Einzelbild herunterladen
 

HersfelöerTageblatt

Anzelgenprelsr die einspaltige Petitzelle 15 Pfennig, Sie Reklamezelle 50 Pfennig. (Grunöschrist Korpus). Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Preis­nachlaß gewährt. §ür Sie Schristleitung verant­wortlich : Kranz Kunk in Hrrsfelö. Kernsprecher Nr. 8

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher /inzeiger für den Kreis Hersfelö

Monatlicher Bezugspreis: Durch die Post bezogen 1.50 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für ^ersfelö 1-20 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 1.00 Reichs-Mark. Druck und Verlag von Ludwig Kunks Buchdruckerel in tzersseld, Mitglied des VLZV.

mit öeA Beilage«: Illa-elertes Anterhaltungsblatt / Nach AelerabeuS / Serv u«V Scholle / Aaterbaltvog and Wisse« Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagessrasru.

Nr 234 (erstes Statt)

GonnabenS, den 5. Oktober 1929

79. Jahrgang

Szenenwechsel.

Irrungen und Wirkungen. Jnnendeutsche Verständi­gung. Erwachtes Selbstbewußtsein.

Ein Kämpfer hat ausgekämpft. Mußte vom Schau­platz dieser irdischen Irrungen und Wirrungen, die er liebte, weil sie seinem ausgesprochenen Bedürfnis nach Auseinandersetzung, nach Messung der Kräfte immer neue Nahrung gaben, abtreten, ehe er aus Ziel gekommen war, an das vorläufige Tor seines politischen Ehrgeizes, die Befreiung des Rheinlandes vom Druck der fremden Be­satzung. Ein Stresemann wird nicht alle Tage ge­boren. Sein Tod mußte deshalb auch wie ein außer­ordentliches Ereignis auf die Menschheit wirken, deren Besitz an überragenden Persönlichkeiten ja in den letzten Jahrzehnten nicht gerade gewachsen ist. Die deutsche Politik sieht sich ganz plötzlich vor einen Szenenwechsel gestellt, in einem Augenblick, wo man am wenigsten darauf vorbereitet war oder dazu geneigt schien, sich auf eine solche Notwendigkeit vorzubereiten. Wird sie ihn im Geiste nationaler Einigkeit vollziehen oder werden sich die allbekannten Gegensätze unter den Parteien, die ja viel­fach gerade an den Namen und an die politischen Grund­anschauungen des Heimgegangenen Außenministers an- knüpften, umgekehrt noch schärfer zuspitzen, nun, da es gilt, die von Stresemann im Ringen mit den Gläubigern des Deutschen Reiches erstrittenen Positionen zu halten, zil festigen und, wenn irgend möglich, zu erweitern? Die Erfahrungen der letzten Zeit ermutigen kaum zu der Hoff­nung, daß wir es ohne Stresemann leichter haben werden, zu einer innendeutschen Verständigung zu gelangen, als es unter seiner Führung möglich ge­wesen ist. Wer aber dazu helfen will, das deutsche Volk aus seiner namentlich wirtschaftlich immer mehr sich zu­spitzenden Lage herauszuführen, darf, solange er im Kampf ausharrt, die Hoffnung auf eine solche Entwicklung der Dinge nicht aufgeben.

