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Sersfel-erTageblatt

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Nr 210 (Erstes Statt)

Sonnabend, den 7. September 1929

79. Fahrsang

Der neue Bombenanschlag

Mental aus das Lüneburger Regimnssgebäude.

Großer Materialschaden.

Die Reihe der Sprengstoffattentatsversuche, mit denen in letzter Zeit die Öffentlichkeit in Deutschland beunruhigt wird, hat sich um ein neues Verbrechen vermehrt. In der Nacht auf Freitag explodierte neben dem Haupteingang des Lüneburger Regierungsgebäudes mit großer Gewalt eine Bombe. An mehreren Stellen der Stadt wurden zwei Schläge, ein starker und ein etwas gedämpfterer, vernommen. Ein Pfeiler des Kellergewölbes, in das die Bombe ge­legt war, wurde herausgerissen, Mauerstücke flogen 25 Meter weit bis an die Wand des gegenüberliegenden Rat­hauses und richteten dort Verwüstungen an. Am Rat- Hause sind sämtliche Fenster, am Regierungsgebäude eben­falls eine grotzeAnzahl derFenster, sowie solche an anderen benachbarten Gebäuden zertrümmert und die Fenster­rahmen teilweise eingedrückt. Vom Keller aus ging die Wirkung der Bombe nach oben und durchschlua das Ge-

Der Schauplatz des Attentats.

Das Rathaus von Lüneburg mit dem benachbarten Regie- rungsgebäure (durch einen Pfeil gekennzeichnet).

wölbe. In dem darüberliegenden Bureau des Bezirks­ausschusses sieht es wüst aus. In der entstandenen Öffnung versank ein Schreibtisch und die Aktenregale sind durch- einandergeworfen.

Regierungspräsident Dr. H e r b st, der im Gebäude in unmittelbarer Nähe der Explosion schlief, blieb un­verletzt. Die Lichtleitung war zeitweise unterbrochen. Sämtliche Landjägerei- und Polizeistationen der Um­gebung wurden sofort benachrichtigt. Aus Harburg traf Polizeipräsident Wendtker ein und nahm die Ermitt­lungen mit seinen Beamten auf. Von den Tätern hat man einstweilen keine Spur. Das preußische Innen­ministerium entsandte zwei Berliner Kriminalbeamte nach Lüneburg.

Dieser neue Anschlag ist das elfte Unternehmen ähnlicher Art im letzten halben Jahr, die sich wie folgt verzeichnen lassen: 27. November 1928 Attentat auf das Amtsvorsteherhaus in Hollenstedt (Kreis Schleswig), 28. November Anschlag auf das Auto des Amtsvorstehers in Lunden (Kreis Norderdithmarschen), am gleichen Tage Bombenfund in Beidenfleth vor dem Amtshause, 6. April 1929 Handgranatenanschlag in Wesselburen, 23. Mai Explosion im Landratsamt von Jtzehoe, 30. Mai Explosion im Schulratshause zu Hohenwestedt, 9. Juni Attentat auf das Landratshaus in Niebüll (Schleswig), 1. August Attentat in Lüneburg auf das Haus des Rechts- anwalts Dr. Strauß, 29. August Anschlag auf das Wohn­haus des RegierungsvizepräsidentLn Grimpe in Schles­wig, 1. September Bombenattentat auf den Reichstag in Berlin.

Die Errsgzmg in Lüneburg.

Verdächtiger Motorradfahrer.

