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HersfelöerTageblatt

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Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis yersfel-

mit ösA Bellage«: Illustriertes Aulerhaltungsblatt / Nach Feierabeav / Herd und Scholle / Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche ZageStragku.

Monatlicher Bezugspreis: Durch die Post bezogen 1.50 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für herskelü 1.20 Reichs-Mark bei freier Zusteüw^, für Abholer 1-00 Reichs-Mark. <> Druck und Verlag von Ludwig Kunks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des vSZV.

Auierboltuua und Wissen

Rr 193

Montag, den 19. August 1929

79. Jahrgang

Droht ein neuer Weltkrieg?

Das Interesse für Ostasien hatte bei uns in Deutsch­land nach dem Kriege erheblich nachgelassen. Der Grund dürfte in erster Linie darin zu suchen sein, daß wir allein mit uns genug zu tun hatten. Wenn jetzt die Aufmerksam­keit wieder mefor • „ der bresterl Öffentlichkeit erwacht ist, so ist es im weseuttLch^n-'mit der Zeppelinfahrt nach T o k i o zu verdanken. Daß der Zeppelin auf seiner Welt­rundfahrt nach Friedrichshafen gerade Tokio sich aus­gesucht hat, zeugt schon davon, wie rege sich der Blick auf Japan und damit aus Ostasien hinlenkt. Auch die ver­schiedenen Flugzeugunternehmungen anderer Länder und nicht zum wenigsten eine der letzten Fahrten Hünefelds beweisen, daß mit der beginnenden Konsolidierung der Welt die Verbindung des Fernen Ostens mit Europa über­all als Notwendigkeit erachtet wird. Die deutsche Fest­setzung in Kiautschau nach Beendigung des Äoxerauf- standes in China zeigt zur Genüge, welchen Wert Deutsch­land früher darauf legte, daß ihm der Platz an der Sonne im Osten nicht genommen werden konnte. Unsere da­malige Stellung im Osten ist leider durch den Krieg ver­lorengegangen.

Wie seinerzeit in Europa der Balkan, so hat sich jetzt China gewissermaßen zu einem Pulverfaß, diesmal aber für die ganze Welt, entwickelt. Welche gegenseitigen Inter­essen da aufeinander einwirken, davon spricht der russisch- chinesische Konflikt, der sich bereits zu offenen Feindseligkeiten ausgewachsen hat. Wer diese zuerst be­gonnen hat, darüber streiten beide Teile wie gewöhnlich. Nach einem halbamtlichen russischen Bericht sind die Chinesen zuerst in Sibirien eingefallen. Ein halbamt­licher Schanghaibericht dagegen behauptet, daß die Russen in chinesisches Gebiet eingedrungen sind. China hat durch seinen Washingtoner Gesandten darüber Beschwerde bei den Unterzeichnern des Kellogg-Paktes erheben lassen. Was daraus werden wird, läßt sich zurzeit noch nicht über­sehen. Auf alle Fälle scheint sich China sichern zu wollen. Auf Anordnung der Nankingregieruug hat der Befehls­haber in der Mandschurei, der Sohn Tschangtsolins, größere TruppenUiaWn an die sibirische Grenze werfen

werden. »MMM^-

Blickt man in die Dinge tiefer hinein, so steht man in den jetzigen Vorgängen Auswirkungen des alten russisch-japanischen Gegensatzes, der ja schon einmal zu einem gewaltigen Kriege führte und den die beiden jetzt unter Voraussetzung der Ohnmacht Chinas auf dessen Rücken möglicherweise ausfechten wollen. China mußte es sich gefallen lassen, daß die beiden Mächte über die Mandschurei und besonders über die dortigen Bahnlinien nach eigenem Ermessen verfügten. Rußland will nicht dulden, daß ihm der Zugang nach Wladiwostok und damit zum Großen Ozean abgeschnitten wird. Japan möchte dort seine Vormachtstellung ebenso wie in Korea erhalten, da es beide Gebiete gewissermaßen bei seiner ständig wachsenden Einwohnerzahl als eine Art Kolonial- gcbicf beansprucht. Durch einen dreiseitigen Vertrag wurde seinerzeit das Verhältnis Rußlands, Japans und Chinas er der mandschurische» Bahn geregelt.