Es ist schon oft genug gesagt worden, kann aber nie­mals zu eindringlich wiederholt werden, daß wir uns an dem Verhalten des britischen Volkes ein Beispiel «MMLiSs« Ä& ifcSWW Szenenwechsel in der nun schon seit nahezu unvordenk­lichen Zeiten innegehaltenen Außenpolitik des Reiches. Macdonald und seine Mitarbeiter scheinen drauf und dran zu sein, nachdem sie schon in Ägypten das Steuer dieser Politik hcrumgeworfen haben, um dem erwachten Selbstbewußtsein der eingeborenen Bevölkerung , ge­bührend Rechnung zu tragen, jetzt auch in I n d i e n einen Versuch mit weitherzigen Regierungsmethoden zu machen. Daß sich dort mit großer Herrschgewalt, mit einheimischen Polizisten und britischen Soldaten kein friedliches Staats­leben mehr aufrechterhalten läßt, ist nach und nach auch den Trägern der überlieferten Machtpolitik klar geworden, und ebenso scheint die Londoner Regierung in ihrem Mandatsland Palästina mehr Fühlung mit den beiden feindlichen Parteien, den Juden und den Arabern, gewinnen zu wollen, nachdem der äußere Friede unter ihnen leidlich wiederhergestellt ist. Zu gleicher Zeit ist Macdonald zu den angelsächsischen Vettern jenseits des großen Teiches hinüberpÄgert, um auch in Washing­ton durch Aufnahme unmittelbarer Verhandlungen mit den Abrüstungsmännern der Neuen Welt die Bahn für eine vernünftige und billige Flottenpolitik frei zu machen. In allen diesen Bemühungen wird die Arbeiter­partei von ihren innenpolitischen Gegnern wirksam unter­stützt oder doch zum mindesten nicht behindert. Es geht hier um ein großes Spiel, darüber kann gar kein Zweifel bestehen. rd es gewonnen, dann wird sich in der Welt, auch außerhalb der britischen Machtsphäre, ein grund­legender Wandel d. c internationalen Politik vollziehen. Wir Deutsche haben allen Anlaß, dem Schauspiel, das uns so geboten wird, mit größter Aufmerksamkeit zu folgen. Dr. Sy.

Gegen den Terror.

Eine Entschließung des Schleswig- Holsteinischen Bauernbundes.

Der Schleswig-Holsteinische Bauern­bund hat in Hamburg eine Führertagung abgehalten. In der von der Tagung gefaßten Entschließung wird zu­nächst betont, daß der Bund die christliche Weltanschauung als alleinige Grundlage volklicher und nationaler Wieder­geburt betrachte. Der Bund bekenne sich zum Staat und zum Gedanken des sozialen Rechts verlange aber strikte Befolgung des Selbstverwaltungsge­dankens. Das Privateigentum sei als Grundlage aller schöpferischen wirtschaftlichen Entwicklung zu bezeichnen. Solche Anschauungen, so heißt es dann weiter, hätten den Bauernstand veranlaßt, dem gegenwärtigen Staatssystem der Bureaukratie und des Parteiwesens kein Vertrauen zu schenken, da es nicht der wahre Ausdruck der Lebenskräfte des Volkes sei und den schaffenden Stän­den der nationalen Wirtschaft in Stadt und Land keinen genügenden Schutz gewähre..

Bemerkenswert ist angesichts der jüngsten Ereignisse die in der Erklärung enthaltene Ablehnung jeder terroristischen Handlung, da, so heißt es an der betreffenden Stelle, dergleichen nur geeignet fei, die schwierige Lage des Volkes zu verschlimmern, ohne das Staatssystem erschüttern zu können. Die Kundaebuna

Dr. Mus stellnertt. MemWer

Die Zeiseßung Dr. Stresemanns.

Hindenburg hinter dem Sarge.

Der nach Berlin zurückgekehrte Reichspräsident von Hindenburg hat nach einer Unterredung mit dem Reichs­kanzler auf dessen Vorschlag den Reichswirtschaftsminister Dr. Curtius mit der einstweiligen Wahrnehmung der Ge­schäfte des Reichsaußenministers beauftragt, wie amtlich bekanntgegeben wurde. Dr. Curtius bat au der Konfe­

renz im Haag persönlich teilgenommen und wird deshalb vorzüglich in dex Lage sein, die demnächst kommenden Endverhandlungen im Geiste Stresemanns zu führen.