Die Erregung über den auf das Regierungsgebäude verübten Bombenanschlag ist in Lüneburg besonders groß, da man nicht vermutet hatte, daß ein neuer Anschlag gerade in Lüneburg ausgeführt werden würde, wo die Fäden der Ermittlungen nach den letzten Attentaten zu­sammenlaufen. Regierungspräsident Dr. Herbst er­klärte auf die Frage, ob man angesichts der Aufregung in der Bevölkerung daran denke, den für Sonnabend und Sonntag angesetzten S t a h l h e l m t a g zu verbieten, daß die Behörde dazu bisher keinen Anlaß sehe. Es scheint nicht ausgeschlossen zu sein, daß der Anschlag diesmal gegen den derSozialdemokratie angehören den Regierungs­präsidenten selbst gerichtet war. Die Täter haben offen­bar gewußt, daß sich Dr. Herbst gewöhnlich lange in seinem Arbeitszimmer aufhält. Er hatte sich am Donners­tag ausnahmsweise um 11 Uhr zur Ruhe begeben. Aus Hamburg sind Polizeipräsident Dr. Campe und die Polizeiobersten Danner und Friedrichs in Lüneburg ein­getroffen. Die Untersuchung liegt in den Händen des Kriminalrats Bongartz, eines Berliner Spezialisten.

Der Anschlag ist allem Anschein nach von den gleichen Personen begangen worden, denen die früheren Attentate

zur Last zu legen sind. Die bisherigen Feststellungen teilten den Verdacht auf einen Motorradfahrer, der sich in der Attentatsnacht (vom 5. zum 6. September) um etwa 3^ Uhr bei Artlenburg hat über die Elbe setze» lassen, um - nach seinen Angaben die Fahrt nach Soltau und Berlin sortzusetzen. Der Fahrer benutzte ein Motor­rad mit Soziussitz, Marke Zündapp, mit dem Erkennungs­zeichen I. S. Die Wahrnehmungen sind deshalb beachtenswert, weil auch bei dem ersten Lüneburger Sprengstoffattentat am 1. August 1929 ein Motorrad­fahrer den Verdacht auf sich gelenkt hat.

Der Sprengversuch beim Reichstag.

In Frankfurt a. M. hat sich ein Mann bei der Polizei gemeldet mit der Angabe, er habe das Unter­nehmen gegen den Reichstag gemeinschaftlich mit einem anderen verübt. Der Selbstbezichtiger ist ein Kaufmann namens Joseph H e t t, 39 Jahre alt und in Frankfurt am Main gebürtig. Er wurde festgenommen, um ihn zur Verfügung der Berliner Polizei zu stellen, die die Richtig­keit seiner Angaben nachprüfen soll. Man nimmt aber an,

Englands Vorschläge in Genf

Einrichtungen der englische ( englischen Sta

iedens dar

HeudersonwillbenVölkerbMdstarken Übereinstimmung mit dem Kellogg-Pakt.

In der Freitagsitzung der Vollversammlung des Völkerbundes in Genf kam der deutsche Reichsaußen- minister Dr. Stresemann wider Erwarten noch nicht zu Wort, da er seine Rede aus Sonnabend verschoben hat. en vertrat der finnische Außenminister P r o k o p e AMrag seiner Regierung, ^b,SÄ^^

lm Haag als oberste Schiedsinstanz für alle Schiedsgerichte und sonstigen ähnlichen zu erklären. Nunmehr betrat die Tribüne Außenminister Henderson und legte den zu den grundsätzlichen Fragen des

Ideal schwebe den Briten ein macht­voller Völkerbund vor. Die englische Regierung sehe die jetzt beschlossene Räumung des Rheinlandes als einen Akt des Vertrauens gegenüber den deutschen Freunden an. Allergrößter Wert werde in England auf den Grundsatz der unparteiischen Schieds- gerichtsbarkeit gelegt. Mit allen Mitteln werde die englische Regierung sich einsetzen für eine sofortige Lösung der großen Frage der A b r ü st u n g. Der Völker­bund müsse in bezug auf schnelles Eingreifen und Macht- vollkommenheit gestärkt werden, müsse die Mittel zur Verhinderung eines Krieges vorsehen.

