KersfelöerTaaeblatt
Hersfelöer Kreisblatt !
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Nr. 7 Donnerstag, den 9. Januar 1930 80. Jahrgang
Der Dorstl
Reibungrn im Haag.
übertreibende Berichterstattung.
Bei der Ministerbesprechung der sechs Machte am Dienstag ist es offenbar zu temperamentvollen Auseinandersetzungen, an denen begreiflicherweise die Franzosen und die Deutschen in erster Linie beteiligt waren, gekommen. Solche Auseinandersetzungen werden wohl kaum jemals vor wichtigen Entscheidungen vermieden werden. Eine Art Katastrophenstimmung wird aber leicht hervor- gerufen, wenn übertreibende Berichte darüber in die Welt gesandt werden. Im vorliegenden Falle mußten die Veröffentlichungen des französischen amtlichen Bureaus Havas um so stärker wirken, als man darin eine Information des französischen Ministerpräsidenten T a r d i e u erblickte. In der Folge wurden dicHavas-Veröffentlichungen als nicht zutreffend sowohl durch Tardieu selbst wie durch eine amtliche Erklärung der deutschen Delegation entschleiert. Zweifellos blieb.es, daß tatsächlich Tardieu in der Sitzung scharf gegen den deutschen Standpunkt anging, während die deutschen Vertreter sich in gleich entschiedener Weise «-wehrend verhielten. Daß es zu keinem Bruch kam, erhellt schon daraus, daß Tardieu dem deutschen Minister Moldenhauer zum Schluß der Sitzung lächelnd mit den Worten auf die Schulter geklopft haben soll: „Sie haben Ihren Standpunkt hartnäckig verteidigt!" Dr. Curtius hat offenbar eine beschwichtigende Rolle im Ringen der beiden Kämpfer miteinander gespielt.
Die deutsche Delegation
berichtet über die Vorgänge: „Gegenüber der von dem halbamtlichen französischen Nachrichtenbureau verbreiteten Fassung der von dem französischen Ministerpräsidenten Tardieu abgegebenen Erklärung an die Presse über den Verlauf der Dienstagptznna ist fest zu stellen, daß Tardieu das fragliche Kommnniqnö nicht gesehen und nicht ae- b i l l i g t chat. Das Kommunique enthält insbesondere zwei Wendungen, die unzutreffend und auch im Verlauf der Sitzung tatsächlich nicht gefallen sind. Es handelt sich um den Satz, wonach die deutschen Delegierten nicht immer Vertrauen in sich selbst hätten, und um den anderen, wonach ihr Verhalten die Gegenseite zu einem Zweifel in ihre allgemeine Verhandlungsfähigkeit veranlasse. Es wird erwartet, daß der französische Ministerpräsident zu diesen Wendungen eine Richtigstellung auf den: gleichen Wege ergehen läßt, nachdem bereits festgestellt ist. daß sie nicht mit seiner Billigung veröffentlicht worden sind."
Dr. Curiius greift ein.
Aus dem Haag erfährt man, daß Reichsaußenminister Dr. Curtius bereits in Sachen der Tardien-Erklärung mit der französischen Delegation in Verbindung getreten ist. Tardieu gab die Erklärung ab, er habe das Kommunique weder gesehen noch gebilligt und würde es bedauern, wenn dadurch irgendwelche Schwierigkeiten entstünden. Havas soll nur berechtigt gewesen sein, tatsächlich das wieder- zugeben, mag Tardieu in der Sitzung selbst vorgebracht und was Dr. Curtius darauf erwidert habe.
Tardieu soll im wesentlichen gesagt haben, man habe alles Vertrauen in die von den anwesenden deutschen Ministern feierlich übernommenen Verpflichtungen, aber man müsse daran denken, daß diese Minister nicht ewig leben würden. Man könne nicht vergessen, daß im deutschen Volke über den Uoung-Plan keine völlige Übereinstimmung herrsche. Man sei nicht ganz sicher, daß dasjenige. was im Haag zustande gebracht werde, anderenorts auch Annahme finde. Dr. C n r t i u s erwiderte darauf, „das, was wir vermeiden wollen, ist, daß man zu den Deutschland aufgebürdeten schweren Lasten noch neue hinzufüge. Neuerdings gewinne man einen sochen Eindruck." Mit einer Bemerkung-Snowdens, „dann müßten die Juristen den Entwurf zurückbekommen und ihn in Ordnung bringen" sei der Zwischensatt erledigt gewesen.
