Hersfel-erTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für Sen Kreis HersfelS mit des Beilagen: Illustriertes AuterhattongSblatt / Nach FeierabeuS / Serb und Schotte / Anterbaltuna und Wittes Belehrung und Korrweil / WirEfchaftliSe Taaessrogea
Monatlicher Lczugrvrel«: durch Me Post bezogen 1.50 Relchs-Mark, ausschließlich B^lcCgt lo, für tsersfelS 1.20 Ktichs-Mark bei (tritt Zochestm.^, fSr .Rbtioice 1.00 Kelchs-Mark. ♦ druck und Verlag von LuSwig $nnfe vuch-ruckerri in £j riefelt, mit glitt 6« VLZV.
M * -_______*_ . A«. JhA. »fMaa KäM***«* 4g Yt&M»ttU
JwMMjvWVvvW* •’R MMIwwWljl»
Sir Rtflamtgtllt 50 Pfennig. (Vrnnoschrist Koma»). Bti MeSerholungen wirö ein entsprechender preis« Nachlaß gewährt. ♦ Für die Schristleitung verantwortlich r Kranz Kunk in Hersfeld. ♦ Kernsprecher Nr. 8
Nr. 13 Donnerstag, den 16. Januar 1930 80. Jahrgang
Volldampf voraus.
Der Generalfeldmarschall von Moltke ist immer ein großer Whistspieler gewesen, der Abend für Abend seine Partie machen mußte. Diese Gewohnheit hat er auch nicht in der Kriegszeit unterbrochen. Nur einmal schlug das Übermaß der Arbeit über seinem Kopfe zusammen: das waren die beiden Tage vor und während der Schlacht bei Sedan. Aber schon am Abend des 2. September äußerte er zu seiner Umgebung: „Jetzt können wir uns wieder an den Whisttisch setzen, nachdem dieser störende Jnzidenzfall erledigt ist." Mit diesem Zwischenfall hat er die Schlacht bei Sedan und die Gefangennahme des Kaisers Napoleon gemeint!
*
Der „störende Jnzidenzfall" auf der Haager Kon- fereuz ist sehr rasch — wenigstens nach außen hin — erledigt und die Bahn für eine schnelle Behandlung und Erledigung der noch nicht ganz geklärten Streitpunkte damit frei gemacht worden. Die Konferenz geht mit „Volldampf voraus!" ihrem Ende zu — dank den Zugeständnissen der deutschen Delegation. Die Pflichtteilnahme der Reichsbank an der „Bank für internationale Zahlungen", verbunden mit der Erklärung Dr. Schachts, im Falle der gesetzlichen Festlegung dieser Bestimmung loyal an ihrer Durchführung mitzuwirken, ebenso wie die Verpflichtung, die während eines Moratoriums für die Uoung-Plan- zahlungen ausgelaufenen Summen sofort zu begleichen, iueiter die Verlegung des Zahlungstermins grundsätzlich auf die Monatsmitte — all dies ist geregelt, wobei von einem Entgegenkommen der Gegenseite wirklich nicht die Rede sein kann, vielmehr Deutschland allein Zugeständnisse machen mußte, sozusagen den Konferenzdampfer allein zu heizen hatte, damit er endgültig in den Hafen gelangen kann. Daß darum der französische Ministerrat nach einem Vertrag Tardieus über die bisherigen Ergebnisse der Haager Konferenz die Haltung der Delegation Frankreichs einstimmig billigte, ist vom französischen Standpunkt aus zu verstehen.
*
„Volldampf voraus!" hat der ancer:Staatssekretär des Auswärtigen auch vom Kapitän des Dampfers „George Washington", auf dem er der Lon- douer Seeabrüstungskonferenz zustrebt, verlangt. Er will zusammen mit seiner Delegation so schnell wie möglich eintreffen, — aber er dürfte auf alle Fälle rechtzeitig genug in England landen, um feststellen zu können, daß die Konferenz auf einem Berg von Schwierigkeiten tagen ivtrb, zu dem auch jetzt noch neue Felsblöcke hinzu- getragen werden, neue Schwierigkeiten sich auftürmen. Frankreich will dies nicht, Italien jenes nicht. Der will die U-Boote abschaffen, der andere will Großkampfschifs- bau untersagen lassen, über die „Quoten" — also das gegenseitige Kräfteverhältnis hauptsächlich zwischen den fünf Mächten England, Nordamerika, Frankreich, Italien, Japan — ist man sich eigentlich nur zwischen den beiden ersten dieser Mächte einigermaßen einig. Wie denn überhaupt diese Londoner Konferenz stark unter dem Druck des auglo-amerikanischen Marineabkommens steht, das ja bekanntlich durch einen Besuch des englischen Minister- Präsidenten Macdouald in Washington ostentativ unterstrichen wurde. Nicht gerade zur großen Freude Frankreichs, das in der Zwischenzeit schnell noch möglichst viel Minen in den Kurs dieses Konferenzdampsers gestreut hat. Der wird mehr als vorsichtig, durchaus nicht mit „Volldampf voraus!" fahren müssen. Und „störende Fn- zidenzfälle" wird es mehr als genug geben. Übermäßig dürfte sich die Welt kaum wundern, wenn dieser vielgeprüfte und mit Sonderwünschen bis weit über die Ladelinie hinaus vollgepackte Dampfer wieder einmal den Hafen des Erfolges nicht erreicht, sondern imb-rwegs aus den Strand des Mißerfolges gerät.
