Hersfel-erTageblatt
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Nr. 173
Freitag, den 26. Juli 1929
79. Jahrgang
Illspißung der Lage im Fernen Osten.
Blutige Zusammenstöße und Gefechte.
Nachdem die Nachrichten, die aus dem Fernen Osten kamen, einigermaßen beruhigend gelautet hatten, kommen jetzt über den russisch-chinesischen Konflikt wieder Meldungen, die erkennen lassen, daß die Lage noch immer bedrohlich zu sein scheint.
So entspricht, nach einer Mitteilung der Sowjetbotschaft in Berlin, die Meldung, daß der sowjetrussische Botschafter in Berlin dem chinesischen Gesandten eine versöhnlich eErklärung abgegeben habe, nicht den Tatsachen. In Wirklichkeit hat nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen China und Sowjetrußland keine Fühlungnahme zwischen der Sowjetbotschaft und der chinesischen Gesandtschaft stattgefunden. Aber nicht nur auf diplomatischem Gebiet, sondern auch auf militärischem scheint die Lage eine neue Zuspitzung erfahren zu haben.
Russischer Einmarsch in Ehina?
Einer Meldung aus Charbin zufolge haben russische Truppen die chinesische Grenze bei Manchuli in der westlichen Mandschurei überschritten. Der Kommandant der chinesischen Militärstreitkräfte hat sofort die einheimische Bevölkerung gezwungen, eine dreifache Reihe von Schützengräben nördlich von Manchuli auszuwerfen, die von chinesischen Truppen besetzt wurden. Man schätzt, daß etwa 25 chinesische Regimenter entlang der mandschurischen Grenze ausgestellt sind und daß sie langsam verstärkt werden.
Zwei weitere Meldungen zeigen, daß die Stimmung auf beiden Seiten noch außerordentlich gereizt ist.
Sechzehn Weißgardisten in Rußland hingerichtet.
In Chabarowsk sind von der G. M U. sechzehn frühere Angehörige der Koltschak- und anderer gegenrevolutionä- ^iMiM.-Hingerichtete worden. Wie. amtlich dazu gemeldet wird, waren die Hingerichteten aus der Mandschurei zur Ausführung von Anschlägen über die Grenze gekommen. Bei ihnen sei eine größere Menge von Waffen und Munition gefunden worden. Es sei ferner festgestellt worden, daß sie von chinesischen Behörden unterstützt worden seien.und in Verbindung mit dem Stab der in Mulden liegenden Truppen gestanden hätten.
Kampf mit einer chinesischen Kommunistenbande.
Das chinesische Oberkommando in Mulden teilt mit, daß eine kommunistische Bande vier Kilometer von der chinesischen Grenzstation Mandschuria (Manchuli) entfernt die Grenze überschritten und die chinesischen Posten beschossen hat. Sofort wurde Kavallerie aufge- boten, die dann nach mehrstündigem Kampf die chinesischen Kommunisien zwang, das Feld zu räumen und über die russische Grenze zu fliehen. Bei diesem Kampfe wurden sechs chinesische Kommunisten getötet und neun verletzt. Von den chinesischen Truppen wurden vier Soldaten getötet und mehr als 14 verletzt.
Tagung der Jabrikarbettermternationale.
Franzosen, Engländer und Polen anwesend.
In Hannover fand die Eröffnungssitzung des vierten Kongresses der Internationalen Vereinigung der Fabrikarbeiterverbände statt. Der Vorsitzende A u g u st B r e.y betonte in seiner Begrüßungsansprache besonders, daß zum erstenmal wieder Franzosen, Engländer und Polen an der Tagung teilnehmen. In seinen weiteren Aus- führungen über Wirtschaftspolitik bezeichnete der Redner als notwendiges Ziel die
Erreichung des Mitbestimmungsrechts
der organisierten Arbeiter in der Wirtschaft und forderte ferner auf das entschiedenste die Durchführung der auf der Weltwirtschaftskonferenz in Genf eingeleiteten Bestrebungen, besonders deren Forderung auf Beseitigung der Zollschranken, die die Gesundung der Weltwirtschaft verhinderten, und zwar vor allem in Europa. Zur Vermeidung wirtschaftlicher Konflikte trat er für ein
internationales Schiedsgericht ein, dem alle Wirtschaftskonflikte, die nicht in unmittelbaren Verhandlungen zwischen den betreffenden Staaten beigelegt werden, zu unterbreiten seien.
Zum Stande in Serlin-Sorfigwalde.
Nur keine Übertreibungen.
Gegenüber manchen unerhört übertreibenden Berichten über den Brand in der Azetylenfabrik Borfig - .Walde bei Berlin stellt die Verwaltung fest, daß kein »Menschenleben zu beklagen ist. Ernstlich verletzt »ist nur ein Fräulein Behm, Lebensgefahr besteht auch «bei ihr nicht.
