HersfelöerTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher/inzeiger für den Kreis Hersfelö mit beA Bellags«: Illustriertes AnterhultungSblatt / Nach FeieradkttS / Seev uuS Scholle / Anterbsttono uns Witte« Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Sagesfragen.
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Nr. 230
Dienstag, den 1. Oktober 1929
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79. Jahrgang
EiiddWs m die Weitslosemesom
Reichstag und Arbeitslose.
WiederzusammentrittdesRetchsparlainents.
Berlin, 30. September.
Die Besucher der ersten Sitzung des Reichstages nach den Sommerferien, mochten es nun Abgeordnete, Pressevertreter oder Tribiinenneugiertge sein, wurden auf ernste Dinge vorbereitet. Mehrmals mußte sich jeder einer scharfen Befragung durch S ch u P o b e a m t e unterziehen, falls er an das Reichshaus näher heranwogte. Wie es heißt, war diese Vorsichtsmaßregel getroffen, weil im nahe gelegenen Berliner Lustgarten eine- Arbeitslosendemonstration stattfand und man das Nahen eines Zuges trotz der abweisenden Bannlinien be- fürchtete.
Im Hause selbst, wenn man endlich trotz der auch innerhalb der geheiligten Räume fortgesetzten Kontrolle eingedrungen war, gab es einstweilen keine überwältigenden Ereignisse. Der in Vertretung des erkrankten Präsidenten Lobe amtierende Vizepräsident Esser gedachte der während der Ferien verstorbenen Abgeordneten. Nach der Pietätskundgebung ritt Abg. S t ö ck e r (Komm.) die erste Attacke. Unter heftigen Angriffen gegen die Regierung beantragte er Absetzung der Versicherungsreform von der Tagesordnung und brächte allerlei kommunistische Wünsche vor Abg. Graf Westarp (Dtn.) kündigte ebenfalls Forderungen seiner Partei nach Besprechung der auswärtigen Angelegenheiten an.
Reichsarbeitsminister W i s s e l l begründete sodann die beiden Regierungsvorlagen der Arbeitslosenversicherung. Das war sicher keine leichte Arbeit, nachdem erst heute tm Sozialpolitischen Ausschutz des Reichstages die Dinge in keiner Weise gefördert werden konnten. Irgendeine Einigung der Parteien wurde nicht erzielt. So wurden wichtige Kernstücke der Vorlage, wie die verlängerte Wartezeit der Saisonarbeiter und die Bei- trasserhöhuilgen, iu> Ausschutz abgelehnt.
Mach dem -Retrysardriismimi^ 7fpr--Mr: fptiiW-iTr*. Redner im Auftrage ihrer Parteien. io.
*
Sitzungsbericht.
(99. Sitzung.) CB. Berlin, 30. September.
. Vizepräsident Esser gedenkt zu Beginn der Sitzung, während sich die Abgeordneten von den Plätzen erheben, der seit der Vertagung des Reichstages verstorbenen Abgeordneten und der früheren Reichstagsabgeordneten Frau B e h m.
Vor Eintritt in die Tagesordnung beantragt Abg. Stücker (Komm), die Reform der Arbeitslosenversicherung von der Tagesordnung abzusetzen, da sie einen neuen Raubzug gegen die Erwerbslosen einleite. Gleichzeitig protestiert er gegen die Abschließung des Reichstagsgebäudes am heutigen Tage durch mehr als 200 SchnpobecMte Der Redner verlangt an Stelle der Arbeitslosenversicherung die Beratung von Anträgen auf Einführung des Siebenstundentages, von Steuersenkung und auswärtige Angelegenheiten.
Abg. Graf Westarp (Dtn.) erklärt, seine Freunde behielten sich vor^ heute noch die Besprechung der Haager Verhandlungen für Dienstag zu beantragen. Gegen die kommunistischen Anträge wird Widerspruch erhoben, so daß diese Fragen erledigt sind.
MichsKt-beiLsministLr Wiffell
leitet sodann die allgemeine Aussprache der ersten Lesung der Vorlagen zur Deform der Arbeitslosenversicherung ein. In seiner Rede gibt er zunächst einen Rückblick auf die Entstehung der Vorlagen und aus die im Sommer stattgefundene Arbeit der Sachverständigen.
