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Sturmschaden in Hamburg.

Die Sturmverwüstungen in England und in Frankreich, z Hamburg wurde Sonntag abend von einem heftigen

Sturm heimgesucht. Mehrere im Hafen liegende Fahr­zeuge — meist kleine Schiffe — wurden von ihren Ver- täuungen losgeriffen. Der italienische Dampfer „Sau Terenco" geriet ins Treiben, wurde aber von drei Schleppern wieder an seinen Liegeplatz gebracht. Durch den Sturm wurden besonders auch auf dem „Dom", der berühmten Hamburger Weihnachtsmesse, wo die Schau­steller bei den Abbruchsarbeiten beschäftigt waren, große Verheerungen angerichtet. Eine Autobahn stürzte voll­kommen zusammen. In allen Stadtteilen zeugten herab- geschleuderte Ziegel, Dachschiefer, Schornsteinrohre, Dach­rinnen, Firmenschilder, herausgedrückte Fensterscheiben, abgebrochene Äste und Zweige von dem Wüten des Sturmes.

über neue große Sturmverwüstungen wird von der West- und Südwestivste Frankreichs berichtet. In Samt Omer wurde der Turm einer Kirche kurz vor Beginn der Messe eingerissen. Ein zwischen Calais und Anvin verkehrender Lokalzug wurde durch den starken Sturm zum Stehen gebracht; ein Wagen wurde um- geworfen. Vier Reisende sind verletzt worden.

In M a n ch e st e r stürzte während des Sturmes ein Haus ein. Eine Frau und ihre sechsjährige Tochter wurden getötet, vier Kinder wurden verletzt. Auch aus Belgien

kommen Meldungen von einem Orkan, wie man ihn feit D langer Zeit nicht erlebt hat. Kirchcndäcker wurden ab­gedeckt, alte Bäume wurden entwurzelt, Telegraphen- stangen stürzten auf Bahngleise und machten jeden Verkehr nnmöglich. Von überall wird gemeldet, daß Personen durch Schornsteine und Dachziegel, die herabstürzten, mehr oder minder schwer verletzt worden sind. In den Häfen voit Antwerpen und Ostende wurden viele Schiffe Z bescbädiat.

Schiffe in Seenot.

j | Folgeerscheinung des Sturmes.

Während des im Kanal herrschenden Sturmes wurde an der Küste der Grafschaft Kent ein vom Unwetter offen­bar stark mitgenommenes Schiff beobachtet. Von Deal in England aus eilte ein Rettungsboot dem Schiff zu Hilfe, ? bei dem es sich um einen dreimastigen Motorsegler aus Z Ha m b u r g handelte, der anscheinend durch den Sturm an die englische Küste verschlagen worden war. Das Deck des Seglers war mit Trümmerstücken besät, die in wirrem Durcheinander über die Reeling hingen, so daß die Mann­schaft des Rettungsbootes den Namen des Schiffes nicht feststellen konnte. Die Kommandobrücke und die übrigen Deckaufbaucen waren schwer beschädigt. Der Kapitän des Seglers lehnte die angebotene Hilfeleistung ab.

Bei der Hafenbehörde von Brest ist ein Notsignal des Schiffes „Aghia Farina" eingetroffen, das 150 Meilen südwestlich von Quessani mit gebrochenem Steuerruder treibt. Ein Schlepper ist zur Hilfeleistung ausgelaufen. — Ein polnischer Dreimaster befindet sieg fünf Meilen von Fensmark ebenfalls in Seenot. Ein Motorrettungsschiff ist zu seiner Hilfeleistung abgegangen.

Krawall im Kieler Rathaus.

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In der Montagsitzung der Kieler Stadtkollegien, in der dt« Einführung von sieben neugewählten unbesoldeten Stadträten durch den Oberbürgermeister erfolgte, wurden mehrere Anträge der Kommunisten, die den Unterstützungsempfängern beson-i dere Beihilfen bringen sollten, abgelehnt. Darauf entstand auf' den Tribünen, wo sich zahlreiche Angehörige der K. P. D. Un­gesunden hatten, ein wüster Lärm. Es wurden Stink­bomben in den Saal geworfen und Feuerwerks­körper zur Explosion gebracht. Der Oberbürgermeister unterbrach die Sitzung und lieh die Tribünen durch Polizel- beamk räumen. Der Tumult setzte sich jedoch auch noch im Treppenhause des Rathauses fort. Auch dort wurden Feuer- werkskörper geworfen, bis das Rathaus völlig geräumt wurde.

