HersfelöerTageblatt
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hersfel-er Kreisblatt
Amtlicher Mzeiger für den Kreis Hersfelö mit Den Beüaaes: IlluKrierles Anterhattuagsblalt / Nach Fsierabeav / Hsb and Gcholle / Hateebettnnfl nnD Wissen Belehrung und Karrwell / Wirtschaftliche Tagesfragev.
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Rr. 276
Montag, den 25. November 1929
7S. Jahrgang
Wachsende Schwierigkeiten.
Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht die Zeitung Mitteilung machen muß vom Zusammenbruch irgendeines Bankgeschäftes. Fast unbeachtet schwinden die Kleinen von der Oberfläche des Wirtschaftslebens, aber so manche Bank hat zahlreiche Existenzen in den Strudel des Ver- sinkens hineingerissen. Und was das traurigste, das volkswirtschaftlich verhängnisvollste dabei ist: ob in Lübeck oder Freiburg, ob in Kassel oder Schneidemühl, ob in Berlin oder draußen im Reich — sehr bald naht beflügelten Schrittes die Kriminalpolizei, der Staatsanwalt, der Untersuchungsrichter. Bisweilen kommt er zu spät und der unsaubere Vogel hat bereits das Nest verlassen. Der „Herr Bankdirektor" ist mit Auto und „gerettetem"
über
Teil der unterschlagenen anvertrauten Depotgelder die Grenze entwischt. Läßt hinter sich Verzweifelung,
wirtschaftlichen Zusammenbruch und Not. Bisweilen auch ein Menschenopfer in des Wortes schrecklichster Bedeutung. Noch zittert die Erregung nach in den Reihen der Beamten über den kurz hintereinander erfolgten Zusammenbruch dreier Beamtenbanken; jetzt scheint das abgelöst zu werden durch die Zahlungseinstellung einer anderen Art von Spezialbanken. Solcher, die mit dem gewerblichen Mittelstände, dem Kaufmann, Handwerker, kleinen Gewerbetreibenden zusammenarbeiten. So in Lübeck, Karlsruhe, Magdeburg, Marburg (Wests.) usw. Vorläufig! Denn das volkswirtschaftlich verhängnisvolle, aber auf Grund der in letzter Zeit gemachten üblen Erfahrungen nur zu berechtigte Mißtrauen hat zu einem Zurückfordern der Einlagen Veranlassung gegeben, das viele kleine Banken bis zur Grenze der Liquidität, bisweilen darüber hinaus, also zum Zusammenbruch, geführt hat. Wobei denn allzuoft heraus- kam, daß der Herr Bankdirektor durch Börsenspekulation zwar auf eigene Rechnung, aber auf Gefahr der ihm anvertrauten Depots seine Bank durch die Schwierigkeiten der Gegenwart — natürlich vergebens — hindurchzu- schlensen hoffte.
Gewiß ist das Risiko, das solche sich hauptsächlich auf Handwerker und Kleingewerbetreibende als Kundenkreis stützende Spezialbanken haben, an sich schon groß, aber noch größer ist es geworden infolge der bedrängten Lage, in der sich gerade der gewerbliche Mittelstand heute befindet. Der preußische Handelsminister Dr.'Schreiber hat aber in seinen Ausführungen vor der Berliner Handwerkskammer nicht bloß darüber deutlrche Worte gefunden. Nicht bloß über den allgemeinen Kreditmangel in Deutschland, der sich bis in die letzten, äußersten Spitzen des Wirtschaftslebens bemerkbar macht, also dort, wo im Kleinvertrieb und in der Handwerkerwerkstatt, noch immer die weitaus größte Masse der erzeugten Güter ihren Käufer findet oder — nicht finden kann. Nicht bloß über die würgenden Zinsbedingungen, die jede Rentabilität unmöglich machen und oft und rasch den „Kuckuck" ins Haus und ins Geschäft hereinfliegen ließen, zu Zahlungseinstellung, Geschäftsverlust, Zwangsversteigerung führten. Sondern der Handelsminister Preußens — aber das, was er sagte, gilt leider nicht bloß für Preußen! — wandte sich auch scharf gegen jene Maßnahmen, die unnötig die Bedrängnis des Handwerks noch steigern, nämlich gegen die Betätigung vieler Kommunen auf Wirtschaftsgebieten, mit denen sie wirklich nichts zu tun haben, die weitab liegen von Mastenversorgung mit wichtigeren Gebrauchsgütern. „Es ist nicht einzusehen, warum eine Stadt mit neuen oder alten Kleidern handelt," rief der Minister unter deutlicher Bezugnahme auf bekannte Vorkommnisse aus. Kritik allein ist freilich selten fruchtbar. Aber Dr. Schreiber verwies auch auf die anscheinend schon zicmlichfest liegenden Plänedes Abbaues der Einkommen- und vor allem der Ge-
w c r b e st e u e r. Bemerkenswert ist das Zugeständnis, daß die Besteuerung der Kleinsten und Kleinen hierin mehr kostet, als sie einbringt. Bemerkenswert auch wieder ' ß das Handwerk durchaus nicht eine „über- sform" ist. als die man es bisweilen hin-
der Hinweis, das, .v«»v.~v.. ~—,— . , holte Wirtschaftsform" ist, als die man es bisweilen hin- f+ent. Aus eigener Kraft will es sich auch weiter im Wirtschaftsleben durchsetzen — und kann das, wenn man ihm nur überholte Besteuerungsformen vom Nacken nimmt. In der Besteuerung das wirtschaftlich Mögliche und Notwendige berücksichtigt.
