Ausbau der Krankenversicherung.
Verbesserung der Leistungen.
Im Reichsarbeitsministerium findet demnächst eine Besprechung über den Ausbau der Krankenversicherung statt. Dafür sind in einem Referentenentwurf Grundsätze ausgestellt, die der Besprechung als Unterlage dienen sollen. (Ein Gesetzentwurf liegt noch nicht vor.) Es soll geprüft werden, inwieweit der Kreis der V e r f i ch e r t e n und das Ausmaß der L e i st u n g e n den sozialen Bedürfnissen besser angepaßt, veraltete und unzweckmäßige Vorschriften beseitigt und Erfahrungen der Praxis für die Gesetzgebung verwertet werden können. Insbesondere soll der Familienschutz der Krankenversicherung durch verschiedene Maßnahmen (Krankenhilfe für Familienangehörige, Familienzulagen zum Kranken- und Hausgeld) verbessert werden.
Der zweite Teil der Erörterungen wird sich mit dem A u f b a u der Krankenversicherung befassen. Bei der Neuerrichtung von Krankenkassen soll der Wille der beteiligten Versicherten und ihrer Arbeitgeber mehr als bisher zur Geltung kommen. Eine Stärkung der S e l b st v e r w a l- t u n g versprechen sich die Grundsätze durch neuartige Gemeinschaftseinrichtungen. Für das ganze Reich soll ein H a u p t a u s s ch u ß für Krankenversicherung gebildet werden, in dem die wirtschaftlichen Vereinigungen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer, die Verbände der Krankenkassen, die Ärzteverbände und die soziale Medizin vertreten sind.
Die Landiagswahten in Baden.
Nach einem neuenWahlrecht.
Am Sonntag fanden in Baden die Landtagswahlen, die zuletzt im Jahre 1925 vor sich gegangen sind, statt. Insgesamt beteiligten sich dreizehn Parteien an dem Wahlkampf. Zur Beurteilung der Stärke der größeren Parteien seien folgende Ziffern der letzten Reichstagswahl (die eingeklammerten Zahlen stellen die Ergebnisse der letzten Landtagswahl im Jahre 1925 dar) genannt: Zentrum 297 822 (283 404), Sozialdemokraten 204 307 (160 533), Deutschnationale 73 901 (93 727), Deutsche Volkspartei 86 292 (72 882), Demokraten 63 869 (66 842), Wirtschaftspartei 30 850 (22 858), Kommunisten 66 868 (47 304). Zentrum, Sozialdemokraten und Demokraten bilden die badische Regierungskoalition.
Interessant ist es, daß in Baden zum erstenmal nach einem neuen Wahlrecht gewählt wird, bei dem an Stelle der Listenwahl die Wahl der Persönlichkeit tritt. Um dieses Wahlsystem besser zur Geltung bringen zu können, ist das Land an Stelle der bisherigen 5 in 22 Wahlkreise aufgeteilt worden.
Sisßirupps zur Geireideerfaffung.
Rußlands gewaltsame Ernährungspolitik.
Wie aus Moskau gemeldet wird, sind von den Moskauer Arbeitern besondere Stoßtrupps für t Getreideerfassung gebildet worden, die weitgehende Allmächten von der Sowjetregierung erhalten haben und sich demnächst in die wichtigsten Getreidegebiete begeben werden. In einer Versammlung dieser Stoßtrupps erklärte der Landwirtschaftskommissar Milojan, daß der Jahresplan der Getreideerfassung unter allen Umständen bis zum 1. Dezember ausgeführt werden müsse. Deshalb bestehe ihre Aufgabe darin, den Widerstand der begüterten Bauern in kürzester Zeit zu b r e ch e n. Es müsse ein rücksichtsloser Feldzug gegen die gegenrevolutionären Bestrebungen der reichen Bauern unternommen werden, wobei die schärfsten Vergeltungsmaßnahmen angewendet werden müßten.
Politische Rundschau
Deutsches Reick
Deutsch-amerikanische Schuldenverhandlungen.
Der amerikanische Staatssekretär des Äußern gab, wie aus Rewyork gemeldet wird, bekannt, daß zwischen der deutschen und der amerikanischen Regierung Verhandlungen im Gange sind, um die bei den Pariser Reparations- verhandlungen mündlich zugesicherte Ermäßigung der deutschen Schulden in einem formellen Vertrage festzu- legen. Der Vertrag soll die direkte Überweisung der deutschen Schuldenraten an die Vereinigten Staaten
sichern und aus diese Weise die Vereinigten^taaten hinsichtlich ihrer Forderungen an Deutschland von der Reparationsbank unabhängig machen.
