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HersfelöerTageblatt

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Hersfelöer Kreisblatt [

amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö [

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Nr. 188

Dienstag, den 13. August 1929

79. Jahrgang

Politik mit anderen Mitteln.

Eine Fortsetzung der Staatspolitik mit anderen Mitteln hat der bekannte Militärschriststeller General v. Clausewitz den Krieg genannt. An die Stelle der Ver­handlungen am Tisch des Konferenzzimmers tritt die Ge­walt, um ein angestrebtes Verhältnis der Staaten unter­einander herzustellen. Aber auch im Frieden gibt es eine Fortsetzung der Politik mit Mitteln, die an sich nichts mit der Staatskunst zu tun haben.

Flieger aller Länder kreisen um Europa im fried­lichen Wettstreit um den Lorbeer des Ruhms. Die Olympischen Spiele vereinigen regelmäßig alle vier Jahre die Sportbegeisterten der Welt zum Kampf. Das Luftschiff schlägt die Brücke zwischen zwei Kon­tinenten und um das Schicksal der Atlantikflieger bangen sich die Völker ohne Rücksicht auf Nationalität und Stammeszugehörigkeit. Ungewollt erfüllt hier der S p o r t eine politische Aufgabe. Die Völker kommen einander näher, sie lernen sich kennen und schätzen und manches Vorurteil verschwindet. Der Sport ist ein Zweikampf, ein Krieg im Frieden und als solcher eine Fort­setzung der Politik mit anderen Mitteln. Welche hervor­ragend politische Bedeutung das Turnen hatte, wie die deutsche Turnerschaft seit 1860 als Vorläuferin der staatlichen deutschen Einheit in nationalen Organisationen fest zusammengeschlossen dastand, ist bekannt. Die Ge­eignetheit des Sportes, nationale Verbundenheit zu för­dern, hatten zuerst die alten Griechen erkannt, die auf ihren Olympischen Spielen der großen Schar ihrer zer­splitterten Stämme und Stämmchen ein erstes Gefühl der Zusammengehörigkeit gaben. Das sind nur einige Bei­spiele von vielen, die die politische Bedeutung des Sportes erhärten. Das prachtvolle Wort des Reichspräsidenten v. Hindenburg: „Leibesübungen sind Bürger­pflicht !" mag als Bekräftigung und Siegel dieser An­sicht hier dienen.

Ein anderes Bild: Der Weltreklamekongreß brächte nach Berlin die Vertreter aus aller Herren Län­dern. Allein 1400 Amerikaner stattctcn Deutschland ihren Besuch ab und nahmen Einsicht in Deutschlands Gewerbe- -*ii*«te^^ SEM,Ne­

man n er und Propagandisten, die gewohnt sind, zu der großen Menge zu sprechen, und die es als ihre Aufgabe betrachten, die Aufmerksamkeit der Massen zu fesseln, sie werden, zurückgekehrt in ihre Heimat, mit eindrucksvollen Worten schildern, was sie hier gesehen haben. Und ebenso wie die Amerikaner so auch die Franzosen, die Engländer, die Belgier usw. Die Reklame ist international, sie über­schreitet'die Zollschranken und die Grenzen mit der Frei­zügigkeit des Geistes und schafft dadurch politische Fak­toren von ungeahnten Möglichkeiten. Daß sich bewußt Politiker der Reklame und Propaganda für ihre Zwecke bedienten und noch bedienen, dafür seien als Beispiele Napoleon, Bismarck, Mussolini und als ausgesprochenes Propagandagenie der Engländer Lloyd George genannt. Das Bewußtsein, daß die Reklame imstande ist, politische Aufgaben mitzulösen, hat diese Staatsmänner dazu ge­trieben, sich häufig und gern der Reklame und Pro­paganda durch Zeitungen, Moniteure, Proklamationen und Vorträge zu bedienen.

Aber nur wirklicher Sport und eine Reklame der Wahrheit können die gekennzeichneten günstigen politischen Wirkungen ausüben. Alle ü b e r t r e i b u n - g e n auf diesem Gebiet sind wie jede Überspannung vom übel; so, wenn der Sport in Rekordjägerei und die Re­klame in Marktschreierei ausarten. Da nützen sie ihren eigenen Zwecken nicht nur nichts, sondern sie schädigen auch das Verhältnis der Völker zueinander.

^ie Verfassungen der modernen Staaten haben immer mehr die Völker selbst zu politischer Betätigung heran­gezogen. Ob zum Vorteil oder Nachteil der Politik, das wird jeder nach seiner Weltanschauung entscheiden: Der Optimist wird die Berechtigung bejahen, der Pessimist sie verneinen. So kann man über die gewollte politische Betätigung der großen Menge verschiedener Meinung sein, nicht aber wird eine Meinungsverschiedenheit dar­über bestehen, daß in der indirekten und ungewollten Lösung politischer Aufgaben, wie sie durch den Sport und die Reklame, diese beiden Kinder der Neuzeit, erfolgen kann, der Staatspolitik gewaltige Helfer und Förderer entstanden sind. —dt.

