kersfelöerTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt
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Nr. 40
Dienstag, den 18. Februar 1930
80. Jahrgang
MM der srmMchn
Die Regierung mit fünf Stimmen in der Minderheit. Das Rückkrittsgesuch angenommen.
Paris, 18. Februar. Die Kammer setzte am Montag die Beratung des Einnahmebudget fort. Beim Artikel 2, der eine Herabsetzung der Grundstückssteuer vorsieht, be> antragte Finanzminister C h e r o n die Abtrennung dieses Artikels mit der Begründung, daß feine Aufrechterhaltung einen Einnahmeausfall von 50 Millionen Franc im Gefolge haben würde und stellte im Namen der Regierung die Ver- trauensfrage. Er wies bei dieser Gelegenheit darauf hin, daß die Regierung über die bereits bewilligten Steuererleichterungen nicht hinausgehen könne.
Bei der Weiterberatung forderte C h e r o n die Abtrennung des Artikels 3 C und stellte wieder die Vertrauensfrage. Dieser Artikel ist auf den der Marin-Gruppe angehörenden Abgeordneten Denais zurückzuführen und sieht eine Pauschalermäßigung der Steuern auf industriellem Gebiet sowie einen Handelsgewinn für die im Geschäft ihres Mannes arbeitende Frau vor. Der Finanzminister wandte sich gegen diesen Artikel 3 C, da er 60 Millionen Franc Mindereinnahme zur Folge hätte, indem er hinzufügte, daß er sich weigere, eine Abenteurerpolitik zuzulassen.
Der Finanzausschuß-Vorsitzende M a l v y (Radikal) erklärte, daß dieser Artikel etwa 800 000 Kaufleute interessiere und das Budgetgleichgewicht nicht gefährde. Er forderte die Angeordneten auf, gegen die verlangte Abtrennung des Ar
Süsenbers beim ReichsvrWdeates
Berlin, 17. Februar
Reichspräsident von Hindenburg empfing heute vormittag den ersten Vorsitzenden der Deutschnationalcn Volkspartei, Geheimrat. Dr. Hugenberg, sowie den -..MrfMv^o. der
Oberfohren. Beide trugen dem Reichspräsidenten ihre Auffassungen über die haager Abkommen, insbesondere ihre Bedenken bezüglich des polnischen Liquidation v- a b ko m m e n s, der sogenannten Sanktionsklausel und der Richtbehandlung der S a a r f r a g e vor und wiesen aus die ihrer Auffassung nach untragbare Höhe der dem deutschen Volke erwachsenden Lasten hin. Der Reichspräsident nahm die Darlegungen der beiden Oppositionsführer mit Aufmerksamkeit entgegen und erklärte, sich seine Be- f hluf-f lfung bis zur Beendigung der varl. mentarstche t Verhandlungen vorbehalten zu müssen.
Wie von unterrichteter Seite hierzu noch mitgeteilt wird, sind weitere Empfänge der Parteiführer durch den Reichspräsident,, im Zusammenhang mit der Erledigung der Bounggeterze nicht vorgesehen. Reichspräsident von Hin- denburg hat bereits den Führer der Zentrumsfraktion, Dr. B r ü n i n g. und den Parteivorsitzenden der D V P., Dr. Schatz zum Po. trag empfangen Beide Abgeordnete ha ben ihren Antrütsbesuch als neugewählte Fraktions- und Parteiführer dazu benutzt, um den Reichspräsidenten über die Haltung ihrer Parteien zu den Haager Vereinbarungen zu unterrichten.
Verabschiedung der Poung-Gesetze verzögert?
Zentrum und Sozialdemokraten machen Schwierigkeiten
* Berlin, 18. Februar.
