HersfelöerTageblatt
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Nr. HO
Zweifel und Bedenken.
. Großes Aufsehen überall in der Welt hat es erregt, rief bei unseren Gläubigermächten freudigste Zustimmung, andererseits aber schärfste deutsche Proteste hervor, was der Neparationsagent Parker Gilbert Ende Dezember vergangenen Jahres in seinem Bericht gesagt hatte, der von der Erfüllung des Dawes-Planes durch Deutschland im vierten Annuitätsjahr handelte. Dieser Bericht, der mit dem größten Optimismus von der wirtschaftlichen und finanziellen Leistungsfähigkeit Deutschlands in Gegenwart und Zukunft sprach, ist es aber gewesen, der die Richtschnur abgab für die Beurteilung dieser Leistungsfähigkeit auf der Pariser Kon- fereuz und damit auch einen entscheidenden Einfluß aus- übte auf die dort erfolgte Festlegung unserer Jahresverpflichtungen durch den Uoung-Plan. In feinem neuesten Bericht nun, der sich über die Zeit vom 1. September 1928 bis zum 1, Juni 1929, also auf die ersten neun Monate des fünften Dawes-Jahres — des ersten „Normaljahres" — erstreckt, hat Parker Gilbert aber einen ganz anderen Ton angeschlagen, der außerordentlich von dem Optimismus seines früheren Berichtes abweicht. Zwar sind auch die jetzigen Leistungen, die ja in diesem Jahr auf 2500 Millionen angewachsen sind, von Deutschland prompt erfüllt worden. Aber der Bericht ist durchsetzt von zahlreichen Zweifeln und Bedenken, ob die deutschen Finanzen und die deutsche Wirtschaft diesen gewaltigen Aderlaß noch lange werden ertragen können. Wenn Parker Gilbert natürlich auch mit verständlicher Absicht für die Zukunft einen Teil seines alten Optimismus' entwickelt, muß er doch feststellen, daß auf allen Gebieten der Finanzen, der Kreditpolitik, des Außenhandels und der deutschen Binnenwirtschaft Schwierigkeiten bedenklich st er Art bestehen. Er berechnet die deutsche ö f f e u t liche Gesamtschuld, also die Schuldsumme des Reiches, der Länder und der Gemeinden, auf weit über 16 000 Millionen, beziffert sie damit noch höher, als dies selbst von deutschen amtlichen Stellen mehrfach angedeutet wurde. Diese Riesenverschuldung der öffentlichen Hand äußert sich nun natürlich in sMoOf^'r Form besonders -mise-MJÄ* ^^^ 4>eui|awi Privat
Wirtschaft. Parker Gilbert muß daher weiter feststellen, daß die ansländische Kredithergabe ganz außerordentlich zurückgegangen ist und außerdem nur zu sehr hohen Zinssätzen erfolgt, Allerhand Vorkommnisse wie die Unsicherheit über den Ausgang der Pariser Konferenz, ferner zahlreiche „Imponderabilien" während dieser Konferenz haben die Entwicklung des deutschen Wirtschaftslebens schwer beeinträchtigt; der Bericht geht auch nicht daran vorüber, daß die Zinssätze für deutsche Emissionen im Inland selbst, also beispielsweise für Pfandbriefe, sehr erheblich anstiegen.
Parker Gilbert kommt dann zurück auf die wäh- rungspolitischen Schwierigkeiten, die bekanntlich die Reichsbank zn überaus einschneidenden Maßnahmen veranlaßten und ihn übrigens selbst noch von der im vorigen Bericht propagierten Idee abbrachten, der Deutschen Reichsbank die wirkliche Einlösungspflicht der Reichsbanknoten gegen Gold zu empfehlen. Mühfam genug ist es ja der Reichsbank gelungen, die notwendige Golddeckung nach dem schweren Rückgang des Mai wieder zn erzwingen.
Schwierigkeiten über Schwierigkeiten beim deutschen Außenhandel. Mit einer ausgesprochenen Herabsetzung des Gesamtumfanges der deutschen Einfuhr könne man kaum rechnen und dem Optimismus, mit dem Parker Gilbert die weitere Entwicklung der deutschen Ausfuhr betrachtet, steht seine eigene Feststellung entgegen, daß „viele der die Zukunft des deutschen Exports bestimmenden Faktoren aber, darunter die Zollpolitik der anderen Länder, Deutschland nicht in. der Hand habe". Das veranlaßt den Reparationsagenten zu der nachdenklichen, deutscherseits aber schon längst in verneinendem Sinne beantworteten Frage, ob denn die wirtschaftlichen und finanziellen Ergebnisse des mit Hilfe von Auslandskapital rationalisierten und modernisierten deutschen Produktionsapparates den Erwartungen auch wirklich dauernd entsprechen werden. Diese Fragestellung steht übrigens in einem geradezu grotesken Gegensatz zur Behauptung des Reparationsagenten im Dezemberbericht, daß „die in Deutschland mit Hilfe des ausländischen Kapitals geschaffenen neuen Werte ein Mehrfaches des Gesamtbetrages der eingegangenen Verschuldung ausmachen"! In größerer Wahrhaftigkeit als damals spricht Parker Gilbert diesmal endlich auch über die Lage der deutschen Binnenwirtschaft. Er verweist darauf, daß das Absinken der Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse „von ernster Bedeutung für den Produzenten gewesen" seien, äußert sehr erhebliche Zweifel darüber, ob nach der schweren Winterkrise wirklich alle Produktions- und Gewerbezweige eine entsprechende Neu- belebung erfahren haben, verweist im Hinblick auf den Umfang der Arbeitslosigkeit auch darauf, daß der teure - »Kredit, die Höhe der Zinssätze zu dem Ergebnis führten, «häufig die Gründung von neuen Unternehmungen oder Zote Erweiterung schon bestehender hinauszuschieben. Mnch die Schwierigkeiten auf dem Baumarkt werden dies- «mal nicht vergessen, vergessen auch nicht, vor welche Probleme die deutsche Wirtschaft durch den starken jährlichen ^Bevölkerungszuwachs, also das Hineindringen Hunderttausender von neuen Arbeitskräften gestellt wird.