Severing über Finanzausgleich und Stahlhelm.
In einer Versammlung sprach Reichsinnenminister Severing. Nachdem er auf die Zusammenhänge zwischen Reichs- und Landespolitik hingewiesen hatte, kam er auf die endgültige Regelung des Finanzausgleichs zu sprechen. Er wies daraus hin, daß die Finanzreform nicht eher in Angriff genommen werden könne, als bis der Uoung-Plan mindestens im Haag angenommen sei. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß die deutschen Unterhändler noch einige Erleichterungen erreichen würden. Weiter sprach Severing auch über die Auflösung des Stahlhelms im Rheinland und betonte, diese Auflösung sei nicht auf Veranlassung des Auswärtigen Amtes erfolgt. Es werde kein Unterschied gemacht zwischen Rotfrontkämpferbund und Stahlhelm.
Kundgebung für die Grenzlanddeutschen. W1
In einer vom Memellandbund, dem Verein der Danziger, dem Verein heimattreuer Oberschlesier, dem Verein heimattreuer Ost- und Westpreußen, dem Saarverein und dem sudetendeutschen Heimatbund zu Düsseldorf veranstalteten öffentlichen Kundgebung wurde einstimmig eine Entschließung angenommen, die die Rückgabe aller durch die Friedensdiktate verlorengegangenen, unstreitig deutschen Gebiete fordert, insbesondere Beseitigung des polnischen Korridors im deutschen Westpreußen und Rückgliederung des Saargebiets an das Reich.
Belgien.
Festnahmen von Italienern.
Der italienische Kronprinz ist aus Brüssel wieder nach Italien unter starker militärischer Bedeckung abgereist. In Brüssel waren alle zur Bahn führenden Straßen abgesperrt. Gegen die in Belgien lebenden Italiener hat die Polizei Maßnahmen ergriffen und 30 von ihnen festgenommen. Die Presse erhebt gegen diese Maßnahmen Einspruch; ebenso dagegen, daß ein italienischer Polizeivertreter der Vernehmung des Attentäters Derosa hat beiwohnen dürfen; diese Zulassung des Italieners setze die Unabhängigkeit der belgischen Rechtspflege herab.
Aus In- und Ausland
London. Der afghanische Geschäftsträger in London erhielt eine amtliche Mitteilung der Regierung in Kabul, in der bestätigt wird, daß Habib Ullah zusammen mit seinen Leuten nach Kabul gebracht worden sei.
Quebeck. Der englische Premierminister Macdonald hat sich nach England eingeschifft, wo er am 1. November eintreffen wird.
, Italiens künftiges Königspaar.
Kronprinz Umberto von Italien mit seiner Braut, der Prinzessin Marie Jose von Belgien — die erste Aufnahme nach der Verlobung.
Die Schlägerei im SisenbahnaKieil.
Das Frankfurter Urteil.
Das Schwurgericht Frankfurt a d. O. verkündete folgendes Urteil gegen die vier Breslauer Reichsbannerleute, die im Zuge nach Frankfurt a. d. O. den Kraftwagenführer Rademacher erstochen hatten: £
Jaschek wegen Schlägereibeteiligung sechs^ Monate Gefängnis, davon gelten zwei als verbüßt; der« Angeklagte Stirn ein Monat Gefängnis, Hahn bten Wochen Gefängnis und der am wenigsten beteiligte Angeklagte Marcharek ein Tag Gefängnis. Die Strafen der drei letztgenannten gelten als durch die Untersuchungshaft verbüßt, über eine Bewährungsfrist für den Hauptangeklagten Jaschek sollen weitere Ermittlungen angestellt werden.
Wsr kann am beAsn reden?
Ein Jnsterburger Primaner gewinnt den 2. Preis.
Vor etwa 4000 Zuhörern sand in Washington der internationale Rede wett st reit statt, an dem neun Gymnasiasten aus den Vereinigten Staaten, Deutschland, England, Frankreich, Kanada, Kuba, Mexiko, Peru und Dänemark teilnahmen. Der deutsche Botschafter leitete den Wettstreit mit einer englischen Ansprache ein. Die Preisrichter erkannten den ersten Platz dem französischen Kanadier Roch Pinard von Outremont (Kanada) zu, den zweiten Platz dem deutschen Primaner Herbert Schaumann aus Jnsterburg (Ostpreußen), der über die Bedeutung der Weimarer Verfassung für die deutsche Jugend und über deren Mitarbeit an der Sicherung des Weltfriedens gesprochen hatte.