Der ruistsch-chinesische Konflikt hat darin seine direkte Ursache, daß China auf einmal den Russen die ostchinesische Bahn abnahm. China hat damit allerdings vertrags- widrig gehandelt Aber es gibt als Grund an, daß Ruß­land seine dortige Stellung zur Verbreitung kommu­nistischer Ideen in China benutzte. Wenn die Nanking­regierung sich zu einem solchen Schritte entschließen konnte, so zeigt das, daß sie sich inzwischen schon so gefestigt glaubt, um wagen zu können, mit einem Gegner wie Rußland anzubinden. Im geheimen haben die Chinesen Wohl die Hoffnung, falls die Sache doch schiefgehen sollte, würde Japan für sie das Schlimmste abwenden.

Das chinesische Vorgehen hat aber noch einen anderen Grund. Seit Suniatsens Wirksamkeit und seitdem seine politische Richtung, der Kuomintang, in China das herr­schende Prinzip wurde. Hat sich auch der,chinesische Natio­nalismus mächtig entwickelt, dessen Devise ist: „China den Chinesen". Man will China wieder im eigenen Lande selbständig machen. Deshalb laufen ja nebenher die Ver­handlungen mit anderen Mächten über die Aufhebung der Kapitulationen und besonders der Konsular- gerichtsbarkeit Deutschland hat im Versailler Friedens- vertrage schon darauf verzichtet. Es ist dabei nicht schlecht gefahren; der Verzicht hat uns das Vertrauen Chinas eingebracht. Wir haben deshalb keinen Grund, dem chine­sischen Streben nach Selbständigkeit im eigenen Lande Steine in den Weg zu werfen. Ob der augenblickliche russisch-chinesische Konflikt sich weiter ausbreiten wird, ist zweifelhaft. In China laufen vielzuviel fremde Inter­essen zusammen. Neben Japan haben auch England und die Vereinigten Staaten von Amerika ein Interesse daran, den bestehenden Zustand möglichst wenig zu stören. Niemand will zurzeit das dortige Pulverfaß auffliegen lassen, was zu einem neuen großen Weltkriege führen könnte. Wir allerdings hätten dabei einstweilen die nicht ungünstige Position, Gewehr bei Fuß stehen zu können. Auf jeden Fall müssen wir aber den Verlauf der Dinge in Ostasien offenen Auges verfolgen.

Riesenhafte Waldbrände.

Seattle (Washington). In der Nähe der kanadischen Grenze wüten ungeheure Waldbrände, zu deren Löschung an­nähernd 2000 Personen herangezogen wurden. Sechs Mann sind an den erlittenen schweren Brandwunden gestorben. Unter ihnen befindet sich ein erst kürzlich eingewanderter junger Deutscher.

Das Luftschiff vor seinem Ziel

Zapan erwartet den Zeppelin.

Große Festlichkeiten geplant.

Die gesamte japanische Bevölkerung erwartet mit Spannung das Luftschiff „Graf Zeppelin", zumal, da mehrere Japaner die Reise mitmachen. Die Wetterlage über Japan ist aber durchaus unsicher, da nach den letzten Sturmtagen cinneuerTaifunvon denPhilist- p i n c n aus im Anzüge ist. Die Behörden trafen mit dem Kriegs- und Marineministerium zusammen alle er­forderlichen Vorbereitungen für den Empfang des Luft­schiffes. Der Flugplatz bei Tokio ist sorgfältigst instand-

Die Lustschiffhalle in Tokio,

in welcher der eintreffende „Graf Zeppelin" unter­gebracht werden soll. Die Halle stand einst in Jüter- ^QgW^ ., zeigt den Aufbau der jetzt längst fertigen Halle, der unter Leitung der deutschen Herstellerfirma geschah.

gesetzt worden. Festlichkeiten sind zunächst für zwei Tage von feiten der Behörden, der Stadt, der Presse und der deutschen Botschaft vorgesehen. Der Kaiser von Japan soll beabsichtigen, Dr. E ck e n e r zu empfangen.

