HersfelöerTageblatt
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mit be« Beilage«: Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Aeierabeuö / Herö uuS GLolle / AuferhaltuNg vob Wisse« Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfrageu.
Nr. 224
Dienstag, den 24. September 1929
79. Jahrgang
Landflucht.
Nicht bloß in Genf bei der Weltwirtschaftskommission des Völkerbundes versucht man, einander näherzukommen in Fragen, bei denen gemeinsame wirtschaftliche Interessen der Völker berührt werden, will man einen Ausgleich schaffen, wenn die Verfolgung solcher Interessen durch ein Land allzu stark das wirtschaftliche Gedeihen des Nachbarn berührt oder stört. Auch eine besondere internationale parlamentarische Handelskonferenz versucht auf einer soeben beginnenden Tagung in Berlin in einer solchen Richtung zu wirken, für gemeinsame Wirtschaftsprobleme Klärung und Ausgleich zu schaffen, dabei auch solche Jnteressenkonflikte zur Sprache zu bringen, von deren Entwicklung Lebensprobleme eines Volkes abhängen.
Wirtschaftsfragen zwischen- oder überstaatlicher Natur gibt es ja in einem fast täglich wachsenden Umfang schon deswegen, weil die zwischen- und überstaatlichen Ver- knüpfungen wirtschaftlicher Art in raschestem Tempo zunehmen. Der tiefe Riß, den der Weltkrieg gezogen, die breiten Abgründe, die er g eschaffen hat, werden demgemäß in einem heute noch kaum $u überblickenden Maß ausgefüllt werden müssen, weil die Gemeinsamkeit wirtschaftlicher Probleme von heute und morgen immer stärker gefühlt wird. Um nur eins zu erwähnen: Das P r o b l e m d e r - A r b e i t s l o s i g k e i t ist in den beiden wirtschaftlich so fortgeschrittenen Ländern wie Deutschland und England immer mehr zur brennenden Tagesfrage geworden, bei der das eine Land von dem anderen zu lernen sucht, das eine die Fehler vermeiden will, die das andere begangen hat. Und ein anderes für das Wachsen der Völker vielleicht noch wichtigeres Problem ist ein bevölkerungspolitisches, eines leider, das gerade für Deutschland von besonders trauriger Wichtigkeit ist, weil das Wachsen des deutschen Volkes gegenüber den Vorlriegsverhültnissen sich in erschreckender Weise verlangsamt hat. Die Landflucht, die Abwanderung vom flachen Lande in die Städte oder gar in das Ausland hm in Deutschland Formen angenommen, die schon zu dem Mahnruf geführt haben: „D a s d e n t s ch e P o l k
Das schlimmste dabei ist, daß man die Gründe d e r L a n d f l u ch t in Deutschland wohl zu erkennen vermag, daß über einen großen Teil dieser Gründe sich eine durchaus einheitliche Meinung gebildet hat, daß aber — es so gut wie unmöglich ist, nun diesen Gründen zur Landflucht beizukommen, ihnen abzuhelfen. Die Tatsachen sprechen eine nur allzu traurige Sprache: Aus Ostpreußen z.B. sind in den Jahren 1919 bis 1927 über 1 5 0 0 0 0 Menschen abgewandert; die Volkszählungen für ganze ländliche Kreise haben ergeben, daß dort nicht bloß keinerlei Bevölkerungszunahme erfolgte, sondern unaufhörlich Zehntauseude das flache Land verlassen, in die Städte gehen oder gar in das Ausland. Vielfach wird ja von ländlichen Arbeitnehmern darauf hin gewiesen, daß die unterschiedlichen Lohnverhältnisse bei der Landflucht eine wesentliche Rolle spielen, daß die zu geringe B a r entlohnung den Landarbeiter zur Abwanderung in die Stadt veranlaßt, wo diese Varentlohnung höher ist. Aber selbst dort, wo der landwirtschaftliche Arbeitgeber selbst zugibt, daß diese Barentlohnung erheb- lich zurücksteht hinter denn Lohn, den die Industrie gewährt, ist ja der Gegeneinwand leider durchaus begründet: Die Landwirtschaft ist nicht in der Lage, angesichts der fast übergroßen finanziellen Schwierigkeiten, in der sie sich jetzt befindet, höhere Löhne zu gewähren. Das gleiche gilt leider auch für die Wohnungen der Landarbeiter. Es muß doch festgestellt werden, daß unter Ausnutzung der vom Reich und von einzelnen Ländern zur Verfügung gestellten zinslosen Kredite Zehntausende von Landarbeiterwohnungen geschaffen worden sind, daß vieles, sehr vieles in dieser Hinsicht aus dem Lande besser geworden ist als früher. Und doch hat die Besserung der Wohnungsverhältnisse, die unbestreitbar ist, die Landflucht entscheidend jedenfalls nicht hemmen können. Ebenso führt die finanzielle und kreditpolitische Notlage der Landwirtschaft auch noch dazu, daß einer Anstedlung größerer Massen von Landarbeitern, ihrer Ausstattung mit Land schwerste Hindernisse im Wege stehen. Die Zukunft ist allzm unsicher, die Ertragsfähigkeit des Grund und Bodens nun schon seit Jahren leider überaus gefährdet, — da reizt der leichter erworbene Verdienst in der nächsten Stadt oder in den Jndustriebezirken.
