Kersfel-erTageblatt
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/ Anlerhsltullg und Wissen
Nr. 175
Montag, den 29. Juli 1929
79. Jahrgang
Die Haager Konferenz.
Über der kommenden Konferenz, auf der die endgültigen Beschlüsse über den Uoung-Plan gefaßt werden sollen, stand von Anfang an ein ungünstiger Stern. Erst hat man sich Wochen und Wochen darüber herumgestritten, wo sie stattfinden soll, und damit zunächst erreicht, daß sie nicht, wie vorgesehen, schon Mitte Juli eröffnet werden konnte. Und nun kommt als zweites die schwere Erkrankung Poincaros, diefranzösischeKabinetts- k r i s e. Vom französischen Standpunkt aus gesehen spricht eine gewisse Tragik daraus, daß es Poincarö nicht be- schieden ist, seinen Wunsch, auf der Konferenz zu präsidieren, nun wirklich durchzusetzen. Aber wir Deutsche haben keine Veranlassung, darüber sehr traurig zu sein; denn in ihm müssen wir Deutsche den Hauptwidersacher der von uns angestrebten Gesamtliquidierung des Krieges sehen. Durch sein Fernbleiben wird sich freilich an der fachlichen Einstellung Frankreichs zu all den zwischen den beiden Ländern schwebenden Problemen nicht allzuviel ändern; auch Briand ist eben und vor allen Dingen Träger der französischen Interessen, so wie er sie auffaßt und wie auch die Mehrheit der Kammer und des Senats sie sich vorstellt. Aber er ist nicht so tief in die deutschfeindlichen Gedankengänge verstrickt wie Poincarö. Die Schwierigkeiten, mit denen Poincarö in den letzten Wochen zu kämpfen hatte und deren Bewältigung ihm gesundheitlich wohl den Rest gegeben hat, sind rein innen- französischer Natur, haben mit der Regelung des Verhältnisses zu Deutschland unmittelbar nichts zu tun, und Briand hat sich auch jetzt wieder in seiner Rede im Senat die Hände völlig frei gehalten, betonte ausdrücklich, daß die Rheinlandräumung eine interalliierte Frage sei, Deutschland aber ein Recht habe, sie aus das Programm der kommenden Konferenz zu setzen.
An der ersten Stelle dieser Tagesordnung wird nun der Uoung-Plan stehen. Jedoch wird es nicht bloß darüber zu einer Debatte und zu einem Beschluß kommen, ob bei Plan nun angenommen wird -der^nicht, sondern die im Noung-Plan selbst noch nicht gelöst sind, sondern ausdrücklich wegen ihres stark politischen Charakters in Paris der Entscheidung durch die Konferenz der Politiker vorbehalten worden sind. Eine davon, nämlich die Frage der belgischen Markforderungen, ist inzwischen geregelt worden, dieses Sonderabkommen wird gleichzeitig mit dem Uoung-Plan in Kraft treten. Anderes, wie namentlich das durch das sonderbare englische Verhalten besonders brennend gewordene Problem der Liquidationen deutschen Eigentums in den Ente n t e st a a t e n , muß erst noch bereinigt werden. An und für sich ist es ja überhaupt nicht gesagt, daß die Konferenz den Noung-Plan so, wie die Pariser Sachverständigen ihn vorschlugen, nun auch annehmen muß. Proteste sind z. B. eingelaufen gegen die Art, wie nun die deutschen Zahlungen unter den Gläubigerstaaten verteilt werden sollen, eine Frage, die uns Deutsche natürlich recht wenig interessiert. Streitigkeiten bestehen außerdem noch über Einzelfragen hinsichtlich der Organisation der Internationalen Bank, wie z. B. darüber, ob ihre Überschüsse auf die deutschen Zahlungen angerechnet werden sollen; des weiteren, was zu geschehen hat, wenn Amerika seinen Schuldnern einen erheblichen Nachlaß gewährt, usw.
