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HersfelöerTageblatt

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö Mtt Se« Beilage»: Allastrlerles Anlerhaltungsblaü / Nach ALieraLeud / Serv anS Scholle / Anterbalwas saS Wisse« Beledmng Mb KserWell / Wirtschaftliche Tagssirakev.

Mzelgenprets: Die einspaltige Petitzell- 15 Pfennig, die Reklamezeile 50 Pfennig. (Grundschrist Korpus). Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Preis­nachlaß gewährt. ♦ Für die Schriftleitung verant­wortlich : Franz Funk in Hersfeld. ♦ Fernsprecher Nr. 8

Monatlicher Bezugspreis: Durch Sie Post bezogen 1.50 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für ftersfeld 1.20 Reichs-Mark bei freier yi^eauii& für ftbboter 1.00 Reichs-Mark. <• Druck und Derlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des VDZV.

Kr. 252 (erstes Matt) Sonnabend, den 26. Oktober 5929 79. Jahrgang

Gtürrenöe Kartenhäuser

Sie Sörsenpanik in Aewyork.

Spekulanten in Verzweiflung.

Die Newyorker Börse hatte wieder einmal ihren „Schwarzen Tag", wie er in fast perioden- mäßiger Wiederkehr sich von Zeit zu Zeit an allen großen Börsen einzustellen pflegt. Nicht als Ausdruck einer krisenhaften Gestaltung des Wirtschaftslebens sind solche Zusammenbrüche zu werten, sondern meist als Reak­tionen auf

übertriebene Spekulationsmachenschaften.

Daß durch die Auswüchse der Spekulation an der New- yorker Börse über kurz oder lang eine Katastrophe drohte, darüber war man sich schon seit langem klar und die Be­mühungen der leitenden amerikanischen Bankenkonzerne gingen bereits seit einiger Zeit dahin, den Übertreibungen schieben. Aber alle angewandten

einen Riegel vorzuj , Mittel blieben wirkungslos. Das Kartenhaus der Börsen-

kurse war zu hoch getürmt worden. Was kommen mußte, kam: es stürzte zusammen!

Seit dem Oktober 1907 war ein ähnlicher Schwarzer

Tag an der Newyorker Börse nicht mehr zu verzeichnen, und selbst die Ereignisse zu Beginn des Krieges waren gegenüber den letzten Vorgängen fast belanglos. Man schätzt, daß wenigstens 50 0 00 kleinere Speku -

: i « e r e Speku -

1 a n t c ii so gut wie ruiniert sind und die Gesamtverluste viele Milliarden betragen. Die Zahlenangaben schwanken allerdings beträchtlich, und zwar zwischen 5 und 100 Mil­liarden Mark.

Betroffen ist, wie verlautet, auch der Vorsitzende der First National Bank, der 22 000 Aktien der Bank in seinem Besitz hält. Da die Aktien um 500 Dollar das Stück fielen, würde sein Verlust nahezu 45 Millionen Mark ausmachen.

Die beispiellose Lebhaftigkeit der Newyorker Fonds­börse lockte derartige Menschenmengen an, daß ein beson­deres Polizeiaufgebot notwendig war, um den Straßen­verkehr in der Umgebung der Börse frei zu halten. Die

sucher nur

Z u s ch a u e r g a l e r i e n der Börse waren gedrängt voll; um möglichst vielen Eintritt zu gewähren, durften die Be- zehn Minuten auf den Galerien verweilen, n Börsensaal dröhnende Lärm hallte in

Der aus dem

Irsukesichs AsgisrLmgsknfe.

Daladier mit der Kabinettsbildung beauftragt.

Der Vorsitzende der Radikalen Partei, Daladier, hatte mit d -tt.Präsidenten der Republik, Doumergue, eine Unterredung. Daladier erklärte nach Schluß der Unterredung: „Der Staatschef hat mich beauftragt, das neue Kabinett zu bilden. Ich habe ihn gebeten, mich mit meinen politischen Freunden beraten zu dürfen. Ich werde ihm Sonnabend die Antwort überbringen." — Daladier teilte weiter mit, daß er nach Reims, wo zurzeit der Radikalen-Parteitag tagt, zurückreisen werde.