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Senator Frederic Stufett wird Nachfolger des zur^.ckgetreieueu amerikanische» Bot­schafters Schürm.an in Berlin.

pvliiische Rundschau

Deutsches Reich

Kein Abbruch der deutsch-polnischen Handelsvertragsver- Handlungen.

Entgegen polnischen Meldungen wird an zuständiger Stelle in Berlin erklärt, daß die deutsch-polnischen Handelsvertragsverhandlungen fortgeführt würden. Es entspreche infolgedessen nicht den Tatsachen, wenn die polnische Presse von einem Abbruch der Verhandlungen rede.

Volksparteiliche Kundgebung für Staatssekretär Schmid.

Der Geschäftsführende Vorstand der Deutschen Volks­partei des Wahlkreises Düsseldorf-Ost faßte nach eingehen­der Besprechung der politischen Lage einstimmig eine Entschließung, in der er den beiden Abgeordneten des Wahlkreises, Staatssekretär Schmid und Köngeter, für ihre Haltung bei den letzten politischen Vorgängen im Reich und für die Ablehnung des Vertrauensvotums in der Reichstagssitzung vom 14. Dezember einstimmig seine vollste Billigung und seinen Dank ausspricht. Weiter wird in der Entschließung Einspruch erhoben dagegen, daß Staatssekretär Schmid wegen der Abstimmung zum Volksbegehren in seiner Beamteneigenschaft zur Verant­wortung gezogen wurde, und die Erwartung aus­gesprochen, daß er in seine bisherige Amtstätigkeit, aus der Schmid mittlerweile geschieden ist, zurückkehren kann.

Aus In- und Ausland

Berlin. In der Nähe des Görlitzer Bahnhofs kam es in der Nacht zu einer ziemlich lebhasten Schießerei zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten. Vier Personen wurden teilweise schwerverletzt ins Krankenhaus ge­bracht. Vier Nationalsozialisten wurden als mutmaßliche -£^%Jil$fl?rcoff^ -stq^nniy, ym- Bi'ir'^mmmm um Generalsekretärs des Völkerbundes, an alle Mitglied- und Nichtmitgliedstaaten des Völkerbundes einen Vertreter zur Vorkonferenz über den Z o l l f r i e d e n zu entsenden, zustim­mend beantwortet.

Berlin. Die kommunistische Rote Fahne bezeichnet das vom Hamburger Anzeiger veröffentlichte Rundschreiben über die Vorbereitung eines kommunistischen Aufstandes als Fäl­schung. Das gleiche erklärt der als Unterzeichner auf- geführte kommunistische Rechtsanwalt Obuch.

Amsterdam. Nach Meldungen aus Batavia nahm die Polizei in ganz Niederländisch-Indten unvermutet Haussuchungen bei den bedeutsamsten Führern der nationali­

frischen Bewegung vor. Das Vorgehen der Polizei ist auf die verstärkte Propaganda, die in letzter Zeit unter der Ein­geborenenbevölkerung entfaltet wurde, zurückzuführen.

Paris. Dem „Echo de Paris" zufolge beabsichtigt de' japanische Botschafter in Paris, Adatschi, seine: Posten zu verlassen, um das ihm angetragene Amt eines Richters am Ständigen Internationalen Gerichtshof im Haag zu übernehmen

London. Amtlich wird mitgeteilt, daß der Hafen von A g a d i r am 1. Januar für die Handelsschiffahrt geöffnet werden wird.

Sofia. Wie aus Angora gemeldet wird, ist dort ein bul- garisch-türkifcherVerirag über die Auslieferung von Verbrechern unterzeichnet worden.