Schon auf Grund dieser Andeutungen aus dem wie üblich sehr,langen Bericht des Reparationsagenten sonn
Dienstag, Sen 23. Juli 1029 79. Jahrgang
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Die S-eratio« des Reichskanzlers.
Politische Folgen.
Die Anfänge der schweren Erkrankung des Reichskanzlers M ü l l e r, die gn einer durchgreifenden Operation in Heidelberg durch Geheimrat Professor Dr. E n d e r l e geführt haben, liegen schon einige Zeit zurück. Bekanntlich litt der Reichskanzler bereits seit einiger Zeit an einem schmerzhaften Gallen- und Leberleiden, das ihn zwang, das Bett zu hüten. Um eine Kur gegen die Erkrankung zu gebrauchen, hatte er sich nach Bad Mergentheim begeben, und die ersten Tage der Knr schienen einen durchaus günstigen Erfolg zu haben. Als der Reichskanzler aber einen
akuten Anfall mit verstärkten Schmerzen bekam, hielt der behandelnde Arzt Dr. Hang in Mergent- heim es für notwendig, auswärtige Fachleute hinzuzu- ziehen. Er erkannte, daß eine sofortige Operation erfolgen müsse, und wie es sich nachher herausstellte, war diese unbedingt erforderlich, n m d e n R c i ch s k a n z l e r amLebcnzu erhalten.
In einem Eisenbahnkraftwagen, den die Reichsbahn- direktion Stuttgart mit großer Beschleunigung zur Verfügung gestellt hatte, wurde der Erkrankte nach Heidelberg geschafft. Die Operation dauerte 26 Minuten. Zu ihr wurde außer Professor E n d e r l e, Dr. Klug und Geheimrat von K r e h l auch Professor Her m a n n Z 0 n d e k aus Berlin, der bekanntlich auch den Reichs- außenminister behandelt, hinzugezogen. Der Befund ergab, daß eine eitrige Gallenblasenentzündung vorlag Und daß bereits der
Abzes? in die Bauchhöhle durchgebrochen war. Nach der Operation sank die sehr hohe Fiebertemperatur des Patienten und er fühlte sich stark er- [eicfif er+ ^te ner'hrrtrfAe ,or in einem apathrichen Schlummer. Die G a t t r n des Reichskanzlers ist nach der Operation in Heidelberg eingetroffen und weilt am Krankenlager ihres Mannes.
Der Verlauf des ersten Tages wird als den Nm- ständen entsprechend befriedigend bezeichnet, jedoch ist er noch als sehr ernst a n z u s e h e n , zumal es noch nicht ausgeschlossen ist, das? ein neue r operativer Eingriff sich als notwendig ergeben wird.
man entnehmen, von welch einschneidender Wirkung für die gesamte Reparationspolitik es gewesen wäre, wenn Parker Gilbert in seinent Dezemberbericht nicht mit dem damals bewiesenen verhängnisvollen Optimismus gearbeitet hätte. Hat sich doch die Entwicklung in der Art, wie er sie j e tz t schildert, nicht erst in den letzten Monaten vollzogen, sondern schon damals, als er den Bericht verfaßte, waren die kreditpolitischen Spannungen außerordentlich groß gewesen, hatte die Arbeitslosenzifser die erste Million schon weit hinter sich gelassen. Und angesichts dieses neuen Berichtes wirkt es mehr als grotesk, wenn Parker Gilbert darauf erklärt, daß dem Dawes-Plan gemäß nun auch noch die Bestimmungen über den Wohlstandsindex Platz greifen müssen, wenn der Nonng-Plan am 1. September 1929 nicht in Kraft tritt. Der Bericht selbst gibt auf ein derartiges Vorhaben schon die nötige Antwort. .
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Das „A« Sand" von der „Srenm" gewonnen.
28,2 Knoten in der Stunde.
