HersfelöerTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö mit Serr Beilagen: Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach JelerabeuS / SerS saS GLolis / Aulerhaltuua und Wittes Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tosesfragku.
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Nr. 235
Montag, den 7. Oktober 1929
79. Jahrgang
Stresemanns letzter Weg
Abschied v« Ar. Siresemsm.
„Bis zumTode getreu."
Die sterbliche Hülle des Reichsaußenministers Dr. Gitstav Stresemann wurde zu Grbae getragen. Wie allgemein die Trauer über den Tod dieses großen deutschen Staatsmannes ist, das zeigt die g ew a l ti g e B ete»lt - q un g der Bevölkerung. Viele Zehntausende füllten den weiten Platz vor dem Ncichstagsgebaudc, ungezählte Menschenmassen bildeten Spalier vom Brandenburger Tor durch die Wilhelmstraße, über den Belle-AM- ance-Plab und das Hallesche Tor bis zum Luisenstädtischen Lkirchhof in der Bergmannstratze. Ganz Berlin und sicher auch sehr, sehr viele, die aus dem Reich herübergekommen waren, nahmen Abschied von dem Manne, von dem Reichskanzler Müller in seiner Trauerrede sagte, daß das deutsche Volk mit ihm einen seiner besten Söhne verloren h ab e.
3m Reichstag.
Nach und nach füllten sich Saal und Tribünen. Das D ip l oma lisch e Korps, teilweise in voller Diplomatenuniform, nahm vollzählig in der Diplomatenloge Platz. Auch die Reichsregierung war vollzählig vertreten. Weiter bemerkte man den Chef der Heeresleitung und den Chef der Marine, General Heye und Admiral Räder. Die Reichstags- und Landtagsabgeordneten waren gleichfalls fast vollzählig erschienen. Zu beiden Seiten des Katafalks hatten Chargierte der N e o - G e r m a n i a und der Suevia mit ihren Fahnen Aufstellung genommen.
Um 10.55 Uhr betrat Reichspräsident von H i n d e n b u r g , geleitet vom Reichsinnenminister ~ c veri ng und dem Vizepräsidenten des Reickstaaes.
von Kardorff, das Wort zu einer Ansprache, tu der er u. a. ausführte:
von Kardorff, und Graef, die Ehrenloge.' Gleich hinter dem Reichspräsidenten, in der Ehrenloge, die nächsten Angehörigen des verstorbenen Reichsaußenministers. Feierlich zog Beethovens Ouvertüre zu „Coriolan", gespielt vom Philharmonischen Orchester, durch den Saal. Dann nahm Reichskanzler M ü l l e r
zu der Gedächtnisrede
das Wort. Er führte u. a. aus:
An der Bahre des deutschen Außenministers stehen nicht nur trauernd seine Gattin und seine Söhne, denen sich unsere innige Teilnahme zuwendet, steht nicht nur die deutsche Reichs- regierung, die ihren Außenminister, nicht nur der Deutsche Reichstag, der eines seines hervorragendsten Mitglieds, nicht nur die Deutsche Volkspartei, die ihren Führer verloren hat, sondern im Geiste nimmt an dieser Abschiedsfeier das deutsche Volk teil, das
einen seiner besten Söhne verloren hat, und die Welt draußen, die in ihm den großen Staatsmann verehrte und den Menschen guten Willens achtete.
Unter allen Kundgebungen des Beileids ist daher keine so treffend wie die unseres verehrten Herrn Reichspräsidenten, in der es heißt, daß der Verstorbene bis zum letzten Augenblick treu für sein Vaterland gearbeitet hat. . . ' „ ~ .