Aeparaiwnsauswsis.
154 Millionen Mark in Reichsschatzanweifungen angelegt.
Der Generalaaent für Reparationszahlungen veröffentlicht seinen Bericht für den Monat Dezember. Danach setzte sich die Gesa in theil der in den Händen des Generalagenten für Reparationszahlungen am 31. Dezember 1929 verbleibenden Geldbestände zusammen aus den laut dem Dawes- Plan sich ergebenden 74 028 089,45 Goldmark, und den laut dem Haager Protokoll sich ergebenden 327 465 220,01 Mark, Von den Saldi laut dem Dawes-Plan bestanden etwa 2,0 Millionen aus Mark und etwa 72,0 Millionen aus Devisen. Von den beiden Saldi laut Dem Haager Protokoll bestanden etwa 86,8 Millionen aus Devisen und etwa 240,7 Millionen aus Mark. Von der Marksumme stellen etwa 154,8 Millionen die von Deutschland über die Verfügungen gemäß dem Haager Protokoll hinaus erhaltenen Gelder dar. Diese Summe ist dazu verwendet worden, um dem Reich K r e d i t e r l e i ch 1 e r u n g^ n gemäß den auf Beschluß der Gläubigermächte bis zum 31. Januar 1930 verlängerten Bestimmungen des Artikels I zum Anhang III des Haager Protokolls zu verschaffen, und wurde, den Instruktionen der Gläubigermächte zufolge, zum 31. Dezember 1929 in Reichsschatzanweifungen zum Nennwert von 155 400 000 Mark, fällig am 31. Januar 1930, angelegt. Nach einem weiteren Beschluß der Gläubigermächte und unter vorzeitiger Verwendung der Summen, welche laut dem Haager Protokoll im Januar 1930 verfügbar werden, wurden dem Reich weitere Krediterleichterungen im Betrage von etwa 61 Millionen Mark zur Jahreswende durch einen besonderen Ankauf von Reichs- schatzanweisungen zum Nennwert von 61 Millionen Mark, datiert 31. Dezember 1929 und fällig am 10. ■ ^'"ar 1930, verschafft. _______________
LAG lehnt Mischen Ehrgeiz ab
Tardieu wieder im Haag.
. Die deutschen Vorschläge.
Da bei der Haager Konferenz nach dem durch das Vorgehen des deutschen Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht hervorgerufenen Zwischenfall wieder eine gewisse Beruhigung eingetreten ist, begann in sichtlich aufgeklärter Stimmung Mittwoch die angekündigte Sitzung der sechs einladenden Mächte. Auch der aus Paris zurückgekehrte französische Ministerpräsident Tardieu nahm daran teil. Nach mehrstündiger Unterhaltung wurde die Sitzung geschlossen. In der Hauptsache befaßte man sich mit dem Vorschlag der deutschen Delegation über die aus gesetzlichem Wege herbeizuführende Teilnahme der Reichsbank an der Bank für internationalen Zahlungsausgleich. Die Gläubigermächte erklärten grundsätzlich ihre Zustimmung zu dem deutschen Vorschlag. Dieser soll jedoch von der Juristenkommission noch protokollreif gemacht werden. Die viel umstrittene Sanktionsformel wurde zunächst noch nicht erörtert, diese Erörterung behielt man sich für die aus den Abend angesetzte erneute Zusammenkunft vor. Ebenso wollte man dann die Frage der Zahlungsmobilisierung anschneiden, eventuell aber auch erst am Donnerstag darüber sprechen.