/ Ferner betont die Verwaltung, daß die in einem Meile der Presse veröffentlichten Berichte über die Explo- ?sion von Sauerstoffbehältern den Tatsachen nicht entsprechen. Das Sauerstoffwerk der Gesellschaft liegt mehrere Kilometer vom Azetylenwerk entfernt und ist völlig unberührt geblieben. Es sind überhaupt keine Sauerstofflaschen explodierst. Der Brand der Azetylen-
Englands neue Dolitik
Matdonald regiert.
Die Seeabrüstung. — Rücktritt Lord Lloyds. — Wirtschaftliche Schwierigkeiten.
Wenn auch nicht in übermäßig klaren Zügen, so doch allmählich etwas deutlicher entwickelt das neue englische Kabinett jetzt auch in Einzelheiten sein außenpolitisches Programm. Hatte Macdonald im Anschluß an die Thronrede ganz in den Mittelpunkt seiner außenpolitischen Darlegungen gestellt, es würde seine erste Aufgabe sein, in der Frage der Seerüstung bzw. -abrüstung mit den Vereinigten Staaten zu einer Einigung zu kommen, so hat er nun Genaueres über die Abrüstung sowohl wie über die Verhandlungen mit Amerika dargelegt. Man kann daher freilich noch nicht von einer eigentlichen Abrüstung sprechen, sondern der englische Ministerpräsident teilte lediglich mit, daß die Bauarbeiten an zwei Kreuzern e i n g e st e l l t, das Tempo bei der Durchführung der Bauarbeiten an anderen Kampfschiffen verlangsamt würde, daß man aber außerdem an den geplanten Neubau zweier Unterseeboote und eines Unser« seebootdepotschiffes nicht herangehen werde. Auch halte mau sich hinsichtlich des Bauprogramms für 1930 noch alle Wege offen. Viel ist das also gerade nicht, aber es ist immerhin ein Anfang. Man will sozusagen den guten Willen zeigen und tut das aus dem Grunde, weil die Verhandlungen mit dem besonders hierfür beauftragten neuen amerikanischen Gesandten in London, Davis, offenbar bereits sehr weit fortgeschritten sind.
Macdonald hat in seiner Parlamentsrede auch über das Ziel dieser Verhandlungen ziemlich ausführlich gesprochen. Die e n g l i s ch - a m e r i k a n i s ch e n D i f f e- renzen über die Rüstungseinschränkung zur See sollen aus der Welt geschafft werden; dann will man das neue Programm, aus das man sich jn einigen bestrebt ist, allen an der L-eerüstung interessierten Mächten auf einer Präliminarkonferenz vorlegen und hofft, unter der Führung der Vereinigten Staaten — vielleicht auch unter dem Druck dieser größten Kapitalmacht der Welt — dort auch zu einer Einigung mit den anderen zu kommen. Sodann soll als iveiterer Schritt die Überweisung eines solchen freien Abrüstungsübereinkommens zur See an die allgemeine Genfer Abrüstungs- kommission des Völkerbundes erfolgen und dadurch endlich deren Arbeit ein gutes Stück vorwärtsaebrackt werden.
Lord Lloyd.
Das ist in kurzen Strichen ein Bild von der marine- bzw. der außenpolitischen Linie der neuen Regierung in London nach Westen hin.
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Auch andere Pläne außenpolitischer Natur sind von dem Kabinett Macdonald in Angriff genommen worden. Man scheint doch jetzt ernsthafter damit zu rechnen, daß zwischen England und Rußland Verhandlungen über eine Besserung der beiderseitigen Beziehungen einzuleiten möglich ist. Die Sensation des Tages ist in London aber der überraschende Rücktritt des englischen „S i r d a r" in Ägypten, Lord Lloyds, worüber Gründe und Einzelheiten bisher noch nicht mitgeteilt worden sind. Pikant dabei ist übrigens, daß gerade in diesem Augenblick der ägyptische König und sein Außenminister in
sabrik konnte in der Hauptsache auf das Fabrikgrundstück begrenzt werden, bis auf einen Holzstoß der Otis-Auf- zugwerke G. m. b. H. und bis auf verschiedene Fensterscheiben. Das Karbidlager und der Entwicklerraum sind fast unberührt geblieben. Nur die Dächer sind beschädigt. Größer ist der Schaden in der Abfüllerei, wo durch explodierende Azetylenflaschen die Mauern zerstört worden sind.
Gegenüber gewissen Börsengerüchten erklärt die Verwaltung, daß durch den Unglücksfall in Borsigwalde der Wert der Gesellschaft in keiner Weise berührt wird. Der Schaden ist durch Versicherung gedeckt.
England weilen. Man weiß nur, daß es zwischen Hen- derson, dem jetzigen Außenminister im Kabinett Macdonald, und Lord Lloyd zu erheblichen Differenzen gekommen ist darüber, welche Politik England in Ägypten verfolgen solle. Trotz dieser Differenzen ist es aber sehr unwahrscheinlich, daß sich unter dem neuen Kabinett diese Politik wesentlich ändern wird, wie denn überhaupt in den kitzligsten Fragen der englischen Außenpolitik — und dazu gehört gerade Ägypten — die Wege des neuen Kabinetts sich kaum sehr weit von denen seiner Vorgänger entfernen werden. Festzustehen schein aber jetzt schon, daß dieser Rücktritt Lord.Llohds der Regierung Macdonalds keine großen Schwierigkeiten im Parlament bereiten wird.
