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Nr. 16g
Montag den 22. Juli 1929
79. Jahrgang
Reifende Saat.
Auf den Feldern reift die Ernte — aber große Teile der deutschen Bauernschaft werden des Segens nicht froh, der dort herangewachsen ist. Schon seit Jahren nicht mehr. Die Sorgen wuchsen, wuchsen schneller noch als das, was aus den Feldern heranreiste. Die Steuerlasten, der Druck einer weit über die Absatzmöglichkeiten hinausgehenden Welternte und dann immer wieder die bange Frage: Sind nicht allzu viele deutschen Bauern genötigt, die Erzeugnisse ihres Ackers allzu schnell auf den Markt zu bringe», um dringendste Schulden abzuzahlen? Was man vor dem Kriege nicht kannte, ist jetzt zum wichtig- sten argrar politischenProblemgeworden: die Finanzierung der Ernte. Erst ein Paar- Jahre ist es her, daß man dieses Problem von Staats wegen anpackte, staatliche Kreditinstitute für diese Erntefinanzierung schuf, aber leider bald feststellen mußte, daß das, was eingerichtet wnrde, bei weitem nicht genügte. Getreidekreditbanken, Rentenbankkreditanstalt, Preußische Zentralgenossenschaftskasse usw. taten, was sie konnten, aber doch blieb es immer noch viel zuwenig. Ein neues Mittel ist jetzt eingeführt worden, das vielleicht weitere Erleichterung schaffen wird, nämlich der vom Reichstag beschlossene V e r m a h l u n g s z w a n g der deutschen Mühlen für inländischen Weizen. Vom 1. August bis 30. November müssen ja die Mühlen 40 Prozent ihrer Gesamtvermahlung in deutschem Weizen verarbeiten, wird also das Angebot diesmal auf eine ä ästigere Nachfrage stoßen als in den vergangenen Jahren, wird also nicht zu einem Überangebot werden und damit preisdrückend wirken. Man hofft weiter, daß diese erhöhte Nachfrage dazu führen wird, die Erzeugnisse der neuen Ernte möglichst rasch aus den Markt zu bringen, wenigstens soweit es den Weizen angeht, — aber damit ist noch nicht die andere Schwierigkeit behoben, wie nämlich das Haupterzeugnis des deutschen Ackers, der R o g g e m, nun kreditpolitisch zu sichern ist. Erfreulicherweise stehen aber auch in diesem Jahre größere Mittel zur Verfügung, die Rgaa-n-rnt-zu früher gezwungen ist, unbedingt verkaufen zu muffen.
Deswegen bleiben ihm aber immer noch Sorgen genug. Längst hat man zwar eingesehen, wie verhang- »isvoll die Landflucht für das Wachstum der Gesamt- bevölkerung wirkt, man spricht und schreibt viel, allzuviel über Siedlungsnotwendigkeit, Neuerschließung deutschen Bodens usw. — aber die agrarpolitischen Verhältnisse sind nun einmal derart, daß sich der Landflucht auf diesen Wegen kaum begegnen läßt. Die Erntezeit nicht allein etwa, sondern die in Deutschland herrschenden klimatischen Bedingungen verlangen schwerste körperliche Arbeit, die sich an eine achtstündige Arbeitszeit nicht binden läßt. Erst ganz im Anfang stehen noch die betriebs- wissenschaftlichen Untersuchungen darüber, was der Bauer selbst, was außerdem die Frau und die Kinder an Arbeit unberechnet in den Acker stecken. Eine solche Untersuchung, die über Württembergische Verhältnisse dieser Art statt- gefunden hat, zeigte, daß zwölfstündiger Arbeitstag die Regel ist, der in den Erntemonaten sogar auf 14 bis 15 Stunden anschwillt. Der überall herrschende Mangel von Angeboten an Arbeitskräften zwingt namentlich den Mittel- und Kleinbauer zur schärfsten Anspannung der eigenen Kraft, zu einer nicht minder scharfen Ausnutzung der Kräfte seiner Familie. Man hat auch berechnet, welch ein Stundenlohn auf den Bauern entfällt, wenn man nur eine Kapitalvcrzinsnng