Zukünftige Stellung des Reichsbankpräsidenten.
Eine der wesentlichsten Wirkungen des Noung-Planes wird die Umgestaltung der Reichsbank sein, indem die bisher in der Bankverwaltung mittätigen Ausländer aus- scheiden und die ausländische Kontrolle erlöschen soll. Damit wäre eine Neugestaltung des Verhältnisses der Reichsbank zur Reichsregierung notwendig und eine Revision der Stellung des Reichsbankpräsidenten, die nach dem herrschenden Dawes-Plan fast gänzlich dem Einfluß der Reichsregierung entzogen war.
Nach soeben vom Vorwärts, dem sozialdemokratischen Zentralorgan, veröffentlichten Andeutungen über die geplanten Änderungen des Reichsbankstatuts würde sich jedoch an der Stellung des Reichsbankpräsidenten und des Generalrats der Reichsbank fast nichts ändern. Der Reichsbankpräsident würde nach wie vor vom Generalrat gewählt und es stände ihm auch fernerhin ein uneingeschränktes Betätigungsrecht zu. Die Abberufung soll nur dem Generalrat zustehen. Der Generalrat ergänze sich nicht nur durch Reuernennungen, sondern durch freiwillige Hinzuberufung.
Vor der Entscheidung.
Es sieht jetzt schon etwas ernster aus auf der Konferenz im Haag; kurz vor der Pause, die am Mittwoch eingeschaltet wurde, war von einer „Früüstücksüimmuna"
ß Tardieus
wenig zu spüren. Das ist erklärlich; denn was dort bisher geleistet und erledigt worden ist, betraf eigentlich nur Dinge, die im Rahmen des Young-Planes von minderer Bedeutung sind. Das wirklich Wichtige wird noch bearbeitet, beraten, abgeändert, umbeschlossen im Schoß der Unterkommissionen oder bei Sonderbesprechungen der Hauptdelegierten. Da wird mit zäher Energie gerungen — und als Deutscher darf man die frohe Feststellung machen, daß unsere Vertreter an Zähigkeit den andern, der Gegenseite, nichts nachgeben. Das hat drüben einiges Erstaunen hervorgerufen. Hat sogar zu Äußerungen eines unverhohlenen Unmuts geführt, die aber sofort durch deutlichste Entgegnungen des deutschen Außenministers pariert wurden.
Das eine hat die deutsche Delegation kurz vor der Pause, die wie ein Atemholen vor den entscheidenden Auseinandersetzungen ist, doch noch zu spüren bekommen: die Gegenseite ist fest geschlossen — ob sie auch fest entschlossen ist, aus einer Verständigung ein Diktat zu machen, kann erst der Verlauf der nächsten Tage zeigen. Auch jene Äußerungen des Unmuts — gerade, weil sie aus dem Munde des französischen Ministerpräsidenten gefallen sein sollen — braucht man nur als taktische Manöver, als Finten in diesem Florettkampf zu werten, kaum als ernsthaft gemeinten Hieb. Sehr viel unerfreulicher ist es natürlich, wenn Tardieu in einer Besprechung mit den Vertretern der französischen Presse — also doch für die ganze Öffentlichkeit bestimmt — die Äußerung getan hat, Deutschlands Delegation mache auf ihn „einen unklaren Eindruck und das habe ihn zu der Frage bewogen, welche Kräfte eigentlich hinter ihr ständen." Das bedeutete den Versuch, auf deutscher Seite eine Art Verwirrung zu konstruieren, die gar nicht da ist, denn in voller Klarheit und voller Einigkeit steht die Delegation und stehen alle deutschen Parteien — selbstverständlich auch jene, die an sich Gegner des sondern sehr einfachen Standpunkt, daß Deutschland nicht hinauszugehen willens ist über die Linie hinweg, die von den Sachverständigen in Paris und denen von der ersten Haager Konferenz gezogen worden ist.
Plänkeleien, Vorfeldgefechte, Abtasten der Front — schön! Laut Anerkennung der Gegenseite haben die deutschen Delegierten ihre Nerven durchaus nicht verloren. Das haben sie auch deutlich zum Ausdruck gebracht und seelenruhig die Vorstöße abgewetzt t, die überaus bedeutsame und für Deutschland folgenschwere Abänderungen des Noung-Planes bezweckten. So die aktive Zusatzverpfändung der größten indirekten Steuern Deutschlands. Einen zweiten gleichartigen Versuch hinsichtlich der Reichsbahn. Gerade bei den Verhandlungen mit Belgien und mit Polen nach der ersten Haager Konferenz hat Deutschland ein so großes Entgegenkommen gezeigt, hat für die andern „fchon so viel getan, daß ihm zu tun nun nichts mehr übrigbleibt", um den „Faust" in leichter Abänderung zu zitieren.