Genau so wie in London 1924, als auf der dortigen Konferenz der Dawes-Plan zur Debatte stand, und wochenlange Auseinandersetzungen darüber stattfanden, wird man im Haag auch über den Uoung-Plan keineswegs von heute auf morgen zu einer Einigung kommen. Noch schwieriger wird die Behandlung des zweiten Punktes der Tagesordnung sein, also die Frage der Rheinlandräumung. Hier ergeben sich von zwei Seiten Wider stände gegen die deutsche Forderung, sofort nach einer Einigung über den Uoung-Plan die Besatzungstruppen aus dem Rheinland, und zwar aus beiden Zonen, zurückzuziehen. Zwar nicht offiziell, wohl aber offiziös und nicht mitzzuverstehen will Frankreich und im Verein mit ihm Belgien diese Räumung abhängig machen davon, daß der Uoung-Plan nun „funktioniert", aber nicht etwa nur in dem Sinne, daß die in ihm festgelegten deutschen Zahlungen prompt geleistet werden, sondern, daß sich auch die Absicht einer „Mobilisierung" dieser Zahlungen verwirklicht. Darauf kann sich Deutschland unmöglich einlassen, da das „Ob" und „Wann" dieser Mobilisierung von Deutschland gänzlich unabhängig und sonst auch ganz unbestimmter Natur ist. Und die zweite Bedingung, die gleichzeitig als dritter Punkt auf der Tagesordnung steht, ist die Schaffung der Kontrollkommission im Rheinland. Dem Buchstaben nach — und Frankreich wird sehr fest auf ihm bestehen — dürfte man im Haag auf der Gegenseite die Bildung einer solchen Kommission, freilich unter einem sehr viel harmloseren Namen, unbedingt verlangen. Aber nie und nimmer kann deutscherseits dem zugestimmt werden, daß diese Kommission über den 10. Januar 1935 hinaus in irgendeiner Form am Leben bleibt. Dem Geiste nach würde eine solche Kommission auch jetzt schon dem Willen widersprechen, die von Deutschland erstrebte Gesamtliquidierung des Krieges, nicht zuletzt in der Saarfrage, herbeizuführen. Der deutsche Außenminister hat bereits angekündigt, daß er auf der Konferenz auch diese Frage zur Sprache bringen wird, aber wir haben wenig Hoffnung, daß er dabei auch nur den geringsten Erfolg
RegiMUSMbildmz in RMW
Warum poincare zurücktrat.
Wegen Krankheit und Überarbeitung.
Der R ü ck t r i t t P o i n c a r ö s von seinem Amt als Ministerpräsident, mit dem er so oft gedroht hat, um die Französische Kammer seinen Wünschen aeiüaia zu machen.
Ministerpräsident PoincarL.
erzielen wrro. tritt wenn man schließlich noch hört, daß bei Beratung des Uoung-Planes von englischer Seite auch das ganze Problem der Sachlieferungen aufgerollt werden wird, so kann man erstens feststellen, daß es der Konserenz an wichtigstem und folgenschwerstem Beratungsstoff nicht fehlen wird, und ferner, daß selbst bei gutem Willen und ohne daß neue Schwierigkeiten entstehen, den Delegierten im Haag eine wochenlange Arbeit bevorsteht, — Pessimisten behaupten sogar, daß die Dauer der Konferenz eine noch längere sein wird als jene, die die Sachverständigen in Paris zusammenhielt. b ।
Arbeit im Haag - Erholung in Schwelungen.
Das Wettrennen um die Hotels.
Sieben Städte stritten sich darum, der Geburtsort Homers zu sein. Fast ebenso viele Orte kandidierten um den Rubm. der Sitz der kommenden Reaierunas-
DaS Ornnjehotel in Scheveningen, in dem die deutsche Delegation für die Hanger Konferenz wohnen wird.
konserenz zu werden. Das Rennen hat schließlich der Haag gemacht und jetzt beginnt ein neues
Wettrennen der diplomatischen Delegationen, um dort geeignete Unterkunftsräume zu finden. Rechnet man doch mit einem Zustrom von über 2000 Personen. Als Konferenzraum ist das Gebäude der Zweiten Niederländischen Kammer im Zentrum der Stadt Haag ausersehen, aber ganz in der Nähe von Haag lockt
der schöne Nordseestrand von Scheveningen und die allgemeine Wahl scheint auf dieses internationale Seebad gefallen zu sein, denn die Hotels von S ch event n q e n haben eine Sturzflut von Bestellungen und Anfragen erhalten. Ehe man den Young-Plan unter Dach und Fach bringen kann, wird die Frage der Unterbringung der Regierungsdelegierten und ihrer Stäbe noch einiges Kopfzerbrechen machen.
1 V jetzt Tatsache geworden. Eine nicht " unbedenkliche Erkrankung scheint der politischen Tätigkeit dieses grimmi- gen Deutschenhasters überhaupt ein Ziel gesetzt zu haben. Nachdem Pomcars seine Mitarbeiter davon in Kenntnis gesetzt hatte, daß er sich einem chirurgischen Eingriff unterziehen müsse und er sich deswegen entschlossen habe, dem
Präsidenten der Republik seine Demission zu überreichen, beschloß die Regierung, den Ministern B a r t h o u und Briand den Auftrag zu geben, den Ministerpräsidenten noch einmal aufzusordern, an der Spitze der Regierung zu verbleiben.