Daladier hatte vor seiner Berufung nach Paris vor dem Radikalen-Parteitag in Reims zu dem Plan der Vereinigten Staaten von Europa erklärt, ehe dieses Ziel erreicht werden könne, müsse Europa erst einmal abrüsten. Es scheine jedoch'jetzt ein Wettrüsten zu Lande und eine Bestätigung der angelsächsischen.Vorherr-

Daladier, der voraussichtliche Nachfolger Briands.

schüft aus dem Meere bevorzusteyen. Es muffe schon jetzt eine internationale Kontrolle aller Rüstungen eingeführt werden, bis in einer fernen, aber sicher einmal kommenden Zeit der Völkerbund eine gemeinsame Militärmacht schaffen werde, die ihm allein zur Verfügung stehe. Wenn nicht die Demokratie das neue Europa schaffe, dann werde es die internationale Finanz tun. Ein europäischer Staatenbund lasse sich nicht denken ohne eine gewisse Soli­darität der Finanzen der verschiedenen Länder. Die

den Seitenstraßen wider und übertönte zeitweilig das

Glockenspiel der benachbarten Trinitykirche.

Feder Börsenposten im Börsensaal war der Mittel­punkt einer sich wild bewegenden schreienden Menschen­masse. Zeitweise ermattete das Geschrei der Tausende von Stimmen, um dann nur noch mächtiger wiederanzu- schwellen, wenn Gerüchte oder Kursstürze in diesem oder jenem Papier sich im Börsensaal blitzschnell verbreiteten. In der allgemeinen Aufregung brachen sechs Makler zu­sammen und mußten ins Krankenhaus gebracht werden.

Abgesehen von den spekulativen Verlusten in den Ver­einigten Staaten dürften die Kursstürze für die übri­gen Börsen von geringerer Bedeutung sein. Ja, man glaubt sogar, daß durch die Erschütterung der amerikani­schen Börsenhausse eine Abwanderung von anlagesuchen- den Kapitalien nach London und Berlin erfolgen und damit eine notwendige Belebung, besonders des Ber­liner Platzes, eintreten könnte.

20 Millionen Passiven in Kopenhagen?

Zur Untersuchung der Betrügereien in Kopenhagen, die zum Volksbankkrach führten, hat sie Regierung einen Ausschuß eingesetzt, der auch festzustellen hat, ob Direktor Plum, der bekanntlich Selbstmord verübt hat, Mitschuldige gehabt hat. Inzwischen haben auch mehrere Plum-Gesellschaften ihre Liquidation beschlossen. Die Generalversammlung der Crown Butter Export C o m p. wird voraussichtlich ebenfalls die Liquidation vorschlagen. Auch in der Aktiengesellschaft der Ver­einigten Milch Compagnie wurden Verluste festgestellt. Man hofft jedoch, daß die Gesellschaft ihre Geschäfte wird fortsetzen können. Private Schätzungen gehen darauf hinaus, daß die Gesamtverluste der Volks­bank, mehrerer anderer Banken sowie der Plum-Gesell- schasten 10 bis 14 Millionen Kronen bei Passiven von ins­gesamt 20 Millionen Kronen v< tragen.

Verhaftungen bei der Kieler Bank.

Der Zusammenbruch der K i e l e r B a n k dürfte aller Voraussicht nach ein Strafverfahren zur Folge haben. Die beiden Direktoren der Kieler Bank G l a h n und I a c o b s e n sind auf Anordnung des Staatsanwalts festgenommen worden, da der dringende Verdacht der Bilanzverschleierung besteht. Auch wird be­hauptet, daß sie Scheckfälschungen vorgenommen haben.

Internationale Zahlungsbank lasse sich nur denken, wenn ihre Neutralität und Überparteilichkeit durch eine Völker­bundkontrolle garantiert werde.