Mißbräuche der Arbeitslosenversicherung, fährt der Minister fort, sind zweifellos vorgekommen, aber sie sind nach Meinung des Ministers zu stark aufgebauscht worden. Die Arbeitslosenversicherung habe sich als Ganzes bewährt. Die Verbesserungen des ersten Gesetzentwurfes bringe der eine von den vorliegenden Vorschlägen, über den wohl große Meinungsverschiedenheiten kaum bestehen. Die andere befristete Vorlage wolle das Mißverhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben der Arbeitslosenversicherung ausgleichen. Das solle geschehen durch
eine Kombination von Ersparnissen und Erhöhungen der Einnahmen.
Über den in der Vorlage vorgeschlagcncn Abbau der Leistungen werde die Regierung aus keinen Fall hinaus- gehen. Jede weitere Kürzung der Unterstützung würde die Kaufkraft der Bevölkerung und damit die Gesamtwirtschaft schädigen Die Regierung erwarte nicht, daß ihre Entwürfe
Der Kompromißvorschlag der Reichs- rsMerung.
Die allgemeine Beitragserhöhung zur A r b e i t s l o s e n v e r sich e r u n g f a ll e n g e l a ssen?
Reichskanzler Müller hat für Dienstag eine Besprechung der Parteiführer der Großen Koalrtlon angesetzt, um die Differenzen in der Reform der, Arbeitslosenver- sicherung aus dem Wege zu schaffen. Dieser Ausweg soll darin bestehen, daß die Regierung die in Aussicht genommene allgemeine Erhöhung um % Pro zent für die Arbeitslosenversicherung fallen läßt, dagegen soll die geplante 1 ^ prozentlge Beitragserhöhung für die Saisonarbeiter aufrecht- erhalten bleiben.
restlose Beyneomung schassen werden. L'ce sehe aber einen gangbaren Weg darin zur Lösung der vorliegenden großen Fragen.
Abg. Gratzmann (Soz.) weist im Eingang seiner Aus- führungen daraus hin, daß das kapitalistische Wirtschafts- system notwendigerweise eine große Arbeitslosenzahl mit sich bringt.. Das werde sich nach Meinung des Abgeordneten erst ändern unter der von der SozicUdemokratie erstrebten von der Öffentlichkeit kontrollierten Bedarsswirtschaft. Abg. Gratz- mann betont weiter, die Wirtschaft, die eine Reservearmee von Arbeitslosen braucht, müsse auch zur Erhaltung dieser Armee Reservcmittel aufbringen. Dcr Abbau der Sozialpolitik würde zu wirtschaftspolitischen Katastrophen führen. Die Wirtschaft fei sehr wohl in der Lage, eine Beitragserhöhung zu tragen. Der Redner stimmt der Ausschaltung von Mißbräuchen zu, lehnt aber eine Verlängerung der Wartezeit und eine Beitragserhöhung für die Saisonarbeiter ab.
Abg. Dr. Rademacher (Dtn.) weist darauf hin, daß die Arbeitslosigkeit einschließlich der städtischen Fttrsorgegelder im letzten Etatsjahr das deutsche Volk 1650 Millionen Mark gekostet habe. Der Redner nennt die vorliegenden Entwürfe einen Torso, dessen Beratung man einer gesetzgebenden Körperschaft nicht anmuten soll. Er lehnt jede Erhöhung der Beiträge ab. Auch die Landwirtschaft habe schwerste -Bedenken gegen die Gesetze. Dr. Rademacher gibt der Überzeugung Ausdruck, daß diese Regierungskoalitton und dieses System nicht in der Lage seien, eine Gesundung der Arbeitslosenversicherung herbeizuführen.
Abg. Dr. Perlitius (Ztr.) gibt für seine Fraktion eine Erklärung ab, in der die erste Vorlage, welche die Mißbräuche bei der Arbeitslosenversicherung abstellen soll, begrüßt wird. Die zweite Vorlage über die befristeten Änderungen entsprächen nicht den Vorschlägen des Zentrums, aber das Zentrum sei bereit, auf dieser Grundlage an der Gesamtlösung mitzu- arbeiten.