Bei all diesen nnd anderen Gründen, bei all diesem Dafür und Dagegen muß man weiter fragen: Sind nicht schließlich auch die Menschen anders geworden? Werden nicht höhere oder andere Ansprüche an das Leben gestellt, die sich auf dem Lande nicht erfüllen lassen? Ist der D r a n g i n d i e S t a d 1 hinein nicht verursacht oder zum mindesten mitbeeinflußt durch solche Ansprüche, die ein wenigstens äußerliches Erhöhen des ganzen Lebensdurchschnittes und Lebensgenusses her- beisühren sollen? Auch diese Fragen müssen bejaht werden und einer solchen massenpsychologischen Entwicklung ist nicht einmal mit wirtschaftlichen Gründen beizukommen.
Der deutsche Raum namentlich im Osten weist eine wachsende Leere auf. Nun aber schafft allein noch das flache Land den Menschenüberschuß, der zum Fortbestehen eines Volkes notwendig ist. Denn die Großstädte verzehren die Menschen, überall in der Welt, nicht nur in Deutschland, wachsen aber gerade die Schwierigkeiten, vor denen die Landwirtschaft steht — darum ist jeder Versuch zu begrüßen, der Wege aufweisen will, wie aus diesem Labyrinth herauszukommen ist. . L
Industrie und
Luterpariamsniatische
Handelskonferenz.
Tagung in Berlin.
Im Reichstag begann Montag die Internationale parlamentarische Haudelskonferenz ihre Beratungen. Die letzte Tagung fand 1928 in Rio dc Janeiro statt, diese ist die erste Sitzung in Deutschland. Vertreten find die Parlamente von 41 Ländern, besonders stark England und Japan. Den Vorsitz führt Reichstagsvizepräsident von Kardorff. Die Verhandlungen erstrecken sich vorzugsweise auf das Verhältnis von Industrie und Arbeiterschaft, das Ratioualificrungsproblem, die Gewinnbeteilung der Arbeitnehmer, das internationale Obligationen- und Wechselrecht, die Regelung des Funkverkehrs und die internationale Agrarfrage. * ’ ~"
Die Interparlamentarische Handelskonferenz wurde im Reichstage vom Vizepräsidenten des Reichstages, von Kardorff, mit einer Ansprache eröffnet, in der er die Konferenz an Stelle des erkrankten Reichstagsprästdenten ^.obe im Namen des Deutschen Reichstages und der deutschen Delegation willkommen hieß. Nachdem Herr von Kardorff einen Überblick auf die Arbeiten der Konferenz geworfen hatte, fuhr er u. a. fort: Auch die Frage der Lage der Landwirtschaft, der Hebung der Lebenshaltung des Landwirtes wollen Sie in den Kreis ihrer Betrachtungen ziehen. Das ist eine nationale und internationale Frage zugleich; denn die Erhaltung einer blühenden Landwirtschaft ist zunächst eine nationale Forderung, und sie ist eine internationale zugleich insofern, als durch die Stärkung der Landwirtschaft ihre Bevölkerung in die Lage gesetzt wird, die Güter der Weltwirtschaft aufzunehmen.
