Einzelbild herunterladen
 

HersfelöerTageblatt

Anzeigenpreis: Die einspaltige Petitzeile 15 Pfennig, öie Reklamezeile 50 Pfennig. (Grunöschrist Korpus) Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Pr ' Nachlaß gewährt. Zur die Schristleitung verant­wortlich: §ranz§unk in Hersfelö. »FernsprecherNr.8

...._._ H^x^l-er Ureisblatt

- ^1 Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfel-

mit des Beilasea: IlluftrierleS AnterhattongSblatt / Nach Feierabend / Herd rmö GÄolle / Belehrnns und Kuezweil / Wirtschafkliche Tagessragev.

Monatlich er Bezugspreis: durch die Post bezogen 1.50 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für ejersfelö 1.20 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für flbhoier 1.00 Reichs-Mark.» druck und Verlag von Ludwig . Funks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des vdZV.

♦♦♦♦♦♦♦*♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦

AnterbsiLnna nad Wissen

Nr. 174 «Erstes Blatt) Sonnabend, den 27. Juli 1929 7g. Jahrgang

___________________________________ . ......... . - .. -- ______-------Mffm ^^^^-...-.T^T^.-^^^ ---^-^^ZL ^-^ --^^^

Bunte Speisekarte.

Der unersättliche Regisseur. Polnische Schimpfkano­naden. Barbarei in Europa.

Schulen und Parlamente sind in die Ferien gegangen, aber die unruhigen Weltgeister, die für Abwechslung ausder Erde zu sorgen haben, auf daß die Menschen sich nicht langweilen oder gar zu rosten anfangen, gönnen uns keine Atempause, als fürchteten sie, wir könnten sie sonst überhaupt für entbehrlich halten. Ob Amerika sich aufregt wegen der fabelhaft schön gelungenen Rekordfahrt unseres neuen LloyddampfersBremen" und dessen Kajüten stürmt für die erste Rückfahrt nach der Alten Welt, ob der Deutsche Reichskanzler sich plötzlich von heute auf morgen auf Tod und Leben operieren lassen muß, in einem Zeitpunkt, wo von seiner Regierung höchste Aktivität erwartet werden muß im Angesicht der großen internationalen Konferenz, zu der abermals die Regie­rungen aller der Länder, die uns im Weltkriege gegen- überstanden, zu rüsten beginnnen, ob in Berlin ein ganzer Fabrikstadtteil in Gefahr gerät, von explodierenden Azethlenflaschen oder Gasbehältern wegrasiert zu werden, ob Dutzende von Menschen in diesen heißen Sommer­tagen in den kühlen Wellen ihren Tod statt der gesuchten Erfrischung finden oder auf Autofahrten geköpft oder zer­malmt werden das Rad der Zeitgeschichte rollt in rasendem Tempo über solche Einzelschicksale und -ereig- nisse hinweg, immer neuen Aufregungen entgegen, als wenn ein unersättlicher Regisseur am Werke wäre mit der Aufgabe, die Menschheit nur ja keinen Augenblick zur Be­sinnung kommen zu lassen. Die Speisekarte des Lebens kann heutzutage auch schon dem verwöhntesten Geschmack genügen; die Gefahr, daß wir uns den Magen überladen, ist jedenfalls ungleich größer als die Aussicht, etwa vor Langeweile zugrunde zu gehen. Dabei ist die Kunst, von dieser reichbesetzten Tafel nur mit kluger Auswahl zu ge­nießen, auf daß unsere Aufnahmefähigkeit sich nicht vor­zeitig abnutze, auch nichts weniger als leicht zu üben, da . die_Tafellreuden zumeist nur ,allzu laut angepriesen wer­den und die bunte Vielheit der Genüsse verwirrend wirken muß. Etwas weniger wäre auch in «tiefem Falle gewiß­lich mehr und wir konnten zum -.iv^ Mn tu der sommerlichen Erholungszeit wieder frische Kräfte sam­meln für wer weiß welche neuen Überraschungen, die das Schicksal für uns vielleicht schon in Bereitschaft hält. Aber auf diesem Gebiete scheint niemand für die notwendige Rationalisierung zuständig zu sein, in der man sonst überall das Heil für die kranke Gegenwart zu erblicken glaubt.