von fünf Prozent annimmt. Fast überall ist dann dieser Lohn, den der Bauer für die eigene Arbeit erhält, nur etwa die Hälfte, ja ein Drittel so groß als das, was der Landarbeiter auf Grund des Tarifvertrages empfangt. Wirtschaftlich ist das also eine Arbeit, die praktisch fast umsonst geleistet wird, es außerdem erklärt, daß der Mangel an Arbeitskräften gerade beim Mittel- und Kleinbauern schon seit Jahren sich fast zu einer Katastrophe herausgewachsen hat. Trotz der über 700 000 Arbeitslosen, die wir jetzt in Deutschland haben, ruft die Landwirtschaft immer noch nach Arbeitskräften, vielfach aber vergeblich. Die R u ck - Wanderung aus den Städten auf das Land gerät schon immer sehr bald ins Stocken, vermag längst nicht den Bedarf der Landwirtschaft zu decken. „
Die übermäßige Arbeit und die finanzielle Bedrängnis, unter der der deutsche Bauer nun schon eigentlich seit 1924 zu leiden hat, ist letzten Endes auch die Ursache dafür, daß es weniger bei den Großbetrieben, wohl aber bei den Mittel- und 'Kleinbauern mit der Modernisierung der Wirtschaft so langsam vorwärtsgeht. Der Bauer hat einfach keine Zeit dazu, sich mit den Fortschritten der Betriebswissenschaft zu befassen, hat auch kein Geld dazu, seinen Kindern nach dieser Richtung hin die geistigen Fortbildungsmöglichkeiten in dem Ausmaß zu verschaffen, wie dies wünschenswert ist. Außerdem — die Stadt zieht und lockt. Vor kurzem erst wurde wieder einmal festgestellt, daß der deutsche Osten immer weiter verödet, daß es ganze Kreise gibt, wo die Bevölkerungszahl nicht etwa stehengeblieben ist, sondern sich erheblich ver- ^ minderte. ^^ biefc ^dit- und bevölkerungspolitische ^Entwicklung nicht ernst genug nehmen! Es nutzt nichts, dem deutschen Bauern immer nur zu „empfehlen seinen Betrieb zu rationalisieren; die Mittel dazu fehlen ihm. Nur zögernd ist man ja auch auf dem Wege der Gesetzgebung an die Hilfeleistung herangegangen Aber immer wieder muß man daran denken, daß die deutsche Handelsbilanz deswegen so stark passiv ist, weil sie durch die Mil liardeneinfuhr von Lebensmitteln belastet wird.
Wird der Kellog Pakt helfen?
Die Vermittlungsaktion
im Ostasienkonflikt.
Die Parteien stehen Gewehr bei Fuß.
Die Zuspitzung in dem Ostbahnstreit zwischen Rußland und China hat jetzt zu einem Vermittlungs- schritt von feiten derVereinigtenSlaaten von Amerika geführt. Im amerikanischen Staatsdepartement erklärte Staatssekretär S t i m s o n , die Regierung habe bereits formell Schritte unternommen, um den Kriegsausbruch zwischen der Sowjetunion und China zu verhüten. Im einzelnen erfährt man zu diesem Vermittlungsschritt noch folgendes:
Vorbereitend hat das Staatsdepartement sowohl mit dem chinesischen Gesandten als mich mit den Botschaftern jener drei Mächte verhandelt, die im Jahre 1922 den Viermächtevertrag, das sogenannte ,,Pazisikab - komme n", unterzeichnet haben, nämlich Großbritannien, Frankreich und Japan. In diesem Abkommen haben sich die Mächte verpflichtet, einander zu beraten und ihre Meinungen auszutauschen, wenn das Vorgehen anderer Mächte
den Frieden im Fernen Osten bedrohe. Gleichzeitig hat das Staatsdepartement den Mitverfasser des Kellogg-Paktes. Außenmi-nster Briand, ersucht, der Sowjetunion ebenfalls die Erklärung zu übermitteln, daß China und Rußland Signatarmächte des Kellogg-Paktes seien und daß es sich — soweit man auf Grund der dürftigen Nachrichten übersetzen könne — auf beiden Seiten um Ansprüche j n ristifcher Natur handele, die
bwutj el-iivu ^tfytvXa^v’***-^ .^ Vvetben töuncn.