Der eigentliche Ansturm der Gegner, der Generalangriff kommt ja nun erst nach der Pause, wenn es sich um die Frage des „S a n k t i o n e n r e ch t s" handelt, das wenige Tage vor Beginn der Konferenz wie auf Kommando — vielleicht kann man sich dieses „wie" auch sparen! — in die politische Debatte geworfen worden ist. Hier dreht es sich nicht bloß um den Kernpunkt des Noung-Planes, hier handelt es sich um den Geist des Ganzen. Und demgegenüber ist auch die hartumstrittene Frage des Moratoriums und seiner Folgen nur eine solche zweiten Ranges, ist es weniger wichtig, darüber eine Entscheidung zu treffen, ob im Falle eines solchen Moratoriums die ausgelaufene Summe nun sofort oder erst allmählich von Deutschland abzuzahlen ist.
Hoffentlich wird jener schon recht arg ins Gedränge geratene Geist nun nicht ganz ausgetilgt. Die Entscheidung hierüber wird wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen, eine Entscheidung, über die man als Überschrift wohl setzen darf: Versailles oder Noung-Plan?
KraKzKßschs SÄtskiisnsvorfchläge.
Verhandlungen mit den Deutschen.
Der Haager Sonderberichterstatter der Agentur Havas meldet, daß die französische Delegation unter dem Vorsitz Tardieus Mittwoch zufammengetreten sei, um ihre Stellungnahme zur künftigen juristischen Ordnung zwischen Deutschland und seinen Gläubigern auf Grund der Inkraftsetzung des Noung-Planes festzustellen. Es handelt sich darum, zu beschließen, unter welchen Bedingungen aufs neue Sanktionen gegen Deutschland im Falle, daß Deutschland einen Verstoß gegen seine Ver- iflichtungen begehe, in Frage kommen könnten. Die ranzösische Regierung habe die Schaffung einest be- onderen Schiedsgerichts vorgeschlagen, doch fei diese Neuerung von den Vertretern Deutschlands abgelehnt worden. Sie hätten die Ansicht vertreten, daß es unnütz sei, ein neues Rechtsverfahren zu schaffen, da ja der Internationale Gerichtshof diese Ausgaben erfüllen könnte. Die französische Delegation habe sich diesem Vorschlag, der alle Garantien gebe, angeschlossen. Wenn der Haager Schiedsgerichtshof fesistelle, daß Deutschland nicht zahle, so sei es klar, daß Deutschland damit selbst das Ioung- Plan-Abkommen zerreiße und die Gläubigermächte sich
alsdann wieder unter das allgemeine Regime des Ver- sailler Vertrages begeben würden.
Die französischen Vorschläge sollen am Mittwoch den Deutschen übermittelt worden sein. Wie weiter gemeldet wird, ist die für Mittwoch nachmittag vorgesehene Zusammenkunft zwischen Reichsaußenminister Curtius un» Tardieu verschoben worden, von deutscher Seite mit der Begründung, daß die Abordnung zunächst den französischen Notenentwurf in der Sanktionsfrage prüfe»
Tardieu bei Gnowden.
England an der Note über die Sanktionen unbeteiligt.
Im Laufe des Nachmittags fand eine Unterredung zwischen Tardieu und Snowden statt, in der, wie verlautet, Tardieu den englischen Schatzkanzler über den Inhalt des der deutschen Abordnung am Mittwoch überreichten Entwurfes über die Sanktionsfrage unterrichtet hat. Von englischer Seite wird ausdrücklich sestgestellt, daß die englische Abordnung an dieser Note nicht beteiligt ist.
Der Ausschutz für Ostreparationen ist am Nachmittag zusammengetreten, um den Entwurf zur Regelung der bulgarischen Reparationen zu erörtern.
Zehn Zahre Versailles.
Aufruf des Arbeitsausschusses Deutscher Verbände.
