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Belebruua «ab Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfrageu.
Nr 227
Freitag, den 27. September 1929
7g. Jahrgang
Der AesieningMechsel in Oesterreich
Ein neues Bild im politischen Kaleidoskop des Österreichs von heute: der bisherige Bundeskanzler Dr. Streeruwitz ist zurückgetreten, sein Kabinett desgleichen — aber nur teilweise. Der neue — aber nicht unbekannte — Mann auf dem verlassenen Posten ist Dr. Schober, bisher Wiens Polizeipräsident, oder „der Mann des 15. Juli", wie ihn seine Gegner nannten, seitdem an jenem Tage vor zwei Jahren rings um den brennenden Justizpalast die Gewehrsalven knatterten. Aber — das war einmal und selbst die österreichische Sozialdemokratie, die den für alles verantwortlichen Polizeipräsidenten aufs heftigste angegriffen hatte, sieht in demselben Mann jetzt denjenigen, der den Willen und die Macht hat, ein außerparlamentarisches Vorgehen der Heimwehren, den wirklichen — oder angeblichen — „Marsch auf Wien" gegebenenfalls mit Gewalt zu unterbinden. Man betrachtet ihn und seine Wahl zum Bundeskanzler daher im sozialdemokratischen Lager zwar nicht mit heißer Liebe, aber doch zum mindesten mit „Gewehr bei Fuß" — was im heutigen Österreich übrigens auch wörtlich zu nehmen ist —, wird also sein weiteres Handeln abwarten. Die Vorlage für eine Änderung der Verfassung wird sehr bald an das Parlament gelangen, und wenn alles nur parlamentarisch zugeht, ein Druck von außen her von dem neuen Bundeskanzler verhindert wird, dann kann die Sozialdemokratie ihre parlamentarische Stellung aus- nützen, ihre Fraktionsstärke in die Wagschale werfen, bei der für Verfassungsänderungen notwendigen Zweidrittelmehrheit eine allzu radikale Neugestaltung dieser Verfassung hemmen. An und für sich steht aber Dr. Schober politisch ziemlich auf dem rechtesten Flügel der Christlichsozialen, hat auch die andern beiden Rechts- Parteien hinter sich — nur fragt es sich im Augenblick sehr, wieweit und wie lange er dem Druck der außerparlamentarisch wirkenden und wirksamen Heimwehrbewegung tatsächlich im Interesse einer ruhigen, rein parlamentarischen Erledigung- der Verfassungsfrage wM lllilLeru können. ficht Vertrauensmann dieser '^M-MMg sitzt tut neuen' Kabinett. Infolge--gen ist jedenfalls im Augen- ___ - einem außerparlamentarischen, „Putschistischen" Austrrsgen der politischen Gegensätze kaum zu rechnen. Leiese waren viel zu hoch angeschwollen, als daß sich Dr. Streeruwitz noch zwischen ihnen halten konnte; denn er hatte seinen Vorgänger Dr. Seipel ersetzt mit einem Programm der Versöhnung in der Tasche, das nun allerdings in der Tasche steckengeblieben ist. Wie so manches andere, auch das Wirtschafts- und Außenpolitische, z. B. der Versuch, durch einen Besuch in Prag die Beziehungen Österreichs zur Tschechoslowakei intimer zu gestalten. Des Deutschen Reiches Hauptstadt freilich hat ihn nicht gesehen.
Die Entscheidung ist also fürs erste zurückverlegt in das Parlament und Dr. Schober, der sich ausdrücklich als Gegner irgendwelcher „Diktatur"pläne erklärt hat, wird zunächst einmal versuchen, auf parlamentarischem Wege dem Willen der Heimwehrbewegung nach einer „organischen Verfassungsänderung" Rechnung zu tragen. Das Gelingen — oder Mißlingen - dieses Versuchs dürfte man wohl auch im Lager der Heimwehren abwarten, da man dort ja gerade Dr. Schober als politischen Gesinnungsfreund betrachtet und nach außen hin behandelt hat. Ebenso wird man aber auch durch Demonstrationen und sonstige Mittel zu beweisen fortfahren, daß die Heim- Wehrbewegung die weitere Entwicklung „mit aufmerksamen Auaeu beobachtet", um eine schon ziemlich geläufige politische Phrase zu gebrauchen. Also auch hier ein „Gewehr bei Fuß".