Es sei zu hoffen, führte Henderson weiter aus, daß die Kommission der Völkerbundversammlung einen Ver­einbarungsentwurf über die finanzielle Hilfe für ange­griffene Staaten ausarbeite, dem alle Rationen beitreten könnten. Wenn diese Vereinbarung noch während der gegenwärtigen Vollversammlung zur Unterzeichnung aus­gelegt wurde, so würde die englische Regierung sie sofort unterzeichnen. Die Bestimmungen des Völkerbundpaktes müßten mit dem

Keilogg-Paki

in Übereinstimmung gebracht werden. Denn der Kellogg- Pakt gehe weiter und schließe die Lücken, die der Völker- bundpakt noch enthalte. Der Kellogg-Pakt untersage es unter allen Umständen, noch zum Kriege zu schreiten. Es sei deshalb an der Zeit, an eine Prüfung der entgegen» stehenden Artikel des Völkerbundpaktes zu gehen. Deutsch­land, Frankreich, Italien, Belgien, Dänemark und Chile hätten sich bereits mit diesem Vorschlag einverstanden er­klärt. Die Einzelheiten des Verfahrens seien gleichgültig, die Hauptsache aber, daß man weiterkomme.

Am Nachmittag fand eine Sitzung des Völker­bundrates statt/ die sich mit verschiedenen Angelegen­heiten befchäftigte, wenn auch keine großen Entscheidungen getroffen wurden. Am Montag sollen die Neuwahlen zum Völkerbundrat vorgenommen werden.

Amerika tritt dem Internationalen Gerichtshof bei.

Staatssekretär Stimson in Washington gab in einer offiziellen Erklärung bekannt, daß er den Generalsekretär des Völkerbundes davon verständigt habe, daß das soge­nannte Elihu-Root-Protokoll, das die bisherigen Ein- Wände der Vereinigten Staaten gegen den Beitritt zum Internationalen Gerichtshof beseitigt, die Zustimmung der amerikanischen Regierung finden werde.

Er werde das Protokoll dem Senat und dem Prä­sidenten zur Ratifizierung vorlegen, wenn es die übrigen Mächte angenommen hätten. Sollte die Opposition im Senat so stark sein, daß die Ratifikation zweifelhaft wäre, die eine Dreiviertelmajorität erfordere, so würde der Präsident das Protokoll durch seine Unterschrift ratifizieren und den Senat vor die vollendete Tatsache stellen.

Stresemann zu den Kolonialmandalen.

Gegen Englands Verschmelzungspläne.

Das deutsche Ratsmitglied Dr. Stresemann gab in der Freitaanachmittaasitzuna des Völkerbundrates bei

daß Der mehrfach vorbestrafte Hett vielleicht nur Flunke­reien gemacht habe, denen mit Vorsicht zu begegnen ist. Im Berliner Tiergarten hat man inzwischen Bestandteile entdeckt, die zur Herstellung von Weckeruhren dienen. Sie stimmen überein mit den Resten der Weckeruhr, die bei der Bombe am Reichstag gefunden wurden, und sollen ebenfalls denen gleich sein, die bei verschiedenen anderen Anschlägen verwendet worden sind. Die Polizei be­schäftigt sich mit den Funden unter der Annahme, daß es sich eventuell um Reserveteile handelt, welche die Atten­täter mit sich führten.

Ein Dummerjungenstreich?

Bei Prüfung des Schaltervorraums und seiner Zu­gänge fand Freitag früh ein Beamter des Postamts O 27 in der Magazin st ratze am Alexander­platz in Berlin in einem Korridor eine Blechbüchse, die 23 Patronen und etwa ein halbes Pfund Holzkohle mit Papierstückchen bedeckt enthielt. Aus dem Ganzen ragte eine Spiralfeder heraus. Die Patronen hätten explodieren können, wenn das Papier in Brand gesteckt worden wäre; das ist aber nicht versucht worden. Der Täter wurde anscheinend gestört. Nach Angabe von Sachverständigen, die den Inhalt der Büchse untersucht haben, hat der Täter vermutlich die Absicht gehabt, nur Unruhe zu stiften. An verschiedene Postämter Berlins sind in der letzten Zeit Drohbriefe gelangt.