Seinem Lande und Volk galt sein Wirken, für Deutschland und das deutsche Volk glühte sein Herz! Gegenüber den vielen oftmals ungerechten Anfeindungen ist es für mich als deutscher Reichskanzler in dieser Stunde eine Ehrenpflicht, zu erklären, daß es keinen treueren. Deutschen als Gustav Stresemann gab, keinen, der so wie er sein ganzes großes Können für das von ihm über alles geliebte Vaterland einsetzte. Als Stresemann entscheidend in die Geschicke Deutschlands eingriff, herrschte der Ruhrkampf mit seiner furchtbaren politischen wirtschaftlichen und seelischen Erschütterung des gesamten Volksleben. Das Reich drohte zu- sammenzübrechen, heute aber nach sechs Jahren stehen wir wieder angesehen und als Großmacht anerkannt im Kreise der Rationen, trotzdem uns nicht die gleiche bewaffnete Macht zur Seite stellt wie anderen Völkern. Stresemanns Blick war
klar genüg, um zu erkennen, daß mit den Mitteln der Gewalt der Aufstieg Deutschlands nicht gefördert werden konnte, sondern daß er nur zu erreichen war mit einer Politik der Verständigung und des Friedens. Wenn heute eine Welle tiefer Trauer durch unser Volk geht, wenn selbst die Gegner den Degen an seiner Bahre trauernd senken, so gilt diese Trauer nicht allein dem Staatsmann und Führer, sie gilt auch
dem Menschen Stresemann.
Er lebte nicht auf einsamer Höhe, sondern lebte und empfand mit den weitesten Kreisen. ,
So nehmen wir Abschied von ihm ,n der Gewißheit, daß sein Gedächtnis in der Zukunft fortleben wird und daß er als einer der Baumeister an dem Wiederaufbau Deutschlands der Geschichte angehört. Sein Werk steht fest gegründet, uns bleibt die Aufgabe, es in seinem Geist fortzllsetzcn. W»r haben in ihm einen großen Staatsmann, einen Führer und einen trefflichen Menschen verloren.
Leise klang dann Beethovens Trauermarsch aus der E r o i c a" durch den Saal. Die Feier hatte damit ihr Ende gefunden. Frau Dr. Stresemann verließ mit ihren Söhnen als erste die Ehrenloge, nach ihr der Reichspräsident.
Vor dem Reichstag.
Ungeheure Menschenmassen hielten den Platz der Republik besetzt. Ein Flugzeuggeschwa- der kreiste während der Dauer der Feier über dem Reichstag. Der Sarg Stresemanns wurde vor die Treppe auf einem mit sechs schwarzverhüllten Pferden bespannten Wagen gehoben. Neben dem Sarge standen der Geistliche, Frau Stresemann, ihre Söhne und die nächsten Angehörigen. Neben dem Rednerpult hatten Reichspräsident von Hindenburg sowie die Reichsregierung, Vertreter der Länderregierungen und das Diplomatische Korps Aufstellung genommen. ,
Darauf nahm der Vizepräsident des Reichstages,
Im Namen des Deutschen Reichstages und im Namen meiner Parteifreunde rufe ich dem Manne, der dort so früh vollendet in diesem Sarge liegt, auf seiner letzten Fahrt einen letztenherzlichen Abschieds- $ 1 *Was"dieser Mann, der aus kleinen Verhältnis stammte, erreicht hat, verdankt er nur sich selbst. An feiner Wiege ist ihm nicht gesungen worden, daß er dermaleinst ein Führer seines Volkes sein würde. Wenn am 30. Juni nächsten Jahres Freiheitsglocken läuten werden, wenn der Tag der Freiheit der Rheinlande gekommen sein wird, dann wird ein dankbares Volk seiner gedenken. Das Ziel seiner Arbeit war die Freiheit des Reiches. Kurz vor Erreichung dieses heißersehnten Zieles hat das Schicksal ihn aus unserer Mitte abberufen. ,
^er Verstorbene ist geliebt und vergöttert worden von si-men Anhängern wie selten ein Mann und er ist gehaßt und befehdet worden von seinen Gegnern, wie in ähnlichem Ausmaße selten ein Politiker und ein Staatsmann befehdet worden ist. Aber unbegreiflich will es mir erscheinen, daß man es gewagt hat, diesem treuesten Patrioten, die politische, die nationale und die persönliche Ehre abzusprechen. Das hat diesen lebensfrohen und empfindlichen Menschen in tiefster Seele aufs schwerste gekränkt. Es wird viele geben, die ihm Abbitte leisten müssen.
In der Arbeit für fein Voll und sein Vaterland hat er sich verzehrt. Die Nachwelt wird ihm gerecht werden. Dein Volk, mein treuer Freund, wird dich nicht vergessen. Es wird dir danken, daß du ihm in schweren Tagen ein Helfer und Führer zugleich gewesen bist.
Der letzte Weg.