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Das Kabinett hat auch sonst Schwierigkeiten genug. Der andauernde Streit mit Frankreich um Ort und Zeit der Reparationskonferenz, dazu die Frage der Rheinlandräumung, die im Hintergründe jenes Streites steht, machen Macdonald und seinem Außenminister Kopfschmerzen genug. Denn der Ministerpräsident hat angekündigt, er wolle eine Reise nach Washington machen, und als Termin hierfür den Oktober angegeben. Diesen innezuhalten wird aber nicht möglich sein, wenn die Konferenz nicht sehr bald beginnt. Schon die etwaige Annahme des Doung-Planes selbst wird sich nicht ganz so einfach vollziehen, teils wegen der darin enthaltenen Bestimmungen und noch offen gelassenen Streitfragen, teils aber auch wegen der Verknüpfung dieses Planes mit den interalliierten Schulden und deren Abzahlung. Dazu gehören aber auch Schulden, die Frankreich an England hat, über deren Tilgungsplan man sich aber immer noch nicht endgültig einigen konnte. Der englische Finanzminister Snowden hat recht deutlich erklärt, England denke gar nicht daran, in dieser Frage nachzugeben und noch weitere Opfer zu bringen Staaten gegenüber, die biete tPmrbc leicht itftoeti t&nnUv.. wenn sie nur — Wb= rüsten wollten! Wen er damit meint, ist derart unzweifelhaft, daß es auch die Pariser Regierung verstehen wird.
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Das Kabinett Macdonald braucht ja diese Summen auch aus innerpolitischen Gründen. Seine Anhänger, die Arbeiterschaft, fangen nämlich an, allmählich ungeduldig zu werden; Arbeitslosendemonstrationen haben schon statt- gesunden und die Gefahr des großen Textilarbeiterstreiks droht am Himmel. Noch brennender vielleicht aber sind die Arbeitsprobleme im englischen Bergbau. Hierüber hat der englische Handelsminister allerlei mitgeteilt, das freilich in der Hauptsache nur auf eine organisatorische Zusammenfassung des Absatzes hinausläuft, aber auch von einer Neuregelung der Arbeitszeit spricht. Freilich denkt man heute noch nicht an eine sofortige Aufhebung des nach dem großen Bergarbeiterstreik wieder eingeführten Acht- stundenarbeitstages, aber schließlich ist die Regierung Macdonald doch gezwungen, ihren Anhängern, von denen sie in den Sattel gehoben wurde, nun auch praktische Vorteile aus diesem politischen Sieg zu verschaffen.
Amerika stoppt den Kreuzerbau.
Nachdem der englische Ministerpräsident Macdonald im Unterhaus erklärt hat, daß die englische Regierung den Bau von zwei Kreuzern, einem Unterseeboots-Mutter- schiff und zwei Unterseebooten verschieben werde, hat der amerikanische Präsident Hoover seiner großen Freude über diese Friedensgeste Ausdruck gegeben. Er kündigte seinerseits an, daß er die Stapellegung von drei Kreuzern des diesjährigen Bauprogramms aufschieben werde, bis er klar sehe, inwiefern das erhoffte Abkommen mit Großbritannien über die Flottenparität den Bau dieser Kreuzer beeinflussen würde. Er sprach seine Freude über den angekündigten Besuch Macdonalds aus und versprach ihm die herzlichste Aufnahme seitens des ganzen amerikanischen Volkes.
Kriegssekretär Good teilte mit, daß versucht werde, die Prüfung der militärischen Ausgaben zu beschleunigen, um jede nur mögliche Herabsetzung des Heeresetats vor- zunehmen, der dem Kongreß Anfang Dezember zugehen wird. Die vom Präsidenten Hoover vorgeschlagene Kommission von Generalstabsoffizieren, die prüfen soll, wie die Ausgaben für das Heer verringert werden können, ohne die Wirkfamkeit der Landesverteidigungspläne zu beeinträchtigen, wird in den nächsten Tagen ernannt werden.
Beschießung von Sowjetflugzeugen durch chinesische Truppen.
Tokio. Nach einem aus der Mandschurei hier eingetroffenen Telegramm haben chinesische Truppen fünf Sowjet- flugzeuge beschossen. Eine der Zeitung „Nitschmitschi" aus Mandschuli übermittelte Meldung besagt, daß es zu einem Feuergefecht zwischen chinesischen und Sowjetruppen gekommen sei, als 16 Sowjetflugzeuge über der Stadt erschienen. Die Bevölkerung sei durch den Anblick der Flugzeuge in Bestürzung versetzt worden.
Britische Exportkredite für den Handel mit Rußland.
London. Der Präsident des Handelsamtes teilt dem Unterlaufe mit, daß in Durchführung der Pläne zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit die Regierungsgarantie für Ausfuhrkredite vom 1. August an auch auf den Handel mit Rußland Anwendung finden werde.