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Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Mnzeiger für den Kreis Hersfel-

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Nr. 254

Dienstag, den 29. Oktober 1929

79. Jahrgang

Das kommende ReMabinett.

Ohne viel Aufregung wird sich allem Anschein nach in den nächsten Tagen eine Umbildung des Reichskabinetts vollziehen, um die Lücke zu schließen, die der plötzliche Tod des Außenministers Dr. Stresemann gerissen hat. Freilich ist es im Augenblick noch unsicher, wie diese Um­bildung vor sich gehen soll, und die verschiedenen Kombi­nationen spielen die in solchen Fällen übliche teils richtige, teils falsche Rolle.

Daß Dr. C u r t i u s, der gleich nach dem Ableben des Außenministers sehr rasch und unter leichten Protesten des Zentrums und der Demokratischen Partei zum Stell­vertreter Dr. Stresemanns ernannt wurde, dieses Amt nun endgültig übernehmen soll, wird ziemlich bestimmt be­hauptet. Er ist ebenso wie Dr. Stresemann Volksparteiler und wird dem linken Flügel dieser Partei zugerechnet. Sein Umzug aus dem von ihm bisher verwalteten Reichswirtschaftsministerium hinüber in die Räume des Auswärtigen Amtes wird die Frage eröffnen, wer nun an die Stelle von Dr. Curtius treten soll. Man kabbelt" sich, wie der Ostpreuße sagen würde, innerhalb der Regierungsparteien vorläufig noch um diesen Posten des Reichswirtschaftsministers. Und das ist verständlich, weil es ein Ministerium von großer, bisweilen entschei­dendster Bedeutung für Lebensfragen der Nation ist. Nicht umsonst würde es als selbstverständlich betrachtet, daß neben den beiden deutschen Reichsministerien des Aus­wärtigen und der Reichsfinanzen auch Dr. Curtius zur Haager Konferenz ging und an den Entscheidungskämpfen um den U o u n g - P l a n aufs regste teilnahm. Greift doch dieser Plan tief in den Gang, ja in das Schicksal der deutschen Wirtschaft ein und außerdem stehen wir zurzeit i n bzw. v o : wichtigsten handel-svertragspolitischen Ver­handlungen. Die Volkspartei scheint daher um das weite Einflußgebiet dieses Amtes nicht aufzugeben Wert darauf zu legen, es wieder mit einem Mitglied ihrer Partei zu besetzen. Es wird da der Reichstagsabgeordnete A l b r e ch 1 genannt, der seit 1914 führend in der

J I s h - früher iwrwens auch i n i e t n a 11 o nalen K a l i i ndu st r i e tätig war und dem Reichstag seit 1920 angehört.

Es sind aber noch andere Wünsche zu verzeichnen, die auf eine wirkliche Neubesetzung der Ministersessel hinaus­laufen. Nicht mehr das mag vorweg erledigt werden wird etwa an eine Neubesetzung des Reichsfinanz- Ministeriums gedacht, wovon eine Zeitlang ge­munkelt wurde, als Dr. H i l s e r d i n g Zielpunkt beson­ders heftiger Angriffe war. Auch die drei anderen bisher von Sozialdemokraten besetzten Posten, also Kanzler, Reichsinnen- und Reichsarbeitsminister, sollen den jetzigen Inhabern verbleiben. Wohl aber verlautet es, daß das Zentrum gern auf das R e i ch s j u st i z m i n i st e - rium verzichten möchte, das bisher von dem Zentrums­abgeordneten von Guörard geleitet wird. Man spricht schon seit längerem von derartigen Absichten des Zentrums, die sich noch erheblich stärker äußerten, als bei der Beratung des neuen großen Gesetzentwurfes über die Strafrechtsreform im Reichstagsausschuß ver­schiedene Beschlüsse gefaßt wurden, die sowohl beim Reichsjustizminister selbst tote ganz besonders beim Zen­trum aus merkbarem Widerspruch stießen. Offenbar will man in dieser Partei der Weiterentwicklung dieser Frage gegenüber die Arme etwas freier haben und .darum das Reichsjustizministerium der Volkspartei anbieten, deren Vertreter im Reichstagsausschutz für die Strafrechts­reform Dr. Wunderlich eine gemäßigt-vermittelnde, dem Zentrum meist nicht unsympathische ist. Und dafür will das Zentrum Beschlag legen auf das Reichswirt­schaf t s m i n i st e i i u m , wohin der bisherige Reichs­verkehrsminister Dr. Stegerwald, -Vorsitzender des Gesamtverbandes der Christlichen Gewerkschaften, also ein Vertreter der Arbeitnehmer, versetzt werden soll. Der Minister von G.urard wiederum soll den bisherigen Ministersessel Stegerwalds als Reichsverkehrsminister er­halten.