Ist in Österreich der Kabinettswechsel also Ausdruck der Zuspitzung im wesentlichen außerparlamentarischer Machtkämpfe, so liegen die Gründe für die soeben erfolgte Auflösung der b e i d e n P a r l a m e n t e im Nachbarland, der T s ch e ch o s l ow a k e i, auf dem Gebiet parteipolitischer Gegensätze, Eifersüchteleien, Unzufriedenheiten ohne deutlichen Hintergrund „Neuwahl ohne Pa- r o l e" schreibt bezeichnenderweise ein großes Präger Blatt. Höchstens im deutschen Lager wird es sich darum drehen, bei der Wahl und durch sie ein Urteil ^bcr die Teilnahme einzelner deutscher Parteien an der fetzigen Regierung zu fällen, dahingehend also, ob die Ziele erreicht worden sind, die die Befürworter dieser „Politik der Mitarbeit" an strebten: eine wesentliche Erleichterung des Loses der S u d e t e n d e u t s ch e n. Oder ob die deutschen Kabinettsmitglieder nach dieser Richtung hin Hn-lnßlos geblieben sind.
Oesterreichs neues Ministerium.
Das Kabinett gebildet.
Um 18 Uhr Donnerstag abend hat der österreichische Nationalrat das neue Kabinett gewählt. Besonderes Aufsehen erregt der Eintritt des früheren Bundespräsidenten Dr. Hainisch in das Ministerium. Die Liste der Minister setzt sich wie folgt zusammen:
Bundeskanzler: Polizeipräsident Schober, Vizekanzler und Minister für Hecreswesen: Vaugoin, Justizminister: der bisherige Justizminister Dr. S l a m a, Minister für soziale Verwaltung: Universitätsprofessor Dr. Theodor I n n i tz e r, Minister für Land- und Forstwirtschaft: der bisherige Minister F ö d e r in c y r, Minister für Handel und Verkehr: der frühere Bundespräsident Dr. Michael Hainisch. Der.bisherige Vizekanzler Schu m y
Deutsche Bankenkonrentration
Verschmelzung Deutsche Vank- Disconto-Gesellschaff.
Rationalisierung im deutschen Bankgewerbe.
In, deutschen Bankgewerbe erfolgt gegenwärtig eine riesenhafte Verschmelzung, die die größte der Nachkriegszeit ist. Die Deutsche Bank und die Disconto-Gesellschaft verschmelzen sich. Diese Verschmelzung kommt für die Börse und für die deutsche Wirtschaft vollkommen überraschend. Als aufnehmendes Institut fungiert die Deutsche Bank. Der Aktienumtausch soll im Verhältnis 1 ; 1 erfolgen. Die Deutsche Bank wird eine Kapitalerhöhung vornehmen, die nach den ersten Meldungen etwa 100 Millionen Mark betragen wird. Bisher hat die Deutsche Bank ein Aktienkapital von 150 Millionen Mark und offene Reserven von 90 Millionen Mark, während die Diskonto- Gesellschaft über ein Aktienkapital von 135 Millionen und offene Reserven von 52 Millionen verfügt.
Welch ungeheurer Bankkomplex aus der Fusion entsteht, geht aus den Bilanzadditionen der beiden Institute hervor. Die Deutsche Bank und die Disconto-Gesellschaft haben nach den neuesten Ziffern der Monatsbilanzen per 31. August zusammen eine Bilanzsumme von rund 4.7 Milliarden. Wenn man bei der Disconto-Gesellschaft die Gemeinschaftsbilanz, die auch noch den A. Schaaffhausen- schen Bankverein in Köln und die Norddeutsche Bank in Hamburg umfaßt, zur Grundlage nimmt, so fommt das neue Grotzbankunternehmen zu einer Bilanzsumme von mehr als fünf Milliarden. Welche Wirkungen sich aus dieser Riesenfusion aus- das Bankgewerbe im einzelnen ergeben uierde» ^.^ kick, ün-^iu<^>ifg^„^
Kommerzienrat Max Steinthal, Dr. Max von Schinkel, Vorsitzender des Aufsichtsrates Vorsitzender des Aufsichtsrates der Deutschen Bank. der Disconto-Gesellschaft.
nicht übersetzen, doch steht fest, daß damit die Rationalisierung innerhalb des deutschen Bankgewerbes einen neuen entscheidenden Fortschritt macht.
