HersfelöerTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelS mit des Beilagen: Illustriertes Anterhallungsblatt / Nach AeleradeuS / Herv und Scholle / AuSerbattung und Missen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Toaestrageu.
Anzeigenpreis: die einspaltige Petitzeile 15 Pfennig, die Reklamezeile 50 Pfennig. (Grunöschrist Korpus). Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Preisnachlaß gewährt. ❖ $ür die Schristleitung verantwortlich: Kranz §unk in tzrrsfeld.» Kernsprecher Nr. 8
Rr. 212
Dienstag, den 10. September 1929
79. Jahrgang
Die Jedelssang der Sparkassen.
Es gibt in Deutschland Leute, die das Sparen — verurteilen. Aus volkswirtschaftlichen „Gründen". Denn nur wenn mit allem vorhandenen Geld der Konsumbedarf möglichst befriedigt, die Kaufkraft also bis zum letzten Pfennig ausgenutzt, nicht gespart, sondern alles ausgegeben wird, was der einzelne verdient, als Gehalt oder Lohn bezieht — dann werde die gewaltige Nachfrage nach Waren aller Art die Erzeugung und den Handel weitgehend anspornen, einer raschen volkswirtschaftlichen Blüte entgegenführen. Das Sprichwort: „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not" ist nach dieser Anschauung ein volkswirtschaftlicher Unsinn.
Dabei vergißt man nur eins: Sparen heißt doch den Verbrauch des Geldes, eines Teiles des Einkommens usw. nur h i n a u s z u s ch i e b e n, heißt nicht, ihn in seinem Gesamt umfang genommen, nun ein für allemal ein« zuschränken. Das ersparte Geld wird nur anderswo verwendet, wo es volkswirtschaftlich Früchte trägt. Weil man ja nicht nur spart, um in der Zeit der Not zu „haben", sondern weil auch die augenblickliche Konsumeinschränkung noch besonders ertragreich sein soll durch den Genuß von Zinsen für das ersparte Geld, denn das Zeitalter des in der Kommode verborgenen, sorgfältig für das Alter aufgehobenen „Sparstrumpfes" ist ja vorbei.
Schließlich bedeutet ja z. V. auch unsere gesamte Sozialversicherung nichts anderes als eine immer weitergehende Durchführung jenes Sprichworts. Vor allem die Alters- und Invaliditäts-, die Angestellten- und die Knappschaftsversicherung. Und dagegen zu polemisieren ist doch wohl kaum jemand eingefallen.
Diese „Andersverwendung" des nicht für den Konsum verbrauchten Einkommens ist aber für die Volkswirtschaft von allergrößter Bedeutung. Die Erträgnisse, die sie abwirft, dürfen nicht bis zum letzten verbraucht werden, sondern erhebliche Teile dieses Ertrages sind notwendig, um die Wirtschaft selbst in Gang zu halten, ihre Betriebe, Maschinen ständig zu erneuern, zu verbessern, zu erweitern. Dazu braucht man — Geld. Und jener Teil des Ertrages, der für diese Erneuerung, Verbesserung, Erweiterung verwendet, also nicht b? Konsum verbraucht »ML^ .......Ä»M>WM,WMiM, ^.^WMM»M«M»«i
Fn der Sammlung und Weiterleitung dieses Neu- kavitals, dieser Ersparnisse spielen die deutschen Sparkassen — sie nicht allein — eine wichtige, mit den Fahren nach der Inflation erfreulich steigende Rolle. Besonders beim Realkredit, also dem Hypotheken- wesen. Nach dem Zusammenbruch der Inflationszeit schu die Aufwertungsgesetzgebung hier wieder einen festen Boden. Wurde es doch erst mit der Stabilisierung der Währung überhaupt wieder möglich, zu sparen — und da bedeutet es doch einen großen, bedeutsamen Fortschritt, daß seit 1924 trotz erheblicher Konkurrenz durch andere Einrichtungen und trotz des Druckes der Reparationslasten, trotz wirtschaftlicher Nöte und Krisen doch das Sparkapital bei den Sparkassen von 608 auf 8190 Millionen gestiegen ist. Freilich ist dieses Niveau zahlenmäßig gesehen nur halb so hoch wie im letzten Vorkriegs- jahr und noch niedriger jenem gegenüber, wenn man die heutige Kaufkraft des Geldes der damaligen gegenüber- stellt Aber nicht nur für den langfristigen Realkredit sind die Summen, über die die Sparkassen verfügen, von aller- größter Wichtigkeit - mehr als die Hälfte jener acht Milliarden sind in Hypotheken angelegt —, sondern aus diesen: Reservoir schöpfen auch noch andere Kreditnehmer. So Kommunen, die geldbedürftig sind und deswegen den Anleiheweg beschreiten, Hypothekenbanken, die ihre Pfandbriefe verkaufen wollen, auch kurzsrrstrge Kred:twun;che öffentlicher Körperschaften jeder Art treten an die Sparkassen heran. Und schließlich bleiben deutsche Staaten, in letzter Reit auch das Reich nicht im Hmtergrund, sondern haben die Mittel der Sparkassen zum Teil sehr erheblich in Anspruch genommen. Das geht — leider — nicht immer ohne Verluste ab, weil die dann hereingenommenen Anleihepapiere' bisweilen eine recht unangenehme Kursentwicklung nach unten ausgewiesen haben. Das alles zwingt natürlich den Sparkassenverwaltungen eine gewaltige finanzielle wie wirtschaftliche Verantwortung auf. Nicht bloß für den städtischen Grundbesitz ist die Art von größter Bedeutung, wie und wohin in den einzelnen Kanälen diese Riesensummen aus dem großen Reservoir hinausgeleitet werden, sondern auch die Landwirtschaft ist ganz gewaltig daran interessiert.