Doch ist, Gott sei Dank, für einige Erheiterung auch in diesen schweren und bekümmerten Zeitläuften immerhin gesorgt. Oder soll man nicht schmunzeln bei den spaßigen Kommentaren, mit denen die hauptstädtische Polenpresse die Mitteilung begleitet, daß der in diesen Tagen in Warschau zusammengetretene Internationale Chirurgenkongreß seine Verhandlungen in Abwesenheit der deutschen Delegierten eröffnen mußte? Diese komischen Deutschen wollen nichts mit Leuten zu tun haben, die ihnen im Jahre 1920 schwarz auf weiß bescheinigten, daß sie durch ihr Verhalten im Weltkriege die Würde der Wissenschaft für ewig verscherzt hätten, und die an dieser ungemein schmeichelhaften Kennzeichnung auch heute noch festhalten oder sich wenigstens weigern, sie jetzt, nach der Wiederkehr ruhigerer Zeiten, ausdrücklich zurückzu- nehmen. Das polnische Regierungsblatt spricht höflich, wie man im Reiche des Herrn Pilsudski nun einmal ist, von deutscher Frechheit und Unverschämtheit und fügt hinzu, daß, wenn mau früher die deutsche chirurgische Wissenschaft als moralisch unzulänglich und verwerflich gebrandmarkt habe, diese Kennzeichnung heute für die gesamte deutsche Wissenschaft gelten müsse. Wir sind zu rücksichtsvoll, um mit Fragen nach der sittlichen Quali­fikation polnischer Professoren und Studenten zu ant­worten. Wir dürfen uns mit der Zuversicht trösten, daß die Welt immerhin zwischen deutscher und polnischer Wissenschaft noch wird unterscheiden können, trotz aller Ruhmredigkeit auf der einen und aller Bescheidenheit auf der anderen Seite.

Wer wirklich Spuren von BarbaretinEuropa feststellen möchte, der wird gewiß zu allerletzt in Deutsch­land danach suchen, während er in Polen gar nicht weit zu gehen braucht, um sie in Hülle und Fülle zu finden. Das ist gar nichts so Unerhörtes, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheinen könnte, wenn man bedenkt, daß sogar das hochzivilisierte England noch heutigestags an der selbstgeschaffenen Möglichkeit festhält, deutsches Eigentum, fünfzehn Jahre nach seiner völkerrechts­widrigen Beschlagnahme im Kriege, zu liquidieren, als wäre das die selbstverständlichste und beste Sache von der . Welt. Alle unsere früheren Feinde haben sich von dieser iKulturschande bereits wieder losgesagt, so zuletzt auch »die belgische Regierung, die sonst nicht gerade den Ehr- 'geiz hatte, in der Abschüttelung der Kriegspsychose vor- , bildlich zu sein. Einzig und allein mit Polen zieht Eng­land heute in dieser Beziehung an einem Strang. Muß man da nicht wirklich schon sagen:Es tut mir in der Seele weh, daß ich dich in der Gesellschaft seh'!"?

Dr. Sy.

Haag wird Konferenrort

Regl'ermlgskooferenz in Holland.

Ernste Erkrankung Poincarös.

Der Streit um den Ort, in dem die große Regierungs- konferenz im August zusammentreten soll, ist nunmehr beigelegt. Die Entscheidung ist auf die Hauptstadt Hol­lands, den Haag, gefallen. Bis zuletzt hat sich nament­lich Belgien gegen den Haag als Konferenzort gewandt, da die Brüsseler Regierung infolge der Veröffentlichung ge­

'ollten, noch etwas verschnupft ist.

fälschter politischer Dokumente in holländischen Blättern, die Belgien bloßstellen fi" , ", .7'7 Allerdings ist es jetzt den vereinten diplomatischen Be­mühungen gelungen, Belgien umzustimmen, und die

Brüsseler Regierung hat schließlich auch nachgegeben, da, wie es heißt, sie nicht an einer Vertagung der großen Konferenz etwa schuldig sein wolle.

Mit der Wahl des Haags als Konferenzort hat ein politischer Kampf sein Ende gefunden, dessen Hintergründe noch immer in Dunkel gehalten werden. Die Pariser ZeitungExcelsior" bringt den Kampf um den Konferenz­ort mit der Bestimmung des Sitzes der Internationalen Bank in Zusammenhang. In England sei man mit Recht oder Unrecht der Ansicht, daß die Bank an dem Ort der Konferenz ihren Sitz erhalten werde. Nachdem es nicht gelungen sei, London durchzusetzen, wolle England bem Haag, den es besser kontrollieren könne als die Schweiz« oder Luxumburg. Im übrigen hat man die Absicht, auch Amerika zur Teilnahme an der Konferenz aufzufordern, und es wäre immerhin möglich, daß auch ein Vertreter aus Washington im Haag erscheint, da dort der in Paris geschaffene Young-Plan verwirklicht werden soll, an dem ja auch Amerika in entscheidender Weise mitgearbeitet hat.