Ob Parlament und Parteien diese kommenden Forderungen der Kleinen und des Tages berücksichtigen werden? Verworrener denn ie ist unsere innenpolitische Lage, und g in Kasiel hat
Verworrener denn je ist unsere innenpolitische Lage, und der Deutschnationale Parteitag in Kastei hat durch den Mund des Parteivorsitzenden Dr. Hugenberg scharfe Opposition gegen die anderen Parteien ankündigen lasten. Eine grundsätzliche Opposition, die sich nicht mehr etwa von Fall zu Fall mit den Parteien der Mitte zu- fammenfinden würde, um Gesetze durchzubringen, denen der littst Flügel der Regierungskoalition, die Sozial- demokratie, ablehnend gegenübcrsteht Angekündigt wird damit eine Verschärfung des innenpolitischen Kampfes über den Volksentscheid und den Aoung-Plan hinaus auch für die dann 'ommc.-de Zeit - die eine Zeit wachsender wirtschaftlicher Schwierigkeiten sein wird.
Pntschgerüchte in Breslau.
Breslau. Hier wurde ein Extrablatt verbreitet, das von einem geplanten Rechtsputsch berichtete. Der Breslauer Pou- zeipräsident erklärt hierzu, daß irgendwelche Unterlagen für die Richtigkeit dieser Gerüchte nicht vorhanden seien. Es fehle jeder Grund zu irgendwelcher Beunruhigung.
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Die Aktionen in Schleswig-Holstein und Hannover.
Der die Untersuchung führende Landgerichtsdirektor Dr. Masur führte in einer öffentlichen Erklärung zu Alton« aus, die Nachforschungen hätten nunmehr zu neuen wesentlichen Erfolgen geführt, so daß die Anschläge, soweit sie sich auf Schleswig-Holstein und Hannover erstreckten, als nahezu vollständig aufgehellt erscheinen könnten. Auf eine Anfrage, ob bereits Feststellungen hinsichtlich des Anschlags in Berlin und ferner auch bezüglich der Finanzierung der Unternehmungen gemacht worden seien, und ob in diesem Zusammenhang auch Spuren nach Berlin führten, äußerte sich Dr. Masur sehr zurückhaltend dahin, daß er den Äus- druck „Spuren" zwar bestätigen könne, daß nähere Darlegung«. . jedoch im Augenblick zu diesen Fragen nicht gemacht werden könnten.
Nach den Darlegungen Dr. Masurs ist während der Nachforschungen die Aufdeckung bisher noch zweifelhafter Fälle gelungen. Es handelt sich dabei vornehmlich um das Attentat auf das Finanzamt in Winsen am 27. November 1928. Die Idee zu diesem Anschlag ging von Herbert Volck aus. Die Attentäter — es kommen dabei in Frage der Gemeindevorsteher A m a n d u s V i ck (Rönne), der Landwirt Franz Luhmann (Clues) und John Johnsen (Husum) sowie Herbert Volck — mußten von ihrer ursprünglichen Absicht auf Lüneburg ablassen und wandten sich nach W i n s e n. Das Winfener Attentat wurde mit dem hochexplosiven Sprengstoff Trinitrotoluol ausgeführt, den Herbert Volck beschafft hatte.
in der Nacht zum 1. August und in der Nacht zum 6. September (auf die Villa des Rechtsanwalts Doktor Strauß und die Landkrankenkasse am 1. August und auf das Regierungsgebäude am 6. September) wurden aufgeklärt. Die Täter waren hier wiederum Amandus Vick und Franz Luhmann. Außerdem waren an diesen Anschlägen beteiligt der Landwirt Ernst Becker aus Rottorf (Kreis Winsen) und der Hilfsweichensteller Hermann Manecke, gleichfalls aus Rottorf. Bei dem Doppelattentat
Memeneeau gestorben.