Abg. Rädel (Komm) wirf! dem Arbeitsminister vor, daß er trotz feiner Stellung als Führer der freien Gewerkschaften als Minister das Material für den reaktionären Vorstoß gegen die Arbeitslosen geliefcr! k y
Abg. Dr. Pfeffer (D. Vp.) führte aus, für die Deutsche
-^uvtsAypierlakeiten in der falschen sozialpolitischen Regelung des Otsvengen eseieyes.. eswie o c .> . tragserhöhung koniine überhaupt nicht in Frage. Grundsätzliche Forderung der Deutschen Volkspartei fei die Verlängerung der Wartezeit besonders für die Saisonarbeiter. Ein großer Fehler sei die einheitliche Versicherung für alle Arbeitnehmer Die Deutsche Volkspartei beantragt daher eine Sonder Versicherung der Angestellten und die Zulassung von Ersatzkassen.
Abg. Freidel (Wirischafispartei) ist der Meinung, die Reichsanstalt müsse sich selbst erhalten. Er lehnt eine Beitrag s e r h ö h u n g ab. Hebe man die Bautätigkeit und die Arbeit der Haus- und Grundbesitzer durch die Aushebung der Zwangswirtschaft, so würde sich die Arbeitslosenfrage bedeutend bessern. Wetter sprach der Redner über die nach seiner Meinung vernachlässigten Interessen der Haus- und Grundbesitzer.
Abg. Dr. Haas (Dein.) bezeichnet die Aufrechterhaltung der Arbeitslosenversicherung als s e l b st v e r st ä n d l i ch. Die Beseitigung offenkundiger Mißstäude sei notwendig. Der große Gedanke der Arbeitslosenversicherung fei aber nur bann verwirklicht, wenn die Versicherung sich selbst trage. Unerträglich findet er die Erklärung, daß bis jetzt für die Reform eine einheitliche Stellungnahme der Regierungsparteien nicht vorhanden sei.
Abg. Schwarzer (Bay:. Vp.) erklärt sich mit der Auffassung des Reichsarbeitsministers einverstanden, daß die Mängel der Arbeitslosenversicherung stark übertrieben worden seien.
Nach einer Erklärung des Abg. Hense (Christ.-Nat. Bauernpartei), wonach feine Fraktion beide Gesetzentwürfe ablehut, schließt die Aussprache.
Vizepräsident Esser schlügt vor, die nächste Sitzung Dienstag um 12 Uhr ab zuhalten mit der Tagesordnung, zweite Lesung der Vorlage über die Arbeitslosenversicherung.
Abg. Stöcker (Komm.) fordert erneut die Absetzung der Arbeitslosenversicherung.
Abg. Graf Westarp (Dtn.) beantragt gleichfalls die Arbeitslosenversicherung zu rückzu stellen, da sich die Regierungsparteien noch nicht einig seien. Der Redner fordert statt dessen die Beratung der deutschnationalen Anträge zum N o u n g - P l a u.
Abg. Dr. Frick (Nat.-Soz.) unterstützt die Anregung des Grafen Westarp.
Sämtliche Anträge zur Tagesordnung werden a b gelehnt, ebenfalls ein deutschnationaler Antrag, den Finanzminister aufzufordern, den Dienstagverhandlungen beizu- wohnen. Es bleibt bei dem Vorschlag des Präsidenten, daß die zwcite Lcsung Dienstag um 12 Uhr beginnt, ^n» W''.’' n-c, -3 Haus.
Keine Auslieferung an den Schwedentrust
AberNeuordnung derZündholzwirtschaft
Zu der Frage der Zündholzwirtschaft wird von den zuständigen Ressorts mitgeteilt, daß eine Auslieferung der Zündholzindustrie an den Schweden- t r u st nicht in Betracht kommt, Verhandlungen darüber auch niemals geführt worden sind. Es handelt sich vielmehr um folgendes: Die unhaltbare Lage aller in Deutschland produzierenden Zündholzfabriken und die damit verbundenen Gefahren der Stillegung und weiteren Überfremdung machen eine Neuordnung der Zündholzwirtschaft unvermeidbar. In diesem Zusammenhang ist die Frage einer Gegenleistung des Schwedentrusts für die Verbesserung der Lage des Zündholzsyndikats und damit auch der von den Schweden in Deutschland betriebenen Fabriken in Form einer Anleihe Gegenstand von Erörterungen gewesen. Die Neuregelung der Zündholzwirt- schaft kann im übrigen nur durch Gesetz erfolgen.