Die neue Woche fängt mit dem Eindruck an, daß die Ausschußveihandlungen über den Doung- Plan sehr °a g ! am vorwärtsschreiten — der Vorsitzende, der ioz^ch.-mokrutische Abgeordnete Heimann, hat sich zu einer Mahnung our Beschleunigung der Beratungen veranlaßt gesehen — und daß die Parteiverhandlungen über die Finanzen völlig ins Stocken zu geraten drohen. Die für Montag mittag anberaumt gewesene Sonderbe- sprechung der iozialpvlilijchen Referenten der Regierungsparteien ist wieder abgesagt worden: infolgedessen ill auch die am späten Nachmittag abgehaltene Parteiführer- besprechung, wenigstens soweit die Arbeitslosenversicherung in Frage steht, kaum weitergekommen. Der Reichsfinanz, minister ist durch die Teilnahme un den Beratungen bet Vereinigten Ausschüsse über den Young-Plan so stark fest, gelegt, daß ihm in diesen Tagen wenig Zeit für interfraktionelle Besprechungen übrig bleibt.
Unter Berücksichtigung aller dieser Umstände rechnet man damit, daß der Reichstag den Poung-Plan schon deshalb nicht, wie geplant war, bis zum 22. d. M. verabschieden kann, weil das Zentrum nach wie vor auf der vorherigen Verständigung über die Sanierungsfragen beharrt. Dazu kommt starker sozialdemokratischer Widerstand namentlich gegen die beabsichtigte völlige Herausnahme der Arbeitslosenversicherung aus dem Etat; dazu treten weiter Schwierigkeiten gegenüber dem neuen oder neuesten Vorschlag, im Jahre 1930 150 Millionen Mark, im Jahre 1931 gegebenenfalls weitere 100 Millionen Mark von den beiden Sozialversicherungen durch Verkauf von Reichsbahnvorzugsaktien zu gewinnen, sowie gegen den Gedanken, diesen Verkauf dadurch zu entwerten, daß man dem Reich ein Rückkaufsrecht gibt Man rechnet bei den beiden Versicherungen (Jnvali- ditäts- und Angestelltenoersicherung), daß beide zusammen im Etatsjahr 1930 an flüssigen Mitteln höchstens 100, im Etatsiabr 1931 nur 70 Millionen aufbrinaen könnten:
tikels zu stimmen, zumal es sich nicht um eine politische Frage handele. Außerdem sei der Antrag durch einen Abgeordneten der Marin-Gruppe eingebracht und vom Finanzausschuß befürwortet worden.
Bei der dann folgenden Abstimmung lehnte die Kammer die Abtrennung des Artikels 3 6 mit 286 gegen 281 Stimmen ab, so daß die Regierung mit fünf Stimmen in der Minderheit blieb. Finanzminister Lheron und Justizminister Lucien Hubert verließen die Kammer, während man den Ruf hörte: „Es lebe Tardieu!"
Räch einer kurzen Beratung im Sammergebäude be- gaben sich die Kabinettsmitglieder zum Ministerpräsidenten Tardieu, den Lheron und Maginot über die Ereignisse, die sich in der Kammer abgespielt haben, unterrichteten. Darauf verfaßte Tardieu das Demissionsschreiben und gegen 9.30 Uhr (französischer Zeit) begaben sich sämtliche in Paris anwesende Minister ins Elysee, wo sie dem Präsidenten der Republik das Demissionsschreiben des gesamten Kabinetts überreichten.
Der Präsident der Republik, D o u m e r g u e, hak das Demissionsgesuch angenommen. Die Minister führen die Amlsgeschäfte vorläufig weiter.
man sträubt sich auch gegen ein Rückkaufsrecht des Reiches, dem man nur ein Verkaufsrecht zugestehen will. Der Widerstand gegen den in der Parteiführerbesprechung am Freitag abend erörterten Plan beschränkt sich nicht auf die sozialdemokratischen Kreise, er findet auch bei den christlichen Gewerkschaften Unterstützung. Das Ergebnis ist, daß sich alles verzögert und versteift.
Vertrauliche Ausschuhberalungen
In der Montagsitzung der Vereinigten Reichstags- ausschüsse für auswärtige Angelegenheiten und für den Reichshaushalt wurden die Verhandlungen, soweit sie sich auf die Moratoriumsfrage und die Schutz- k l a u s el beziehen, für vollständig vertraulich erklärt. Dieser Beschluß wurde aus Antrag des Zentrumsabgeordneten Dr. B r ü n i n g gegen die Stimmen der Deutschnationalen und der Kommunisten gefaßt.
eueres
Bisher über 70 Verletzte geborgen.
