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HersfelöerTageblatt

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Nr 237

Mittwoch, den 9 Oktober 1929

79. Jahrgang

Der anglosächsische Block

Macdonalds Besuch in Amerika.

UN- man

Erstaunlich ist es, mit welcher Schnelligkeit das neue englische Kabinett Entscheidungen von allergrößter außen­politischer Wichtigkeit fällt. Saum hat sich die Aufregung über die englische Kursschwenkung in der Stellung zu Ägypten gelegt, so wird es von Tag zu Tag deutlicher, daß England nicht mehr wie einst unter seinem Außenminister Chamberlain der französischen Politik bedingte Gefolgschaft leisten will. Wieder vernimmt eines Tages die Kunde von englisch-amerikanischen Ver­handlungen, die baldmöglichst neue Vereinbarungen über die beiderseitigen Seerüstungen bringen sollen. Alan hört mehr: Der englische Ministerpräsident will zum Abschluß dieser Vereinbarungen selbst nach Washington fahren. Bloß dieser Vereinbarungen? Die Konferenz im Haag läßt es zu besonders scharfen Auseinandersetzungen zwischen England und Frankreich kommen: das Bild des in Paris geradezu feindlich berührenden englischen Kon­ferenzvertreters Snowden darf im Film nicht gezeigt

werden, weil man sonst mit Demonstrationen rechnen muf;. Und Lloyd George, der Führer der englischen Liberalen, drückt seine tiefste Zufriedenheit damit aus, daß endlich das „geradezu unwürdige p.'""'" h er­laufen Englands hinter Frankreich" ein Ende erreicht habe.

Man sieht schon aus diesen skizzenhaften Andeutun­gen, daß Macdonald Leben, Tempo, Energie in die eng­lische Außenpolitik hineingebracht, ja es sogar erreicht hat, daß der A u s g l e i ch auch m i t Rußland geschaffen und zum mindesten von den Liberalen gebilligt wurde. Allerdings ist ein weiteres Ziel der englischen Arbeiter­regierung an einer Stelle nicht erreicht worden: irgendein entschiedener Beschluß über die A b r ü st u n g z u L a n d e ist in der eigens für diesen Zweck in Genf seit langem tagenden Völkerbundkommission nicht gefaßt worden und der entsprechende englische Vorstoß scheiterte. Nun hat dafür die immer näher rückende englisch-amerikanische Aktion in der Frage der Seerüstungen festen Inhalt ge- JaMn, in offizielle Verhandlungen über die Rüstungs­beschränkungen zur See einzntreten.

Müßig ist es, heute schon prophezeien zu wollen, ob nun etwas und vor allem: was dabei herauskommt. Es sieht doch ein d e u t l i ch - d r a st i s ch e s Wollen hinter dem Schrill der beiden anglosächsischen Staaten; war es doch auch der Amerikaner Kellogg, der seinen Namen für den Kriegsächtungspakt hergegeben hat. Macdonald hat bei seinem feierlichen Besuch im Amerikanischen Senat mit ausdrücklichen Worten darauf hingewiesen; daß die eigentliche Veranlassung zu seiner Reise nach Washington eben die Unterzeichnung dieses Paktes sei. Immer" wieder klingt es in seiner Rede: England und Amerika, Amerika und England. Und man denkt daran, zu meld/ heftigen Auseinandersetzungen es noch vor kaum einem Jahr gekommen ist, als die Veröffentlichung des englisch-französischen Marineabkommens erfolgte und in Washington geradezu als katastrophal für den Gedanken eitler wirklichen Seeabrüstung bezeichnet wurde,

Und die anderen drei Mächte, Italien, Japan, vor allem Frankreich? Machtpolitisch gesehen ist der anglo­sächsische Block von überwältigender Wucht, dem außerdem noch riesige wirtschaftlich-finanzielle Kräfte zur Verfügung stehen. Wenn von dort ein „Ja" herüberdröhnt, dann werden die anderen kaum mit einem „Nein" antworten dürfen. Freilich sind die Ansichten über Art und Umfang der Seerüstung ganz unverhohlen und sehr weit ausein- andergegangen. Ganz entschieden sind etwa die italieni­schen Seerüstungsinteressen von denen Englands oder Amerikas. Die fommenbe Konferenz dieser fünf Mächte soll aber doch den Auftakt abgeben für eine spätere all­gemeine Seeabrüstungskonferenz. Und dann soll es — vorläufig ein noch fast utopischer Traum — hinübergehen zur Regelung auf dem ganzen Gebiet militärischer Rüstungen. . .