Die letzten Stunden des „Tigers".
Der ehemalige französische Ministerpräsident Georges Clömenceau ist seiner Krankheit erlegen. Noch kurz vor dem Tode hatte man versucht, das Leben des „Tigers durch Einatmen von Sauerstoff künstlich zu erhalten. Die Herztätigkeit wurde aber immer schwächer und die Nieren
arbeiteten nicht mehr.
Am Sterbelager Clömenceaus waren die Mitglieder seiner Familie versammelt, die dem MilUsterprastdenten Tardieu die Trauerbotschaft übermittelten. Dieser fuhr sofort nach dem Sterbehaus. Beim Verlassen des Hauses erklärte Tardieu, es werde gemäß dem letzten Willen des Verstorbenen keine offizielle Trauerfeier statt- finden und keine nationale Beisetzung erfolgen Es werden die Vorkehrungen für seine Überführung nach der Vendse, seiner Heimat, getroffen werden, wo er an der Seite fernes Vaters beigesetzt werden soll.
Wohin mit ihnen?
Die Hilfsaktion für die deutsch-russischen Auswanderer.
Der Reichskommissar für die Dcutsch-Rusten-.Hilfe, Reichstagsabgeordneter S t ü ck l e n, weilte in schn e i d - m ü h l, um das Flüchtlingslager zu besichtigen und mit den maßgebenden Stellen über die Unterbringung der deutschrussischen Auswanderer zu verhandeln. Abgeordneter Stücklen äußerte sich über die Hilfsaktion für dre Dentschrusfen. Er erklärte zunächst, daß gegenwärtig etwa 13 000 deutschrussische Emigranten bet Moskau lagern. Ein weiterer Zugang von Auswanderern nach dem Moskauer Konzentrationslager ist jetzt v o n den Russen gesperrt Die Auswanderer, die sich jetzt noch auf dem Wege nach Moskau befinden, werden aus den Zügen her- ausgeholt und in die Ortschaften, die sie verlassen haben,
^Das^Deutsche^Reich ist bereit, die 13 000 bei Moskau lagernden Auswanderer zu übernehmen und sie nach Kanada, Brasilien und gegebenenfalls nach Argentinien weiterzuleiten. In den letzten Tagen ist tn der Abbeförderung der deutschrussischen Bauern insofern eine Verzögerung eingetreten, als die Sowjetbehörden beabsichtigten, die 'bei Moskau lagernden dentschstämmigen Ansiedler nicht ausreisen zu lassen und sie in ihre bisherigen Heimatorte z u r ü ck z u b e f ö r d e r n. Gegenwärtig sind nun zwischen der Reichsregierung und der Sowjetregierung Verhandlungen im Gange, die dahin führen durften daß den bei Moskau lagernden 13 000 DeutschrMen die Ausreise aus Sowjetrußland gestattet wird. _ ..,
Der Plan des Reichskomnnstars für das Deutsch- rusten-Hilfswerk geht dahin, diejenigen, die von russischen
am 1. August waren beteiligt Vick, Luhmann und Becker. Das nächste Attentat in der Nacht vom 5. zum 6. September auf das Regierungsgebäude führten Vick, Becker und Manecke durch. Luhmann war verhindert.
Sämtliche vier Personen haben ein umfassendes Geständnis vor dem Landgerichtsdirektor Dr. Masur abgelegt. Es wurde gegen sie auf Grund der Paragraphen 5, 6 und 7 des Sprengstoffgesetzes Haftbefehl erlassen. Auf Grund dieser Paragraphen dürften die an den Anschlägen Beteiligten eine Mindeststrafe von fünf Jahren Zuchthaus zu gewärtigen haben.
Der Handgranatenanschlag in Westelburen
ist dahin aufgeklärt, daß Klaus Heim nachts mit zwei weiteren Personen nach Westelburen fuhr, um diesen Anschlag durchzuführen. Der eine der Mitfahrenden war Herbert Schmidt, der andere ist noch nicht zweifelsfrei festgestellt, doch besteht der dringende Verdacht, daß es Nickels war. Geständig ist Herbert Schmidt. Kapphengf hat für Lüneburg Bomben beschafft.