Diese also die Verteilungsseite der Sparkassen, tft volkswirtschaftlich von nicht minder großer Bedeutung als die andere also ihr Charakter als Sammelbecken für d i e 'E r s p a r n i s s e bis zur Mark und zum Groschen herunter. Bei der Verteilung, d. h. bei der Gewährung des Kredits, hat die Ausbreitung der Sparkassen jeder Art noch ihre besondere Bedeutung: die Verbindung vom Kreditnehmer zum Kreditgeber ist eine engere, per- iönlickere die Sicherung des Kredits ist eme bessere, well die wirtschaftlichen Verhältnisse des Kreditnehmers genauer bekannt und kontrollrerbar sind Zeiten der augenblicklichen Verlegenheiten andererseits nutzt gleich unbedingt durch Kreditkündigung verschärft zu werden
natürlich den
brau^en.^r ^^.hinder! aber die schwere, wirtschaftlich von Krisen immer wieder durchschüttelte, unter dem Druck der Reparationsverpflichtungen stehende Gegenwart eine ruhige Entwicklung des deutschen Sparkassenwesens. Hindert vor allem eine raschere Entwicklung nach obem Nur langem ü ht es aufwärts. Aoer — es geht doch aufwärts
Für Frieden und Arbeit
Stresemanns Rede in Genf.
Saargebiet, Paneuropa, Minderheitenproblem.
Die Montagsvollversammlung des Völkerbundes in ®enf war in außergewöhnlicher Weise besucht; sowohl sämtliche Delegationen waren erschienen, wie sich auch dc« Zuschauertribünen bis auf den letzten Platz gefüllt hatten da die mehrmals angekündigte Rede des deutschen Reichs- autzenmlnistcrs Dr. Stresemann auf der Tagesord- nung staild. Dr. Stresemann nahm alsbald nach bet Eröffnung das Wort. Er wurde beim Erscheinen durch Zurufe lebhaft begrüßt und des öfteren durch Beifall unterbrochen. Eine große Menschenmenge hatte sich auf der Straße vor dem Sitzungssaal angesammelt, der die Rede durch Lautsprecher übermittelt wurde. Nach Beendigung seiner Ansprache wurde Dr. Stresemann von den Delegierten der anderen Staaten beglückwünscht. Die Menge vor dein Sitzungssaal brach während der französischen Übersetzung mehreremal in Beisall aus.
Der Ne i ch s a u ß e n m i n i st e r nahm das Ergebnis der Haager Konferenz zum Ausgangspunkt seiner Ausführungen. In Deutschland, sagte er, sei jeder Volksgenosse in jedem Augenblick sich darüber klar gewesen, um was es ging.
Die höchsten deutschen Lebensintcresien hätten auf dem Spiele gestanden. Aus diesem Grunde wäre es begreiflich, wenn jetzt wenige Tage nach dem Abschluß in der deutschen Öffentlichkeit noch kein fertiges und einheitliches Urteil zutage träte.
Aber von einem Kardinalpunkt müsse er hier sprechen, da er mit der Grundlage der Institution des Völkerbundes, in enger Berührung stehe, mit der Grundlage der Freiheit und der Unabhängigkeit seiner Mitglieder. Dieser Punkt sei die nun endlich beschlossene Erfüllung des deutschen Verlangens, das deutsche Staatsgebiet von mili- MWW^^ ein anderer Teil deutschen Landes noch unter nicht- deutscher Verwaltung stehe,
das Saargebiet.