Der Gevurisiag des Reichspräsidenten.
Am 2. Oktober vollendet der Reichspräsident von Hindenburg das 82. Lebensjahr. Wie in jedem Jahre an feinem Geburtstage, so denkt auch diesmal das deutsche Volk des Mannes, der an des Reiches Spitze steht, in Ehrfurcht, denn selbst diejenigen, welche in einem anderen Lager kämpfen, werden sicherlich anerkennen, daß der Reichspräsident von dem Tage seines Amtsantritts an allezeit bemüht war, sich über die Parteien zn stellen und
gerecht feines Amtes zu walten. Und obwohl mehr als ein Jahrzehnt vergangen ist seit dem Ende des furchtbarsten aller Kriege, sind bis zum heutigen Tage unvergessen Hindenburgs Taten im Felde und Hindenburgs ritterliches Verhalten nach dem großen Völkerringen, das
Als vor eiNWLr '^SWfc&imBiKKsaap^
Reichspräsidenten Haus einzogen, als er selbst erkrankte und bald darauf ihm durch den Tod seine einzige Schwester entrissen wurde, da gab es Wohl nur wenige in deutschen Landen, die nicht mit ihm gefühlt, sich nicht um ihn gesorgt, ihm nicht- von ganzem Herzen rascheste Überwindung aller seelischen und körperlichen Schmerzen gewünscht hätten. Und Wünsche gleicher Art scharen sich in Fülle auch jetzt, an dem Tage, der ihn der Welt geschenkt hat, um ihn, Wünsche für sein ferneres Wohlergehen, Wünsche für einen ruhigen, freundlichen Lebensabend des greisen, bis ins hohe Lebensalter reckenhaften Mannes, dem nicht nur Deutschland, dem auch das Ausland, selbst das ehemals feindliche, höchste Achtung und Ehrerbietung entgegenbringt.
Rußland protestiert weiter.
Eine neue Note an die deutsche Botschaft.
Die Telegraphenagentur der Sowjetunion teilt mit: Die der deutschen Botschaft übergebene Verbalnote lautet: In den vorhergehenden Verbalnoten vom 6. 9. und 13. 9. hatte das Außenkommissariat die Ehre, die Aufmerksamkeit der deutschen Regierung auf jene unerhörten Verfolgungen und Gewalttätigkeiten zu lenken, denen Sowjetbürger in China von feiten chinesischer Behörden ausgesetzt sind, wobei insbesondere auf eine Reihe konkreter Fälle hingewiesen wird, in denen Hinrichtungen von Sowjetbürgern ohne vorhergehende Gerichtsverhandlungen vorgenommen wurden. Einer Erklärung des deutschen Generalkonsuls zufolge hat der chinesische Gouverneur die Hinrichtungen von Sowjetbürgern in Abrede gestellt. Indessen sind diese Morde und Hinrichtungen nicht nur früher erfolgt, wie in den erwähnten Stolen des Außenkommissariats mitgeteilt wurde, sondern sie erfolgen a u ch j e tz t n o ch.
Die polarfahri des „Gras Zeppelin" beschlossen.
Abschluß der Besprechungen zwischen Dr. Eckener und Nansen.
Die in den letzten Tagen in Friedrichshafen zwischen der Aeroarctic und dem Luftschiffbau Zeppelin geführten eingehenden Besprechungen über die nächstjährige Polarfahri mit dem „Graf Zeppelin" haben in allen Fragen zu völliger Übereinstimmung geführt. Es hat sich herausgestellt, daß das gesamte v on der Aeroarctic für die Polarexpedition ausgestellte Forschungsprogramm nach eingehender Durchberatung von den maßgebenden Vertretern des Luftschiffbaus Zeppelin luftfahrttechnisch für durchführbar gehalten wird. In den Schlußansprachen der beiderseitigen Führer, Professor Fridtjof Nansen nnd Dr. Eckener, kam das volle Vertrauen für harmonisches Zusammenwirken und glückliches Gelingen der Expedition klar zum Ausdruck. Professor Nansen hat mit seiner Gattin Friedrichshafen zur Heim- reise nach Norwegen verlassen.