Unmittelbar nach der Rede Kardorffs, die von der ergriffenen Menge schweigend angehört wurde, bildete sich der Trauerzug. Die Spitze des Zuges bildete eine Hundertschaft der Schutzpolizei zu Pferde, auf die zwei
Kapellen der Schutzpolizei und eine weitere Hundertschaft zu Fuß folgten. Nachdem sich hieran anschließenden Chargierten von drei studentischen Korporationen kam
der Wagen mit dem Sarge
des Reichsaußenministers. Neben dem Wagen schritten secys, Attachös sowie die Ministerialdirektoren des Auswärtigen Amtes. Unmittelbar hinter dem Sarge schritt der Pfarrer mit den beiden Söhnen des Ministers, hinter ihm der Reichspräsident von Hindenburg, zu seiner Linken Reichskanzler Müller und zu seiner Rechten Vizepräsident von Kardorff.
. T.R Anschluß daran gingen im Trauerzuge die Minister der Reichs- und Staatsregierung und das Diplomatische Korps. Die Witwe und die nächsten weiblichen Angehörigen des verstorbenden Reichsaußenministers folgten in ge- schlossenem Kraftwagen. Hierauf folgte eine große Anzahl Reichstags- und Landtagsabgeordneter, denen sich
• zwölf Wagen, über und über mit Kränzen bedeckt, anschlossen. Die Parteifreunde des Reichsaußenministers beschlossen das überaus eindrucksvolle Trauergefolge.
Vom Reichstag bis zum Brandenburger Tor bildeten Gruvven der Deutschen Volksvartei teilweise mit
Hindenburgs letzte Ehrung für Dr. Stresemann ist ein riesiger Kranz aus weißen Dahlien und Chrysanthemen schwarz-weitz-roten Fahnen Spalier. Vom Brandenburger Tor bis zum Auswärtigen Amt in der Wilhelmstraße hatte das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold rechts und links der Straße Aufstellung genommen. Die Straßenränder, wie übrigens auch ein großer Teil des angrenzenden Tiergartens, waren von Menschen dicht umsäumt. Als die Spitze des Trauerzuges um 2 Uhr den Luisenstädtischen Friedhos erreichte, setzte von der nahegelegenen Neuen Garnisonkirche Glockengeläute ein. Der Sarg wurde hierauf unter den Klängen des Chorals „Befiehl Du Deine Wege" vom Wagen gehoben und zur Kapelle getragen.
Die Beerdigung des Reichsaußenministers fand hieraus im engsten Familien- und Freundeskreise statt.
Am Grabe.
Ein breiter Weg führt vom Eingang des Friedhofes leicht bergan zu einem alten Glockenturm, in dessen Nähe die letzte Ruhestätte des verstorbenen Außenministers liegt. Der Friedhof wird von schönen alten Bäumen beschattet. Nur wenige Meter vor dem Grabe der Eltern Stresemanns, das von einem schlichten Gedenkstein geschmückt ist, hat man die Gruft gegraben, die die sterblichen Überreste des Reichsaußenministers anf- nehmen wird. Schon immer ist es sein Wunsch gewesen, neben seinen Eltern zur letzten Ruhe bestattet zu werben. Eine kleine Freifläche an der Grabstätte wird das Ehrenmal für Dr. Stresemann tragen.
Die Beirauung Dr. Curtius'.
Zu der in der Öffentlichkeit erörterten Frage, daß die Betrauung des Reichsministers Curtius mit der Führung der Geschäfte des Reichsaußenministers ohne Kenntnis der anderen Minister erfolgt ist, wird offiziös mitgeteilt: Es ist richtig, daß der Reichskanzler mit niemandem vorher Rücksprache genommen hat, auch nicht mit Reichswickt- fchaftsminister Curtius. Der Reichskanzler hat für seine Person Abstand davon genommen, selbst vorläufig das Amt des Reichsaußenministers zu übernehmen, da er noch Rekonvaleszent ist und außerdem ihn die vielen Aufgaben, die er als Reichskanzler zu erledigen hat, schon an sich sehr belasten; aber auch die Aufgaben, die der Außenminister in nächster Zukunft vor sich sieht, sind so umfangreich, daß es unbedingt notwendig war, einen anderen Minister mit dein Amt zu betrauen. Der Artikel 53 der Reichsver- fassung schreibt ausdrücklich vor, daß die Reichsminister aufVorschlagdesReichskanzlers vom Reichs- präsidenten ernannt werden. -*^ " ' ‘ - “ '—•