Freilich brachen in diese Träume hinein die Ge­walt e u d e s r u s s i s ch - ch i n e s i s ch e nK o u f l i k t s. Und die Welt — das merken gerade wir Deutschen rings an unseren Grenzen — ist doch noch nicht so anders ge­worden, daß nun der Anbruch eines neuen goldenen Zeit­alters unmittelbar zu erwarten ist. Aber wenigstens in kleinem Maßstab hat doch der Satz seine Richtigkeit, daß nicht bloß die Zeiten sich ändern, sondern auch mit ihnen die Menschen.

Deutsch-schwedische

HaKösZSVsriragsvechanhlungKN-

Die Besprechungen eröffnet.

In Stockholm haben am 8. Oktober Verhandlungen über den Abschluß eines neuen Handelsvertrages zwischen der deutschen und der schwedischen Regierung begonnen. Die Regierungsdelegierten sind an diesem Tage zu einer ersten Fühlungnahme zusammengetreten. Aus Berlin sind Geheimrat Waldeck und Ministerialrat Heinitz als Vertreter der deutschen Regierung in Stockholm ein­getroffen. Die schwedische Delegation U?t' L?^ ding Eric Trolle.

Weniger SlWtsW, deine il-Soote

Die englisch-amerikanischen Abriiflungsplü'ne.

Konferenzeinladungen.

Die nach den Besprechungen Macdonalds mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten angekündigten Ein­ladungen zu einer Seeabrüstungskonferenz in London Januar 1930 sind mittlerweile nach Paris, Rom, Tokio und Washington ergangen. Die Einladung an Amerika ist von einer längeren Denkschrift begleitet. Es soll sich bei den ersten Vorschlägen im wesentlichen um folgende Punkte handeln:

1. Die gegenwärtigen Verhandlungen sind als Resultat und Erfolg des Kellogg-Paktes aufzufassen. 3. Für alle Klassen von Kriegsschiffen wird der Grundsatz der Parität angenommen, soweit die Schiffe nicht bereits von frühe­ren Washingtoner Abkommen getroffen seien. 3. Wün­schenswert erscheint es, die Frage einer Revision der Lebensdauer der Schlachtschiffe anzuschneiden, um die Durchführung des vollen Ersatzprogramms zu vermeiden, das im Washingtoner Vertrag von 1922 vorgesehen ist. 4. Beide Regierungen sind der Ansicht, daß die Unter­seeboote völlig abgeschafft werden müssen. Diese Maßnahme kann aber nicht ohne Zustimmung aller beteiligten Mächte erfolgen.

Sie nomeMe SWdntnstrMe

Der WierDtz des,MmviV Das schwere Schiffsunglück an der norwegischen

Wetters waren die Decks des „Hakon VII." völlig ver­ödet. Auf der Brücke befanden sich nur der Kapitän und Der Lotse, als der Dampfer plötzlich von einem heftigen «wir s-rick-ütc-r-t m'"-de ""d rasch su sinken beaann. Der

Preußens Hilfsmaßnahmen für die Landwirischafi.

Erklärung des Landwirtschaftsmini st ers.

In einer Anfrage eines preußischen Landtagsab­geordneten der Zentrumsfraktion wurden verschiedene im Zusammenhang mit der Notlage der preußischen Land­wirtschaft stehende Auskünfte verlangt. Der preußische Landwirtschaftsminister erteilte u. a. die folgende Antwort:

„Das Staatsministerium ist bestrebt, die in der letzten Zeit durch die Witterungsverhältnisse für die Landwirt­schaft entstandenen Schäden nach Möglichkeit zu mildern und auf die Reichsregierung in gleicher Richtung em- zuwirken. So hat sich die Staatsregierung dafür ein­gesetzt, daß die zur Förderung der Bewegung der Ge­treideernte für die erste Hälfte des Erntejahres 1929/30 im Reichshaushalt vorgesehenen 3 750 000 Mark beschleu­nigst ihrem Verwendungszwecke zugeführt werden."

Nach Aufzählung weiterer Hilfsmaßnahmen tn bezug auf Kartoffel- und Viehverwertung, betonte der Mmister noch folgendes: „Um eine Lastensenkung für die Land­wirtschaft herbeizuführen, tritt das Staatsministerium da­für ein, daß die auf der Landwirtschaft lastende Renten- bankgrund schuld anläßlich der durch den Voung-

Aus diesem Programm ist zu ersehen, daß man die Einschränkling des Schlachtschiffbaues durch Verkürzung ihrer Lebensdauer erzielen will. England will offenbar durch die Abschaffung der U-Boote eine größere Sicherheit für seine ausgedehnte Handelsschiffahrt erzielen. Die kürzere Dienstleistung der Schlachtschiffe soll durch Ver­minderung dieser schweren Waffe die Kriegsmöglichkeiten verringern. Über die Kreuzer, die eine Art See- polizei darstellen, und in denen England bis jetzt weit überlegen ist, ist anscheinend noch kein Übereinkommen erzielt worden.