MUW-WW.

Hugenberg und Du ,\ erborg als Redner.

In M ü n st e r fand eine vom Ausschuß für das deutsche Volksbegehren veranstaltete öffentliche Kund­gebung statt, an der u. a. auch Studenten teilnahmen. Es sprachen Geheimrat Hugenberg, Oberstleutnant a. D. Düsterberg und ein Mitglied des Vereins Deutscher Studenten.

Geheimrat Hugenberg betonte in längeren Aus­führungen, daß man, um dem deutschen Volke das Unglück des Pariser Tributvertrags fernzuhalten, mit vereinter Kraft alle Mittel aufbieten müßte, auch das

Mittel des Volksbegehrens.

Die etwaige Annahme des Pariser Tributvertrages in Verbindung mit der marxistischen Mißwirtschaft des heuti­gen Staates werde nur zu bald ungewöhnliche Not in Deutschland zeitigen. Sie werde Millionen in Deutschland überraschen. Damit dann nicht Unglück über Deutschland komme, werde es gut sein, wenn diejenigen, welche es kom­men sehen, sich vorher zusammengefunden haben würden.

Der zweite Bundesführer des Stahlhelms, Oberst­leutnant a. D. D ü st e r b e r g, verwies auf den Kampf des Stahlhelms um die Vorbereitung des geistigen Bodens für eine nationale Selbsterhaltungs- und Befreiungs­politik in Deutschland und kam dann auf den Kampf gegen den Young-Plan zu sprechen. Es sei selbst­verständlich gewesen, daß der Stahlhelm sein Volksbegeh­ren hinsichtlich einer Verfassungsänderung gegenüber der dringendsten Forderung, die Annahme des Young-Planes zu verhindern, vorläufig zurückstellte. Dank der Vorberei­tungen in den letzten Monaten fei es möglich gewesen, eine große Reihe von Parteien und Organisationen zur Bil­dung eines Reichsausschusses zusammenzuberufen. Diese Parteien und Organisationen hätten sich zusammengefun­den auf paritätischer Grundlage, um unter Zurückstellung von Sonderausgaben endlich in dieser großen wichtigen Lebensfrage unserer Nation gemeinsam arbeiten zu können. Der Redner verbreitete sich dann eingehend über die finanziellen und wirtschaftlichen Folgen aus dem Young-Plan.

England lknd der 8oung-pLan.

Schatzkanzler Snowden im Unterhaus.

Im Englischen Unterhaus erklärte Schatzkanzler Snowden:England ist keineswegs zur Annahme der Anempfehlungen des Young-Planes verpflichtet. Meines Wissens hat bisher keine der interessierten Regie­rungen den Bericht angenommen, mindestens keine der Gläubigermächtc. Der deutsche Außenminister scheint erklärt zu haben, die deutsche Regierung nehme den Bericht als Grundlage einer Konferenz an. Ich glaube, die Gläubigermächtc sind der Meinung, daß es ihnen f r e i st e h e, über den Bericht zu verhandeln. Tatsächlich würde eine Konferenz unmöglich sein, wenn die Regierun­gen den Bericht in seiner jetzigen Form annehmen müßten."

Der Schatzkanzler erinnerte dann an verschiedene Sta­dien der Verhandlungen der Sachverständigen, und sagte: Die Regierung hat sich durchaus einverstanden, erklärt, mit der Annahme der festgesetzten Annuitäten. Wir haben

Der Verlauf der Konferenz wird natürlich auch ab

hängig sein von der Zusammensetzung der eiUzelnen De­legationen. Daß Reichskanzler Müller, der die Absicht hatte, die Führung der deutschen Abordnung zu der poli­tischen Konferenz zu übernehmen, diesen Plan durchfüh- ren kann, gilt angesichts seiner schweren Erkrankung als völlig ausgeschlossen. Infolgedessen wird Reichsaußen- minister Dr. Stresemann die Führung der deutschen Dele­gation übernehmen, der außerdem noch die deutschen Minister Dr. Hilferding, Dr. Curtius und Dr. Wirth an­gehören sollen. Von Wichtigkeit ist natürlich die Persön­lichkeit, die der französischen Delegation vorstehen wird. Ministerpräsident P o i n c a r 6 hatte ursprünglich die Ab­sicht, wieder die Führung zu übernehmen. Ob er es tun kann, steht noch nicht fest, da seine Erkrankung e r ii st e r z u s e i n s ch e i n t, als die Ärzte es ursprüng­lich zugegeben haben. Am nächsten Dienstag soll noch­mals von mehreren Ärzten eine gründliche Unter­suchung Pvincar4s stattfinden, von deren Ergebnis es abhängen wird, ob dem französischen Ministerpräsiden­ten die Erlaubnis zur Reise nach dem Haag gegeben wer­den kann oder nicht. Wie verlautet, leidet Poincars nicht nur an einer Entzündung der Speiseröhre, sondern auch an einem Magengeschwür. Man rechnet sogar mit der Möglichkeit, daß sich Poincar6 einer Opera­tion unterziehen muß. Das würde natürlich eine Beteiligung Poiucares aU der politischen Regie- rungskonferenz ausschlietzen, so daß in diesem Falle der französische Außenminister Briand die Leitung der fran­zösischen Abordnung übernehmen würde.

