Hersfel-erTageblatt
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Nr. 19 Donnerstag, den 23. Januar 1930 so. Jahrgang
Aufmarsch in London.
Bei der Londoner Mariuekonserenz ist vor allem an eins zu denken: Die Wassenrüstung zur See kostet die Mächte, die sie tragen, immer wieder reparieren, moder- nisieren und im Wettbewerb mit den anderen vervollständigen müssen, von Jahr zu Jahr wachsende, geradezu grauenhaft Hohe Summen. Heutzutage verschlingt der Bau eines Großkampsschiffes weit mehr als das Doppelte dessen, was vor dem Kriege dafür aufgewendet werden mußte — und dabei weiß man nicht einmal, ob so ein Riesenschlachtschiff von 35 000 Tonnen auch einen Gefechtswert hat, der den für den Bau aufgewendeten Summen entspricht. Angesichts der raschen Fortschritte, die während des Krieges und hernach die Luft- und namentlich die U-Boot-Waffe gemacht haben, mehren sich die Stimmen, die sich gegen eine Fortsetzung des Baues solcher Großkampfschiffe aussprechen. So will denn die Londoner Konferenz aus sehr verständlichen finanziellen Gründen das „uferlose Wettrüsten" zwischen den Seemächten wenigstens etwas begrenzen, sonst geht ihnen schließlich allen einfach „die Puste aus".
Natürlich ist für England — wo man längst damit aufhören mußte, die stolze Hymne „Rule, Britannia, rule the wawes", „Herrsche, England, herrsche über die Meere" zu singen; denn das „war einmal" — nach den Erfahrungen des Weltkrieges die U-Boot-Frage besonders wichtig. Denn unter den Wogen herrschte schon damals diese Waffe, gefährdete aufs schwerste, was auf den Wogen schwamm. Aber die nicht an erster Stelle stehenden Seemächte sträuben sich gegen den englisch-amerikanischen Vorschlag einer völligen Beseitigung der U-Roote, deren Größe ja jetzt schon angewachsen ist bis zu der eines kleinen Kreuzers und die damit schon längst ihren ursprünglichen Defensivcharakter verloren haben. Ein wirksames Kraut gegen diese „U - B o o t - P e st", wie man sie während des Weltkrieges in England in verständlicher Wut genannt hat, ist aber bisher immer noch nicht gewachsen. Deswegen und auch wegen der Entwicklung der Luftwaffe würde von dem Eng?
lands im Falle eines Angriffs etwa du ^-Frankreich wirklich gar nichts mehr übrigbleiben.
Neben dem Streit über die Frage, ob das U-Boot überhaupt „erlaubt" sein soll oder nicht, wobei die mittleren und kleineren Seemächte natürlich gegen das anglo- amerikanische Übereinkommen Widerstand leisten, geht es weiter um die Größe der U-Boote und um die „Parität" Japan, Italien, Frankreich — sie alle wollen ebenso viele U-Boote haben dürfen wie England. In der schon so lange hin- und hergedrehten Kreuzerfrage, wo ja auch der Streit um die „Parität" bzw. das gegenseitige Zahlen- mib Tonnenverhältnis eine große Rolle spielt — 1927
Die Eröffnung der Flottenabrüstungskonferenz in London durch König Georg von England, dessen vor dem Mikrophon gehaltene Rede an hundert Millionen Rundfunkhörer iveitergeleiret wurde. Rechts neben dem König der englische Außenminister Henderson, links hinter ' dem Thronsessel Ministerpräsident Maedonald.
scheiterte die letzte Genfer „SeeabrMungskoüscrcnz" an diesen Auseinandersetzungen — mag man wohl eher zu einer Einigung kommen, wenn . . .
