yersfelöerTageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt
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Rr. 280
Freitag, den 29. November 1929
19. Jahrgang
Rußland als Sieger.
Die Sache da hinten in der Mandschurei fing doch an, einigermaßen brenzlig zu werden. In China, wo es so viele Generale wie anderswo Brombeeren gibt, ist wieder einmal eine der dort so beliebten Revolutionen ausgebrochen und die Nankingregierung brauchte ihre besseren Truppen — und Geld —, um die aufständischen Generale zu bekämpfen. Da sind denn hoch oben im Norden der Mandschurei längs der Ostchinesischen Bahn, die ja das Streitobjekt bildet, die russischen Truppen kräftig v o r- g e st o ß e n , unterstützt mit allen Mitteln moderner Kriegführung und zweifellos nicht gerade unter Beobachtung übermäßig humaner Kriegsmethoden. Die sich auf der Photographie und im Film recht gut ausnehmenden chinesischen Truppen haben es vorgezogen, dem Kampf aus dem Wege zu gehen, besonders, da die Russen es verstanden, die mongolischen Tungusen — ein überaus un- fympathifches Räubervolk, das aus seinen Gefangenen eine Art Hackfleisch zu machen pflegt und daher der Schrecken der nordwestlichen Mandschurei ist — gegen die Chinesen in Bewegung zu setzen. Infolgedessen rissen nicht nur die Truppen aus, sondern auch die Bevölkerung wurde von der in solchen Fällen üblichen, diesmal aber besonders berechtigten Panik ergriffen und floh nach Süden.
Die Politik der chinesischen Zentralregierung ist ein bißchen unverständlich. Man mußte in Nanking, als entgegen dem 1924 mit Moskau abgeschlossenen Vertrag die russische Verwaltung der über chinesisches Gebiet von Mandschurin — der letzten sibirischen Station — über Charbin nach dem einzigen russischen Hafen im Stillen Ozean, Wladiwostok, gehenden Bahn teils verjagt, teils gefangengesetzt wurde, das eine vor allem doch wissen, daß die Moskauer Regierung sich diesen Vertragsbruch nicht gefallen lassen würde. Es ist ja ein paar Monate mit Hilfe Deutschlands hin und her verhandelt worden, bis die Sowjetregierung die Gelegenheit gekommen sah, die Chinesen anstatt mit Noten erfolgreicher mit Kanonen und Flugzeuggeschwadern zu bombardieren. Die an der Ent- Wicklung der Dinge im Fernen Cikr besonders, interessierten drei Machte England,Amerika und Japan be- gnügten sich aber, nur zuzusehen; heimlich mögen sie alle der Nankinger Regierung, die ja Chinas Selbständigkeit zu verteidigen und durchzusetzen als ihre Hauptaufgabe betrachtet, diese Niederlage wohl gönnen.
Zwar hat nun China sich an den Völkerbund und vor allem nach Washington — wegen des Kellogg-Paktes — um Unterstützung gewandt, aber das Zutrauen zu einem wirklichen, vor allem aber sehr baldigen Erfolg dieses Schrittes scheint in Nanking nicht übermäßig groß gewesen zu sein. Man hat es vielmehr vorgezogen, die Russen von Mulden aus direkt u m W a f f e n st i l l - st a n d zu bitten. Und es ist den Russen zuzugestehen, daß sie durchaus keine harten Bedingungen gestellt haben; sie verlangen einfach die Wiederherstellung des Zustandes, wie er vor dem Ausbruch des Konfliktes vorlag. Also: Rückführung der russischen Eisenbahn- Verwaltung und Freilassung aller Angehörigen Sowjetrußlands, die von den Chinesen gefangengesetzt waren. Zwischen Moskau und Mulden, der Hauptstadt der Mandschurei, ist man schon in direkte Verbindung getreten, während die Haltung der Regierung in Nanking vorläufig natürlich noch unbekannt ist, man dort aber wohl auch kaum etwas anderes wird tun können als der General Tschanghuseliang, der in der Mandschurei kommandiert. nämlich die russischen Bedingungen anzunehmen.