Zunächst war die Rede davon, daß Reichskanzler Müller die provisorische Leitung der auswärtigen An­gelegenheiten übernehmen. werde. Jedoch leidet der Reichskanzler noch ziemlich unter den Nachwehen der eben überstandenen Krankheit, so daß die Übertragung auf den Wirtschaftsminister Dr. Curtius begreiflich erscheint. Nach der erfolgten Beisetzung Dr. Stresemanns und Viel-, wicht auch der überwundenen Endauseinandersetzung zum Aoung-Plan dürste die definitive Neubesetzung des Reichs- außenministeriums nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Die Trauerfeierlichkeiten

am nächsten Sonntag sind jetzt auch in ihren Einzelheiten festgesetzt. Reichspräsident von Hindenburg wird persönlich dem Sarge aus dem Wege vom Reichs­tagsgebäude bis zum Reichspräsidentenpalais zu Fuß folgen. Ihm reihen sich die Reichsminister in ge­schlossenem Zuge an. Der Reichspräsident wird der vor­hergehenden Feier im Reichstage, die etwa 4550 Minu­ten dauern soll, in der Präsidentenloge des Plenarsaales beiwohnen. In dieser Loge nehmen auch die nächsten Familienangehörigen des Verstorbenen teil.

Dem Reichspräsidenten gingen zum Ableben des Reichsaußenministers zahlreiche Trauerbekundungen von ausländischen Staatsoberhäuptern zu. Freitag mittag er­schien Reichskanzler Hermann Müller, begleitet von Staatssekretär P ü n d e r, persönlich im Trauerhause, an dem offenen Sarge, in dem der Verstorbene, umringt von Kränzen und Blumengewinden, ruht. Die Trauerrede im Reichstag wird der Reichskanzler halten.

Besonderen Eindruck in Berlin haben die Nachrich­ten gemacht, nach denen auf den Gebäuden der franzö­sischen Besatzungsbehörden in Ludwigshafen und in D ü r e n, wahrscheinlich auch noch an anderen Stellen.

schließt: Der Schleswig-Holsteinische Bauernstand bekennt sich zum Gedanken der Einordnung in die Volks­gemeinschaft. Er reicht auf dieser staatspolitischen Grundlage allen deutschen Bauern die Hand und fordert zur aktiven Mitarbeit auf.

Zwischen zwei Liebeln.

Der Deutsche Industrie- und Handels­tag g u r Reparationsfrage.

Vor dem Hauptausschuß des Deutschen In­dustrie- und Handelstages sprach nach einer Tranerkundgebung für Dr. S t r e s e m a n n Dr. Melchior zur R ep a r a t i o n s f r a g e. Er fetzte zunächst die Vor­teile und Nachteile des Ioung-Planes gegenüber dem augenblicklichen Zustande auseinander.

Der Berichterstatter warnte davor, den Uoung-Plan als eine befriedigende Regelung zu betrachten. Von den beiden Übeln (Dawes- oder Young-Plan). sei er aber das kleinere. Etwas anderes als zwischen zwei Übeln zu wählen, fei leider nach dem verlorenen Krieg nicht möglich.

In der Erörterung wurde der Ernst der Besorgnisse wegen der Durchführbarkeit des Young-Planes hervor­gehoben. Trotzdem ging die Auffassung dahin, daß so­fern die jetzigen Verhandlungen über die noch offenen Punkte zu einer befriedigenden Lösung führen der Young-Plan gegenüber dem jetzigen Zustande einen Fortschritt bedeutet.

Im übrigen wurde in der Versammlung einmütig betont, daß die Voraussetzung für Annahme und Durch- sührung des Aoung-Planes eine tiefgreifende Reform der Finanz - und Wirtschaftspolitik ist.

zum Zeichen der Trauer die Trikoloren auf halbmast ge­setzt sind.

Dr. Schurmans Nachruf.

