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HersfelöerTageblatt Kreisblatt e den Kreis Reisfeld

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BelrLmns vsS Korrweil / Wirifchsftliche UsssSkrasen.

Rr. 256

Donnerstag, den 3L Oktober 1929

79. Jahrgang

Neuer Streit um die Liquidationen.

Liquidationen feindlichen " nicht nur

im Kriege bedeutete das häufig genug Elend und Not. Bedeutet dies vielmehr auch heute noch für viele Deutsche und Angehörige der sonstigen ehemaligen Mittelmächte. Und jetzt, elf Jahre nach dem Kriege, ist zwischen den ehemals feindlichen Staaten" das alles vielfach immer noch nicht geregelt. Auch auf der Haager Konferenz spielte ja die Frage der Liquidationen und ihrer gegenseitigen Aufrechnung eine große Rolle; gleich zwei seitdem tagende Kommissionen beschäftigen sich damit. Die eine von ihnen soll entscheiden zum mindesten für die Entscheidung auf der Haager Schlußkonferenz vorbereiten, was mit den 300 Millionen geschehen soll, die sich zugunsten Deutschlands bei der Liquidation des deutschen Eigen­tums in England, bzw. umgekehrt, aber zuzüglich der Forderungen sonstiger kriegsbeschädigler Engländer er­geben haben. Wobei zu bemerken ist, daß England seine Forderungen mit 1,2 Milliarden Mark angemeldet hat und restlos befriedigt wurde. Denn es hat den Verkauf des beschlagnahmten deutschen Privateigentums bis in die Tage der Haager Konferenz hinein fortgesetzt. Und dazu kam damals das Verlangen Englands, den deut­schen Saldo von 300 Millionen auf die sonstigen Repa­rationsschulden anzurechnen. Man debattiert hierüber in einer der beiden Unterkommissionen, ist aber wie in der anderen noch nicht zur Beschlußfassung gekommen. Bemerkenswert ist es, daß die neue englische Arbeiterregie­rung sich den deutschen Wünschen auf Barrückzahlung strikt versagt hat.

Nun hat im Englischen Oberhaus eine De­batte über diese ganze Angelegenheit stattgefunden. Und zwar auf Grund eines liberalen Antrages, der sich un­zweideutig gegen d ke L i q u i d a t i o n s p r a x i s des früheren konservativen Kabinetts richtete. Weitere ..Smüen" nach dieser Richtung hin erhielt er durch die Begründung, die ihm im Oberhaus der liberale Redner auf den Weg mitgab. Noch bemerkenswerter aber war es, daß im Englischen Oberhaus dieser Redner also ein Parteigenosse Lloyd Georges! die Bestimmungen des Versailler Vertrages, die diese Beschlagnahmefeind­lichen" Privateigentums sanktionierten selbstverständlich nur für dieSiegermächte", während Deutschland rest­lose Entschädigung der von ihm durchgeführten Liqui­dationen zahlen muß, bekanntlich auch seine eigenen Liquidationsgeschädigten zu entschädigen hat alseine Verhöhnung feststehender Grundsätze des internationalen Rechts" bezeichnet hat. Außerdem hat er an die Er­klärung des früheren Kabinetts erinnert, wonach die Liquidation, also der Verkauf des deutschen Privateigen­tums nur so lange vor sich gehen sollte, bis alle For­derungen englischer Kriegsgeschädigter gedeckt seien. Tat­sächlich aber habe man weit über diesen Zeitpunkt hinaus munter die Liquidierung weitergeführt.