Daladiers erste Sorge dürfte es sein, die Sozia- l i st e n zur Mitbeteiligung an der von ihm zu bildenden Regierung heranzuziehen. Der sozialistische Führer Leon V l u m gab bereits bekannt, daß, wenn eine direkte Be- leiligung der Sozialisten nicht in Frage komme, die Radikale Partei doch auf Grund eines Reform- und Friedensprogramms der Unterstützung der Sozialistischen Partei sicher sein könne. Ob Briand, falls Daladier ihm das Außenministerium anbietet, dieses Angebot an­nehmen würde, steht dahin.

Das Zündholzmonspsl.

Sonderstellung der Konsumgenossenschaften?

Der in Sa a r b r ü ck e n versammelte Vorstand des Reichsverbandes der Deutschen Industrie nahm eine Entschließung an, in der es heißt:

„Nach verbürgten Nachrichten ist bei der Einrichtung eines Zündholzmonopols beabsichtigt, den im Eigentum der beiden Zentralkonsumgenossenschaf- t e n stehenden Zündholzfabriken eine Sonderstellung zu geben, die deren Sonderentwicklung sicherstellen soll. Der Reichsverband erhebt ernsten und grundsätzlichen Widerspruch dagegen, daß diese genossenschaftlichen Fabriken eine Sonderstellung gegenüber den Privaiwirt- schaftlichen Fabriken erhalten sollen. Diese Absichten widersprechen der Reichsverfassung und den Grundsätzen einer loyalen Wirtschaftsführung, die allen Berufs­ständen gleiche Entwicklung zu gewährleisten hat."

Die Katastrophe von Bologna.

Sieben Todesopfer der Pulverexplosion.

über die Pulverexplosion bei Bologna werden furcht­bare Einzelheiten gemeldet. Die erste Explosion ereignete sich in einem kleinen Trockenraum. Ihr folgte nach wenigen Minuten die zweite, die katastrophale Ver­wüstungen anrichtete. Mauern und Material wirbelten in der Luft herum, während dichte Rauchwolken und haushohe Flammen emporstiegen. Die Arbeiter flüch­teten unter furchtbarem Geschrei mit brennenden Kleidern von der Unglücksstelle. Ungefähr 200 Meter von der Fabrik entfernt wurde die erste Leiche geborgen, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. 50 Meter von dem Explo­sionsherd entfernt lag die Leiche eines Finanzbeamten. Die traurige Bilanz der Explosionskatastrophe ergibt sieben Tote und 15 Schwerverletzte. Die Bergungs­arbeiten werden fortgesetzt, da unter den Trümmern zweifellos noch weitere Leichen liegen.

Rund um den Giaaisanwali.

Sklareks schon vor zwei Jahren konkursreis!

Der Buchhalter Lehmann ist aus der Untersuchungs­haft entlassen worden, nachdem er die geforderte Kaution von 16 000 Mark aufgebracht hatte. Er wird sich übrigens nicht nur wegen der bereits zur Last gelegten Beihilfe zum Betrug, sondern auch wegen

Beihilfe zum Konkursvergehen

zu verantworten haben. Die Staatsanwaltschaft meint nämlich, daß die Firma Sklarek schon vor zwei Jahren konkursreis gewesen sei und sich während dieser zwei Jahre nur mit Hilfe von strafbaren Wechselgeschäften und Betrügereien am Leben erhalten konnte. Im Zusammen­hang damit wird wahrscheinlich eine Erweiterung des ganzen Verfahrens auf einige städtische Beamte nötig sein, die auf Grund ihrer Stellung zu einer scharfen Kon­trollausübung verpflichtet gewesen wären. Somit ver­dient auch das Verlangen des Oberpräsidenten nach einer Entfernung der Stadtverordneten Rosenthal, Bunge und Mühlmann aus dem Kreditausschuß Beachtung.

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Zur Versteigerung des Sklarekschen Rennstalles fan­den sich zahlreiche Interessenten, u. a. die Berufsleute der Vollblüterzentrale, ein. Der dreijährige „W i l - f r i e d", Sieger des Henkelrennens, brächte 26 000 Mark, „A itska r", kürzlich Sieger in Leipzig, 7500 Mark. Im übrigen kam teilweise „mäßige Klasse" zum Angebot; Pferde, die früher etwas gekonnt hatten, gingen zu Spott­preisen fort. Insgesamt hat die Versteigerung immerhin die Summe von 109 000 Mark eingebracht.