Das japanische Marineministerium hat sechs Kriegs­schiffe dem Luftschiff „Graf Zeppelin" für das überfliegen des japanischen Meeres zur Verfügung gestellt. Die Schiffe sind bereits ausgelaufen und sollen das Luftschiff während der Überfahrt über das japanische Meer begleiten.

Tokio in Erwartung.

Die Weltfahrt des „Graf Zeppelin".

Sonntag hatte das Luftschiff „Graf Zeppelin" nach einem in Friedrichshafen eingegangenen Funkspruch um 7 Uhr früh mitteleuropäischer Zeit Port Ajan an der Südwestküste des Ochotskischen Meeres erreicht. An Bord war alles klar. Port Ajan liegt in der Luftlinie thun 2300 Kilo Meter von Tokio entfernt. Das Luftschiff über- flog um 6.40 Uhr früh die Stadt Jakutsk in Richtung aus Ochotsk an der Mündung der Ochota. Man rechnet in Tokio damit, daß das Luftschiff am Montag um 6 Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit (2 Uhr nachmittags Tokioter Zeit) in Tokio eintreffen werde. Um 1 Uhr früh in der Nacht auf Sonntag befand sich das Luftschiff nach einem anderen Funkspruch 150 Kilometer südöstlich von Jakutsk.

Das Luftschiff „Graf Zevvelin" teilte dem Verkebrs-

Warum Vertagungen im Haag? |

Die Bekanntgabe der Räumungstermine verschoben.

Der Vorrang der außenpolitischen Interessen vor den innen politischen war in der Vorkriegszeit ein fest­stehendes Postulat jeder Staatspolitik. Der Weltkrieg und die politischen Umstellungen haben hierin einen Wandel eintreten lassen. Die Rücksichtnahme auf den Eindruck, den eine außenpolitische Maßnahme im eigenen Lande auf Stimmung und Meinung der Parteien haben kann, hat immer mehr bei den Entschließungen der Staatsmänner an Einfluß gewonnen. Sollte die Haager Konferenz über kurz oder lang einer Vertagung, wie man zu wissen glaubt, nach Genf anheimfallen, so ist das sicherlich zum großen Teil auf diese Abhängigkeit der Außenpolitik von parteipolitischen Erwägungen zurückzuführen. Die beiden Gegner in dem Streit, der eventuell zu einer Vertagung führen kann. S n o w d e n und B r i a n d, sind sich beide anscheinend ihrer Sache noch nicht ganz sicher und wurden es gern sehen, wenn sie Zeit gewinnen könnten, um erst zu Hause noch einmal Stimmung und Anschauung der Parteifreunde und Parteigegner kennenzulernen. Das englische Arbeiterkabinett sitzt noch nicht fest genug rm Sattel, um ohne weiteres die Oppositron vor den Kopf stoßen zu können, und Briand hat in seinem Kabmett Poincaröscher Provenienz auch einen schweren Stand, der ihn zu allerhand Rücksichtnahmen und Eiertänzen nötigt.