Das Bombenlager.
Besonders bemerkenswert ist die geglückte Feststellung des Bombenlagers. Den wochenlangen Ermittlungen ist es gelungen, dieses Lager in Karlumfeld im Kreise Niebüll, und zwar in dem einsamen Bauerngehöft von Peter Holländer, das etwa 60 Kilometer nördlich von Husum hart an der dänischen Grenze liegt, festzustellen. Die Sprengstoffe wurden Ende Januar mit einem Auto von Nickels bis in die Gegend dicht vor Husum gebracht, mo sie von einem zweiten Wagen von John Johnsen und
Herbert Volck übernommen wurden.
Das Versteck für das Sprengstofflager ist außerordentlich raffiniert gewählt worden. Sprengmaterial wurde bei Holländer nicht mehr vorgefunden, das Verbleiben des ae- - fw>j^ I MlllMUMWI1UUMkM«üjKs
ist aber mit einiger Sicherheit anzunehmen, daß der weitaus größte Teil der Sprengstoffe, wenn nicht überhaupt alle, einmal zu den Attentaten selbst, weiter aber zu den umfangreichen Vorversuchen aufgebraucht worden ist.
Zu den Meldungen über mehrere neue Verhaftungen erklärte Dr. Masur, daß es sich dabei vorwiegend um polizeiliche Festnahmen handele. Die festgenommenen Personen waren dem Untersuchungsrichter noch nicht vorgeführt worden.
Häfen aus die uverseereise antreten, sogleich nach Kanada zu befördern; soweit dies nicht möglich ist, werden die Emigranten zunächst an die lettische Grenze befördert und über Riga bis zur litauischen Grenze weitergeleitet. Von dort werden sie an die deutsche Grenze nach Ehdt- kühnen geschafft, wo sich das Deutsche Rote Kreuz ihrer entnimmt. Von Ehdtkuhnen erfolgt alsdann die Abbeförderung nach dem Lager in Hammerstein, das 3000 bis 3500 Personen aufnehmen kann.
Die übrigen Auswanderer, die auf dem Seewege nach Deutschland kommen, werden in O st e r n o t h a f e n bei Swinemünde ausgeschifft und ärztlich untersucht und von dort aus in die Lager, entweder nach Hammer st ein oder nach M ö l l n in Holstein, wo ebenfalls 1000 bis 2000 Personen Mergebracht werden können, geleitet. Dem Reichskommissar stehen weitere Lager zur Verfügung (N o r d h o l z bei Bremen), so daß im äußersten Notfalle etwa 8000 Flüchtlinge in Deutschland untergebracht werden können. . ,
Wie von gut unterrichteter Seite in Moskau mtt= geteilt wird, hat die Sowjetregierung die Ausreise- verbote nur für 1000 deutsche Kolonisten aufgehoben; für die anderen bleibt das Verbot weiter in Kraft. Der deutsche Geschäftsträger wird sofort weitere Schritte bei der Sowjetregierung unternehmen.
Die Trikolore in der zweiten Zone verschwindet.
Vor der völligen Räumung.
Die letzte französische Gendarmeriestation im Bezirk Koblenz, in Boppard, wurde eingezogen, nachdem die französischen Gendarmeriestationen C o ch e m und Mähen abgezogen waren. Damit ist das besetzte Gebiet des Regierungsbezirks Koblenz, soweit die zweite Zone in Frage kommt, von der Besatzung frei. In Koblenz bleiben noch bis zum nächsten Sonnabend ein Bataillon des Infanterieregiments 151 und die Gendarmerie zurück. Zum Zeichen der völligen Räumung der ganzen zweiten Zone wird am kommenden Sonntag die Trikolore von der Festung Ehrenbreitstein heruntergeholt werden.
Wer bekommt den Friedensnobelpreis?
Professor Ernst Robert Curtius vorgeschlagen.
Wie aus Oslo gemeldet wird, wird der diesjährige Friedensnobelpreis aller Wahrscheinlichkeit nach Prof. Robert Curtius in Bonn zugesprochen werden. Seme bekanntesten Werke sind die in den Jahren 1921 bis 1925 erschienenen Bücher „Mauriee Barrds", „Balcac" und „Französischer Geist im neuen Europa" Sein ■ Spezialbetätigungsgebiet iß dt« neuere französische Literatur.
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