An der Börse wurde die finanzielle Riesentransaktion selbstverständlich ausführlich besprochen. Gerüchtweise verlautet, daß noch weitere Fusionen bevorständen. Interessant ist im übrigen die Mitteilung, daß nach Meldungen aus Newyork die National-City-Bank einen Teil der neuen Aktien der Vereinigten Deutschen und Dis- conto-Bank übernehmen wird. Eine solche Maßnahme erscheint als nicht ausgeschlossen, besonders, wenn man an den auf der Tagung des Reichsverbandes der Deutschen Industrie gehaltenen Vortrag des Direktors der Deutschen
wird das Ressort des Innern übernehmen. Mit der Leitung der Ministerien für Finanz und Unterricht soll einstweilen Bundeskanzler Schober betraut werden, bis die hierfür in Aussicht genommenen Persönlichkeiten erreicht werden können.
Die Regierungserklärung soll erst im Laufe des Freitag nach entsprechenden Vorberatungen das Kabinett erfolgen.
Bundespräsident M i k l a s hat die Vereidigung der in Wien anwesenden neuen Regierungsmitglieder noch in vorgerückter Abendstunde am Donnerstag vorgenommen.
Wegen Beschimpfung öer AepuhLik . verurteilt.
Wegen Vergehens gegen das Republikschutzgesetz (Beschimpfung der Republik) wurde vom Schöffengericht Halle der Schriftsteller Dr. S t a d l e r aus Berlin zu 300 Mark Geldstrafe verurteilt. Stadtler hatte in einem Vortrag in der Hauptversammlung des Kreislandbundes in Delitzsch über „Die Not Deutschlands" das ihm zugerufene Wort „Kuhfladen" aufgegriffen, das er schon in einer Versammlung in M a s s o w in Pommern gebraucht hatte. Er erklärte, daß er wegen dieses Ausdruckes schon einmal weaen Beschimvkuna der Revublik
Bank Dr. Kehl denkt, der für eine Beteiligung des Auslandes an deutschen Unternehmungen eintrat.
Bei der Schaffung des neuen Riesenkonzerns tauchen natürlich eine Anzahl Handels- und sozialpolitischer Fragen auf, die aber erst eingehend erörtert werden können, wenn noch nähere Einzelheiten über die Verschmelzung bekanntgeworden sind. Das eine kann schon heute gesagt werden, daß die Machtstellung der beiden neuen vereinigten Banken im deutschen Wirtschaftsleben ganz überragend werden wird. Hoffentlich wird sie der Wirtschaft Deutschlands auch zum Segen gereichen. Allerdings muß schon jetzt mit Bedauern festgestellt werden, daß diese Großrationalisierung der Banken bereits umfangreiche Kündigungen von Bankpersonal zur Folge hatte, das durch die Zusammenlegung von Filialen und der Verwaltung nach Ansicht der Bankdirektionen überflüssig geworden ist.
Die Deutsche Bank verfügt über etwa 181 Niederlassungen im Jnlande und sieben Niederlassungen im Auslande. Außerdem besitzt sie 100 Depositenkassen, davon 37 in Berlin und zwei im Auslande. Die Zahl der Angestellten beträgt etwa 13 000. Der Umsatz betrug 1928 225 Milliarden Mark, die Zahl der Konten 422 694. Die Disconto-Gesellschaft verfügt über etwa 50 Filialen und etwa ebensoviel Zweigstellen sowie über 30 Depositenkassen. Der Personalstab umfaßt etwa 7000 Personen. Der Umsatz betrug 1928 120,6 Milliarden Mark, die Zahl
der Konten 166 765.
