KersfelöerTageblatt
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Mr, 232 Donnerstag, den 3. Oktober 1929 ig. Jahrgang
politischer Wirrwarr.
Wenn man die Reichstagsabgeordneten am Mittwoch gefragt hätte, welche Beschlüsse von ihnen denn nun eigentlich in der Dienstagssitzung gefaßt worden sind, so würde wohl so mancher von ihnen in leichter Verlegenheit erklären, selbst nicht genau Zu wissen, was wirklich angenommen, was abgelehnt und was vertagt worden ist. Außerdem machte der Präsident die zwar humoristische, aber richtige Bemerkung, daß man von einer „Vollver- sammlung" des Reichstages nicht gut sprechen könne, weil nämlich der Sitzungssaal ganz leer sei. Das hatte ja natürlich seine Gründe.
Parteiführerbesprechungen untereinander und mit dem Reichskanzler, mit Ministern, Fraktionsverhandlungen, Kabinettssitzungen in formloser Art — das jagte einander. Und nur mit dem Erfolg, daß man sich innerhalb der Regierungskoalition immer weiter a u s e i n a n d e r r e d e t e. Es kam schließlich sogar so weit, daß der Schatten einer — Reichstagsauflösung an der Wand erschien. Fielen doch zwischen den Rednern der Deutschen Volkspartei einerseits, den Vertretern der übrigen Koalitionsparteien anderseits harte Worte. Drohungen, Ausdrücke schärfsten Angrifses. Und schließlich kam der Gegensatz besonders deutlich zum Vorschein, als die Deutsche Volkspartei einen früheren Antrag des Zentrums über die Staffelung der Anwartschaft bei der Arbeitslosenfürsorge wieder aufnahm, aber von den andern Parteien der Koalition niedergestimmt wurde. Dafür verfiel auch ein anderer Kompromißantrag gleichfalls der Ablehnung, weil nun wieder das Zentrum wegen der deutschvolksparteilichen Abänderungsanträge dagegen stimmte.
Der sachliche und parlamentarische Wirrwarr ist nun derart groß, daß der Außenstehende unmöglich genau zu sagen vermag, welche Streitfrage den Kernpunkt dieses so offen zutage getretenen Gegensatzes bildet. Man ist mit gegenseitigen Porwürsen natürlich sehr schnell bei der Hand und bedient sich sofort parlamentarischer Drohungen als politischen Druckmittels.
<^tz ->»lj»M.»«-M^V!rmare Deutsche Volkspartei," so erklärt man im Lager der anderen Koalitionsparteien. Aber gerade im Parlament wird keine Suppe so heiß gegessen, wie sie auf die Fraktionstische gebracht wird. Legt man nach außen hin nicht gleich jedes Wort auf die Goldwage. Besonders, da es ja nur noch Einzelfragen bei der Arbeitslosenversicherung sind, in denen sich die Koalition hinsichtlich Annahme oder Hinausschiebung uneinig ist. Freilich soll für die entsprechenden Beschlußfassungen auch eine Gesamtverantwortung aller bisherigen Koalitionsparteien durchgeführt werden, also jede Partei geschlossen stimmen. Das will aber die Deutsche Volkspartei für die dritte Lesung des Gesetzes vorläufig nicht zusagen, vielmehr dann ihren FraktioHmitgliedern die Abstimmung frei- (Men.
So handelt es sich bei diesem Streit doch mehr um eine Frage grundsätzlicher Natur: Darf es sich — wie es ja wiederholt schon geschehen ist — eine der Koalitionsparteien ohne weiteres leisten, eine politische „Extratour" zu tanzen, um ein bekanntes Bülow-Wort zu gebrauchen? Gegen die Anträge der anderen Parteien stimmen, ohne daß dies ein wirkliches ÄuseinanderbreÄen der Koalition bedeutet? Das ist — eine Ma ch t frage. Die Sozial- demokratie, also die stärkste Regierungspartei, hat sich dies in der Panzerkreuzerfrage ruhig leisten können. Ob auch die Deutsche Volkspartei bei den anderen so viel Nachsicht finden dürfte . . .?