Die Durchführung der deutschen Vorschläge ist so gedacht, daß nach der Zustimmung Schachts im Schlußprotokoll der Haager Konferenz die Mitwirkung der Reichsbank festgelegt wird. Es war zunächst noch nicht geklärt, ob aus diesem Grunde eine Veränderung des Reichsbankgesetzes notwendig erscheint. Laufen die Dinge erfolgreich weiter, so wird man von der Heranziehung etwaiger deutscher Ersatzbanken absehen. Betont wird von der deutschen Seite, daß es sich nicht etwa um einen Vertrag der Reichsregierung mit dem Reichsbankpräsidenten, sondern um einen Beschluß des Ministerrates handele, welchem die Anfrage an den Reichsbankpräsidenten folgte, wie er sich zu verhalten gedenke. Das Reichskabinett hatte in seiner Sitzung der Haltung,der deuff<z>r.u Dsdega- tron im Haag rückhaltlos zugestimmt. Die deutsche Abordnung trat abermals zu einer Beratung über den gesamten Stand der Verhandlungen zusammen. Eine private Unterredung zwischen Finanzminister Molden- hauer und Reichsbankpräsident Dr. Schacht ging voraus.
Die gesetzlichen Maßnahmen.
Bei der Beratung der geplanten gesetzlichen Maßnahmen entstand die Frage, ob eine bloße Verpflichtung der Reichsbank genüge oder ob nicht vielmehr im Hinblick auf die besonderen Funktionen, die der Noung-Plan dem Notenbankpräsidenten selbst auferlegt, auch die persönliche Verpflichtung zur Mitwirkung für den Reichsbankpräsidenten ausgesprochen werden muß. Eine Besprechung mit Dr. Schacht ergab dessen Zustimmung zu einer Festlegung, die formell auch den zweiten Fall deckt. Auf den Zwischenfall wurde nicht mehr zurückgekommen. Für die Durchführung der geplanten Absicht gab es zwei Wege, die Bindung in Form eines Zusatzes zu dem Entwurf des künftigen Reichsbankgesetzes oder die Aufnahme einer einfachen Bestimmung in das Schlutzprotokoll der Haager Konferenz. Man hat es vorgezogen, den ersteren Weg vorzuschlagen. Damit sind die Vertreter der Gegenseite grundsätzlich einverstanden.
Hindenburg an Heidelberg.
Grundsteinlegung des Universitätsncubaues.
Der Rektor der Universität Heidelberg richtete an den Reichspräsidenten folgendes Telegramm:
„Die Universität Heidelberg feiert heute die Grundsteinlegung ihres Neubaues, der auf Initiative des Herrn Botschafters Jakob Gould Schurman, ihres hochverdienten Ehrendoktors, von angesehenen amerikanischen Bürgern gestiftet wurde. An diesem für Gegenwart und Zukunft unserer Universität gleich bedeutungsvollen Tage gedenken wir in tiefster Ehrerbietung und unauslöschlicher Dankbarkeit unseres allverehrten Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg, des Führers und Schirmherrn unseres Volkes, und wir erneuern das Gelöbnis unverbrüchlicher Treue im Dienste unseres geliebten Vaterlandes. Der Rektor der Universität Heidelberg. (gez.) G o t s ch l i ch." — Der Reichspräsident ha^ hierauf geantwortet:
„Eurer Magnisizenz danke ich für das freundliche Grußtelegramm von der Grundsteinlegung des Univer- sitätsneubaues. Möge das neue Haus eine Stätte weiterer erfolgreicher deutscher Geistesarbeit sein, würdig der großen Vergangenheit der Ruperto Carola! Mit Ihnen gedenke ich am heutigen Tage in dankbarer Anerkennung der Förderung, welche die Universität Heidelberg durch diese der Initiative des Herrn Botschafters der Vereinigten Staaten in Berlin Dr. Schurman zu verdankende Stiftung amerikanischer Freunde Heidelbergs erfahren hat. (gez.) von Hindenburg, Reichspräsident."
*
Die Grundsteinlegung.
Mittwoch nachmittag wurden in den Rektoratsräumen des alten Kollegienhauses durch den Unterrichtsminister Qr. Remmele, Oberregierungsrat Weißmann, Bürgermeister Am- berger, Landrat Kieker. Rektor Gottkcklich. den Architekten
„Die Reichsbank wird sich fügen."
Reichsbankpräsident Dr. Schacht gewährte dem im Haag befindlichen redaktionellen Vertreter eines größeren rheinisch-westfälischen Blattes eine Unterredung, in der erörtert wurde, ob man von einem Umfall Schachts und einer Veränderung seiner Prinzipien sprechen dürfe. Schacht gab dabei folgende Erklärung ab:
„Ich kann nicht verhindern, daß über mich Falschmeldungen verbreitet werden und daß ich angegriffen werde. Mein Standpunkt ist entgegen den Meldungen durchaus klar und von einem Umfall kann gar keine Rede sein. Ich erkläre nochmals, daß die Reichsbank sich einem neuen Gesetz selbstverständlich zu fügen hätte und fügen müßte. Dagegen wird der Reichsbankpräsident als solcher persönlich aus sich heraus zu entscheiden haben, ob er sich diesem Gesetze fügen kann oder nicht, o b c r b l c i b t odergeht. Ich habe durchaus keine politischen Ambitionen, und wenn mir Cäsarenwahnsinn angedichtet wird, so läßt mich das kalt. Mein Standpunkt hat sich auf jeden Fall nicht geändert."