In London, Washington und Tokio wird man aufatmen, denn es ist wohl allen drei Regierungen nicht gerade angenehm, das heiße Eisen der mandschurischen Frage anzufassen. Im englischen Parlament ist deswegen die Regierung interpelliert worden. Es wurde festgestellt — was ja objektiv richtig ist —, daß Sowjetrußland entgegen den Bestimmungen des Kellogg- Paktes, den es unterschrieben hat, zur Durchsetzung wirklicher oder vermeintlicher Rechtsansprüche gegenüber einer andern Macht zu unverhüllt kriegerischen Mitteln gegriffen hat. Der Außenminister Henderson erwiderte zwar, daß England bereit sei, irgendwelche Schritte diplomatischer Art — milzumachen, mußte aber feststellen, daß der Kellogg-Pakt keinerlei Vorschriften darüber enthalte, was nun eigentlich geschehen solle, wenn seine Bestimmungen wirklich oder anscheinend verletzt werden; nur das eine, daß ein derart vergehender Staat „aller Vorteile des Vertrages verlustig gehe" — woraus sich Sowjetrußland vermutlich recht wenig machen wird! Den Völkerbund allerdings, so äußerte Henderson, wolle man bei dem Versuche, die Lage in Ostasien zu befrieden, denn lieber doch nicht bemühen.
Der Konflikt im Fernen Osten scheint also mit einem vollen Erfolg der Moskauer Regierung zu enden und der Versuch der Nankingregierung, aus der Mandschurei den russischen Fremdkörper der Eisenbahn- verwaltung zu entfernen, muß als mißglückt bezeichnet werden. Auch die erste größere Probe aufs Exempel, auf den Kellogg-Pakt nämlich, kann auch nicht unbedingt als geglückt angesehen werden. Eher — das Gegenteil!
China soltte „eine Lektion erhalten!"
Proklamation des Oberbefehlshabers der Sowjetarmee.
Der Oberbefehlshaber der Sowjetarmee im Fernen Osten hat eine Proklamation erlassen, in der es u. a. heißt: Wir haben die Chinesen auf zwei Fronten aenblaaen. Wir hätten
„ZesriedW der WWe« Lebens"
Der AeiHsrai genehmigt
das Republikschoßgefeß.
Keine Zuständigkeit des Reichsinnenministers.
Das seinerzeit vom Reichsminister Severing ange- kündigte neue Republikschutzgesetz, das an die Stelle des früheren, im Reichstage nicht mehr verlängerten treten soll, ist vom Reichsrat in der Ausschußfassung mit 50 gegen 16 Stimmen angenommen worden. Es wird nunmehr sofort bem Reichstage zugehen. Der Ausschuß hat in dem Entwurf eine Anzahl Veränderungen vor- genommen. An dem Grundgedanken, verfassungsän- dernde Bestimmungen zu vermeiden, ist festgehalten worden. Deshalb wird zur Annahme im Reichstage kein Zweidrittelmehrheit notwendig sein, an der die Verlängerung des alten Gesetzes bekanntlich scheiterte. Die Überschrift des Gesetzes wurde in den Ausschüssen in „Gesetz zum Schutz der Republik und zur Befriedung des politischen Lebens" umformuliert. Gegen das Gesetz stimmten im Reichsrat nur Bayern, Mecklenburg Schwerin und einige kleinere preußische Provinzen.
Der Kreis der Personen, der durch das Gesetz geschützt werden soll, ist in der Ausschußberatung wesentlich erweitert worden. Erhöhtes Strafmaß für Gewalttätigkeiten gegen Reichspräsidenten und Minister ist vorgesehen. Politische Beschimpfung verstorbener Reichspräsidenten und Reichsminister ist strafbar. Die Vorschriften über den Fortfall des Gehalts republikfeindlicher Beamter sind gestrichen worden. Der frühere Kaiserparagraph ist im Gesetz nicht mehr enthalten.
Zuständigkeit der Landesregierungen.
Die wichtigste Änderung gegenüber dem Regierungsentwurf erstreckt sich auf die Zuständigkeit des Reichs- H!llj|l^a™ro^^
den Feind bis Charbin verfolgen sönnen' begnügen uns aber damit, China eine Lektion gegeben zu haben. Die Lage wird nur durch vollständige Ausführung der Verträge von Moskau und Mukden geändert werden können. Wenn China eine neue Lektion vermeiden will, so wird es ohne Verzug die früher bei der Chinesischen Ostbahn bestehende Lage wiederher- stellen, die russischen Gefangenen befreien, die Konzentrationslager öffnen, die Weißgardisten entwaffnen und die chinesischen Truppen von den Grenzen zurückziehen müssen.