Knedensrede Macdonalds.

Der englische Ministerpräsident hielt vor dem Ameri­kanischen Senat gelegentlich seines Besuches eine Rede, in der er seinen starken Friedenswillen betonte. England und Amerika hätten nicht die Absicht, sagte er, eine die anderen Mächte etwa ausschließende Allianz zu schließen. Ein derartiger Versuch würde nicht der Wohlfahrt der 'Welt dienen. Ein wirklicher Friedensbund könne nicht allein zwischen Amerika und England, sondern nur mit Einbeziehung aller anderen zivilisierten und ehrlichen Völker unter der Sonne geschaffen werden. In diesem Sinne sei er, Macdonald, einig mit dem soeben verstor­benen großen deutschen Staatsmann Gustav Strese - mann, auf dessen Grab er einen Kranz niederlege.

Kapitän wurde über Bord nefchleudert, konnte kevocy :uie ktelne Swe,re erreichen, näk der er kväter »>lf(t»faltbw~ wurde. In wilder, durch Verlöschen der Beleuchtung ge­steigerter Panik eilten die Passagiere, nur mit Nachtzeug bekleidet, an Bord und stürzten sich dann ins Meer. Etwa Drei Minuten, nachdem sich das Unglück ereignet hatte, war das Schiff bis zur obersten Brücke gesunken. Es sank mit Dem Achterdeck zuerst. Der Bug ragt aus dem Wasser hervor.

Mehr als fünfzig Personen konnten sich auf eine etwa zehn Meter von der Unglücksstelle entfernte Insel retten, wo sie fünf Stunden in der nächtlichen Kälte ausharren mußten, bis sie von dem Dampfer „San Lucar" auf­gefunden und nach Florö gebracht wurden. Ein Teil der Geretteten war verletzt und wurde an Bord sofort in ärzt­liche Behandlung genommen, um später an Land einem Krankenhause zugesührt zu werden. Die genaue Zahl Der Todesopfer läßt sich noch immer nicht angeben, da die Passagierliste verlorengegangen ist. Nach einer Angabe sollen sich etwa 70, nach einer anderen 80, nach einer Dritten 90 bis 100 Personen an Bord befunden haben. Man muß mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, daß etwa vierzig Menschen ihr Leben verloren haben, darunter neun Mitglieder der Besatzung. Unter Den Geretteten befindet sich ein Berliner namens Max Appell.

Wie Augenzeugen berichten, haben sich bei dem Un­glück schreckliche Szenen abgespielt. Einer der Schiff­brüchigen, ein Geschäftsmann aus Bergen, rettete sich im letzten Augenblick, indem er sich am Wrack festklammerte und mehrere Stunden in dieser Lage zubrachte. Mehrere Passagiere waren einige Stunden in der im Bug ge­legenen Deckplatzkajüte eingeschlossen. Sie wurden eben­falls von dem Dampfer „San Lucar" befreit. Unter den Passagieren befanden sich zahlreiche Teilnehmer einer Tagung der Tranhändler, die in Aalesund stattgefunden hatte. In dem gleichen Fahrwasser, in dem der „Ha­kon VII." unterging, geriet bald darauf ein zweiter Küsten- dampfer auf Grund. Hier kamen die Passagiere jedoch

mit da

davon.

Plan zu erwartenden Zaylungserleichterung beseitigt wird. Die über Stundung und Niederschlagung der staatlichen Grundvermögens st euer gegebenen all­gemeinen Anordnungen dürsten geeignet sein, der Not­lage der durch die Witterungsschäden betroffenen Land­wirte gerecht zu werden. Das gleiche gilt für die Reichs­steuern." ____________

Selbstmord eines AnSlanddentschen.

Im Reichsentschädigungsamt.

Ein betrüblicher Vorfall ereignete sich im Reichs­entschädigungsamt zu Berlin-Friedenau. Es erschien dort ein Mann, der sich als kriegsbeschädigler Auslandsdeut­scher vorstellte und um die Gewährung von Vorschüssen er­suchte. Es mußte ihm mitgeteilt werden, die auf ihn sollenden Entschädigungssummen seien bereits an ihn ans- gezahlt. Der Mann erregte sich darüber so, daß er einen Revolver zog und sich schwer verletzte. Der Mann wurde als der in Petersburg geborene, zuletzt in Bad Wildung- gen wohnende 46 Jahre alte Bäckermeister Wilhelm Krummel festgestellt.