Auch zur Beseitigung dieses Zustandes seien jetzt die ersten Schritte getan, um so wirklich den Gedanken der Liquidierung des Krieges durchzuführen. Alle die Barrieren, sagte Dr. Stresemann, die seit dem Ende des Krieges trennend zwischen Deutschland und seinen westlichen Nachbarn standen. So wird der Weg frei, um die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und seinen einstigen Kriegsgegnern zu ermöglichen. Dr. Stresemann begrüßte den siegreichen Fortschritt der Schiedsgerichtsidee. Es sei in der Tat notwendig, den Kellogg-Pakt mit den Völkerbundbestimmungen in Einklang zu bringen. Alle Dinge müßten geklärt werden, die für die Auffassung über Recht und Unrecht in den höchsten Fragen der Völkerbeziehungen entscheidend sind. Der Aufruf Briands und sein Appell an die Fugend in dieser Beziehung müßten Bestandteil der Erziehungsbücher werden. Aber noch ein anderes Kapitel stehe im Vordergrund — fuhr der Minister fort —, das sei
die allgemeine Abrüstung.
Er könne darauf verzichten, früher Gesagtes int einzelnen zu wiederholen. Mit größtem Fnteresse verfolge Deutschland den Gang der zwischen den großen Seemächten schwebenden Verhandlungen in dieser Beziehung. Aber die deutschen Vertreter müßten fordern, daß mit dem gleichen tatkräftigen Willen nun auch die Arbeiten an der Abrüstung zu Lande gefördert werden. Die Genfer Ab- rüstungsarbeiten seien bisher nicht genügend vorwärtsgeschritten. Nachdem nun aber die Erledigung der aus dem Weltkrieg herrührenden Fragen in greifbare Nähe gerückt ist, dürfe die Gefahr bei mangelnder Förderung der Abrüstung zu Lande nicht aus bem Auge verloren werden Das große Ziel sei die Verhinderung jeder Kriegsmöglichkeit und die allgemeine Abrüstung mit fortschreitender Entwicklung aus friedlichem Wege. Eine andere wichtige Aufgabe sei der
Schutz der Minderheiten.
An Hand der gemachten Erfahrungen müsse man stch dar- über klar werden, ob nicht frühere Beschlüsse in dieser Hinsicht berichtigt oder ergänzt werden müßten. Eine Verbesserung des bisherigen Zustandes sei eigeleitet, wenn auch nicht alle Wünsche, vie namentlich von deutscher Seite
Ä undankbares proiekiorat.
Deutsche Note an das Außenkommissariat in Moskau.
In Beantwortung der russischen Verbalnote, in der die Sowjetregierung über Gewalttätigkeiten gegen Sowjetbürger in China und die geringen Erfolge der von den deutschenKonsulnin China ergriffenen Schutz- maßnahmen Klage führt, hat der deutsche Botschafter in Moskau im Auftrage des Auswärtigen Amtes dem Außenkommissariat eine Verbalnote überreicht, in der es u a heißt: Die deutsche Gesandtschaft in Peking fei zu einem eingehenden Drahtbericht über die Lage der Sowjetbürger in China aufgefordert worden; ein höherer Beamter der deutschen Konsulate in Barbin habe sich in-
vorgebracht wurden, erfüllt wurden. Der Völkerbund dürfe sich nicht auf die Erledigung einzelner Beschwerden beschränken. Er zweifle nicht bi
beschränken. Er zweifle nicht daran, daß der Bund keineswegs zögern werde, die geschaffene Regelung durch weitere Verbesserungen zu ergänzen. In der Stellungnahme zu dem Minderheitenproblem sei kein Unterschied zwischen interessierten und nichtinteressierten Staaten. Er hoffe, daß ein besonderes Organ des Völkerbundes für diese Gebiete geschaffen wird. Run kommt der Minister auf die von Briand angeregte Idee der Schaffung eines
vereinigten Europas.
Er möchte diesen Plan nicht etwa betrachten wie jene, die von romantischen Einfällen und von Utopien reden. Weshalb sollte der Gedanke, dasjenige, was die europäischen Staaten einigen könne, zusammenzufassen, von vornherein unmöglich sein? Natürlich lehne er politische Gedanken ab, die sich etwa mit irgendeiner Tendenz gegen andere Erdteile wenden würden.
