kersfelöerTageblatt
SSWS-Sl Hersfelder Kreisblatt
^.x^^,L»NV^N!i Mmtlicher Anzeiger für den Kreis HersfelS mit den Beilagen: Illustriertes AnterhaltungSblatt / Nach AeierabevK / Herd und Gcholle / Belehrvns «»S Kurzweil / Wirtschaftlich« TageSfrasen.
Nr. 168 (Erstes Blatt) Sonnabend, den 20. Juli 1029
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Aaterbaltrrkg sud Wisse»
7S. Jahrgang
Krisenlufi.
Gurken und faule Eier. — Aus dem Sprunge. — Weit vom Schutz.
Von dem sogenannten Ultimatum, das die Präger Regierung kürzlich in Budapest überreichen ließ, weil einer ihrer Bahnbediensteten an der tschechisch-ungarischen Grenze von den Beauftragten des Grafen Bethlen wie ein ganz gewöhnlicher Sterblicher behandelt und einfach in Haft genommen worden war, nachdem er sich in den Verdacht strafwürdiger Spionage gebracht hatte, ist es sehr rasch wieder muckmäuschenstill geworden. Die ungarische Regierung sagte einfach nein und damit scheint der Fall, der die tschechische Volksseele schon einigermaßen ins Kochen gebracht hatte, bis auf weiteres wenigstens bestens erledigt zu sein. Auch die chinesische Regierung hat das brüske Ultimatum der russischen Räterepublik mit einem nicht weniger brüsken Nein beantwortet. Es war allerdings voraus- zusehen, daß die Moskauer Gewalthaber sich diese schroffe Zurückweisung ihrer Forderung nicht widerspruchslos einstecken würden. Die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern wurden daraufhin prompt abgebrochen, der Grenzverkehr eingestellt, die Außenbeamten von hüben und danach natürlich auch von drüben abberufen, Deutschland von beiden Seiten um freundliche Übernahme der diplomatischen Vertretung während der Dauer des Konflikts gebeten und, um den fatalen Ernst der Lage gewichtig zu unterstreichen, auch die erforderlichen Truppenbewegungen in Richtung auf den möglichen Kriegsschauplatz hin ungeordnet. Aber daß es nun auch wirklich zu einem blutigen Waffengang zwischen Rußland und China kommen sollte, will trotzdem einstweilen keinem ruhigen Beurteiler recht glaubhaft erscheinen.
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Die heutigen Gebieter im Kreml werden es sich fe^p^eltuin^ ^ Überlegen, < u ^ , wirwei - sie dem ! chne Zögern vorgenommenen Abbruch der diplomatischen Beziehungen kriegerische Maßnahmen folgen lassen sollen. Eben erst hat sich der Sowjethorizont nach England hin wieder aufzuhellen begonnen; die ersten einleitenden Schritte zur Wiederanknüpfung normaler Beziehungen sind von Macdonald getan worden, und auch das finstere Gesicht, das die Washingtoner Regierung den Moskauer Umstürzlern bisher immer zu zeigen sich verpflichtet fühlte, ist in der letzten Zeit schon etwas freundlicheren Zügen gewichen. Gerade in und mit China glaubten aber die Sowjetherren am ehesten ein politisches Geschäft erzwingen zu können, nachdem ihnen in Europa so ziemlich eine „Weltrevolution" nach der anderen versagt war. Und ob sie, wenn erst eine wirkliche rote Armee nach der Mandschurei in Marsch gesetzt ist, sich zu Hause, inmitten der wachsenden Unzufriedenheit weiter Volksmassen, sonderlich wohl und sicher fühlen würden, oder ob nicht vielmehr zu besorgen wäre, daß die Bauern z. B. von ihrem bisherigen mehr passiven Widerstand gegen die Moskauer Herrschaft zu aktiveren Vefreiuungsmaßnahmeu übergehen würden, — das werden die klugen Sowjetherren gewiß sehr gründlich überlegen wollen, ehe sie sich «zu unwiderruflichen Kriegshandlungen entschließen. Wohl rührten sie keinen Finger, als die aufgeregten Arbeitermassen der Hauptstadt die chinesischen Gesandtschaftsgebäude mit Gurken und faulen Eiern bombardierten, und an großen Worten und an leidenschaftlicher Auf- Peitschung der Volksinstinkte werden sie es bestimmt nicht fehlen lasten, solange sie sich davon einen Einschüchterungserfolg bei den Chinesen versprechen dürfen. Aber von da bis zu einer veritablen Kriegserklärung ist noch ein weiter Weg. Man weiß in Moskau sehr wohl, wer schon auf dein Sprunge steht, die Rolle des lachenden Dritten zu spielen, wenn wirklich in diesem Fernen Osten wieder das Schwert aus der Scheide fliegen sollte. Daß mit den Japanern nicht gut Kirschen essen ist, dessen ist sich auch das neue Rußland nur zu gut bewußt, und daß die Chinesen durchaus nicht auf sich allein angewiesen sein würden, wenn sie nach den vielen inneren Kämpfen nun auch gegen fremden Imperialismus sich ernsthaft zur Wehr setzen müßten, das darf man wohl ruhig als eine Binsenwahrheit bezeichnen. Also gute Gelegenheit für gefällige Vermittler, dem grimmen Kriegsgott in den Arm zu fallen. Es ist wieder einmal ein Fri-d '^ncis zu gewinnen in der Welt.