Daß es in einer so vielgestaltigen Koalition wie der jetzigen ebenso viele Köpfe wie Sinne gibt, ist ja gerade im Reichstag eine Art Gewohnheitsrecht geworden. Das Ausbrechen einer wirklichen Krise aber, etwa der Entschluß der Volkspartei, die Extratour fortzusetzen, die sie übrigens für durchaus berechtigt hält, könnte allerdings für die deutsche "Innenpolitik von weittragendster Bedeutung sein, da zwei der wichtigsten Ministerien, das Äußere und die Wirtschaft, von Volksparteilern besetzt sind. Ob sich diese bei einem Bruch der Koalition auf ihren Sitzen halten können oder halten w o l l e n , ist sehr fraglich.
Das Kabinett aber wird aus diesen Vorkommnissen zum mindesten das eine entnehmen: politische Turmhäuser wird man auf der Basis dieser Koalition nicht gerade errichten können. Und wie sich daher die Dinge bei der noch viel mehr Krisensioff bietenden künftigen Finanzreform entwickeln werden, unterliegt schon heute manch düsterer Prophezeiung.
Die Vorbereitungen für die Zuter- nationale Zahlung-bank.
Die amerikanischen Delegierten in Paris eingetroffen.
Die amerikanischen Delegierten zum Organisations- ausschuß der Internationalen Zahlungs. b a n k, Reynold und Traylor, sind in Begleitung zweier Sachverständiger, von Cherbourg kommend, eingetroffem Sie werden nach Baden-Baden Weiterreisen.
Auch die französische Delegation, bestehend aus dem stellvertretenden Gouverneur der Bank von Frankreich, Moret, und dem Leiter des Archivs der Bank von Fw -'k- reich, Quesnay, haben Paris verlassen.
Droht eine R
Me meOMGe Spannung.
Die Haltung der Volkspartei.
Durch die zweitägigen Verhandlungen des Reichstages über die Reform der Arbeitslosenversicherung wurde die innenpolitische Spannung in keiner Weise vermindert. Alle neuen Pläne, Beratungen, Anträge und Beschlüsse oder Nichtbeschlüsse der Reichstagsparteien haben nichts daran ändern können, daß man vor wie nach in Berlin vor einem vorläufig unentwirrbarem Problem stand Wie Mittwoch bekannt wurde, soll Reichskanzler Müller in einer Unterredung mit dein Außenminister Dr. stresemann, Führer der Deutschen Volkspartei, gesagt haben, das Reichskabinett könne sich wohl damit einverstanden erklären, den Meinungsstreit über die Bei- t r a g s e r h ö h u n g bei der Arbeitslosenversicherungs- reform soweit zu vertagen, um ihn im Zusammenhang mit der allgemeinen Finanzreform im Spätherbst zu entscheiden. Es sei auch nichts dagegen einzuwenden, wenn die Deutsche Volkspartei ihre abweichende Meinung in der Frage der Arbeitslosenversicherung besonders vor dem Reichstage vertrete. Aber nicht erträglich sei es für das Kabinett, wenn die Deutsche Volkspartei als Mitglied der regierenden Koalition in der dritten Beratung gegen die Gesamtheit der Arbeitslosenvorlagen stimmen würde. Reichskanzler Müller müßte aus einem solchen Verlassen des Regierungsblocks die Folgerung seines Rücktritts ziehen, womit die Krise des gesamten Kabinetts selbstverständlich wäre.
Dieser Standpunkt des Reichskanzlers ist der Deutschen Volkspartei mitgeteilt worden. Außenminister S t r e s e - m a n n nahm an einer Sitzung der Partei, die sich über den ganzen Mittwoch erstreckte, teil. Eine Freigabe der Stimmabgabe für bie .^M.t.kp F.ijlM^"^"""" ^'as Kabinett will vielmehr darauf bestehen, Klarheit darüber zu haben, ob nach der Verabschiedung des Uoung-Planes mit der jetzigen Regierungsmehrheit weiter innere Politik gemacht werden könne oder nicht.
Der Reichstag beabsichtigt, Donnerstag früh um 10 Uhr bereits zu- sammenzutreten, um die dritte Lesung der Gesetzentwürfe über die Arbeitslosenversicherung vorzunehmen, nachdem er sich am Dienstag bis Donnerstag vertagt hatte. Alle Fraktionen des Reichstages beschäftigten sich Mittwoch in
Henderson über die Räumung.