Ja, wenn nämlich in diesen marinetechmschen Fragen sich nicht die großen m a ch t p o ! i t i s ch e n S t r o - in u n g e n u n d Gegen st römungen so stark hinein- mengen würden! Amerika ist z. B. ganz und gar nicht dafür, daß den Japanern eine Verstärkung ihrer See- rüstung an Kreuzern in einem Umfange gestattet werden soll, daß von irgendeinem nennenswerten Übergewicht der entsprechenden amerikanischen Flottenstreitkräfte kaum noch die Rede sein würde. Ähnlich steht es zwischen Italien und Frankreich, die argwöhnisch aufeinander aufpassen, daß ja nicht der andere Staat stärkere Kräfte zwar nicht auf die Beine, wohl aber aufs Wasser bringt. Italien ist ja dabei besonders schlecht daran infolge seines Charakters als Halbinsel mit den langgestreckten Küsten; für dieses Land gibt es einfach keine Mittel — wenigstens soweit sie finanziell erschwingbar sind —, um sich gegen den Angriff einer großen Seemacht wirksam zu schützen. Und aus dieser Erkenntnis heraus ist. der überraschende, natürlich nirgends ernst genommene italienische Vorschlag einer radikalen Abrüstung der gesamten Seestreitkräfte vom Panzerschiff bis zum U-Boot zu verstehen
Die Besprechungen zwischen ^Frankreich und Italien wegen der Londoner Konferenz sind übrigens ebenso ge-
Bedenkliche Zeichen
Die Finanznoi des Reiches.
Der Streit der Parteien.
Das Reichskabinett trat Mittwoch vormittag zusammen, um nach dem Abschluß der Haager Verhandlungen über diese nunmehr dem Reichsrat und dem Reichstag zu unterbreitende Materie Beschluß zu fassen. Die Delc- gationsführer im Haag Reichsaußenminister Dr. C u r - t i u s und Reichsfinanzminister Dr. M o l d e n h a u e r erstatteten dem Kabinett ausführlichen Bericht. Darauf brächte Reichskanzler Müller den Delegierten den Dank der Regierung für ihre mühevolle Tätigkeit im Haag dar. Man zweifelt im Augenblick nicht daran, daß das Kabinett dem „Neuen Plan" so, wie er im Haag vereinbart wurde, seine Zustimmung geben wird.
Inzwischen haben die Beratungen der Reichstags- fraktionen über die nunmehr bestehende Lage bereits begonnen. Am Donnerstag beginnt der Reichstag bekanntlich seine Arbeit und will sich zunächst mit dem Zündholzmonopol beschäftigen. Der größte Teil der Parlamentarier ist bereits in Berlin anwesend und es sind allseitig vor dem offiziellen Beginn des Reichstages Fraktionssitzungen einberufen, welche die Stimmung in den einzelnen Parteien klären sollen. Mittwoch abend beriet der Ältestenausschuß des Reichstages nochmals über das aufzustellende Arbeitsprogramm.
Scharfe Gegensatzes
Man kann nicht darauf hoffen, daß die nächste Zeit zunächst eine Zeit ruhiger parlamentarischer Arbeit sein wird; dafür machen sich die innenpolitischen Gegensätze viel zu stark bemerkbar. Besondere Aufmerksamkeit hat die gemeinsame Tagung der sozialdemokratischen Frak- tionsvorstände und des Parteivorstandes mit den Ver- »rerern der Freien GewertWafren 'm.Mm nefwniNweh In dem gefaßten Beschluß wird die Notwendigkeit einer durchgreifenden Arbeitsbeschaffung mit öffentlichen Mitteln verlangt. Dazu sei Voraussetzung Kapitalzufuhr aus den. Auslande, alle inländischen Hemmungen müßten beseitigt werden.
Demgegenüber mehren sich bei der Deutschen V o l k s p a r t e i . die Stimmen, die auf eine reinliche Auseinandersetzung zwischen dieser Partei und der Sozialdemokratie, die jetzt in der Regierungskoalition gemeinsam wirken, hindrängen. Bei der Volkspartei trick sichtlich der Unmut über die sozialdemokratischen Forderungen hervor und der volksparteiliche Ortsverein in H j l l e u. d. S. beschloß soeben, den Vorstand der Partei anfzufordern, genaue Richtlinien über das weitere Zusammenarbeiten mit der Sozialdemokratie aufzustellen.