Ob die andere?. Regierungsparteien sich solchen Wünschen fügen, ob namentlich die Deutsche Volkspartei darauf verzichten wird, das Reichswirtschaftsministerium mit einem Vertrauensmann der hinter ihr stehenden Kreise zu besetzen, ist heute noch nicht festzustellen. Das Spiel hinter den sest verschlossenen Verhandlungstüren wird wie üblich weitergehen, bis das deutsche Volk eines Tages ohne größere Erschütterung erfährt, daß und wie die Umbildung im Reichskabinett vollzogen ist.

Verhandlungen mit dem Zentrum.

Zu den Erörterungen über die Umbildung der Reichsregierung will die T.-U. aus Zentrumskreisen er­fahren haben, daß vor einigen Tagen zwischen dem Reichskanzler und dem Zentrumsabgeordneten V r ü n i n g eine Unterredung stattgefunden hat, die in­dessen rein privater -Natur war und keinen offiziellen Charakter hatte. Dabei ist die Frage gestreift worden, ob es möglich fei, einen koalitionspolitischen Ausgleich in der Weise vorzunehmen, daß die Deutsche Volkspartei das Außenministerium und das Justizministerium, das Zen­trum das Verkehrsministerium und das Wirtschaftsmini­sterium erhalten soll. Bestürmte Vorschläge sind aber in dieser Richtung nicht gemacht worden. Die Zentrums- fraktion hat sich mit diesem Problem noch nicht beschäftigt.

Wie verlautet, hat der Reichskanzler inzwischen dem stellvertretenden Vorsitzenden der Deutschen Volkspartei von der Unterredung mit Dr. B r ü n i n g Mitteilung ge­macht. _______

RegiemMiirz in der MUlomkei

Reue WeMsRakische

Nationalversammlung.

Erfolge der Linken.

Die am Sonntag für die Tschechoslowakische Natio- nalversammlung durchgeführten Neuwablen haben zum Rücktritt des jetzigen Kabinetts Udrzal geführt, das nach dem für seine bisherige Mehrheit verhängnis­vollen Ausfall der Wahlen bereits am Montag nach­mittag seinen Rücktritt anmeldete. Der Präsident der Republik beauftragte den Ministerpräsidenten Udrzal vor­läufig mit der Wetterführung der Geschäfte. Möglicher­weise wird eine Regierung der erfolgreichen Links­parteien gebildet werden. Die Führung konnte aber auch die republikanisch-agrarische Partei übernehmen.

Nach der einstweiligen Gesamtübersicht gewannen die Agrarpartei 88 000, die tschechischen Sozialdemokraten über 300 000, die deutschen Sozialdemokraten über 100 000, die tschechischen Nationalsozialisten etwa 66 000 Stimmen. Die Kommunisten verloren 137 000, bic tsche­

Fürst Bülorvs Tod.

Überführung nach Klein-Flotibek.

Das Hinscheiden des seit einigen Tagen zu Rom in den letzten Zügen liegenden Fürsten Bülow erfolgte Mon­tag früh. Sonntag abend hatte der Fürst noch einmal das Bewußtsein wiedergesunden und er erbat und erhielt das Abendmahl. Doch es war nur noch ein letztes Auf- flackern des schwachen Lebensfadens. Die wieder­holten Schlaganfälle der vergangenen Woche hatten die

Villa Malta in Rom.

letzte Kraft des Achtzigjährigen aufgebraucht und Montag morgen erlosch der Atem. Fürst Bernhard von Bülow war geboren am 3. Mai 1849 zu Klein-Flottbek, ist also etwas über 80 Jahre alt geworden.