Ein Rückblick auf die Haager Konferenz.
Auf der Parteikonferenz in Brighton kam H e n d e r - s 0 n auch auf die H a a g e r K 0 n f e r e n z zu sprechen, wozu er u. a. ausführte, seiner bestimmten Überzeugung nach hätten Br i and und Stresemann schon früher so oft miteinander gearbeitet, daß er persönlich niemals daran gezweifelt habe, daß eine Einigung erzielt werden könne. Ich freue mich feststellen zu können, fuhr der Redner fort, daß das Ergebnis dieser Verhandlungen eine völlige Verständigung über die politischen Fragen gewesen ist. Sofort nach der Unterzeichnung des Protokolls im Haag entsandte ich einen bevollmächtigten Vertreter an das K r i e g s a m t und erhielt schon am nächsten Tage die telegraphische Nachricht, es seien die nötigen Befehle zur Einleitung der unmittelbaren Räumung hinausgegangen. Die Räumung ist seit dem 14. September im Gang und wird am 14. Dezember be - endigtsein. Die Belgier hoffen ihre Truppen ungefähr Mitte Dezember zurückgezogen zu haben, während man von französischer Seite hofft, die Räumung der zweiten Zone im Laufe des Dezember in Angriff genommen zu haben. Allerdings hat Frankreich darauf hingewiesen, daß es über 50 000 Mann und außerordentlich viel Kriegsmaterial zu evakuieren habe. In den ersten Verhandlungstagen wurde von französischer Seite sogar angedeutet, daß die Zurückziehung der französischen Truppen unter Umständen ein ganzes Jahr in Anspruch nehmest könnte. Zu meiner Freude ist es jedoch gelungen, mit Briand zu vereinbaren, daß die dritte Zone EndeJuni vollständig geräumt sein wird. Um diese Zeit soll also nicht ein einziger fremder Soldat sich mehr auf deutschem Boden befinden.
Die aus fünf Herren und einer Dame bestehende, von Dr. Tanaka geführte japanische Delegation für die Beratungen über die Organisation der Internationalen Zahlungsbank ist in Baden-Baden eingetroffen. Das, Eintreffen der deutschen, der belgischen und ita - l i e n i s ch en Delegation wird erwartet.
Befreite Luftfahrt.
Die Neuregelung im besetzten Gebiet.
Die Rheinlandkommission hat jetzt die Ordonnanz über die Neuregelung der Luftfahrt erlassen. Danach ist das Bestiegen des besetzten Gebietes grundsätzlich unter Bedingungen erlaubt, die in den deutschen Gesetzen und Verordnungen über Luftfahrt vorgeschrieben sind. , Die Benutzung der Landeplatze Erbenherm der Wiesbaden, Mainz und Werden bei Aachen ist ohne weiteres gestattet. _ h
Sondersitzungen mit den schwebenden Angelegenheiten. Auch bis zum späten Nachmittag waren irgendwelche definitiven Lösungen nicht gefunden worden. Alle Partei- ftchrer verhandelten mit dem im Reichstag anwesenden Reichskanzler selbst. Der heftige Zusammenstoß zwischen Zentrum und Deutscher Volkspartei in der Dienstagssitzung des Reichstages hat natürlich nicht dazu beigetragen, die Ausgleichsmöglichkeiten zwischen diesen beiden Regierungsparteien zu fördern. Der Zusammenstoß war Mittwoch der Gegenstand der politischen Unterhaltungen in besonderer Weise.
Länderkonferenz.
Für Donnerstag, 11 Uhr vormittags, ist bekanntlich in Berlin eine Versammlung der Ministerpräsidenten aller deutschen Länder ungesagt. Es soll dort der Bericht der Reichsregierung über die Haager Abmachungen erstattet werden. Eine Anzahl der Ländervertreter trafen bereits in Berlin ein und die Konferenz soll möglichst ihre Beratung vor der entscheidenden Abstimmung des Reichstages über die Arbeitslosenversicherung beendet haben.