Und die Regierung? Daß ausgerechnet der Staats­sekretär der Kolonien die amtliche Antivori gab, entbehrt deswegen nicht eines gewissen Reizes, weil gerade die größten von diesen überhaupt nichts von einer Verrech- nung des von ihnen selbst liquidierten deutschen Privat­eigentums wissen wollen. Viel sagte er aber nicht. Er konnte nur darauf verweisen, daß das neue Kabinett mit der Liquidierung Schluß gemacht habe. Außerdem seien ja über 100 Millionen Mark an Deutsche ausgezahlt worden, denen in England das Eigentum liquidiert worden sei. Grundsätzlich habe die Regierung gar nichts dagegen, wenn Ernst gemacht würde mit der Versailler Bestimmung, daß feindlicher Besitz im Werte von weniger als 5000 Pfund unter 100 000 Mark überhaupt nicht liquidiert werden sollte, allerdings auch nur dann, wenn der Betreffende britischer Abstammung oder vor dem 4. August 1914 schon 25 Jahre in England seß­haft war. Aber die Gesamtentwicklung der ganzen Liquidationsangelegenheit müsse durch das englische Clearinghouse vor sich gehen. Und im übrigen handele es sich gar nicht mehr um 300 Millionen. Sondern um weniger.

Aber was nun mit diesem Saldo geschehen soll, sagte der Regierungsvertreter nicht, abgesehen von dem, was er über die 5000-Pfund-Vermögen äußerte; offenbar soll der Erlös dieser Liquidationen von England ausbezahlt werden. Die Londoner Regierung will sich also für die Verhandlungen der Unterkommission die Hände nicht binden lassen. Besonders weil ja auch die andere Kom­mission bei ihrer Arbeit ins Stocken geraten ist infolge der Weigerung Ungarns, seine Reparationsschulden zu bezahlen, da es Gegenforderungen auch wegen der Liquidationen von Staats- und privatem Eigentum durch dieNachfolgestaaten" im Betrage von zwei Milliar­den erheben müsse. Von London ausbeschwört" man nun Ungarn, nicht derartig hohe Forderungen zu erheben, weil das die ganze Arbeit vom Haag gefährde. Aber in Budapest erklärt man, einfach nicht zahlen zu können. Und wenn man schließlich auch noch hört, daß die entsprechende Liquidationsbegleichung der Vereinigten Staaten gegen­über Deutschland wieder einmal ins Stocken geraten ist, so kommt man zu dem melancholischen Schluß, daß die im Haag beschlosseneLiquidierung des Krieges", in der Hauptsache durch den Streit um die Liquidationen immer wieder und von neuem aufgehalten wird.

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Daladier verzichtet, Elemente! beauftragt.

Kabinettskrise nicht beendet.

Wegen der Absage der Sozialdemokraten, sich an der von ihm versuchten Kabinettsbildung zu beteiligen, hat der Führer der radikalen Partei, Daladier, seinen Auftrag an den Präsidenten der Republik zurückgegeben. Präsident Doumeraue berief sofort den früheren

Senator C'ementel.

Ministerpräsidenten Wriand &ü sich und hatte mit ihm eine längere Unterredung. später wurde der Senator Clömentel zu Doumergue berufen und teilte nach Schluß der Besprechung mit, daß er mit der Kabinettsbildung

Englische Furcht vor deutscher Getreideeinfuhr.

Der deutsch-englische Wirtschaftsvertrag wird nicht gekündigt.

In der Sitzung des Englischen Unterhauses ersuchte Sir Edward Jlifse die Regierung, der Preisunterbietung durch deutschen Weizen und andere Getreidearten in England ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Er bean­tragte, daß unverzüglich Schritte unternommen würden, um einer Schädigung der britischen Landwirtschaft zu be­gegnen. Trotz der ihr gewährten Hilfe sei es für den britischen Landwirt sehr schwierig, seine Erzeugnisse im Wettbewerb mit dem deutschen Landwirt zu verkaufen, und zwar weg«" der längeren Arbeitszeit in Deutschland und der dort üblichen Beschäftigung von Frauen und Kindern. Die Wirkung der Ausfuhr­prämie werde leider immer stärker. Die Einfuhr im letzten Jahre sei 25md größer gewesen als im ver­gangenen Jahre. Das Aussubrprümienshstem habe ver­heerende Folgen für die britischen Landwirte und selbst der Konsument z-ehe Anscheinend daraus keinen Nutzen.

