Wunsch Japans erörtert, Unterseeboote vor Ablauf ihrer Lebensdauer zu verschrotten, um die japanischen Werften durch den Bau neuer Unterseeboote beschäftigt zu halten. Amerika ist an dieser Seite des Problems nicht besonders interessiert denn sein Programm genügt, um seine Werften beschäftigt zu halten. Großbritannien ist in sehr ähnlicher Lage wie Japan, und die Frage wird erörtert, ob nicht die Lebensdauer der Kreuzer mit sechszölligen Geschützen gekürzt werden und man nicht neue Kreuzer früher als ursprünglich beabsichtigt war, auf Kiel legen könnte.
Eine Entente ohne Frankreich?
London, 5. April. In den Kreisen der amerikanischen Delegation besteht, wie man zu wissen glaubt, die Hoffnung, doch noch zu einem effektiven Fünfmächteabkommen zu gelangen, das virtuell bereits aufgegeben fei.
Man denkt, die Seemächtekonferenz. werde mit einer Entente zwischen Großbritannien, Amerika und Japan enden, über gewisse Punkte von untergeordneter Bedeutung werde man jedoch zu einem Fünfmächtepakt kommen.
Die Nankingregierung auf dem Rückzüge
Die Extremisten rüsten zu neuen Taten.
Schanghai, 5. April. Nachrichten aus Nanking zufolge, die offiziellen Charakter haben sollen, ist der allgemeine Rückzug der Regierungsstreitkräfte und die Aufgabe der Provinz Schantung bekanntgegeben worden. Die Nordtruppen rücken mit außerordentlicher Schnelligkeit vor. 30 000 Mann der Bedeckungstruppen von Nanking hätten gemeutert und feien zu den Aufständischen übergegangen. Außerdem werde bekannt, daß Tschang- süliang, der Herr der Mandschurei, dem Nanking 10 Millionen Dollar für feine Unterstützung geboten hatte, erklärte, er habe nichts erhalten und werde deshalb den Nordchinesen gegenüber wohlwollende Neutralität beobachten. In Schanghai sei man pessimistisch. Man rechne dort mit dem Aufkommen der Extremisten und mit Unruhen. ,