Aber dieser Versuch blieb erfolglos und Poincarä blieb bei seinem Beschluß, aus dem A m te zu scheiden. Daraus beschloß das gesamte Kabinett, seinen Rücktritt einzureichen.
poincaros Oemiffionsgesuch wird mit seinem schlechten Gesundheitszustand motiviert und mit einem anscheinend notwendigen operativen Eingriff, dem er sich unterziehen muß. Er hat vor einiger Zeit einen Ohnmachtsanfall erlitten. Seine Gattin hat unmittelbar nachher den Außenminister Briand davon unterrichtet, daß Poincare sich auf einige Wochen werde Schonung auferlegen und auf eine aktive Tätigkeit werde verzichten müssen. Poincars selbst hatte in einem Schreiben an den Präsidenten der Republik, Doumergue, angekündigt, daß er die Amtsgeschäfte demnächst wieder werde übernehmen können.
Aber in Paris war man in den letzten Tagen darüber unterrichtet, daß der Ohnmachtsanfall des Ministerpräsidenten nicht lediglich auf Überanstrengung zurückzuführen sei, sondern auf ein s ch w c r e r e s organisches Leiden.
Die d e u t f ch c Weg i e r « n q hat sich 60 Betten im Oraujc-Hotel auf der Scheveniuqer Düne reserviert. Die weiteren mitkommenden 20 Personen müssen anderswo untergebracht werden.
In der vorigen Woche war Frau Dr. Strese- m a n n im Hotel und hat persönlich nach dem Rechten gesehen. Die Franzosen haben Zimmer im Grandhotel belegt, die Belgier im Palacehotel, die Japaner 17 Zimmer gleichfalls im Palacehotel.
Ghma lsnki ein?
Annahme des amerikanischen Vermittlungsangebots.
Nach einer im „New York Herald" veröffentlichten Agenturmeldung aus Tokio soll die Nankingregierung den chinesischen Gesandten in Washington angewiesen haben, das amerikanische Angebot der Vermittlung im chinesisch-russischen Konflikt anzunehmen, wobei China sich damit einverstanden erkläre, daß die Lage, wie sie vor dem Streitfall bestand, wiederherge-
stellt werde.
Der -chinesische Gesandte in Washington teilte dem Staatsdepartement im Auftrage seiner Regierung mit, daß China und Rußland übereingekommen seien, die Verhandlungen über die Regelung der Streitigkeiten i n Berlin stattfinden zu lassen.
Nach einer Meldung der Telegraphenagentur der Üetunion aus Tschita hat ein chinesisches Regi-
Sowjetunion aus Tschita hat ein ch i n e s i s ch me n t in Fudsiadsang, einer Vorstadt Chari
utt. ii i in yuv|iuv|uny, ^iiiv* ^v.j.wv* ^.^arbins, ge - meutert und in der Hauptstraße in Läden und Wohnungen
von Kaufleuten schlimm gehaust. Trotz der beruhigenden Erklärungen der Behörden mehren sich die Fälle, daß chinesische Firmen ihre Betriebe schließen. Viele Kaufleute sind bereits aus Charbin abgereist.
Sriand bei der Kabinettsbildung.
ill Zwei Operationen bei PoincarS. ;|
Briand ist vom Präsidenten Doumergue mit der Neubildung des Kabinetts beauftragt worden. Er hat den Auftrag angenommen und bereits Verhandlungen mit führenden Politikern eingeleitet. Die Presse vertritt den Standpunkt, daß Briand den Versuch machen wird, ein republikanisches Konzentrationsministerium zu bilden, in dem vertreten sein sollen außer den Mittelparteien die Sozialrepublikaner, die Radikalen und die Gruppe Ma- ginot, was ihm eine stabile Mehrheit von rund 40 Sitzen sichern würde. Die Entscheidung darüber, ob eine derartige Kombination durchführbar ist, hängt von der Stellungnahme der Radikalen ab, und zwar vor allem von der Frage, ob Briand zu der alten republikanischen Tradition zurückkehren wird, das Innenministerium, das jetzt von einem Anhänger der Rechten verwaltet wird, einem radikalen Politiker zu übertragen.
„Matin" macht nähere Angaben über die Krankheit Poincares. Professor Marion besuchte Poincaro und fand das Allgemeinbefinden des Kranken als für einen chirurgischen Eingriff geeignet, den man bisher verschieben oder vermeiden zu können geglaubt hatte. Marion empfahl zwei Operationen, zunächst eine vorbereitende und dann einige Tage später eine zweite zur E n t s e r n u n g der Prostata. Poincaro erklärte sich mit diesen Operationen einverstanden. , i