Ackerbaumintster Buxton erklärte, es sei nicht richtig, daß der deutsch-englische Handelsvertrag mit seinem Ablauf aufgehoben werden könne: der Vertrag besteht vielmehr fort, bis er von einer der beiden Parteien gekündigt werde. Das komme aber nicht in Frage, weil keine Regierung ihn zu kündigen wünsche. Der Vertrag sei von außerordentlichem Wert und gewähre England Vorteile, die es nicht zu opfern gewillt sei.

Die Organisation der Reichsbahn.

Unrichtige Behauptungen.

Die gegenwärtig stattfindenden Verhandlungen des Organisationskomitees der Reichsbahn in Paris gaben mehrfach Veranlassung, an die Zuziehung von Vertretern der Reichsbahnverwaltung und des Verwaltungsrats der Reichsbahn Schlußfolgerungen zu knüpfen. So wird die Behauptung aufgestellt, daß der Präsident des Verwal­tungsrats der Reichsbahn von sich aus Fühlung mit dem französischen Eisenbahnkommissar gesucht habe, um Ein­fluß auf die Beratungen gleichzeitig auch im Interesse der Industrie zu gewinnen. Diese Behauptung ist unwahr

Dem Organisationskomitee für die Reichsbahn gehört bekanntlich kein Vertreter der Reichsbahn an. Im Laufe seiner Beratungen hat das Komitee es offenbar als not­wendig erachtet, auch Vertreter des Personals und der Verwaltung der Reichsbahn zu hören. Das Komitee hat Vertreter der Eisenbahngewerkschaften gebeten, Auskunft über bestimmte Fragen zu geben, und ebenso Vertreter der Reichsbahngesellschaft. Das Komitee hat an den Präsi­denten des Verwaltungsrats und den Generaldirektor der Reichsbahn schriftlich die Bitte gerichtet, Sachverständige für bestimmte Fragen nach Paris zu entsenden. Dieser Bitte hat der Präsident des Verwaltungsrats entsprochen, und der Generaldirektor der Reichsbahn hat die betreffen den Sachbearbeiter der Hauptverwaltung dem Komitee zur Versügung gestellt. Diese Herren sind in Paris vo« Organisationskomitee der Reiell^ahn in einer SitzunO um ihre Meinung gefragt worden.

beauftragt worden fei und den Auftrag angenommen habe. Clömentel begann sofort die Konferenzen mit den einzelnen Parteiführern, um das Ministerium zu bilden.

Daladier soll im wesentlichen zu seinem Verzicht veranlaßt worden sein, weil nach der Ablehnung der Sozialisten Briand ihn wohl ermunterte, nunmehr ein Kabinett mit stärkerer Heranziehung der republikanischen Rechten zu bilden, seine eigene Mitwirkung dabei aber nicht sicher zusagte. Die Radikalen verlangten von ihrem Vorsitzenden Daladier die Bildung einer

entschiedenen Linksregierung,

die diesem aber wieder ohne die Mitwirkung der Sozial­demokraten unmöglich erschien. Jedenfalls wird nun auch Clömentel versuchen, wie es die Absicht Daladiers war, Briand mit dem Außenministerium zu betrauen, ohne daß eine zu starke Wirkung der von Briand an­scheinend verlangten Rechtsorientierung zu bemerken wäre. Ob das schwierige Unterfangen gelingen wird, bezweifelt man selbst in Paris sehr und es ist nicht aus­geschlossen, daß der zurückgetretene Briand endlich selbst wieder dazu berufen wird, die neue Regierung zusammenzubringen. Ob sie allerdings unter seiner Leitung und nach seinen Koalitionsplänen eine längere Lebensdauer hätte, läßt sich vorläufig mit einiger Sicher­heit nicht überblicken.

Elemente! über die Durchführung seines Auftrags.