London, 18. Februar. Bei Ruth er Elon, in der Rähe von Glasgow, ereignete sich Montag abend ein folgenschweres Eisenbahnunglück. 3n dem dichten Nebel, der über der Gegend lag, ist ein Zug auf einen Vorzug aufgefahren. Nach Mittellungen der an den Bergungsarbeiten Beteiligten wurden etwa 70 Fahrgäste unter den Trümmern der zerstörten Wagen begraben und verletzt. Die Verwundeten wurden so schnell wie möglich teils durch Kraftwagen, teils in einem Sonderzug in die benachbarten Krankenhäuser geschafft. Weitere Einzelheiten sind noch nicht bekannt.
Todesopfer der Kälte in Amerika
Rew Pork, 18. Februar. Die ungewöhnliche Kältewelle in den Oststaaten dauert unvermindert an. Aus Neu - England, wo Temperaturen von 22 bis 34 Grad unter Null gemessen wurden, werden zehn Todesfälle gemeldet. SaranaeLakeim Staate New Vork hat eine Temperatur von 37 Grad, Tupper Lake im Staate New Dort von 40 Grad unter Null, Aus Capemayim Staate New
Kinruriehum DeutWanbr zur
Flottenlonserenz?
Berlin, 18. Februar. (Eig. Meld.)
Nach hier vorliegenden Meldungen aus London sind Erörterungen darüber, ob Deutschland zur Flottenkonferenz hinzugezogen werden solle oder nicht, in den letzten Tagen wiederaufgelebt. „Daily Rews" erheben die Forderung auf Hinzuziehung Deutschlands. Als Grund wird angegeben, daß Frankreich den Bau des deutschen Panzerkreuzers A benutze, um die Rotwendigkeit des Baues weiterer Schlachtschiffe als Gegengewicht gegen diesen Schiffs- typ zu betonen. Es müsse also in London der Mut aufgebracht werden, auch Deutschland einzuladen, damit man^u einer Beschränkung des größten Schiffstyps auf 10 000 Tonnen käme. Das französische verlangen, weitere Schlachtschiffe zu bauen, gefährde die ganze Konferenz, da alle anderen Staaten hinter Frankreich nicht zurückstehen könnten.
„Observer" behauptet, der „einzige Ausweg" wäre, die Deutschen einzuladen und mit ihnen über das Ein stellen des Panzerschifsbaues zu verhan- deln. Deutschland würde wahrscheinlich darauf eingehen, bis zur Revisionskonferenz 1935 keine Varnerickisssbauken ein-
BreuBtns Wahlgesetz versaülmgsmWg
Leipzig, 17. Februar.
In der Verfassungsstreitsache des völkisch-nationalen Blocks und der Volksrechtspartei gegen das Land Preußen auf Feststellung der Versassungswidrigkeit von Bestimmungen des preußischen Landeswahlgesetzes wurde am Montag mittag vom Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich die Entscheidung verkündet. Sie ging dahin, daß die Klageankräge zurückgewiesen und damit die Verfassungs- mäßigkeit des preußischen Wahlgesetzes anerkannt wurde.