^^Sfe w'n r « ^w^i»5^ und wünschte ihren Arbeiten besten Erfolg. Die Haager Konferenz, sagte der Minister u. a., hat den Noung-Plan prinzipiell angenommen und damit hat eine neue Phase der Reparationspolitik begonnen. Der Noung-Plan versucht die endgültige Lösung auf dem wirtschaftlichen Boden. Das Ergebnis der Haager Konferenz hat sofort feine Rückwirkung auf die Friedensarbeit des Völkerbundes gehabt. In der modernen Wirtschaft drängen immer mehr erstarkende Tendenzen zur Organisation. Dazu gehören die Probleme der Rationalisierung und das Streben der werktätigen Massen nach höherem Anteil an dem Ertrag der Arbeit. Dieses Bestreben muß zugleich auf Steigerung der Produktivität der Volkswirtschaft hinzielen und drängt so wiederum zur Verbesserung der Organisation. So stellt sich diese Konferenz in den Dienst der großen Aufgabe der Befriedigung der Welt, der Steigerung der Wohlfahrt der Nationen und der Zusammenarbeit aller Völker. In diesem Sinne seien Sie der deutschen Reichsregierung unb dem deutschen Volke herzlich willkommen.
Auf die beiden von der Interparlamentarischen Handelskonferenz mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Begrüßungsansprachen von Kardorffs und Dr. Hilfe r d i n g s antwortete zunächst der Führer der belgischen
Slorm im deutschen Küstengebiet.
Hochwasser auf Sylt.
Stürmisches Wetter herrschte in den letzten Tagen im deutschen Küstengebiet. Die Böen erreichten zeitweilig eine nur selten beobachtete Stärke. In Cuxhaven und im Hamburger Hafen stieg das Wasser zur Flutzeit bis zu fast sieben Metern, so daß verschiedentlich Warnungsschüsse abgegeben werden mußten. In Holtenau und Brunsbüttel hat ein ganze Reihe Küstenfahrzeuge. Schutz gesucht, um ruhigeres Wetter abzuwarten. Wie aus Helgoland gemeldet wird, mußte die Küstenfischerei vorläufig eingestellt werden.
Nach einer Meldung aus W e st e r l a n d wurden durch einen Nordweftsturm mit Windstärke 10—11 die Wassermassen der Nordsee mit großer Gewalt in das Wattenmeer getrieben, wo sie sich am Hindenburgdamm stauten und die ausgedehnten Ländereien zwischen Keitum und Archsum bis zur Ostseite des Reichsbahndammes überschwemmten. Die Wassermassen brandeten gegen die Wälle und Umzäunungen der anliegenden Hausgärten. Glücklicherweise vermochten die Viehbesitzer ihre Schafe rechtzeitig zu bergen und somit Verluste zu vermeiden. In viele Hausdächer wurden große Löcher gerissen. Fahnenstangen und Obstbäumc wurden umgeknickt, die elektrische Straßenbeleuchtung zu Boden geschleudert. Die Obsternte ist vernichtet.
Die Flugverbindung nach Schweden gestört.
Das in Stralsund stationierte Wasserflugzeug „D. 1696", das die Flugpostverbindung zwischen Stralsund und Stockholm ausrechterhält, konnte infolge Gewitters und Sturms in der Nacht zum Sonntag nicht starten. Nach einem geglückten Start am Sonntagmorgen konnte sich das Flugzeug nur eine halbe Stunde in der Luft halten, da Sturm bis 90 Stundenkilometer herrschte. Eine Sturm-
Arbeiterschaft
। Delegation van Cauvelaert. Er sprach im Namen der belgischen Delegation den Dank aus für die gastfreie I Aufnahme, die die deutsche Reichsregierung und der Reichstag den Delegierten bereitet habe. Einen besonderen Dank stattete der Redner der Reichsregierung und namentlich dem Minister Dr. Hilferding ab für die in diesem Jahre dem Internationalen Handelsinstitut in Brüssel ungesagte finanzielle Unterstützung.
Der Führer der brasilianischen Delegation wies in seiner Ansprache auf die Bewunderung hin, die die Brasilianer aller Klassen und jeder politischen Überzeugung Deutschland wegen des Schaffensvermögens seines Volkes sowohl auf intellektuellem wie auf materiellem Gebiet zollten. Der Redner erwähnte in diesem Zusammenhang die Fahrt des „Graf Zeppelin".