Mittlerweile soll über das Moratorium eine Verständigung in dem Sinne erzielt sein, daß Deutschland nach dem Ablauf eines zweijährigen Moratoriums die rückständigen Zahlungen innerhalb des dritten Jahres zu leisten hat. Solange das nicht geschehen ist, könne ein neues Moratorium nicht gewährt werden.
Regelung der SanNionsfrage.
In der Nachmittagssitzung der sechs Mächte ist die vorbereitende Formel znr Regelung der Sanktionsfrage unverändert angenommen worden. In der gleichen Sitzung ist das Einverständnis der Gegenseite zu den von deutscher Seite getroffenen Vorbereitungen zur Schaffung gesetzlicher Maßnahmen erteilt worden, die eine Beteiligung der Reichsbank an der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sicher st ellen.
Weiter ist eine Vereinbarung darüber zustande gc- Tsmmen, daß die lErnatianat gebundenen Bestimmnu gen des künftigen Reichsbankgesetzes entsprechend deutschen Wünschen auf einem weniger langwierigen und komplizierten Wege geändert werden können.
Die schwierige Bereinigung der Ostreparat onen. Ungarn beharrt auf seinem Recht. — Einigung mit Bulgarien bevorstehend.
Die Verhandlungen zwischen den Mächten der Kleinen Entente und U n g a r n in der Reparationsfrage haben zu keiner Einigung geführt. Eine Annäherung ist lediglich hinsichtlich der Regelung gewisser Agrarforde - r u n g e n erzielt worden. Zurzeit sind Besprechungen im Gange, in welcher Weise bei dem für Sonnabend erwarteten Abschluß der Konferenz ein offener Abbruch der Verhandlungen in der ungarischen Reparationsfrage vermieden werden kann.
In der bulgarischen Reparationsfrage fand eine Unterredung zwischen dem rumänischen Außenminister Mirounescu und dem bulgarischen Außenminister B u r o w über das beschlagnahmte bulgarische Eigentum in Rumänien statt. Dieser Streitpunkt ist die einzige noch offene Frage, welche einer Regelung mit Bulgarien im Wege steht.
Professor Gruber-Danzig, Oberregierungsrät Kühn, Staatsral Thoma feierlich die Stiftungen und Grundsteinlegungsurkun- den für den durch die amerikanische Spende ermöglichien Bau der „Neuen Universität Heidelberg" unterzeichnet. Zugegen waren noch der engere Senat, Vertreter der sogenannten Bauhütte und Vertreter des Allgemeinen Studentenausschusses. Nachdem die auf Pergament gemalte Grundsteinlegungsurkunde zusammen mit der Stiftungsurkunde in eine kupferne Blechkapsel verlötet worden war, begaben sich die Teilnehmer in feierlichem Zuge zu der neuen Baustelle.
Die Leistungen des Ansbringnngsgesetze-.
Amtliche Mitteilung an die Unternehmer.
Die Reichsregierung hat soeben eine Verordnung über die Jahresleistungen nach dem Ausbringungsgesetz für das Kalenderjahr 1930 veröffentlicht. Danach haben die aufbringungspflichtigen Unternehmer die Hälfte der Aufbringungsleistungen für 1930. d. h. 3.25 pro Tausend des aufbringungspflichtigen Betriebsvermögens, auf Grund neuer Bescheide, die ihnen in nächster Zeit zugehen werden, bis zum 2 0. Februar 1 930 an die Finanzämter zu entrichten.
Das Umlegungsverfahren ist auch in diesem Jahre geboten, weil die auf Grund des geltenden Rechts zum i. April 1930 fälligen Zins- und Tilgungsbeträge aus der J n d u st r i e b e l a st u n g rechtzeitig bereitaestellt werden müssen. Ob die Erhebung des zweiten Teilbetrages h-’r Jahresleistungen noch erforderlich werden wird, läßt IM» aus den allgemein bekannten Gründen noch nicht übersehen.
Urteilsverkündung im Hiiler-Rabe-Prozeß vertagt.
Nach den umfangrei^n Plädoyers im Hitler-Rabe-Prozeß ergriff Hitler persönlich nochmals das Wort, um feine bereits am Vormittag geschilderte Stellungnahme ausführlich dar- zulegen. Der Vorsitzende teilte schließlich mit, daß das Urteil am 24. Januar, vormittags 9 Uhr, verkündet werden soll.