Kairo. Man erwartet, daß Ministerpräsident A d l y Pascha seinen Rücktritt erklären und daß König Fuad entsprechend der konstitutionellen Gepflogenheit den Führer ^ SUM.eitM^^ Pascha, mit der Bildung des Kabinetts

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xnssibirische Verkehr zwischen China

und Europa tou am 10. Januar wieder ausgenommen.

Diese Nachricht beruht auf Mitteilungen russischer Beamter der Chinesischen Ostbahu. Der erste Zug soll die chinesischen Bevollmächtigten zur Moskauer Kouserenz befördern.

„Es lebe die Revolution!"

Hissung einer indischen Nationalflagge in Lahore.

Anläßlich der Eröffnung des Indischen Nationalistischen Kongresses erfolgte als symbolischer Eröffnungsakt die Hissung der sogenannten indischen Nationalflagge. Etwa 30 000 Inder, darunter auch 5000 Frauen, wohnten der Szene bei, die mit dem Rufe „Es lebe die Revolution!" ausgenommen wurde.

Schließlich durchbrachen die Z u s ch a u e r m a s s e n den P o l i z e i k o r d o n. Bei vielen war die Erregung so über­mächtig, daß sie besinnungslos zu Boden sanken. — Der lei­tende Ausschuß des Kongresses nahm nach zehnstündigen Be­ratungen den Antrag Gandhis an, in dem bekanntlich Ein­treten für die v o l l st ä n d i g e U n a b h ä n g i g k e i t Indiens gefordert wird.

Felssturz auf Helgoland.

Wie aus Hamburg gemeldet wird, stiizten an der Südseite der Insel Helgoland oberhalb des Badehauses große Fels­massen ab. Dabei wurde das Wasserbehälterhaus-des Reichs­fiskus und zwei Schuppen vollständig zerstört. Men­schenleben sind nicht zu beklagen.

Dammbruch in Belgien.

Der Damm einer Kläranlage bei Charleroi, die mehrere tausend Kubikmeter Flüssigkeit enthielt und sich in einer Höhe von einigen hundert Metern befand, brach unter dem Druck des Wassers. Dieses floß mit rasender Geschwin­digkeit den Hang hinunter nach dem Dorfe Couillet und riß Kohlenhalden sowie Massen von Erde und Kies mit sich. Das Wasser drang in etwa zehn Häuser ein, wo es 1% Meter hoch stieg, so daß die, Bewohner flüchten mußten. Der Schaden kann noch nicht geschätzt werden.

Die Tat eines Geistesgestörten.

Anschlag auf den österreichischen Vizekonsul in Danzig.

Der Chauffeur Kasimir Schulz gab auf den österreichischen Vizekonsul in Danzig, Arno Meyer, und dessen Schwester, in deren Diensten er stand, zwei Schüsse ab. die jedoch ih. siel verfehlten. Der Täler brächte sich darauf einen S ch u ß ut die Schläfe bei und wurde in schwer verletztem Zustande ins Krankenhaus eingeliefert. Die Beweggründe für die Tat -rmimen -rwu- seschrpeni-rEven, wmh wl-rin aNMlommen, vaß Schulz in einem Anfall plötzlicher Geistesverwirrung ge­handelt hat.

Personenauto in den Rhein gestürzt.

Zwei Tote, zwei Schwerverletzte.

Ein mit fünf Personen besetztes Mieisauto sauste am Hafenkops von Emmerich die steile Böschung hinunter und stürzte in den Rhein. Der Zollbeamte Arndt und ein Fräu­lein Baumann konnten nur als Leichen geborgen werden, während zwei weitere Insassen mit lebensgefährlichen Ver­letzungen ins Krankenhaus geschafft wurden.

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ROMAN V.3.SCHNEIDER-FOERSTL

Urheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau Sa.

(26. Fortsetzung.)

Mit ihrer Selbstbeherrschung war es zu Ende. „Du bist eben ein Narr!" Ihre Stimme schrillte. „Der gleiche Narr, der du warst, ehe du nach Indien gingst! — Du hast nichts dazu gelernt. Nicht das Geringste! — Jeder andere würde sich nehmen, was ihm gehört, jedem starken Arm würde ich mich beugen--aber einer Memme, wie du--"

Sie kam nicht weiter.