Der Führer der französischen Delegation, Senator Minister a. D. L e r e d u, erklärte, er habe den Eindruck, daß sich die Arbeit der Konferenz in einer Atmosphäre völliger Eintracht vollziehen werde, denn alle Versammelten seien davon durchdrungen, daß das große Gebäude des Wirtschaftsfriedens sich nur auf der Gemeinschaft aller Kräfte erheben könne. Die Welt fordere, daß die beredten Worte der Staatsmänner in Genf über die Fragen der wirtschaftlichen Abrüstung und über die Gründung eines Weltwirtschaftsbundes in die Tat umgesetzt werden. Dazu aber bedürfe es der Mitwirkung der Parlamente.
Der Ausschuß für die Reorganisation der Industrie und ihre Beziehungen zum Arbeitnehmer trat unter dem Vorsitz des italienischen Senators Hugo Ancona zu- sammen. Er nahm zunächst einen Bericht des englischen Unterhausmitgliedes H a n n o n über industrielle Zusammenlegung, Rationalisierung, Verschmelzung usw. entgegen.
-^■mtW ^W^M^^^^Mitarbeit der Arbeitnehmer. Er faßte seine Ausführungen in eine Entschließung zusammen, in der die Konferenz ihre Wünsche für die Verwirklichung der von ihr gerade unter dem System der Rationalisierung für notwendig erkannten neuen Wege zu besserer Zusammenarbeit zwischen Unternehmer- und Arbeitnehmerschaft darlegt.
Nach dieser vorgelegten Entschließung müssen Formen der Besitz- und Gewinnbeteiligung gefunden werden, welche die gewerkschaftlichen Bedenken, die in vielen Ländern gegen die bisherigen Versuche bestehen, beseitigen. In allen Ländern soll ferner durch Schaffung von Klein- aktien die Möglichkeit der Beteiligung der Arbeitnehmer am Aktienbesitz des Unternehmens, in dem sie beschäftigt sind, gefördert werden. Versuche der Banken und der Sparkassen der organisierten Arbeitnehmerschaft zur Be-. teiligung an den Unternehmungen sollen Beachtung finden. Die Mitarbeit der Arbeitnehmer in Form der Betriebsräte durch Schulung der Arbeitnehmerschaft und verständnisvolle Behandlung seitens der Arbeitgeberschaft sollen gefördert werden. Gesetzliche Maßnahmen sollen den Arbeitnehmern für von ihnen gemacht? Berbesserungs- vorschlüge und Erfindungen ein gerechtes Entgelt sichern.
bö riß das wieder gelandete und festgemachte Flugzeug mitsamt der Boje los und erst am Eingang des Greise- Ivalber Boddens kam es zwischen Steinen fest. Das Flugzeug überschlug sich hier und wurde stark beschädigt. Das Flugzeug Stockholm—Stralsund mußte im Flughafen Sellin notlanden, da es vor der deutschen Küste in r' ke Böen geraten war.
Sturm auch in England und Italien
Im Liverpooler Hafen haben schwere Südweststürme den ganzen Schiffsverkehr stillgelegt. Die großen Amerika- und Kanadadampfer, die schon am Freitag in See gehen sollten, konnten erst am Sonntag den Hafen verlassen.
Aus Italien wurden heftige Gewitterstürme gemeldet. Der Eisenbahnverkehr wurde an mehreren Stellen durch Erdrutsche gestört. In der Landschaft Tolve stürzte ein Landhaus ein und begrub sechs Personen unter den Trümmern. In der Landschaft BaEeno kam bei dem Unwetter eine Person ums Leben.
Ein Hupagdampfer in Gefahr.
Auf Grund geraten.
Der Hapagdampfer „Höchst" ist bet der Insel Minicoi im Indischen Ozean auf Grund geraten. Ein Funkspruch sagt, daß einige Schotten im Bug des Dampfers voll Wasser gelaufen sind. Auch die untersten Lagerräume sind überflutet und die Mannschaft ist nicht imstande, das eindringende Wasser abzudämmen. Die Schiffsleitung hatte schon vorher durch Funkspruch mitgeteilt, daß ein Teil der Ladung, hauptsächlich Gummi und Tee, über Bord geworfen ist, um das Schiff, wenn möglich, flottznmachen. Der Schlepper „Hercules" ist zur H-L ' ^-g von Co- lombo abgegangen.