Nach einer Meldung aus Charbin haben dreizehn russische Flugzeuge die Stadt Buchatu überflogen und das Hauptquartier der chinesischen Armee mit Bomben b e w o r s e n. Die Stadt wurde später von weiteren acht Flugzeugen überflogen, jedoch nicht mehr bombardiert. Man nimmt an, daß die Sowjetregierung die Chitnesen mit verstärkter Gewalt zur Annahme ihrer Bedingungen veranlassen möchten.
HmSsnSurg an Sen Papst.
Das Geschenk der Reichsregterung.
Donnerstag mittag überreichte der deutsche Botschafter von Bergen in Rom dem Papst ein Schreiben des Reichspräsidenten mit den persönlichen Wünschen des Reichspräsidenten und denen der Reichsregierung zu dem goldenen Priesterjubiläum des Papstes.
Daran schloß sich die Übergabe des Geschenkes der Reichsregierung an den Papst. Das Geschenk ist ein Duplikat des sogenannten roten Prnnktafelserviecs Friedrichs des Großen. Botschafter von Bergen hatte sich in Begleitung des Personals der Botschaft sowie des Vatikanreferenten des Auswärtigen Amtes, Gesandt- schaftsrats Klee, in den Vatikan begeben. Nach der Audienz fand die Besichtigung des Geschenks der Reichs- regiernng durch die Presse statt.
Die Gewerkschaften beim Wirtschafts- minister.
Wirtschaftspolitische Zusammenarbeit.
Der neue Reichswirtschaftsminister Dr. Moldenhauer empfing die Vertreter der drei gewerkschaftlichen Spitzenver- bände, der Freien Gewerkschaften, der Christlichen Gewerkschaften und des Gewerkschaftsringes. Der Minister betonte, daß er auf die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften großen Wert lege, da sein Ministerium nicht etwa ein Ministerium für die Arbeitgeber sei, sondern ein Ministerium für die gesamte Wirtschaft, und zur Wirtschaft gehörten ebenso wie andere Gruppen auch die Arbeitnehmer. Er stellte in Aussicht, von Zeit zu Zeit sich mit den Oührern der deutschen Gewerkschaften über die schwebenden ragen der Wirtschaftspolitik auszusprechen. Die Wortführer der verschiedenen Gewerkschastsverbände äußerten sich dann über Einzelfragen.
• Die Vefreiungsfeier am Deutschen Eck.
Koblenz. Bei der Befreiunasseier, die in der Nacht zum 1. Dezember am Deutschen Eck stattfindet, werden die Reichsund die preußische Regierung durch den Minister für die besetzten Gebiete, Dr. Wirth, und den Kultusminister Dr. Becker vertreten sein; wahrscheinlich wird auch Wohlfahrtsminister Dr. Hirtsiefer an der Feier teilnehmen.
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Iinnenministers für das Verbot von Vereinen und Zeitungen. Die Zuständigkeit des Reichsinnenministers ist auf die Lnndcsbehörden übertragen worden. Für Meinungsverschiedenheiten ist als entscheidende Instanz das Reichsverwaltungsgericht eingesetzt worden.
In der Debatte wandte sich Staatssekretär Z w e i - gert gegen die Einschränkung der Zuständigkeit des Reichsinnenministers. Er bezeichnete sie als unzweckmäßig, namentlich wegen der in solchen Fällen gebotenen Eile. Der bayerische Gesandte v. P r e g e r kündigte Ablehnung dieses Antrages an. Der Antrag der Reichs- kegierung, die Zuständigkeit des Reichsinnenministers wiederherzustellen, wurde mit 38 gegen 25 Stimmen bei drei Enthaltungen abgelehnt. Unter den ablehnenden Stimmen waren diejenigen Bayerns und Sachsens.
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Sie Pensionen der Reichsminifier.