Zwei eiserne Hände drückten ihre Achseln zurück; zwei Arme preßten sie so fest gegen einen Leib, daß ihr Kopf wehrlos gegen die Brust des Mannes glitt, der wieder und wieder feine Lippen in die ihren wühlte, bis sickernde Tropfen Blutes auf sein weißes Hemd rannen.

Mit keuchenden Lungen gab er sie frei, daß sie taumelnd Halt an der Marmorverkleidung der Heizung suchen mußte.

Ihr Gesicht war eine einzige entstellte Linie, während das seine totbleich von der roten Tapete der Wand abstach.

„Entschuldige--wenn ich zu weit ging!"

Sie mied es, ihn anzusehen und tupfte mit ihrem Taschen­tuch das Blut aus den Riffen, die ihre Lippen davongetragen hatten.

Er griff nach der Wasserkaraffe auf dem Tische, goß ein Glas davon ein und reichte es ihr. Der Inhalt schwankte durch das Zittern seiner Finger auf und nieder. „Trink, bitte!" Er starrte nach ihren Oberarmen, auf deren weißer Haut sich seine Finger abprägten. „Vielleicht legst du etwas Puder darüber. Er fühlte, wie ihn eine Art Schwindel er­faßte und ihn nach rückwärts taumeln ließ. „Du hast mich soweit gebracht — daß ich vergaß — wie rechtlos ich bin."

Unter halbgeschlossenen Lidern sah sie nach ihm hinüber. „Es fehlt nur noch, daß du sagst, wir leben im Konkubinat und ich müßte mich schämen, wenn dich jemand aus meinen Zimmern gehen fielst/

Er verblaßte bis in die Lippen, fühlte, daß er unfähig war, die Füße vorwärts zu fetzen und benützte die beiden Seiten­lehnen des Stuhles als Ruhepunkt. „Vielleicht entschuldigst du für heute, es wäre mir unmöglich, jetzt mit Bernd zu- fammenzutreffen."

„Hans Peter!"

Er bricht zusammen, dachte sie und machte erschrocken

einen Sprung nach ihm hin. „Gott, der Junge ist doch keine zehn Jahre mehr. — Komm herüber in mein Schlafzimmer, bitte und bring dein Haar in Ordnung Vielleicht nimmst du einen Schluck Kognak. So kannst du dich ja gar nicht sehe« lassen."

Wie ein Nachtwandler ging er neben ihr her, sah den intimen Raum, der den Duft ihrer ganzen Persönlichkeit aus- strömte und mußte den Kopf etwas hintenüber legen. Sie reichte ihm ihre weiße Bürste und entfernte ein Blondhaar, das sich an seinem Aermel verfangen hatte.

Ein undefinierbares Zucken blitzte um ihren Mund, als sie ihm jetzt ein Glas Kognak an die Lippen hielt

„Ich danke dir, Brunhilde!" Er hob ihre Finger hoch und konnte nicht verhindern, daß sie dabei das Hämmern feines Blutes fühlte, das durch feine Adern raste.

„Wäre es dir lieb, wenn ich hier in meinen Zimmern servieren ließe?"

Eine Welle Blutes jagte über fein noch eben fahles Gesicht.

Sie hatte schon auf die Klingel gedrückt: „Friedrich soll in meinem kleinen Salon decken," befahl sie dem eintretenden Mädchen. „Sagen Sie es auch dem jungen Herrn Baron, er möchte heraufkommen, damit er nicht vergeblich wartet."

Als Bernd einige Minuten später eintrat, sah er die Eltern in ruhigem Gespräch an dem kleinen, runden Tische sitzen, den Friedrich in aller Eile geordnet hatte. Der Vater war zwar etwas blaß und wortkarg, aber dafür trug das Gesicht der Mutter einen frohen. beinahe belustigten Ausdruck.

Es wurde ein selten schöner Abend, wie man ihn noch nie erlebt hatte, seit Anstetten aus Indien zurück war. Bernd küßte seine Mutter beim „Gute Nacht" sagen mit solchem Ungestüm, daß sie sich seiner kaum zu erwehren wußte.