Staatssekretär S t i m1ö tr pnwMttpi—wrmr—tw Vermittlung so einzuleiten, daß Frankreich den ersten diplomatischen Schritt bei der S o w j e t r c g i e r n n g unternimmt, da Amerika mit ihr keine diplomatischen Beziehungen unterhält. Dagegen wird den Vermittlungsschritt bei der N a n k i n g e r Regierung Amerika selbst unternehmen.
Die beiden Schöpfer des Kellogg-Paktes also, Frankreich und die Vereinigten Staaten, wollen den ersten Friedensschritt tun. Vorausgesetzt, daß China und Rußland sich mit dem Vermittlungsschritt einverstanden erklären, sollen an der eigentlichen Lösung des Konfliktes alle diejenigen Staaten teilnehmen, die an Ostasien inter-
Unter der Lupe des Reparationsagenten.
Erfüllung trotz ungewöhnlicher Schwierigkeiten.
Der Bericht des Generalagenten für die Reparationszahlungen vom 1. Juli 1929 ist soeben erschienen. Besonders eingehend befaßt sich der Bericht mit dem deutschen R e i ch s h a u s h a l t, der bis in die Einzelheiten hinein untersucht wird. Der Bericht stellt fest, daß Deutschland nach wie vor seine Reparationsverpflichtungen erfüllt hat und weist sodann darauf hin, daß der deutsche Kredit und die deutsche Wirtschaft während des größten Teils des seit Veröffentlichung des letzten Berichtes verflossenen Zeitraumes von Einflüssen ungewöhnlicher Art beherrscht gewesen sei, die auf der einen Seite aus der beispiellosen Strenge des Winters und den Haushaltsschwierigkeiten des Reiches erwachsen, auf der anderen Seite aus der von den hohen Geldsätzen in Newyork ausgeübten Anziehungskraft sowie dein durch die Arbeiten des Sachverständigen- ausschusses znr endgültigen Regelung des Reparations- problems bedingten allgemein schwebenden Zuständen her- vorgerufen worden fei.
In seinem Schlußwort drückt der Reparationsagent die Ansicht aus, daß der Sachverstüudigenbericht von 1929, der sogenannte Donna-Plan, das Werk des ersten Sachverständigenausschusses vervollständigt und die dem Dawes-Plan anhaftenden Ungewißheiten beseitigt habe. Der Sachverständigenplan von 1929 biete Deutschland und den Gläubigermächten die Gelegenheit zur endgülti- g e n Regelung des Reparationsproblems und schaffe damit die erforderliche Grundlage für den weiteren Fortgang der friedlichen Wiederaufbauarbeit.
China bricht mii Rußland.
Die Vermittlung Amerikas.
Der Staatsrat von Nanking hat beschlossen, die Beziehungen zur Sowjetunion abzubrechen und alle chinesischen ‘ diplomatischen Beamten aus Rußland zurückzil- berufen. Gleichzeitig werden alle russischen Beamten ersucht werden, China zu verlassen.
Der französische Botschafter in Washington, Claudel, überreichte dem Staatsdepartement die Antwortnote Briands, in der dieser seine völlige Übereinstimmung mit der Ansicht Stimsons über die Notwendigkeit, einen Krieg zwischen Rußland und China zu vermeiden, ausdrückt und mitteilt, daß er Moskau alsbald entsprechend verständigt hätte, bisher aber noch keine Antwort erhalten habe. ' Auch Nanking habe noch nicht geantwortet. Eine Übernahme des Schiedsrichteramts durch die Vereinigten Staaten kommt, wie verlautet, nickt in Lraae. Da mit
esstert sind und zu den Hauptmächten des Kellogg-Paktes gehören.