Der Reichsrat beschäftigte sich ebenfalls mit dem Ministerpensionsgesetz. Die wichtigste Bestimmung geht dahin, daß Reichsminister künftig nur noch Übergangsgeld erhalten, dessen Höhe sich nach der Amtsdauer richtet. In den Ausschüssen ist die Bestimmung über die Ruherente, die der Reichspräsident gewähren kann, insofern eingeschränkt worden, daß sie sich nur auf den Fall gesundheitlicher Schädigung bezieht.
Ein preußischer Antrag, die Ministerpension nach vierjähriger Dienstzeit beizubehalten, wurde mit 34 gegen 32 Stimmen abgelehnt. Der Gesetzentwurf wurde einstimmig angenommen. Ferner verabschiedete der Reichsrat eine Verordnung über den Luftverkehr, die dem starken Ansteigen dieses Verkehrs gerecht werden soll. Auch wurde die Mitteilung der Reichsregierung entgegen« genommen, daß her vom Volksbegehren geforderte Gesetzentwurf dem Reichstage zugcgangeu ist.
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Die Zukunft der Wolgadeutschen.
Die Flüchtlinge können jede Stunde eintreffen.
Das Hammersteiner Lager wird schon in den nächsten Tagen der Direktion des Flüchtlingslagers übergeben werden. 150 Mann sind unermüdlich bei der Arbeit. Zwei volle Transporte in Stärke von etwa 1000 Emigranten können bereits gut untergebracht werden. Die Verpflegung der ersten Transporte ist in ausreichendem Maße sichergestellt. In hygienischer und sanitärer Hinsicht sind alle erforderlichen Maßnahmen getroffen. Man ist
jedem Eventualfall gewachsen.
Das Lager wird von zwei Ärzten betreut werden. Für Krankenpflege sind weiterhin sechs Rote-Kreuz-Schwestern angefordert worden. Bei der Herrtchiung der früheren Mannschaftsbaracken hat man auf möglichste B e q u e m l i cb k e i t für die Emigranten Bedacht genommen. Kleinere Mann- schaftsstuben werden zur Unterbringung je einer Familie dienen. Die größeren Stuben der Mannschafts- und Offiziersbaracken werden durch Bretterwände geteilt. In den nächsten Tagen wird das Lager noch soweit ausgebaut, daß es vorläufig 5 0 0 0 Flüchtlinge, im Notfalle auch noch eine weit höhere Zahl, aufnehmen kann. Mit der Ankunft der Flüchtlinge rechnet man zu jeder Stunde.
„Beschämend für England."
Das fest gehaltene deutsche Eigentum.
Der konservative Lord Buckmaster griff im Englischen Oberhaus die Regierung heftig an wegen ihrer Weigerung, das beschlagnahmte deutsche Eigentum zurück- tzugeben. England habe in dieser Frage einen schweren 'und nie wieder gutzumachenden Fehler begangen. In meinen Augen, sagte Lord Buckmaster, ist eine solche Handlung beschämend für England. Es wird mir schwer, mit der nötigen Mäßigung darüber zu sprechen. Das einzige Verbrechen dieser harmlosen und wehrlosen Leute besteht darin, daß sie Staatsangehörige einer besiegten Ration sind.
Der Regierungsvertreter bezeichnete Buckmasters Ausführungen als unberechtigt und stark übertrieben; sie seien geeignet, die deutsch-englischen Beziehungen und die Einstellung des deutschen Volkes gegen das englische nachteilig zu beeinflussen. Nach weiterer Debatte erklärte schließlich LordBuckmaster.die Regierungserklärung habe ihn keineswegs befriedigt.
^ Hoovers Aufbauprogramm.
Konferenzen mit Wirtschaftsführern.
Präsident Hoover setzte in Washington seine Besprechungen mit Führern der Wirtschaft wegen seines Ver- besserungs- und Aufbauprogramms fort. Für das nächste t Jahr sind für den Ausbau von elektrischen Kraftwerken, Gas- - werken und Straßenbahnunternehmungen nahezu zwei Millionen Dollar Ausgaben vorgesehen, eine Mehrausgabe von über 100 Millionen Dollar für dieselben Zwecke gegenüber diesem Jahre.
Das Kriegsmtnisterium hat zur Unterstützung des neuen Wirtschaftsprogrammes alle Armeekorps angewiesen, die in ihren Bezirken geplanten Bauarbeiten, sofern Geldmittel zur Verfügung stünden, sofort in Angriff zu nehmen.