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Schade, daß Herr Briand so hielt vom Schuß sitzt. Er sorgt sich, wenn man seinen Worten glauben schenken darf, im Augenblick so furchtbar um die „Vereinigten Staaten von Europa", daß er für den Konflikt im Fernen Osten gewiß nicht die erforderliche Ängstlichkeit cutf= bringen kann. Er muß seinem Herrn und Meister PoincarS mit allen Kräften zur Seite stehe«, da es mit der Ratifikation des amerikanischen Schuldentilgungsvertrages nachgerade fünf Minuten vor zwölf geworden ist. Und er muß mit aller Anstrengung darüber nachdenken, wie er die von Deutschland geforderte Räumung der besetzten Gebiete mit der gebotenen Rücksicht auf die Sicherheit Frankreichs vereinigen kann. Es wird ihm freilich nicht entgehen, daß die Früchte dieses Nachdenkens in Deutschland alleuthaltben mit ungläubigem Staunen ausgenommen worden sind, und daß man in Berlin endlich recht ungeduldig zu werden beginnt. Hier glaubt man, daß er alle Veranlassung hätte, erst einmal ein vernünftiges Arrangement mit Deutschland möglich zu machen, und daß danach seine gesamt-enropäischen
Schwellender Kriegsbrand
Der Konflikt in Ostasien.
Kriegszustand in der Mandschurei.
Die Nachrichten über den Konflikt im Fernen Osten lauten einigermaßen verworren und widerspruchsvoll, was bei der weiten Entfernung und der großen Ausdehnung des Operationsgebietes nicht wundernehmen kann. Inwieweit sich Dichtung und Wahrheit vermischen, ist von hier aus nur schwer festzustellen. Vor Übertreibungen nach der einen wie nach der anderen Seite hin wird
sind der russische General Ändjonny (links), der von der Sowietrssttecunn d.-n ^wivoo erhielt, an der mand- rehurlsiLru^kEe' fe - -'tuw-u it^« 3s««ini^uuum au» sammenzuwTn, und Ljlhanahsüliang, Dir Gouverneur und Öberbefehlshaver in der Mandschurei.
man sich jedenfalls Huten müssen. Im großen und ganzen lst der Eilldruck jedenfalls der, daß die Lage im Fernen Osten ,
außerordentlich gespannt
bleibt. Beide Parteien, Rußland sowohl wie China, rüsten mit Feuereifer und vollziehen weiter die Auf- m ü r s ch e an der Grenze. Wenn auch bisher bei beiden Regierungen der Wunsch vorwiegend sein mag, einen offenen Konflikt zu vermeiden, so wissen wir doch aus traurigen Erfahrungen, die wir in ähnlichen Sommer- tagen im Jahre 1914 gemacht haben, wie leicht, wenn mit geladenen Flinten zwei kriegerisch gesonnene Parteien einander gegenüberstehen, auch ohne besonderen höheren Befehl
Das chinesisch - russische Aufmarschgelände.
die ersten Schüsse losgehen, wie aus dem Vorposteugeplänkel sich leicht ein blutiger Krieg entwickeln kann.
Im Kellogg-Pakt, der am nächsten Mittwoch in Kraft treten wird, haben sich die unterzeichneten Mächte, zu denen auch Rußland und China aebören. vervkliwtet.
Sorgen sich ungleich leichter und rascher beheben ließen. Die ^aube auf dem Dache wurde sich viel sicherer em» fanget lasten, wenn zuvor der deutsch-französische Sper- ina aezähmt wäre. Vorläufig beliebt es indessen der französischen Regierung, der mit Worten so bereitwillig als notwendig zugestandenen Liquidierung des We - krieges immer wieder neue Hindern,sie in den Weg zu werken Solange sie bei dieser Politik beharrt, hat sie kein Recht anderen Völkern gegenüber als Sittenrichter auiw rhett. Dr. SY.