Deutsche KabiaettSsißung im Haag.

Eine Kabinettsvorlage für die Arbeitslosenversicherung.

Die Reichsminister Severing und Wissell sind wieder aus dem Haag abgereift, nachdem sie die Frage der Arbeitslosenversicherung mit den hier anwesenden Kabinettsmitgliedern durchgesprochen haben. Die Besprechung ergab die Ansicht, daß die Be­ratungen des sozialpolitischen Ausschusses des Reichs­tages gefördert werden müssen und daß ihm eine Ka­binettsvorlage unterbreitet werden muß. Um dieses Material vorzubereiten, ist eine Besprechung der fünf Fraktionsführer der Koalitionsparteien vorgesehen. Dann wird das Kabinett zusammentreten und eine Vorlage ausarbeiten. Damit das alles in Ruhe geschehen kann, wird der Vorsitzende des Sozialpolitischen Ausschusses, der Vizepräsident des Reichstages, Esser, gebeten, die vor­gesehene Sitzung des Ausschusses vom 15. auf den 22. dieses Monats zu vertagen.

ötresmm glaubt an

Dr. Stresemann MM Versaffungssefl.

Deutschlands W i e d e r a u f st i e g.

Dr. Stresemann hielt bei der Versassungsfeier der deutschen Gesandtschaft im Haag, an der die ge­samte deutsche Delegation zur Haager Konferenz und die deutsche Kolonie teilnahmen, eine längere Ansprache. Nach der Begrüßung durch den deutschen Gesandten von Zech-Burkersroda nahm der Reichsminister des Äußern das Wort und führte u. a. aus:

Die Verfassung von Weimar ist aus Not geboren worden. In trübster Zeit der deutschen Geschichte war sie der Grundstein für eine neue Entwicklung. In einem südamerikanischen Staate hat ein Vertreter dieses Landes seine Auffassung über den Niederbruch des Jahres 1918 zusammengefaßt in die Worte: „Das Haupt wund vom Lorbeer, so ist die deutsche Armee niedergesunken im Kamps gegen eine ganze Welt, aber der Ruhm ihrer Taten wird durch die Jahrhunderte leuchten." Viele Menschen haben sich gefragt, ob das deutsche Volk stark genug sei, zusammenzuhalten und die Kraft zum Wiederaufbau zu finden. In dem letzten Jahrzehnt, bei der Entwicklung neuer Beziehungen zwischen den Völkern, die die Ver­ständigung an die Stelle des Krieges setzt, ist Deutschland vielfach führend gewesen.

Darum hoffe ich, das; das Jahr, in dem wir leben, das letzte sein muß, in dem noch fremde Truppen auf deutschem Boden stehen würden. Ich bin fest überzeugt,

Die Verfassungsfeier

Nachttange zur Berfaffungsfeier.

Der große Umzug des Reichsbanners in Berlin, zu dem viele Tausende von Mitgliedern mit ihren Fahnen nach Berlin gekommen waren, verlief, abgesehen von einigen kommunistischen Slörungsversuchen, in ein­drucksvoller Weise. Nach Beendigung des Zuges ver- anstaltete das Reichsbanner in den verschiedenen Stadt­bezirken Einzelfeiern, die durchweg von größeren Bevölkerungskreisen gut besucht waren. Aus dem Tempel- hofer Feld fanden Feuerwerk und Flugveranstaltungen zu Ehren des Tages statt. In den beiden staatlichen Opernhäusern und in der Städtischen Oper wurden Fest­vorstellungen abgehalten. Ansprachen hielten dabei der Berliner Oberbürgermeister B ö ß, der frühere Reichs­innenminister Dr. David und der preußische Finanz­minister Dr. H ö p k e r - A s ch o f f. Überall im Reiche und auch im Auslande trugen die dort veranstalteten Feiern würdigen Charakter.

In Königsberg I

stand die Einweihung einer Friedrich-Ebert- Büste durch den preußischen Ministerpräsidenten Dr. B r a u n im Mittelpunkt der Kundgebungen. Die Spitzen der Behörden sowie eine zahlreiche Menschenmenge hatten sich eingefunden. Oberpräsident Dr. Siehr hieß den Ministerpräsidenten willkommen und dieser würdigte die Bedeutung des ersten Reichspräsidenten. Jeder solle sich in seinem Wirken leiten lassen von dem Wahlspruch Eberts: „Des Volkes Wohl ist meiner Arbeit Ziel." Dann würden deutsches Land und deutsches Volk durch das Dunkel der jetzigen schweren Zeit einer lichteren Zu­kunft entgegengehen. Zum Schluß ließ Ministerpräsident Dr. Braun ein Hoch auf das Vaterland ertönen, in das die Menge begeistert einstimmte. Oberbürgermeister Dr. Lohmeyer übernahm das Denkmal in die Obhut der Stadt Königsberg und legte einen Kranz in den Stadt­farben am Fuße des Denkmals nieder.