In Rom hatte sich die Nachricht vom Tode des Fürsten Bülow in der deutschen Kolonie am Montag morgen verbreitet. Das ausgelegte Buch füllte sich mit den Unterschriften der-vielen Romdeutschen. Im Sterbe­hause weilten die Schwägerin des Fürsten, Maria von Bülow, die Witwe des im Jahre 1897 bei Hannover bei einem Reitunsall tödlich verunglückten Generals von Bülow, sowie der Sohn des Bruders Christian, der Le­gationssekretär an der römischen Botschaft Dankwerth von Bülow.

Der Fürst hielt sich zwar in der letzten Zeit noch auf­recht, aber feit dem Hingang seiner Gemahlin war sein Lebensmnt ' geschwunden. Wie verlautet, werden die sterblichen Überreste des Fürsten Bülow nach einer schlichten Einsegnungsfeier in Rom nach Groß-Flottbet bei Hamburg übergesührt werden.

Anläßlich des Ablebens haben der Reichspräsident und der Reichskanzler dem Bruder des Verstorbenen in herzlichen Worten telegraphisch ihr Beileid ausgedrückt.

Mit dem Tode des Fürsten geht die von ihm be­wohnte Villa Malta an den italienischen Großindustriellen Mecccheni über, der sie vor mehreren Jahren gekauft hatte. Der Fürst hatte sich nur das Wohnrecht bis an sein Lebensende vorbehalten.

Dis MichsregisHmg

Zum Tsös öss FürstsK Bülow.

Er glaubte an Deutschlands Zukunft.

Der Reichskanzler hat an den Bruder des ver­storbenen Fürsten Bülow, Friedrich von Bülow, in Berlin ein Beileidstelegramm gerichtet. Es heißt darin u. a.: Mit schmerzlichem Bedauern habe ich die Nachricht von dem Ableben Ihres Bruders, des Fürsten von Bülow, erhalten. Ich spreche Ihnen und den übrigen Angehörigen zugleich im Namen der Reichsregierung mein herzliches Beileid aus. Mit dem Fürsten Bülow ist ein Politiker aus dem Leben geschieden, dessen Arbeit die Geschichte würdigen wird, von dem aber heute schon festgestellt werden muß, daß er in heißem Bemühen stets

chische Katholische Volkspartes 80 000 Stimmen; ebenso verminderten sich die Wähler der autonomistischen Slo­waken um 40 000 Stimmen. Die deutschen National­sozialisten erhielten 35 000 Stimmen mehr und die tschechisch-nationalen Demokraten 30 000 Stimmen weniger. Die genaue Feststellung des Wahlresultats steht natürlich noch aus; es fehlen auch noch einige weiter entlegene Wahlkreise.

Mgierungsmöglichkeiien.

Es steht aber zweifellos fest, daß die bisherige Re­gierungskoalition nicht mehr vorhanden ist. Diese Folge­rungen hat ja auch bereits das Kabinett durch seinen Rücktritt gezogen. Jedenfalls wird es zu längeren schwie­rigen Verhandlungen vor der definitiven Ernennung der neuen Minister kommen. Man spricht von einer reinen Linkskoalition, obwohl, wie gesagt, die Agrarpartei schwerlich ausgeschaltet werden kann. Falls sie in die Opposition gehen würde, ließe sich eine Linksregierung schwerlich für längere Zeit am Ruder erhalten, fo daß eine Koalition der Agrarier mit den Sozialisten beider Rationalitäten ernsthaft in Betracht gezogen wird.

1 »eine ganze Kraft für das Wohl desVater­landes eingefetzt hat. Ich weiß, daß der Verstorbene volles Verständnis für die Schwierigkeiten hatte, unter denen in der Nachkriegszeit die deutsche Politik zu arbeiten hatte, daß er aber auch unerschütterlich an Deutschlands Zukunft glaubte.