Paris. Senator Clömentel, der bei seinem Besuch im Elysse vom Präsidenten Doumergue mit der Kabinettsbildung beauftragt worden war, hat der Presse erklärt:Ich bin seit mehr als dreißig Jahren der Freund Doumergues und ich habe es ihm nicht abschlagen können, alles zu tun, um un­geachtet aller Schwierigkeiten zu einem Erfolge zu komnien. Ich werde sofort mit meinen Besprechungen beginnen und in «erster Linie Briand aussuchen Aus die Frage, ob er sein Kabinen schnell zustande zu bringen aedenke, erwiderte QMineiUetitLnuoevcl 40neu v»ei Uv::yüupi uu^4-- v)~ .. Schluß betonte er, daß er beabsichtige, eine Politik weitgehen­der republikanischer Versöhnung zu betreiben.

Die Statuten der goung-Bank

WB^ fertiggestetli. -M

In enger Bindung an den Young-Plan.

Die Statuten der Bank für den internationalen Zah­lungsausgleich sind vom Organisationsausschuß in Baden-Baden endgültig fertiggestellt worden mit Ausnahme des § 2, der den S i tz der Bank bestimmt. Die Entscheidung hierüber ist weiterhin zurückgestellt worden. Jedenfalls dürfte es außer allem Zweifel stehen, daß die deutsche Delegation unter keinen Umständen sich für Brüssel als Sitz der Bank entscheiden wird. Die An­nahme der Statuten erfolgte einstimmig. Daraus darf geschlossen werden, daß es der deutschen Delegation ge­lungen ist, der von ihr konsequent vertretenen Auffassung zum Siege zu verhelfen, daß in allen Zweifelsfragen die Bestimmungen des Young-Planes maßgebend sein sollen, und daß ferner die Bindung mit dem Y 0 u n g - P l a n in den Statuten klar zum Ausdruck kommt, insbesondere für diejenigen Punkte, die für Deutschland besondere Bedeutung haben.

Nie ArSeiMr-senversicherung wr -er Höchstbelastung.

Die Arbeitslosigkeit steigt schneller.

Nach dem Bericht der N itzsanstalt für die Zeit vom 21. bis 26. Oktober 1929 haben sich in der Berichtswoche die u n g ü n st i g e n Anzeichen für ein baldiges Saisonende leicht verstärkt. Die Kurve der Arbettslogg- keit stieg etwas schneller an und der Krets der Berufe, der von der jahreszeitlichen Verschlechterung erfaßt wurde, hat sich vergrößert. Die Landwirtschaft entließ Erntehilfsarbeiter; die Ziegeleien beendigten teilweise ihre Brennkampagne; der Bau markt glitt langsam weiter ab; im Verkehrsattverbe überwogen die Ent­lassungen; Metallwirtschaft und Holzgewerbe sind in Mitleidenschaft gezogen: Gast» und schankwirtichaft haben ihre stillste Zeit. Nur der Bedarf für dre Haupt­betriebszeit der ZuckeLindustrie entlastete stellenweise spürbar den Markt. Die Arbeitslosenversicherung durfte mit rund 830 000 Hauptunterstützungsem p- f ä n g e r n nahezu die H ö ch st b e l a st u n g erreicht haben, die sie aus ihren eigenen laufenden Einnahmen tragen kann. Im Vorjahre wurde diese Grenze Mitte November und im Jahre 1927 erst Anfang Dezember überschritten.

Im Packeis festgefahren.

Wladiwostok. Der Dampfer der Sowjethandelsflotte Stawropol" ist, zehn Kilometer vom Nordkap entfernt, zum zweitenmal in schwerem Packeis steckengeblieben und muß da­mit rechnen, unter überaus schwierigen Verhältnissen, mit Lebensgefahr für Passagiere und Mannschaft, den zweiten Winter im Eis« zu verbringen. Mehrere Matrosen sind bereits erkrankt. Auf Anordnung der Regierung wird der Eisbrecher Lidtke" die Fahrt nach dem Norden antreten, um dem be­drohten Schiff Hilfe zu bringen. ,