In Amerika hofft man, daß bis zum 24. Juli, an dem der Kellogg-Pakt in Kraft gesetzt werden soll, bereits , ein Erfolg dieser Ausgleichsaktion zu verzeichnen fein und dieser Tag Anlaß zu der Feier des ersten wirklich bedeutsamen Erfolges dieses Paktes aeben wird.
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----ca»» „...„„!,"..!s.^_—---i-s * ' m , - > » uu|?vt», euUll|lM, der die Vermittlungsaktion Amerikas im russisch-chinesischen Konflikt in die Wege geleitet hat.
Inzwischen kommen aus bem bedrohten Gebiet die widersprechendsten Nachrichten. Während auf der einen Seite von Besetzungen von Grenzorten und Überschreitung der Grenzlinie sowie von Vorpostengefechten berichtet wird, wird von der anderen Seite jedes kriegerische Zusammentreffen dementiert. Die beiderseitigen Aufmärsche scheinen daher vorläufig hauptsächlich den Zweck zu verfolgen, den diplon-atischen Verhandlungen, die man erwartet,
den nötigen militärischen Nachdruck zu geben.
Rußland keine diplomatischen Beziehungen bestehen, ist man nach in Paris vorliegenden und durch Botschafter Claudel übermittelten Nachrichten zuversichtlich, daß es z u einem Krieg nicht rammen werde.
Die Bewegungen der Sowjettruppen.
Wie Reuter aus Tokio meldet, werden in dortigen amtlichen Kreisen die Meldungen über Scharmützel an der russisch-mandschurischen Grenze mit großem Vorbehalt ausgenommen, obgleich bestätigt wird, daß elf Sowjetflugzeuge Pogranitschnaja über flogen haben und vier Kanonenboote am Zusammenfluß des Amur- und Sun- gari-Flusses erschienen sind. Der Generalstab nimmt an, daß sich eine Sowjetdivision mit Kavallerie gegenüber von Mandschuli befindet und ein Armeekorps auf Pograuitsch- naja vorrückt.
Schlacht bei Charbin?
Nach einer angeblich zuverlässigen Meldung soll es in der Nähe von Charbin zu einer Schlacht zwischen russischen und chinesischen Truppen gekommen sein, bei der die Chinesen geschlagen worden sein sollen. Die chinesischen Truppen sollen sich, verfolgt von russischen Fliegern, in wilder Auflösung zurückziehen.
In Südchina soll ein kommunistischer Auf- ft a nd gegen die Raukinger Regierung ausgebrochen sein. Es sind bereits Truppen zur Niederwerfung des Aufstandes entsandt worden.
Sie„Sü!>kreuz"-Nleger wollen nachderlin
Dann Ozeanflug.
Die australischen Flieger Kingsford Smith, Ulm, Litchfield und Williams, die kürzlich mit dem Fokkerflug- zeug „Southern Groß" (Südkreuz) einen Rekordflug Australien—England in vierzehn Tagen ausgeführt haben, wurden bei ihrem Eintreffen aus London in Amsterdam festlich empfangen. Auf einem ihnen zu Ehren gegebenen Frühstück, an bem Vertreter der Militär- und Marinebehörden, des Magistrats und bekannte Perfön- lichkeiten aus Luftfahrkreisen teilnahmen, erklärte Kingsford Smith, daß er und seine Kameraden die Absicht hätten, in den nächsten Wochen mit der „Southern Groß“
einen Ozeanflug von England nach Amerika
zu unternehmen. Sie würden jedoch nicht die nördliche Route, sondern die südliche über Dakar und Pernambuko wählen. Vorher wollen die Flieger Berlin einen Besuch abstatten; sie werden am Dienstag nach Berlin starten.