Der Berliner amerikanische Botschafter, Dr. S ch u r m a n, widmet dem verstorbenen Reichsaußenminister einen besonders bemerkenswerten Nachruf, in dem er hervorhebt, nach dem erhabenen Präsidenten der Deutschen Republik repräsentierte als zweiter Dr. Stresemann Deutschland in der übrigen Welt. Schurman betont weiter, Stresemann habe sich gegen über­mächtige Kräfte einen ersten Platz unter den Staatsmännern Europas, Asiens und Amerikas errungen. Seine Volitik habe den Geist des Friedens und der internationalen Verständigung gepflegt. Hinter dieser Politik Hütten sowohl eine starke Per­sönlichkeit als auch der Entschluß und das Zielstreben des deutschen Volkes gestanden. Der hervorragendste Wesenszug Stresemann, sagt Schurman, war seine Menschlichkeit. Alles Menschliche fand sein Interesse und alle Klassen hatten das Gefühl, daß er zu ihnen gehörte. Diese umfassende Menschlich­keit befähigte ihn, andere Völker zu verstehen und deren ab­weichende Ansichten zu würdigen. Deutschland und die Welt haben durch den Tod dieses überlegenen Führers einen der bedeutendsten und klügsten Staatsmänner unserer Zeit ver­loren.

Die Deutsche Volkspartei

erläßt einen Ausruf zum Tode des von ihr geschiedenen Führers, in dem ste sagt, Stresemann habe seine geniale Be­gabung nicht nur der Partei, sondern dem Vaterlande ge­widmet und in heroischem Kampfe bis zum letzten Atemzüge Unvergängliches für das deutsche Volk errungen. Die Zu- sammenfasfung aller Kräfte des deutschen Volkes, der Wieder­aufstieg der Nation, das wären die Leitsterne feines Lebens gewesen.

Auf der Reichswahlliste der Deutschen Volkspartei folgt als nächster Kandidat nach Dr. Stresemann der Malermeister Havemann aus Hildesheim, der schon von 1920 bis 1924 Mitglied des Reichstages war. Es steht noch nicht ganz fest, ob Havemann die Nachfolge des verwaisten Mandats antreten wird. __

Dr. Stresemann auf dem Totenbett.

Das Beileid der Besatzungsbehörden.

Koblenz. Die drei Oberkommissare bei der Rheinland­kommission sowie der Oberkommandierende der französischen Besatzungstruppen, General Guillaumat, haben dem Reichs­kommissar für das besetzte Gebiet durch persönliche Besuche oder telegraphisch ihr Beileid zum Tode des Reichsministers Dr. Stresemann zum Ausdruck gebracht. Die Dienstgebäude der Rheinlandkommission sowie die Wohnungen der Ober­kommissare und des Oberbefehlshabers hatten halbmast ge­flaggt.

Der verschärfte Bermahlungszwang.

50Prozent im Oktober und November.

Das Reichskabinett hat der Erhöhung der Ver­mahlungsquote für Jnlandsweizen von 40 auf 50 Pro­zent für die Monate Oktober und November dieses Jahres zugestimmt. Die Erhöhung der Quote erfolgte in Über­einstimmung mit Neichsrat und Reichstagsausschüssen.

Der Anteil an Jnlandsweizen, der in der Zeit vom 1. August bis 30. November 1929 mindestens zu ver­mahlen ist, wird von 40 auf 45 Prozent erhöht. In den Monaten Oktober und November sind jedoch von den in diesen Monaten vermahlenen Weizenmengen min­destens 50 Prozent an Jnlandsweizen zu vermahlen. Die Mühlen müssen das etwa in den vorangegangenen Monaten Versäumte in dieser Beziehung nachholen. Alle Mühlen müssen jedoch im Oktober und November min­destens 50 Prozent Jnlandsweizen vermahlen, auch dann, wenn sie dadurch für den Zeitraum Dom 1. August bis zum 30. November im Gesamtergebnis den nunmehr geltenden Satz von 45 Prozent überschreiten. In jedem der beiden Monate Oktober und November muß der Satz von mindestens 50 Prozent erreicht werden. Eine Ver­teilung auf den Gesamtzeitraum vom 1. bis zum 30. No­vember ist nicht zulässig. Der Reichsminister für Er­nährung und Landwirtschaft wird sich für die restlose Durchführung des Vermahlungszwanges auch in der ver­schärften Fassung mit allem Nachdruck einsetzen.

Macdonald in Amerika eingetroffen.

Newyork. Der SchnelldampferBerengaria" mit Premier­minister Macdonald an Bord ist an der Quarantänestation eingetroffen.