Aus der Begründung zur Entscheidung des Staatsgerichtshofes ist u. a. folgendes Wesentliche hervorzuheben: Die Klage war abzuweisen, weil die als verfassungswidrig bezeichnete Bestimmung des Landeswahlgesetzes mit den entsprechenden Vorschriften des Reichswahlgesetzes genau über- einffimmt. Dieses ist aber als verfassungsmäßig zustande gekommen anzuerkennen. Die Abweichung vom Gleichheits- arundsatze, die in verschiedenen Paragraphen des Reichswahlgesetzes enthalten ist, findet ihre verfassungsrechtlich ausreichende und daher vom Staatsgerichtshof zu beachtende Grundlage in Absatz 2 des Artikels 22 der Reichsverfassung, nach welchem das Reichswahlgesetz das nähere bestimmt. Der Verfassungsgesetzgeber hat also dem ordentlichen Gesetzgeber die Befugnis übertragen, das Erforderliche zu bestimmen. Die in Absatz 1 des Artikels 22 der Reichsverfassung aufgestellten Grundsätze sollen im Rahmen der Verhältniswahl verwirklicht werden, bei deren Ausgestaltung nichkBloß jeder einzelne von ihnen für sich allein zu berücksichtigen ist, sondern miteinander und jeder mit den Grundsätzen des vom Gesetzgeber angenommenen besonderen Verhältniwahlver- sahrens. Die Erfüllung der dem Gesetzgeber vom Ver- fassunasgesetzaeber übertragenen Ausgabe ist nur möalich. wenn dem Wahlgesetz ein gewisser Spielraum bei der Durchführung der großen Wahl- g r u n d s ä tz.e gewährt wird, wenn es von ihnen nötigenfalls auch abweichen darf. Eine starre Bindung kann die Verfassung nicht bezweckt haben, auch nicht hinsichtlich des Grundsatzes der Wahlgleichheit Es handelt sich auch um keinen logisch mathematischen Begriff, sondern um einen Rechtsbegriff, weshalb Abstufungen und Uebergänge möglich und denkbar sind.
in England
Jersey wird gemelvet, Satz vier Mann von Der Besatzung eines im Sturme untergegangenen Kohlenschiffes in dem treibenden Rettungsboot erfroren aufgefunden sind, nachdem die ganze Nacht nach ihnen gesucht worden war.
9 Menschen beim Eirsischen erfreuten
Memel, 17. Februar.
Ein schweres Unglück hak sich gestern auf dem Plaleliai- See etwa 30 Kilometer von Likauifch-Krokkingen entfernt, ereignet. Am frühen Morgen war eine Anzahl Fischer aus Plateliai und der Umgegend mit Schlitten auf den vereisten See hinausgefahren, um dort zu fischen. Gegen 5 Uhr nachmittags kehrten zwei aneinandergebundene Schlitten, die von einem Pferd gezogen wurden, über das Eis zurück. Aus den beiden Schlitten befanden sich insgesamt 20 Personen. In der Mitte des Sees brach der erste Schlitten ein und riß den zweiten mit sich in die Tiefe. Mit großer Mühe gelang es einem der Fischer, sich zu retten und noch einen zweiten aus dem Wasser zu ziehen, der im nächsten Dorf Hilfe holte. Insgesamt konnten elf Personen gerettet werden. Acht Männer und eine Frau sind ertrunken.
zustellen. Dann würde auch Frankreich nur ein einziges neus Panzerschiff bauen.
In maßgebenden Berliner politischen Kreisen bewahrt man ebenso wie bei den früheren Versuchen, das vollständig abgerüstete Deutschland in die Verhandlungen über die Riejenflotten der anderen Mächte hineinzuziehen, größte Zurückhaltung Man weist hier darauf hin, daß nach den Versailler Bestimmungen der für Deutschland größte Schiffstyp in dem 10 000 Tonnen-Kreuzer liege, daß also Frankreich nicht den mindesten Anlaß hat, seine Schlacht- schifforderungen mit den deutschen Marine-„Rüstungen" zu begründen, zumal Deutschland nicht einmal imstande ist, infolge seiner schwierigen Finanzlage die im Versailler Vertrag ihm auferlegte Flottenstärke aufrechtzuerhalten.
Die Unmöglichkeit des Zustandekommens eines politischen Sicherungsvertrages, wie ihn Frankreich fordert, verleitet wieder einmal die englische Oeffentlichkeit dazu, aus Kosten Deutschlands nach berühmtem Borbild (siehe Snow- den) einen Ausgleich zu suchen.
London, 18. Februar. Am Montag prüften die Sachverständigen der Seeabrüstungskonferenz die Frage der Großkampfschiffe, ohne jedoch zu einer Entscheidung zu gelangen. In zuständigen britischen Kreisen wird die Meldung, daß die Zuziehung Deutschlands wegen des „Westen- taschen-Panzerschiffes" geplant werde, kategorisch dementiert.