In Schwarzburg wurde zur Erinnerung an die Vollziehung der Unterschrift unter die neue Reichsver­fassung, die Reichspräsident Ebert in Schwarzburg vor- nahm, ein Gedenkstein enthüllt. Es ist ein etwa 50 Zentner schwerer Granitblock mit der Inschrift: „In Schwarz-

daß die Geschichtschreibung einmal den Wiederaufstieg unseres Landes nach einem Sturz ohnegleichen in die Geschichte der Völker einreihen wird als eine der größten Taten aller Zeiten.

Das deutsche Volk zeigt auf vielen Gebieten Wege für den Fortschritt der Menschheit. Lassen Sie uns, wie wir auch immer zu den Ereignissen stehen, die wir miterlebt haben, das, was groß war in dem Alten ehren und achten und mit allen Kräften leben für die Gegenwart und glauben an die deutsche Zukunft. Das in der Republik geeinigte deutsche Vaterland: Es lebe hoch!

Mit diesem begeistert aufgenommenen Hoch und dem allgemeinen Gesang des Deutschlandliedes schloß- die Feier.

Reichspräsident und Reichsaußenminister.

Im Namen der deutschen Delegation richtete Dr. Stresemann an den Reichspräsidenten ein Telegramm, in dem gesagt wird: „Durch die Verfassung von Weimar hat das deutsche Volk sich ein neues Fundament seines Wiederaufbaues geschaffen. Im Ringen um Deutschlands Freiheit und Aufstieg wird uns und dem gesamten deut­schen Volke die treue und aufopferungsbereite Hingabe unseres Reichspräsidenten Vorbild und Ansporn fein."'

Reichspräsident von Hindenburg sandte folgen­des Antworttelegramm: „Herzlichen Dank für das freund­liche Meingedenken am heutigen Verfassungstage. Ich erwidere Ihre Grüße mit den besten Wünschen für Ihre Arbeit auf der für unser Vaterland so bedeutsamen Kon­ferenz im Haag." -------------------,

im Berliner Stadion.

bürg wurde am 11. August 1919 die Verfassung des Deut­schen Reiches vom Reichspräsidenten Ebert ausgefertigt."

Ihre Verfassungsfeier hielt die Berliner Polizei am Montag vormittag im Lustgarten ab. Da­bei hielt der Minister des Innern Grzesinski die Ansprache und schloß mit einem Hoch auf die Deutsche. Republik, worauf ein Vorbeimarsch der 4000 Schutz­polizisten vor sich ging.

Die Giaaishäupier graiuSieeen.

Glückwünsche zum Verfassungstag.

Aus Anlaß des Verfassungstages sind dem Reichs­präsidenten telegraphische Glückwünsche seitens des Königs von Ägypten, des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, des Präsidenten von Bolivien, des Präsidenten der Republik Kuba sowie vom Schah von P ersten zugegangen. Der Präsident der Republik Österreich hat durch den österreichischen Geschäfts­träger in Berlin seine besonderen Glückwünsche über­mitteln lassen. Ferner hat sich eine große Anzahl der in Berlin beglaubigten Botschafter und Gesandten im Be­suchsbuch des Reichspräsidenten eingetragen.

Meuterei auf einem finnuryen Dampfer.

Kiel. An Bord des finnischen Dampfers „Snud" brach aus der Fahrt durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal eine Meuterei aus. Infolge Versagens der Heizerwache konnte die für den Kanal bestimmte Fahrt nicht innegehalten werden. Durch die Vorhaltungen des Kapitäns des Schiffes aufgebracht, stürmte ein Teil der Wache auf die Kommandobrücke und griff den Kapitän und den Steuermann tätlich an. Beide wehrten den Angriff ab. Hierbei wurde der Kapitän durch Messerstiche in dre Brust und in den Rücken schwer verletzt. Der Steuermann erhielt Messerstiche in die Arme. Der Wasserschutz Holtenau, der mit einem Schnellboot herbeigeeilt war, nahm den Rädels­führer fest und brächte ihn nach Kiel. Er soll nach Helsingfors gebracht werden. Das Schiff setzte später seine Fahrt durch den Kanal fort.

Der Deutsche Kirsch als Erster in Amsterdam gelandet.

Amsterdam. Der deutsche Europaflieger Franz Kirsch traf auf seinem „Klemm C. 4" Montag um 13.50 Uhr als Erster auf dem Amsterdamer Flughafen ein.