Opfer psliiischer Leidenschaft.
Der lockere Revolver.
Der entlassene Angestellte der Städtischen Straßenbahn in Wien Spannbauer gab auf den Hauptvertrauensmann der Stadtbahn, Hegmann, d r e i S ch ü s s e ab, wodurch dieser schwer verletzt wurde. Beim Verhör gab Spannbauer an, ihm sei gekündigt worden, weil er sich geweigert habe, dem Republikanischen Schutzbund beizutreten und konfessionslos zu werden. Die Direktion der Städtischen Straßenbahn teilt dagegen mit, daß für die Kündigung ausschließlich dienstliche Gründe maßgebend gewesen seien.
Zusammenstöße mit Kommunisten.
Kommunisten versuchten in der Straßburger Straße in Barmbeck in geschlossenem Zuge zu demonstrieren. Eine Radfahrerstreife der Ordnungspolizei in Stärke von drei Mann, die den Zug auflösen wollte, wurde angegriffen und mit Steinen beworfen, so daß sie von der Schußwaffe Gebrauch machen mußte. Es wurden zwei Schüsse abgegeben. Hierbei wurde einer der Demonstranten verletzt und mußte in ein Krankenhaus übergeführt werden.
Gnisstzlichs SsrZweisizmgsiai.
Ein Kriegsinvalide mordet seine Kinder und sich selbst.
In W e st e r e g e l n bei Magdeburg wurde ein furchtbares F a m i l i e n d r a m a entdeckt. Eine Frari sah, wie ein Mann eine Flasche austrank und sich dann in ein Schachtloch stürzte. Sie benachrichtigte sofort den Gemeindevorsteher, und man schaffte den Breitestraße 37 wohnhaften Invaliden- Roloik tot ans Tageslicht. Mit WD^VWWWWW^MWG^WWWWWWWWMW öffnete man die Haustür feiner Wohnung. Den Eintretenden bot sich ein entsetzlicher Anblick. Dem sechsjährigen Mädchen war ein Knebel in den Mund gesteckt, damit es nicht schreien konnte, und dann der Hals durchschnitten. Dem neun Monate alten Mädchen hatte der Vater ebenfalls die Halsschlagader zu durchschneiden versucht. Die Kinder lagen in ihrem Blut. Das ältere war schon tot, das kleine gab noch Lebenszeichen von sich. Ärztliche Hilfe war sofort zur Stelle. Es wird jedoch nicht möglich fein, das Kind zu retten.
Der achtjährige Junge, den man in der Schule vermutete, war dort nicht zu finden; er wird vermißt. Man befürchtet, daß der Vater den Jungen in ein Schachtloch geworfen hat. Man muß also damit rechnen, daß auch der Junge getötet wurde. Die entsetzliche Tat hat vier Todesopfer gefordert. Nach dem Mord hat der Invalide die Tür verschlossen, Gift getrunken und den Todessprung in das Schachtloch getan. Er war rheumatisch und herzleidend. Vor kurzem war er mit seiner Klage auf Militärrente von dem Versorgungsgericht abgewiesen worden.
RINGE,
die xor Kette werden Kriminalroman von Marie-Elisabeth Gebhardt Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale)
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Als Sang Werlenthin mit seiner Begleiterin auf dem Niesen angelangt war, hatte Rita ihre alte Sicherheit und Koketterie wiedergefunden. Sie versuchte, auch Hans zu betören, freilich ohne jeden Erfolg. Er war sehr höflich zu ihr, hatte wer in seltsames Vergnügen daran, ihr unangenehme . n auzuschlagem
So. als ihr ^uch an den Zacken eines ihrer Ringe hängengeblieben war. Hans hals ihr, es zu lösen, und fragte dann: „Gnädiges Fräulein scheinen eine Vorliebe für Ringe aller Art zu haben? Sie tragen ein Vermögen an den Händen."
Rita errötete leicht, und sah ihn an, ob er etwa eine Nebenabsicht mit dieser Frage habe, wie ihr schlechtes Gewissen sie argwöhnen ließ.
Aber er sah ganz harmlos aus, und schien befriedigt, als sie sagte: „Sie meinen, ich habe zuviel Schmuck an den Händen? Das sind alles Ringe, die ich von meiner Tante geerbt habe. Sie mögen ein Vermögen Wert sein, ich weiß es nicht! Aber wir Südländer tragen gern Schmuck, und ich gebe zu, gerade Ringe sehr zu lieben. Was soll der Schmuck auch im Kasten? Ich habe noch genug, damit zu wechseln, wenn es mir beliebt."