Behandlung des Tätigkeitsberichts des Mandatsaus­schusses, in dem auch die Meinungsverschiedenheiten über, den Hilton-Noung-Bericht erwähnt sind, über die admini­strative Vereinigung der ostafrikanischen Kolonialgebiete Englands mit dem englischen Mandatsgebiet Tanganyika eine Erklärung ab, in der es heißt:

Gewiß ist jetzt nicht der Moment gekommen, sich dar­über zu äußern, ob eine bestimmte Maßnahme der Man­datsmacht mit dem Charakter des Mandats vereinbar ist oder nicht. Es ist aber in der Tat die Grundlage des ganzen Mandatsystems, daß die Mandatsgebiete selb­ständige internationale Einheiten sind, hinsichtlich deren die Mandatsmächte dem Völkerbund als dem Mandanten Rechenschaft schuldig sind. Wenn nach der Tanganyika- Mandatsurkunde in verwaltungstechnischer Hinsicht eine gewisse Zusammenfassung mit benachbarten Gebieten mög­lich ist, so darf doch keine Verschmelzung in der Art statt- finden, daß das Weiterbestehen des Mandatsgebietes als selbständige politische Einheit und damit die ständige Überwachung der Ausführung des Mandats durch den Völkerbund in Frage gestellt wäre. Ich hoffe sehr, daß es der Zusammenarbeit zwischen der Mandatskommission und der Mandatsmacht gelingen wird, die Frage im Sinne der Völkerbundsatzungen und des Mandats­gedankens endgültig zu bereinigen.

Das italienische Ratsmitglied Skraloja brächte verschiedene Bedenken auch gegenüber einer rein ver- waltungstechnischen Vereinigung der englischen Kolonien Kenia und Uganda mit dem britischen Mandatsgebiet Tanganjika vor.

Der englische Außenminister Henderson gab hier­auf die Zusicherung, daß, wenn die englische Regierung, die noch keine Entscheidung getroffen habe, einen Beschluß fassen sollte, sie vor seiner Inkraftsetzung den Mandats­ausschuß darüber befragen würde.

Die deutschen Rundfunkreden aus Genf.

Rheinbaben, Kaas, Breitscheid, Koch-Weser.

Die Rede des Reichsaußenministers Dr. S t r e s e - m a n n an die deutschen Rundfunkhörer, die für Freitag abend angekündigt war, mußte im letzten Augenblick ab­gesagt werden, da Dr. Stresemann durch eine Sitzung des Völkerbundrates verhindert war.

Freitag abend sprachen vom Genfer Völkerbundhause deshalb nur die parlamentarischen Mitglieder der deut­schen Delegation, und zwar als erster Reichstagsabgeord­neter Freiherr v. R h e i n b a b e n. Er schilderte die tech­nische Seite der Arbeiten des Völkerbundes und die Re­formversuche, die zu einer Demokratisierung des Völker­bundes führen sollen.

Hierauf sprach Prälat Professor Kaas über das ThemaDer Völkerbund als deutsche Aufgabe". An der Weiterverhandlung des Völkerbundes müsse Deutsch­land sowohl in seinem eigenen als auch im allgemeinen Interesse teilnehmen. Der Völkerbund sei der Vater und Hürer des Friedens. Es sei sein Ziel, die Menschheit geistig und ethisch zu der großen Schicksalsgemeinschaft zu führen. Er vereine die Nationen nicht, aber er gliedere sie ein in die weiterreichenden Aufgaben einer Kultur- und Natureinheit. Der Gedanke und das Werk von Genf dürfte niemals scheitern und die deutsche Mitarbeit sei uner­läßlich.

Reichstagsabgeordneter Dr. Breitscheid ver­breitete sich über die wirtschaftlichen Fragen, die auf dieser Tagung des Völkerbundes eine größere Rolle spielen als in früheren Jahren. Die Empfehlungen der Weltwirt­schaftskonferenz wären auf dem Papier geblieben. Die Staaten hätten ihre Zölle nicht abgebaut, sondern erhöht. Es sei deshalb begreiflich, daß man angesichts dieses Miß­erfolges der Weltwirtschastskonferenz mit um so größerem Eifer an die wirtschaftlichen Probleme herangehe. Zum