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Oberbürgermeister Böß hat an Bord der „Bremen" seine Rückreise angetreten. Er wird sich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen in einer eigens hierfür ein- berufenen Stadtversammlung am 7. November äußern.

Cohn erbittet freies Geleit.

Dem Vernehmen nach ist der Aufenthalt des flüch­tigen Konkursverwalters Cohn der Behörde bekannt- geworden. M.Msich um eine G r o ß st a d t i m Aus­lande handeln. Cohns Rechtsanwalt fragte an, ob man seinem Mandanten bis nach Breslau freies Ge­leit geben würde. Die Staatsanwaltschaft hat sich noch nicht entschieden. — Die Ehefrau des Geflüchteten hat einen Selbstmordversuch unternommen.

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Gegen den Inhaber der Jnstallationsfirma Wiertz ist wegen dringenden Verdachtes des Kc: 'arsverbrechens Haftbefehl erlassen worden.

Eine eigenartige Bankleitung.

Der Stand der Disziplinaruntersuchung im Sklarek-Fall.

Oberregierungsrat Tapolski, der vom Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg und von Berlin mit Diszi­plinaruntersuchungen im Sklarek-Fall beauftragt worden ist, erklärte über den Stand der Untersuchung etwa folgendes: ,

Man müsse zwei verschiedene Komplexe unterscheiden: den Abschluß des Monopolvertrages durch die Stadt mit der Firma Sklarek und die Bevorschus­sung der Firma Sklarek durch die Stadtbank. Die äußeren Tatsachen seien folgende: Seit 1925 hätten die Sklareks auf Grund ihres Monopolvertrages bei der Stadtbank Kredite ausgenommen. Nach den Satzungen der Stadtbank sei die Gewährung der Kredite nur auf Grund von Sicherung möglich. Dies sei auch durch Abtreten der Forderungen an die Stadtbank geschehen, die die Firma Sklarek an die Stadt Berlin gehabt habe. Die Originalrechnungen seien der Stadtbank übergeben worden. Später sei auch der Brauch entstanden, da die Firma Sklarek für vollkommen sicher gehalten worden sei, nicht nur Originalrechnungen, sondern auch Kopien der Stadtbank zu übergeben. Der V o r st a n d der Stadtbank habe erst im August 1929 davon erfahren. Er habe aber an dem bisherigen Verfahren nichts geändert.

Das sei ein Dienstv erge hen schw e rste r Art, zumal es an zahlreichen Warnungen nicht gefehlt habe. Die leitenden Stadtbankdirektoren hätten sich von den Sklareks unzweifelhaft Vergünstigungen zukom­men lassen. Es steht allerdings nicht fest, daß dies kausal mit ihrem Verhalten gegenüber der Firma Sklarek sei.

Die Aufsicht über die Stadtbank führe der Kredit- a u s f ch u ß, der alle Sklarek-Kredite auf Grund der Vor- träge der Direktoren der Stadtbank genehmigt habe. Auch dieser Ausschuß habe seine Pflicht versäumt. Die nächst­höhere Instanz bei der Stadtbank sei der Verwal­tungsrat. Dieser habe sich jahrelang nicht um die Kredite gekümmert, wie es seine Pflicht gewesen wäre.

Das Volksbegehren.

Neue Erklärung deZ Reichspräsidenten.

Nach amtlicher Mitteilung erklärte Lkcchspräsident van H i n d c n b u r g in einer Unterredung, die er mit dem deutsch­nationalen Reichstagsabgeordneten Schmidt-Hannover hatte: „Er stehe nach wie vor dem Volksbegehren als solchem in voller Neutralität und Unparteilichkeit gegenüber. An dieser seiner grundsätzlichen Haltung, wie er sie in seinem Schreiben an den Reichskanzler vom 16. d. M. dargelegt habe, ändere auch die Äußerung nichts, die er in seiner Besprechung mit dem Reichskanzler am 18. d. M. aetan habe "