Die MM Legierung bei der Beisetzung.

An den Bcisetznngsfeierlichenkeiten in Flottbek wird sich die Reichstegierung wahrscheinlich durch einen Ver- tr'eter des Reichspräsidenten, durch den Reichskanzler, falls es fein Gefnnvheitszuftand erlaubt, und vielleicht . AM- W-

tins beteiligen. Das Auswärtige Amt wird des ver­storbenen Altreichskanzlers in einer besonderen Feier gedenken.

Ergebnis der badisthen Wahlen.

65 Prozent Wahlbeteiligung.

Die stattgefundenen Neuwahlen zum Badifchen Land­tag wurden nach einem neuen Wahlsystem vorgenommen. Statt der früheren sieben Wahlkreise waren es deren jetzt 23. Es sollte vor allen Dingen eine stärkere Wahlbeteili­gung herbeigeführt werden. Dieses Ziel ist auch erreicht worden. Aber auch die Abgeordnetenmandate wurden vermehrt. Es ziehen jetzt in den Landtag 88 Abgeordnete ein, während es vorher nur 78 waren. Der neue Landtag wird 34 Vertreter des Zentrums, 18 der Sozialdemokra- ten, 7 der Deutschen Volkspartei, 6 der Demokraten, 6 der i Nationalsozialisten, 5 der Kommunisten, 3 der Deutsch­nationalen, 3 der Wirtschaftspakte!, 3 des Evangelischen Volksdienstes, 3 der Bauernpartei haben.

Im früheren Landtag verteilten sich die Sitze wie folgt: 28 Zentrum, 16 Sozialdemokraten, 9 Vereinigte Dentschnationale und Landbund, 7 Deutsche Volkspartei, 6 Demokraten, 2 Wirtschastspartei, 3 Kommunisten und ein Linkskommunist. Den größten Gewinn verzeichnete diesmal das Zentrum, das 6 Mandate gewann. Geringere Gewinne erzielten Sozialdemokratie, Wirtschastspartei und Kommunisten. Volkspartei und Demokraten behaup­teten sich, während die erstmalig den Nationalsozialisten, dem Evangelischen Volksdienst und der Badischen Bauern­partei zugefallenen Mandate wohl teilweise aus die Ab- splitterung von den Deutschnationalen zurttckzusühren ' sind. Bei der Wahl des vorigen Landtages gaben nur 54 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimmen ab.

Aussichten der MgietungsbÜdtmg.

Nach der Verfassung muß der neugewählte Landtag am zehnten Tage nach erfolgtet Wahl zusammentreten. Voraussichtlich soll die erste Sitzung am Mittwoch, den 6. November, stattsinden. Ob diese Sitzung sich schon mit der Regierungsbildung beschäftigen wird, steht dahin. Unter den wiedergewählten Abgeordneten befinden sich auch der jetzige Ministerpräsident und Finanzminister Du S ch m i t t, Justizminister Dr. Funk und Unterrichts minister Dr. L e e r s. Unter Einbeziehung der Volks- Partei wäre eine Regierung der Großen Koalition mögt lich, unter Beteiligung des Zentrums, der Volkspartei, des Demokraten, der Wirtschastspartei, des Evangelischem Volksdienstes und der Bauernpartei ein Kabinett bet Mitte; ferner sind auch genügende Vertreter vorhanden^ um eine sogenannte Weimarer Koalition zu bilden. Die Vorbesprechungen unter den einzelnen Parteien Haber bereits begonnen.

Gmeral von der Mamitz gestorben.

S t o l p. Im Alter von 73 Jahren starb in Wundichow (Kreis Stolp) General der Kavallerie und Generalinspekteur außer Dienst von der Marwitz. Im Weltkrieg befehligte er den Vormarsch der deutschen Kavallerie durch Belgien, war später Korpsführer in Masuren und in den Karpathen und schlug als Armeeführer den englische" Großangriff bei Cambrai ab.