Ob die Konferenz bereits, wie geplant, am 6. August zusammentreten kann, steht noch nicht fest. Der lange Streit um den Konferenzort hat die Vorbereitungen verzögert, so daß es nicht ausgeschlossen ist, daß der Ver- handlungsbeginn um acht Tage verschoben werden wird.

. keinen Wunsch, die Summe der von Deutschland verlang- ten Zahlungen zu erhöhen. In diesem einen Punkte find sich, wie. ich glau^ alle.Beteiligten einig." Der Schatz- kanzler zitierte dann die Ziffern des Annuitätenschemas

unbedingten Teil "

wird erwartet, daß er unter allen Umständen gezahlt wird außer im Falle des völligen Bankerotts Deutschlands, mit dem aber nicht gerechnet wird. An diesen unbedingten Zahlungen hat Großbritannien keinen wesentlichen An­teil. Fünf Sechstel gehen an Frankreich, der Rest an Italien. Unser Anteil' an den Annuitäten könnte ver­glichen werden mit den gewöhnlichen Aktien eines viel­leicht nicht sehr gesunden Konzerns, während die unbe­dingten Zahlungen als Schuldverschreibungen erster Klasse betrachtet werden können. Dieses ist die Lage hin­sichtlich der Einteilung der Annuitäten in zwei Teile. Wenn die Zahlungen geleistet werden, werden sie sich folgendermaßen verteilen: Wir erhalten 17,5 Millionen Pfund, die Dominions 2,6 Millionen Pfund, Frankreich 52,5 Millionen und Italien nicht ganz 11 Millionen Pfund."

Lloyd Georges Kritik an dem Plan.

Vor dem Schatzkanzler hatte Lloyd George ge­sprochen. Er sagte:Ich bin erstaunt, daß dieser Bericht dem britischen Schatzamt- als eine gerechte Berücksichtigung der britischen Ansprüche unterbreitet worden ist. Ich hoffe, Snowden wird seinen Einfluß benutzen, um

sehr beträchtliche Abänderungen

an dem Plan durchzusetzen. Meine Bedenken richten sich nicht dagegen, daß die deutschen Zahlungen herabgesetzt werden. Aber ich erhebe Widerspruch dagegen, daß die Gesamtheit der Opfer in der Hauptsache von Groß­britannien getragen werden soll. Wenn es eine Herab­setzung geben mußte, dann hätte sie gerecht auf alle Gläubiger staaten verteilt werden müssen. Ich vermag keinen Grund für eine Abänderung des Repa­rationsverteilungsplans von 1920 zu entdecken. Zum erstenmal sollen außerdem die deutschen Zahlungen in einen bedingten und einen unbedingten Teil zerfallen. Von dem unbedingten Teil erhält Großbritannien so gut wie gar nichts, obwohl es seine 34 Millionen Pfund an Amerika zahlen muß. Unser Anteil an den Zahlungen wird unsicher sein und schließlich ganz aufhören, denn Deutschland ist nur imstande gewesen, zu zahlen durch umfangreiche Anleihen und durch Niedrighalten der Löhne. Das kann nicht unbegrenzte Zeit so fortgehen.

Die Regierung darf ihre Unterschrift nicht unter einen Bericht setzen, der nicht nur ein Rückschritt, sondern eine Demütigung für uns ist."

Nach der Rede Snowdens vertagte sich das Unter­haus biszumL 9. Oktober.

Schweres EWoßonsungM Ms dem englischen KreuzerAevMhire".

London. Die Admiralität gibt bekannt, daß sich an Bord des britischen KreuzersDevonshirc" während der Schieß­übungen im östlichen Mittelmeer am Freitag morgen ein schweres Explosionsunglück ereignete. Eine genaue Liste der Verletzten liegt der Admiralität noch nicht vor. Soweit bisher bekannt ist, beträgt ihre Zahl 17, darunter sind sechs Schwer­verletzte.