Beide Minister wollen nicht mit leeren Han­den nach Hause kommen, ©er. Engländer - mochte

Ministerium "durch Funkspruch mit, daß es'sich Sonntag 7 Uhr abends Tokioter Zeit (11 Uhr vormittags mittel­europäischer Zeit) auf 53,38 Grad nördlicher Breite und 140 Grad östlicher Länge befand. Daraus geht hervor, daß das Luftschiff den Weg längs des Tatarensunds ge­nommen hat. Sonntag vormittag 9 Uhr (mitteleuro- päischer Zeit) ging in Jwatsuki (nördlich von Tokio) ein Funkspruch von Bord des „Graf Zeppelin" ein, daß alles wohl und das Wetter gut sei. Anscheinend hat das Luft­schiff von Jakutsk ab seinen Kurs geändert. Auf dem Tokioter Flugplatz wurden Sonntag von den Landungs- mannschasten unter dem persönlichen Befehl des Kom­mandanten des Flughafens die Landungsmanöver erprobt.

Die Funkstation Jrkutsk drahtete in der Nacht vor Sonntag nach Moskau, daß das Luftschiff „Graf Zeppe­lin" um 16 Uhr Moskauer Zeit die Lena nördlich der Mündung des Nebenflusses Witim überflogen habe. Trotz des über dem Aldangebirge herrschenden Regenwetters babe das Luftschiff gute Fahrt.

„Eras Zeppelin" über Tokio.

Tokio, 19. August. Das Luftschiff „Graf Zeppelin" wurde heute Morgen 8.50 Uhr MGg über dem Flugplatz ge­sichtet. Die Landung wird im Laufe des Nachmittags erwartet.

Der Jüngste an Bord des „Graf Zeppelin"

15jährige Hilfssteward E r n st Furchtbar. Mit seinen 90 Pfund Lebendgewicht belastet er das Luftschiff nicht allzusehr, er soll sich aber recht zufriedenstellend in seinem Amt bewähren.

Amerikanisches Landangebot an den Zeppeunbau.

Die Stadt Lakewood (New Jersey) hat der Hamburg- Amerika-Linie ein 1000 Hektar großes Gelände für ein Landungsfeld des „Graf Zeppelin" angeboten. Das An­gebot erfolgte in Telegrammen an die Hamburg-Amerika- Linie, den Zeppelinluftschiffbau, an Dr. Eckener und Com- mander Rosendahl. Die Drahtung an den Luftschiffbau lautet: „Wir erfahren, Ihre Gesellschaft erwägt die Er­richtung einer Lustschiffstation in Amerika. Sie werden ernstlich eingeladen, die geplante Station in Lakewood zu

Verfügung."

finanzielle Gewinne auszeigen können, der Franzose in der Rheinlandsräumung noch Vorteile für sein Land herausschlagen, und da das Geschäft nicht so schnell zustande kam, will man wenigstens Zeit zu weiterem Schachern gewinnen. f

Bezeichnend dafür, daß man auf der Gegenseite immer noch einen von deutscher Seite bekanntlich energisch be- ftrittenen Zusammenhang zwischen finanziellen und politischen Fragen sieht, ist der Beschluß, die Bekannt­gabe des Räumungsdatums nicht, wie vor­gesehen, bereits am vergangenen Sonnabend, sondern erst im Laufe der Woche vorzunehmen.

Gnowden bleibt unerbittlich.

Die Verwirrung im Haag.

Der englische Schatzkanzler Snowden gab vor der eng­lischen und amerikanischen Presse Erklärungen über den Gang der Besprechungen zwischen England und den vier Mächten Frankreich, Italien, Belgien und Japan ab. Er teilte mit, daß er die unterbreiteten Gegenvorschläge der vier Mächte als „völlig unbefriedigend" angesehen lind als vage bezeichnet habe. Er habe dem belgischen Dele­gierten Jaspar geantwortet, wenn dies das letzte Wort sei, dann sei ein weitere Fortführung der Verhandlung unmöglich, da diese Vorschläge nach englischer Auffassung lächerlich und unangemessen seien. Jaspar habe darauf erwidert, daß diese Vorschläge nicht das letzte Wort der vier Mächte darstellten und baß man bereit wäre, die Ver-