, „Wollen Sie denn gar nicht das schöne Jnterlaken mit Ihrer Gegenwart beehren, Fräulein Rita? Ich meine, gerade dort würde bei den Festen im Kurhause Ihr Schmuck alle Damen vor Neid erbleichen lassen." ^ »Nur mein Schmuck?" fragte sie scherzend.
„Der Schmuck allein macht eine Frau nicht schön, aber andererseits wird die Schönheit einer Frau auch durch schönen Schmuck ins rechte Licht gestellt."
„Sehen Sie, jetzt sagen Sie es selbst, schöne Frauen und schöner Schmuck gehören zusammen."
„Es gibt freilich auch Schönheiten, die im einfachen Gewände am besten zum Ausdruck kommen", meinte er im Gedenken an Hilde, deren zarte Schönheit durch die Unmassen von Schmuck, wie Rita sie trug, erdrückt worden wäre.
„Zu dieser Art Schönheiten gehöre ich nun allerdings nicht. Aber Sie fragten vorhin, ob ich nicht nach Jnterlaken komme? Doch, in einigen Tagen, wenn ich Georg Meyerhofens wegen mit mir ins reine gekommen bin. Bleiben Sie länger dort?"
„Das kommt auf meine Freunde an, die morgen hier eintreffen und mit denen ich gemeinsam heimzukehren gedenke. Vielleicht sehen wir uns gelegentlich einmal in Jnterlaken, gnädiges Fräulein. Es war mir ein großes Vergnügen, Ihre Gesellschaft an diesem Nachmittag genießen zu dürfen."
„Und ich danke Ihnen vielmals für Ihre Bereitwilligkeit, mich einsames Menschenkind unter Ihren Schutz zu nehmen. Sollten wir uns nicht mehr treffen, so wünsche ich Ihnen viel Vergnügen mit Ihren Freunden und glückliche Heimkehr!"
„Ich hoffe, Sie in Berlin als Georg Meyerhofens Frau wieder begrüßen zu können. Bis dahin: Aus Wiedersehen!"
Hans Werkenthin stand noch winkend am Ufer, als der Dampfer seine interessante Begleiterin nach Beatenberg zurückführte. Er selbst benutzte die Eisenbahn zur Rückkehr. Am Abend wanderte er zur späten Stunde nochmals im Kurgarten und in der Säulenhalle auf und ab, aber er konnte weder den Inder noch Grenier erblicken. Vielleicht waren sie weitergereist, einer falschen Spur nach.
Er wußte nicht, sollte er es in Ritas Interesse wünschen, oder um Georgs willen bedauern. Doch der Gedanke, daß morgen Hilde kam, überwog schließlich alle anderen Ueber- legungen. Und in der Vorfreude auf das Wiedersehen, be- gab sich der Assessor zur Ruhe.
Der Geheimrat und Hilde freuten sich, zu Hans Werken- thins Genugtuung offensichtlich, den jungen Reisegefährten wiederzutreffen. Der alte Herr hatte den Assessor liebgewonnen, und war überrascht, wie sehr seine Gesellschaft dazu beigetragen hatte, alle Schatten aus Hildes Gemüt zu bannen. Hilde selbst freute sich, nun wieder in der Begleitung Hans Werkenthins die schöne Gegend durchwandern zu können.
Schon in den ersten Tagen schlug der Geheimrat eine Fahrt auf die Jungfrau vor. Man sollte eine Nacht auf der Scheidegg bleiben, um sich an die Luft zu gewöhnen.
„Einmal will ich doch wenigstens auf halber Höhe dieses berühmten Berges gestanden haben", sagte er. „Ich war in meiner Jugend kein Hochtourist, und es galt auch noch als ein großes Wagnis, solche Berge zu ersteigen. Nächstens wird man ja wohl gleich auf die Höhe hinauffliegen in einem Luftomnibus. Bis zur Mathildenhöhe, wurde mir gesagt, kann man ganz gut von der Endstation aus steigen. Daran will ich mir's genügen lassen. Sie wollen gewiß ganz hinauf, Assessor?"
„Nein, ich bin auch kein großer Hochtourist, und ich möchte, wenn Sie es mir gestatten, mich Ihnen bei der Fahrt anschließen. Vielleicht könnte dann Fräulein von Wenden mit mir von der Scheidegg aus hinabwandern nach Lauterbrunn. Auch möchte ich raten, vor der Auffahrt noch den Staubbach und den Trümmelbachsall dort im Tale zu besichtigen." (Fortsetzung folgt.) l