. Zum 10. Januar 1930, dem Jahrestage der Inkraftsetzung des Versailler Diktats, wendet sich der Arbeitsausschuß Deutscher Verbände mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit, in dem er einleitend auf die Bedeutung dieses Tages und den Anspruch des deutschen Volkes auf Revision des Versailler Diktats sowie fernerhin auf die Notwendigkeit des Kampfes gegen die Kriegsschuldlüge hinweist. Der Kampf gegen die Kriegsschuldlüge müsse, so heißt es zum Schluß, nachdem die historische Forschung die Waffen geschmiedet und geschärft habe^politisch fortgeführ: werden, bis der deutschen Forderung Kampf müsse Sache des gesamten deutschen Volkes sein, ohne Rücksicht auf Partei, Konfession und Stand:
Die Danziger Deutschnationale Volkspartei zum 10. Januar.
Auch der Landesverband Danzig der Deutschnationalen Volksparte, erläßt aus Anlaß der zehnjährigen Losreißung der Stadt Danztg vom Deutschen Reich am 10. Januar eine Kundgebung, in der es u. a. heißt: „In tiefem Schmerz gedenken wir gemeinsam mit allen deutschfühlenden Bewohnern Danzigs dieses Trauertages Die deutschgesinnte Bevölkerung Danzigs wird sich nie mit dem Schicksal, das über sie verhängt wurde, abfinden. Aus unserer großen deutschen Vergangenheit werden wir die Kraft im Kampf um die deutsche Zukunft Danzigs, von der wir die Wiedervereinigung mit dem Deutschen Reiche erwarten, schöpfen."
Kundgebung des Deutschen Ostmarkenvereins.
Der Deutsche Ostmarkenverein veröffentlicht zum 10. Januar, dem 10. Jahrestag der Jnkrafttretung des Versailler Diktats, eine Kundgebung, in der es u. a. heißt: Aufgebaut auf der Lüge von der Alleinschuld Deutschlands am Weltkriege habe das Versailler Diktat unter Nichtachtung der Bedingungen des Waffenstillstandes die Deutsche Ostmark zerrissen. Große Teile seien von ihr ohne Rücksicht auf das S e l b st b e st i m m u n g s r e ch.t der Völker und die geschichtliche Entwicklung abgetrennt worden. Das zusammengehörige Oberschlesien sei auSeinandergerissen, Ostpreußen sei durch den Polen zugeteilten Weichselkorridor vom Reiche getrennt. Die in Polen verbliebenen Deutschen würden
mit allen Mitteln bedrückt und verfolgt.
Immer unverhüllter strecke Polen seine Hand nach rein deutschem Besitze aus, schon werde eine von fanatischem Haß geleitete Agitation in weiten polnischen Kreisen getrieben, um das umklammerte Ostvreutzen, um das ganze Oberschlesien, ja um Schlesien überhaupt b t s zur Oder zu Bestandteilen des Polnischen Staates zu machen. Diese Bestrebungen seien doppelt gefährlich, weil die wirtschaftliche Bedrängnis im Deutschen Reich das -ystematische, zielbewußt von allen polnischen Organisationen ^förderte Vordringen des polnischen Besitzes aus deutschem Boden begünstige. Deutschland, das im Osten unter den schwersten Opfern an Gut und Blut ein deutsches kulturelles und wirtschaftliches Bollwerk geschaffen habe dürfe seine Söhne und Töchter dort in ihrem Kampfe nicht im Stich lassen. Der Deutsche Ostmarkenverein fordert cue R e v t s, o n der B e st i m m u n g e n des Vertrages von Versailles über den deutschen Osten.
Die KtotFenabrüstungskonferenz.
Macdonald optimistisch.
Im Verlaufe eines Interviews äußerte sich der englische Premierminister Ramsay Macdonald optimistisch über die bevorstehende Flottenabrüstungskonferenz, obwohl in einem oder zwei Fällen infolge der verschiedenen Verhältnisse in einzelnen Ländern Schwierigkeiten beständen. Er fügte hinzu, Grotz-Britannten sei im vollen Einverständnis mit der Admiralität zu beträchtlichen Einschränkungen bereit, ohne daß die Sicherheit des Britischen Reiches in Frage gestellt würde. Aber diese Einschränkungen müßten im Rahmen eines internationalen Abkommens vorgenommen werden. Kein Land kann über das hinausgehen, was vernünftigerweise für feine nationale Sicherheit nötig ist.
Der Louvre um eine halbe Million betrogen.
Ein Verwaltungsbeamter des Louvre ist nach einer Meldung aus Paris verhaftet worden. Wie es heißt, werde» ihm erhebliche Verfehlungen zur Last gelegt. Die in Frag« kommende Summe soll sich auf rund eine halbe Million Frank belaufen. .....