Man wird, wie gesagt, weitere Einzelheiten ab- warten mitten, bevor man ein wirklich klare s Bild, über die Fusion und ihre Folgen erhält.
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Zum 2 9. Oktober.
Die Aufsichtsräte der Deutschen Bank und der Disconto-Gesellschaft haben Donnerstag nachmittag definitiv beschlossen, die Vereinigung beider Banken ihren Generalversammlungen am 29 Oktober 1929 vorzuschlagen. Das vereinigte Institut wird die Firma „Deutsche Bank und Disconto-Gesellschaft" führen und ein Aktienkapital von 235 Millionen Mark mit zirka 160 Millionen Mark Reserven erhalten. Von dem Aktienkapital fallen 135 Millionen Mark den Anteileignern der Disconto-Gesell- schaft im Verhältnis von eins zu eins zu. Der Aufsichtsrat soll aus den sämtlichen Mitgliedern des Aussichtsrates der Deutschen Bank und der Disconto-Gesellschaft gebildet werden.
Den Aufsichtsräten, Geschäftsinhabern und Vorständen der Norddeutschen Bank in Hamburg, des A. Schaafhausenschen Bankvereins A.-G. in Köln, der Rheinischen Kreditbank und der Süddeutschen Disconto- Gesellschaft A.-G. in Mannheim soll angeboten werden, in alsbald einzuberufenden Sitzungen zu beschließen, den Generalversammlungen die gleichzeitigen Vereinigungen dieser Banken mit der „Deutschen Bank und Disconto- Gesellschaft" vorzuschlagen. Für die Vereinigung der Norddeutschen Bank in Hamburg und des A. Schaaf- hausen'schen Bankvereins A.-G. Köln werden keine Aktien benötigt, weil deren gesamte Aktienkapitalien der Disconto-Gesellschaft gehören.
Die zur Übernahme der Rheinischen Kreditbank und der Süddeutschen Disconto-Gesellschaft A.-G. erforderlichen, übrigens nicht erheblichen Aktienbeträge der Deutschen Bank und der Disconto-Gesellschaft, werden Großaktionäre gegen Barverrechnung zur Verfügung stellen. In der Veröffentlichung der Banken heißt es: Die Vereinigung der beiden Bankkonzerne wird Ersparnisse an Betriebskosten, sachlicher und personeller Art, erbringen, auch Ab- stoßung von Immobilien ermöglichen, damit also als Rationalisierungsmaßnahme den Interessen unserer Gesamtwirtschaft gerecht werden. Bei der durchzuführenden Rationalisierung werden die sozialen Gesicht" unkte im Auae behalten.
angeklagt, aber vom Schöffengericht G o l l n o w freigesprochen worden sei. Das freisprechende Urteil in Gollnow ist nachträglich von den höheren Instanzen aufgehoben und Dr. S t a d l e r zu 300 Mark Geldstrafe verurteilt worden. Wegen einer gleichartigen Äußerung in Jtzehoe ist das Verfahren vom Landgericht Altona eingestellt worden. Das Schöffengericht Halle sah aber auch in der Wiederholung jener Worte, die Gegenstand eines Gerichtsverfahrens gewesen sind, eine Beschimpfung der Republik, da das angeführte Urteil noch nicht rechtskräftig war.
Die Gaarverhandlrmg e^.
Erste Beratungen in Paris.
Die erste Sitzung des Komitees für die Vordereitun- gen der deutsch-französischen Saarverhandlungen hat nach Festsetzung der Art ihrer Arbeiten zum Vorsitzenden der französischen Verhandlungsdelegation Arthur Fontaine ernannt. Fontaine ist bisher Generalinspektor der unter französischer Verwaltung stehenden Gruben gewesen und bekleidet den Posten eines Präsidenten des administrativen Komitees des Internationalen Arbeitsamtes in Genf. Die wirklichen entscheidenden Verhandlungen sollen, dem Vernehmen nach, aber erst in der zweiten Oktoberhälfte beginnen.