Nach einer Meldung aus N e w y 0 r k passierte der Lloyddampser „Bremen" Montag um 7 Uhr 30 amerika- nischer Zeit (1 Uhr 30 nachmittags mitteleuropäischer Zeit das Nantucket-Feuerschisf. Für 2 Uhr 30 nachmittags amerikanischer Zeit (8 Uhr 30 mitteleuropäischer Zeit) wurde das Schiff an der Quarantänestation, also am Ziel seiner Fahrt, ermattet. Die „Bremen", die am Sonntag 705 Meilen, das sind 28,2 Knoten in der Stunde, zurüülcgtc, hatte also mit ihrer Fahrt eine Rekord- leiftmig vollbracht und das „Blaue Band des Ozeaus" geivmmcm ew^o^e^ Montagszeitungen stellen Vergleiche mit früheren Rekordfahrten an, von dem Raddampfer „Savannah" an, der im Jahre 1819 26 Tage für die Überfahrt brauchte, bis zum letzten Rekord der „Maure- ania" im Jahre 1928 mit fünf Tagen drei Stunden vierzehn Minuten. m
Das Pvstflugzeug, das sich an Bord der „Bremen" befand, ist mit Hilfe der Katapultvorrichtung Montag mittag etwa 400 Kilometer von Rewyork entfernt gestartet und um 1 Uhr 35 amerikanischer Zeit in Rewyork gelandet. Newyorks Bürgermeister Walker wird das Katapultflug- zeug auf den Namen „Rewyork" taufen. Wie groß das Interesse für die „Bremen" in Rewyork ist, beweist ine Tatsache, das? zur Besichtigung des deutschen Ozeanriese» mehr als 40 000 Karten ausgegeben worden sind.
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Genesungswünsche des Reichspräsidenten.
Reichspräsident von H i n d e n b u r g hat durch Staatssekretär Meißner dem Kanzler telegraphisch die besten Wünsche für einen günstigen Verlauf der Krankheit und für eine möglichst baldige Genesung ausgesprochen, ebenso Reichswehrminister Grüner, der die Wünsche der Reichsregierung telegraphisch übermittelte.
Reichskanzler Pros. von Enderlen,
Müller. der den Kanzler operierte.
Politische Folgen.
Die Verschärfung in der Erkrankung bedeutet politisch im günstigsten Falle, daß für die nächsten Monate mit der Arbeitskraft des Reichskanzlers nicht gerechnet werden
' "So wird er Deutschland aus der Reparations- konserenz nicht vertreten können. Und auch die politischen und parlamentarischen Vorarbeiten dazu werden in die Hände eines anderen Ministers gelegt werden müssen. Die außenpolitische Führung in den kommenden kritischen Tagen dürfte also allein auf den Schultern des Reichsaußenministers Dr. S t r c s e m a n n lasten.
Die Frage des Schiedsrichters im Ostasienkonflikt.
Deutschland oder Japan?
In dem Konflikt zwischen Rußland und China spielt zurzeit die Frage, wer das Schiedsrichteramt zwischen den beiden streitenden Parteien übernehmen soll, eine Hauptrolle. Auf der einen Seite scheint sich I a p a n als der natürliche Vermittler zwischen China und Sowjetrußland zu betrachten, indem es glaubt, daß der Völkerbund, wenn er die Vermittlung übernehmen sollte, ohne Japans Beistand nichts Wirksames tun könne. Andererseits ist man in amtlichen amerikanischen Kreisen der Ansicht, daß
Deutschland der Schiedsrichter
fein müsse, da es zu beiden Mächten freundschaftliche Beziehungen unterhalte. Amerika könne die Schiedsrichter- rolle nur dann übernehmen, wenn es von allen Mächten dazu aufgefordert werde. Japan käme wegen seiner Interessen in der Mandschurei nicht in Frage. Die Nanking-Regierung hat an die Mächte eine gleichlautende Note gesandt, in der
die Verantwortung für die Ereignisse in der Mandschurei Rußland zugeschoben wird. Die chinesische Regierung werde sich ganz der Erhaltung des Weltfriedens widmen. China werde nur alle legalen Mittel für seine Selbstverteidigung anwenden, da es ganz von dem Geiste des Kellogg-Vertrages erfüllt sei.
Andererseits haben Nanking sowohl wie M 0 s - k a u Aufrufe an ihre Völker erlassen,
ihre Länder zu verteidigen.
Zuverlässige Nachrichten über irgendwelche offene Feindseligkeiten liegen noch nicht vor. Die Truppenzusammen- ziehungen an der Grenze schreiten weiter fort, aber die Meldungen über größere militärische Zusammenstöße scheinen sehr übertrieben zu sein. Außer einigen Vorpostenplänkeleien scheint es noch nirgends zu Zusammenstößen gekommen zu sein.
Infolge der Verkehrsunterbrechung bei der 0 st chinesischen Bahn, die von China jetzt restlos durchgeführt worden zu sein scheint, lagern in C h a r b i n bereits 8000 Tonnen Fracht. Weiter wird mitgeteilt, daß 500 Personenwagen und 1800 Güterwagen zurückgehalten worden sind. Der für Rußland außerordentlich wichtige Ausfuhrhandel von Wladiwostok soll völlig zum Stillstand gekommen sein. _ ,^^