Anstetten löschte im Schlafzimmer sofort das Licht und warf sich ruhelos von einer Seite nach der anderen: „Hans Peter! — Verzeihe mir, Hans Peter! — Aber es war stärker als alles!"

Bernd hörte den Vater stöhnen und richtete sich in den Kissen auf: „Bist du nicht wohl, Papa?"

Als keine Antwort kam, ließ er sich wieder zurücksinken.

Der Mann, welcher da Seite an Seite mit ihm schlief, mußte sich ganz allein durch diese Not seines Lebens kämpfen

*

*

In Frau Brunhildes großem Schrankzimmer standen die Kosfer aufgetürmt. Die Riesendimensionen der beiden Hut­schachteln nahmen sich dazwischen aus wie die Trommeln einer Regimentskapelle. Mitten durch all den Wirrwarr der Garderobe flitzte das schlanke Persönchen der Zofe und schleppt» all das „Unentbehrliche" herbei, das eine schöne Frau benötigt, wenn sie auf Reisen geht.

Brunhilde hatte am Morgen von ihrem Vater, dem

Genera: Lätzen, einen zwar kurzen, aoee »ch: in^dw-mcyen Brief bekommen, der sie und ben Jungen einlud mit ihm einige Wochen in Ostende zu verbringen.

„Ich denke, du wirst nichts dagegen haben," mit Diesen Worten hatte sie dem Gatten beim Mittagstisch darüber Bericht erstattet.

Er war für den Moment etwas überrascht gewesen und hatte zu Bernd hinübergeblickt. „Mußt du nicht bei Schul­beginn zurück sein?"

„Ich bleibe natürlich bei dir, Papa."

„Natürlich!" hatte die Mutter verärgert herausgestoßen. „Du bist ohne Zweifel ein sehr guter Sohn, Bernd "

„Mama, du wirst mich nicht entbehren. — In Ostende nicht," setzte er rasch hinzu. „Wenn Papa fortführe, und du bliebest zurück, würde ich dich auch nicht allein lassen, sondern hier bei dir bleiben."

„Schön, ich will es also glauben. Zum Klassenbeginn kommst du jedenfalls nach Hause."

Mehr wurde nicht gesprochen. Brunhildes Nerven fieber­ten. Der Vater ahnte nicht, wie sehr ihr seine Einladung gelegen kam. Einmal brauchte sie in Ostende nicht zu fürchten mit Oertzen zusammenzutreffen und andererseits war sie auch nicht mehr gezwungen, bei den Mahlzeiten das zermürbte Gesicht ihres Mannes sich gegenüber zu sehen, das sie noch bis in ihre Träume verfolgte.

Die Zofe war beauftragt worden, die Route heraus- zusuchen, fand sich aber in dem Ungetüm von Fahrplan nicht zurecht und rief die Hilfe der Gebieterin an. Brunhilde riß ihr das Buch gereizt aus den Händen: „Gott, was sind Sie ungeschickt!"

Aber auch ihre eigenen Versuche, Klarheit in das Strecken­gewirr zu bringen, scheiterten. Wofür hatte man schließlich einen Mann, der sechs Jahre lang ein Globetrotter gewesen war. Sie sah sich gezwungen nach dem Westflügel hinüber- zugehen und seinen Rat zu holen.

Es war schon etwas nach elf Uhr, als sie in sein Arbeits­zimmer trat Er saß mit dem Rücken gegen die Türe an seinem Schreibtisch und hatte die beiden Ausgabebücher vor sich liegen. Als sie nähertrat, merkte sie, daß er schlief. Der Kopf war etwas seitwärts gegen die hohe Lehne geglitten und die Hände herabgefallen

Wie schlecht er aussieht, dachte sie, vielleicht kam über kurz oder lang das Fieber wieder zum Ausbruch. Sie wußte, daß es sich zeitweise wiederholte. Das eine Fach des Schreibtisches war aufgezogen und zur Hälfte wieder geschloffen worden. Der blauschivarze Lauf eines Revolvers schillerte drohend auf. Ihr Erschrecken dauerte nur Sekunden Gott, schließlich war nichts dabei, wenn ein Mann einen Browning in seinem Schreibtisch liegen hatte. (Fortsetzung folgt.)