9lber andererseits erscheine es geradezu grotesk, daß die wirtschaftliche Entwicklung Europas nicht vorwärts-, sondern rückwärtsgegangen sei. Diese Frage werde sich nicht mit Hurra lösen lassen, aber sie gehöre zu den großen Möglichkeiten der Zukunft und könne ruhig in Angriff genommen werden. Wie die Zollinien innerhalb übereinstimmender Bolksgenossenschaften früherer Zeit, wie etwa in Deutschland vor dem Zollverein, heute belächelt
werden, so gebe es tatsächlich innerhalb des neuen Europas noch Dinge, die einen ganz ähnlichen Eindruck machten.
Zum Schluß kommt Dr. Stresemann nochmals auf die Heranziehung der I u g e nd zu sprechen, für die sich Briand eingesetzt habe. Hier sei wirklich Raum für große Ideen. Nicht, wie man früher angenommen habe, nur für die Wege der Hinlenkung zum kriegerischen Heroismus, den man der Fugend vermitteln müsse, sondern es böten sich genügend Möglichkeiten, an die Siege der Menschheit zu denken, die über der Lehre der
der M e n s ch h
«£»»■ »>■-„. ; .......i'^W technischen Kriege der Zukunft gäben sowieso wenig Platz zum Heroismus. Man könne allerdings nur langsam arbeiten; es sei nach den Worten Schillers ein Fleiß not- wendig, der langsam schaffe, doch nie zerstöre, der zu dem Bau der Ewigkeiten Sandkorn auf Sandkorn reihe, aber von der großen Schuld der Zeiten Minuten, Tage, Jahre streiche.
Nach der Rede Stresemanns sprach der italienische Delegierte S c i a l o j a, der mitteilte, daß er die Anerkennung der obligatorischen Schiedsgerichtsbarkeit durch Italien unterzeichnet habe. Dann wurde die Sitzung des Völkerbundes geschlossen. — Nachmittags fand die Neuwahl zum Völkerbundrat statt. ;
Panemspa in Genf.
@ine wichtige Besprechung der Außenminister.
Auf Einladung des französischen Ministerpräsidenten Briand fand in Genf ein Frühstück statt, an dem die ersten Delegierten der europäischen Staaten teilnahmen. An dieses Frühstück schloß sich eine Erörterung der wirtschaftlichen Vereinigten Staaten von Europa an. Es sprachen zu diesem Thema der französische Ministerpräsident Briand, der deutsche, Reichsminister des Äußeren, Dr. Stresemann - der englische Außenminister Henderson, der schweizerische Delegierte M o t t a, der belgische Außenminister H y m a n s und der östereichische Delegierte von Streeruwitz. Das von Briand gestellte Thema wurde sehr ernst, sehr lebhaft diskutiert. Als Resultat der Besprechung wurde Briayd gebeten, seine Ideen und die Ergebnisse dieser Diskussion in einem Memorandum zusammenzufassen und den beteiligten Außenministern zuzustellen.! Die Außenminister werden an Hand dieses Memorandums mit ihren Regierungen Fühlung nehmen und man mirb an einem noch zu vereinbarenden Zeitpunkt dies Dis-, kussion über dieses Thema fortsetzen. v
Die ÄeuwMen in den VötkerbunWat.
Genf. Die Völkerbundversammlung hat mit 50 von 53 Stimmen Polen für ein weiteres dreijähriges Mandat als nichtständiges Mitglied des Völkerbundrates bestätigt. An Stelle Rumäniens wurde Südslawieu mit 42 Stimmen und an Stelle Chiles Peru mit 36 Stimmen für drei Jahre in den Völkerbundrat gewählt.
zwlpcyen zu einer Informationsreise persönlich nach Mandschuria begeben. Das Auswärtige Amt möchte der Sowjetunion im Interesse der friedlichen Rege- lung der bestehenden Differenzen anheimgeben, das Eintreffen dieses Berichts abzuwarten, ehe sie sich zu Revres- saC n entschließe.
Schweres VrandungM aus einem Tankdampser.
R o t t e r d a in. Ein in Glasgow beheimateter Tank- dampfer, der zur Reinigung in einem hiesigen Trockendock lag, geriet in Brand. Die Flammen griffen so rasch um sich, daß den mit der Reinigung beschäftigten Mannschaften die Rettung unmöglich war. Nach den bisherigen Feststellungen werden acht bis zehn Personen vermißt; drei verkohlte Leichen wurden bereits geborgen. ,