Ferner verlangte die Ortsgruppe Halle genaue Prüfung von der Leitung der Volkspartei, ob es überhaupt fernerhin möglich sein werde, in der Regierungskoalition zu verbleiben, falls die Sozialdemskratie nach wie vor den Ton darin angebe. Auch das für die Deutsche Volks- partei immer noch als führendes Organ geltende Blatt, die Deutsche Allgemeine Zeitung in Berlin, führt in der Polemik gegen die Sozialdemokratie in der letzten Zeit eine recht scharfe Klinge und betont, nicht das Borgen im Auslande, nicht die Erweiterung der Fürsorge könne
scheitert wie der französische Versuch, England zum Abschluß eines „Mittelmeer-Locarnos" zu veranlassen. Zum mindesten Spanien und Italien sollten mit von der Partie sein Aber die Londoner Regierung gab zur Antwort, es beständen ja schon so viele kriegverhindernde Abmachungen zwischen den Völkern, namentlich Kellogg-Pakt und Völkerbundstatut, daß ein neues, dasselbe bezweckendes Abkommen wirklich nicht nötig sei. Ein Gesichtspunkt — den man ja auch Deutschland gegenüber mehr als ein Jahrzehnt lang geltend gemacht hat — ist auch auf der Londoner Konferenz und gegenüber allen dort gemachten oder noch bevorstehenden Vorschlägen maßgebend: Erst Sicherheit, dann Abrüstung! Und Erhaltung einer genügend großen Militär- und Mariuemacht zur „etwaigen Erzwingung internationaler Verpflichtungen".
Bei der Eröffnung der Londoner Konferenz hat man es vermieden, hinsichtlich des Endresultats allzuviel Optimismus zu zeigen. Veranlassung für diese Zurückhaltung ist genügend vorhanden.
5 Flottenkonferenz unter Ausschluß der Presse.
Wie aus London gemeldet wird, ist in letzter Minute entschieden worden, für die Sitzungen der Flottenkonferenz im St.-James-Palast die Presse nicht zuzulassen. Als Grund für die Entscheidung, die auf amerikanischer Seite angesichts der Entsendung so zahlreicher Sonderberichterstatter größte Überraschung und Bestürzung hervorgerufen hat, wird der ungenügende Raum des Sitzungssaales angegeben. Mit heftigen Angriffen und Gegenüberstellung dieser Methode mit der Öffentlichkeit der Genfer Verhandlungen ist auf amerikanischer Seite zu rechnen.
Bubonenpest im Ornnjesreistaat.
Kapstadt. Im Oranjefreistaat sind in der Gegend von Heilbron 33 Personen unter Pestve.dacht erkrankt. Man ver- mutet, daß es sich um Bubonenpest handelt. Etwa die Hälfte der Fälle nahm einen tödlichen Verlauf. Die Opfer sind sämtlich Eingeborene. Die Bevölkerung ist sehr beunruhigt.
aus der Finanznot des Reiches und der allgemeinen politischen Verworrenheit herauSführen.
Ein gewisses Ausmaß von Ausländsanleihen sei vielleicht nourendig. Die von der Sozialdemokratie verlangte ftbert.igerung des Quantums für die Öffentliche Hand sönne aus keinen Füll gebilligt werden. Das würde eine Bedrohung des Staates bedeuten. Die Ergebnisse bu Haager Konferenz öl^be>. an und für sich unbefriedigend. Strengste Swwwmkeit. eine solide Etatsaufstellung, Stärkung des J<a«dskapitals »w- Beschränkung der immer nach msckwUtdM Ausgaben für unproduktive Zwecke seien Ausgräen des Tages.
Schluß mit der fim^nzieNen Mißwirtschaft. Schluß mit der ständigen Nachgiebigkeit gegenüber der Sozial- demokratie, hemÄN mit der Ausgabenreform! fordert die D. A. Z
Wie unter diesen hitzigen A«^chwSußerungen eine Vereinigung der Parteien zur Erhaltung der jetzt herrschenden Regierungskoalition herbeigeführt werden soll, bleibt vorläufig im unklaren. Ve,»eclenswert ist auch die Stellungnahme einer Versammln., der Christlichen Gewerkschaften in B^crin vie sich soeben schaff gegen die in vielen Kommunen hingerissene Mißwirtschaft unbegrenzter Ausgaben wandle und mit deutlichen Seitenhieben gegen die Sozialdemokratie deren Machtstellung dafür verantwortlich machte. Auch hier wurde in erster Linie Einschränkung und strenge Sparsamkeit verlangt.
Die Mbeitsksfen.