Englands Außenpolilik.
Erklärungen des Außenministers Henderson.
Bei dem englischen Außenminister Henderson cr- chien eine Abordnung des Frauenkreuzzuges und gab ihm ne Versicherung, daß sie die auswärtige Politik der Re
von dem letzten Hilfsmittel des Krieges abzusehen und ihre politischen Streitigkeiten, ivenn möglich, auf dem Wege diplomatischer Verhandlungen und Anrufung von Schiedsgerichten auszuträgen. Die Bestrebungen des Völkerbundes gehen bekanntlich auf ähnliche Ziele hinaus. Wenn es diesen beiden Institutionen nicht gelingen sollte, den russisch chinesischen Konflikt auf friedlich- schiedliche Art zu bereinigen, so wäre das ein trauriges Zeichen dafür, daß die internationalen Friedensabmachungen nichts Weiter geblieben sind als ein S t ü ck P a p i e r , das von dem ersten Aufflackern eines Kriegsbrandes in Ranch und Asche aufgeht.
Vorläufig hat sich noch keiner der zunächst interessierten Staaten, sei es A in e r i k a oder Japan, bereit erklärt, eine Intervention in die Wege zu leiten.
Die deutsche Regierung hat sich zur strengsten Neutralität verpflichtet, als sie jetzt dem Ersuchen der Sowjetregierung und der nationalen Regierung der Chinesischen Republik nachgekommen ist und den Schutz der Sowjetflaatsangehörigen in China sowie den Schutz der chinesischen Staatsangehörigen im Gebiet der Sowjetunion übernommen hat.
Im einzelnen besagen die Meldungen über
die kriegerischen Rüstungen
der beiden Gegner, daß der russische General B u d - jonny, der den Oberbeshl über die russischen Streit- kräfte übernommen hat, im Begriff ist, an der mandschurischen Grenze ein starkes Lnftgefchwadcr zusammenzu- ziehen und die Infanterie-, Kavallerie- und Tankabteilungen in den Grenzgebieten zu verstärken. Für diesen Zweck wurde alles verfügbare Eisenbahnmaterial beschlaa- nahmt. Die Garnisonen in Leningrad »nd Moskau sind bedeutend verstärkt worden. Den QwuwssE über samt- Ucpe eümeuUVen ^treiuiuiie in oer Aordmandschnrei hat Marschall Tschanghsueliang übernommen. Er hat längs der chinesischen OstbahttMie den Kriegszustand verhängt und jeden Streik auf der chinesischen Ostbahn unter strengste Bestrafung gestellt.
Die beiderfeitigen Regierungen versichern trotz der starken Rüstungen und Kriegsvorbereitungen nach wie vor, daß sie
einen friedlichen Ausgleich wünschen.
Aber die Kriegsstimmung der beiden Völker scheint bereits einen außerordentlich hohen Grad erreicht zu haben. wie die Nachrichten über die Massenversammlungen und Demonstrationen in R u ß l a n d sowohl wie in China anzeigen. In solchem Falle liegt, wie die Geschichte zeigt, stets die große Gefahr vor, daß, wenn auch noch bei den leitenden Stellen der Wunsch nach friedlicher Einigung besteht, die Parteien ungewollt in einen Krieg „hineinschliddern".
Vormarsch der russischen Truppen.
Wie aus Osaka gemeldet wird, sollen die russischen Truppen die Offensive ergriffen und die Grenzstädte Pogranitschnaya und Manschuli eingenommen haben.
gierung unterstützen werde. Henderson erwiderte u. a., der Schlüssel zur A b r ü st u n g s f r a g e liege in einer Verständigung mit den Vereinigten Staaten. Zur Frage der friedlichen Regelung aller Streitigkeiten erklärte Henderson, es sei lediglich eine Frage der Methode, nach der jede Art von Streitigkeiten durch eine Form der Verständigung oder des Schiedsverfahrens beigelegt werden könne, und zwar entweder durch zwei- oder mehrseitige Verträge oder durch den Völkerbund.
Mit Bezug auf das Rheinland sprach Henderson die Hoffnung aus, daß es möglich sein werde, die Räumung gleichzeitig durch England, Frankreich und Belgien vorzunehmen, und fügte hinzu: „Was für eine Lage würde sich ergeben, wenn bei Zusammentritt der Noung- Konferenz Schwierigkeiten hierüber bestehen würden? Ich möchte die Räumung so schnell wie möglich verw'r^cht sehen. Unsere Hände sind frei!"