Es ist das zu dem Zweck vorgesehen, damit die bei der Länderkonferenz wohl vollständig anwesenden R e i ch s m i n i st e r an der Abstimmung im Reichstage im Rahmen ihrer Fraktionen teilnehmen können.
Vor dem Schlnßkampfnm die Arbeitslos en Versicherung.
Vertagungen und Schweiger»erbot.
Die Fraktion der Deutschen Volkspartei vertagte nach mehrstündiger Sitzung ihre Veratunaen. mn - ^Lunerstäü vormittam tt ttyr. Den Teilnehmern an der Fraktionssitzung wurde strengstes Schweigeverbot auferlegt.
Die Sitzung der Zentrumsfraktion des Reichstags war nur von kurzer Dauer, da das Zentrum abwarten will, welches Ergebnis die Sitzung der Volkspartei haben wird.
Die Reichstagsfraktion der Wirtschaftspartei beschäftigte sich ebenfalls mit der Arbeitslosenversiche- rungsresorm. Beschlüsse wurden noch nicht gefaßt. Die Entscheidung soll vielmehr in einer neuen Fraktionssitzung fallen, die am Donnerstag vor der Plenarsitzung statt- findet.
Slückivüufche an den Reichspräsidenten.
Zum 8 2. Geburtstage.
Dem Reichspräsidenten hat Reichskanzler Müller im Namen der Reichsregierung zum 82. Geburtstage nachstehendes Glückwunschschreiben übermittelt:
„Hochverehrter Herr Reichspräsident! Den heutigen Tag möchte ich nicht vorübergehen lassen, ohne Ihnen nicht als Reichskanzler und zugleich im Namen der Reichsregierung die aufrichtigsten Glückwünsche darzubringen. Ich gebe der Hoffnung Ausdruck, daß Sie in alter Rüstigkeit das neue Jahr Ihres gesegneten Lebens beginnen. Das deutsche Volk gedenkt an diesem Tage Ihrer in Verehrung und wünscht, daß Sie ihm noch lange Jahre als ein Vorbild treuer Pflichterfüllung gesund erhalten bleiben mögen. Nach schweren politi i Behandlungen steht die endgültige Befreiung des W Gebietes bevor. Wenn jetzt nach und nach die f , etzten Städte und Gaue frei werden, dann wird das deutsche Volk vor allem auch daran denken, daß Ihr Streben von erster Stunde Ihres Amtsantritts an auf die Wiedererlangung der deutschen Staatshoheit gerichtet gewesen ist.
Glückwünsche sind ferner eingegangen von den verschiedenen Länderregierungen, aus dem Auslande, von den Staatsleitungen und von privater Seite, aus dem Jnlande von dem Reichsausschutz für das Volksbegehren, von verschiedenen Parteiorganisationen usw. Reichsprä- ident von Hindenburg weilt zurzeit außerhalb Berlins, 0 datz in Berlin besondere Veranstaltungen nicht statt- indem
Das preußische Gtä-tebaugefeh.
Erhebliche Bedenken.
Der Preußische Städtetag hat auf seiner Jahresversammlung zum Entwurf des Städtebaugesetzes eine Entschließung gefaßt, in der die Bedenken des Städtetages gegen die den, Landtag zugegangene Gesetzesvorlage zum Ausdruck gebracht werden. Nach wie vor lehnt der Städtetag Die Einengungen der freien Initiative der Selbstverwaltung ebenso nachdrück- - lich ab wie die dem aufsichtsbehördlichen Belieben überlassene Zwangsbildung neuer überörtlicher Planungsorganisationen. Nur freiwillige Zusammenschlüsse der unmittelbar beteiligten Gemeinden werden imstande sein, sich den praktischen Notwendigkeiten und finanziellen Möglichkeiten richtig anzupassen, Ein Städtebaurecht im Sinne des Entwurfs würde die altbewährten Rechtsgrundlagen des Städtebaues zerstören und zu unnötigen Belastungen und Erschwernissen führen. Der Vorstand des Preußischen Städtetages richtet daher an den Landtag die dringende Bitte, dem von der Staatsregierung vorgelegten Entwurf eines Städtebaugesetzes seine Zustimmung zu versagen.