Unter diesen ünistäuben stimmt besonders bedenklich die in den letzten Wochen wieder sehr ungünstig sich darstellende Finanzlage der Keichsanstalt für Arbeitslosenversicherung. Das Reich muß bei der steigenden Ziffer der Erwerbslosen weitere 255 Millionen über den Etatsansatz hinaus dafür auSgeben. Bis zum 1. April des taufenden Jahres leM^n die Darlehen an Die Reichsanstalt auf ungefähr 550 Millionen Mark gestiegen fein. Für das kommende Etatsjahr 1930 rechnet man bereits trotz der Beitragserhöhung, die bis zum L Juni begrenzt ist, mit einem erschreckend hohen Defizit, und zwar mit einer Summe von 321 Millionen.
Man schätzt die durchschnittliche Zahl der Fürsorge- bedürfitgeks resp. Arbeitslosen jetzt nicht mehr mit 1,1 Millionen im Jahr, sondern mit 1,2 Millionen. Bei den offensichtlich zwischen den großen Parteien bestehenden Verschiedimh- ireg bei Weltanschauung erscheint es immerhin fraglich, e* sie auch diesen zu allem anderen tretenden Stein des Anstoßes gemeinsam überwunden können oder ob schließlich die Meinungsverschiedenheiten sich bis zu einem Bruche zuspitzen, der das Ende der Beziehungen bedeutete und l-msiwcrwei nn; Regierungskrise herbeiführen müßte.
Villigung derHWgerMmachungen durch das Kabinett
Berlin. Nach längerer Beratung des Reichskabinetts konnte Mittwoch abend Reichskanzler Müller die völlige Übereinstimmung der Reichsregierung mit der Verhandlunas- führung der deutschen Delegation im Haag und die Zustimmung zu den dort getroffenen Abmachungen aussprechen. Die entsprechenden Gesetzesvorlagen werden dem Reichsrat alsbald zugeleitet, so daß dieser seine Beratungen Anfang der nächsten Woche aufnehmen kann.
Polen und Oanzig.
Senatspräsident Sahm über Genf.
Nach der Rückkehr der Danziger Abordnung aus Genf erstattete im Hauptausschutz des Danziger Volkstages der Präsident des Senats, Dr. Sahm, den Bericht über die Genfer Reise. Zur Besprechung standen in Genf der Beitritt Dan- zigs zum Internationalen Arbeitsamt und die Bereinigung des A r b e i t s m a r k t es in Danzig von ausländischen Arbeitskräften. In der ersten Frage zeigten sich Schwierigkeiten für Danzig, da Danzig infolge seiner eigenartigen Stellung nicht Mitglied des Völkerbundes ist.
Der polnische diplomatische Vertreter in Danzig, Minister Strasbnrger, hat, da jetzt von Danzig der Versuch gemacht wird, die ausländischen Arbeitskräfte einzuschrünken, Einspruch dagegen erhoben, daß polnische Arbeitskräfte von dieser Regelung betroffen werden, über diese Frage soll Anfang Februar in Warschau unter dem Vorsitz des Danziger Völkerbundkommiffars, Grafen Gravina, weiter verhandelt werden.
Arbeiisloienkrawalle in Polen.
Schwere Zusammenstöße zwischen Kommunisten und Polizei.
In Graudenz versuchten etwa 700 Arbeitslose das Rathaus und die Starostei zu stürmen. Polizei trieb die Menge mit blanker Waffe auseinander.
Zu größeren Zusammenstößen kam es im ostgalizischen Städtchen Soltps zlvischen komlnunistischeu Demonstranten und Polizei, wobei auf beiden Seiten Schüsse fielen. Eine Perfvn wurde getötet und fünf, darunter drei Kommunisten, verletzt.
Ein weiterer Zusannnonstoß zwischen Konimuniften und Polizei wird aus dem ostgalizischen Ort Lubycza Krelew ka gemeldet. Eine Polizeistreife wurde von kommunistisa n Demonstranten angegriffen. Auch dort mürbe ein Komm; .1, der einen Polizisten mit dem Messer bedroht hatte, niee geschossen. Weitere kommunistische Kundgebungen we>, n aus den kongreßpolnischen Orten Sosnowitz und Zdunska Wola gemeldet. >