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hersfelöerTageblaü

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelS

mit den Beilage«: Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach AekerabenS / Hertz anS Scholle / Aaleebattuua und Wissen Belehrung und Kuerweil / Wirtschaftliche Tasessragen.

Nr. 162 «Erstes Slntt)

Sonnabend, den 13. Juli 1929

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7g. Jahrgang

Gehemmter Fortschritt.

Immer langsam voran. Etikettensragen. Frische Fische, gute Fische.

Der geförderteRückschritt, der gehemmte Fortschritt, mit diesen beiden Schlagworten kenn­zeichnete der immer treffende Berliner Volkswitz zur Zeit des ewig schwankenden Friedrich Wilhelm IV. die beiden wundervollen Bronzefiguren, mit denen die Frontseite des königlichen Schlosses Unter den Linden einst von Künstlerhand geschmückt wurde: zwei edle, sich wild aufbäumende, aber von kräftiger Männerhand fest am Zügel gehaltene Rosse, als ein Sinnbild jener Tage, da der Volkswille nach vorwärts drängte, die mißtrauische Obrigkeit aber ihn nicht recht gewähren lassen wollte.

An dieses Witzwort wird man heute nur zu sehr erinnert, wenn man die Meldungen verfolgt, die den jeweiligen Stand der Bemühungen um eine möglichst rasche Liquidierung der Kriegsfolgen nach und auf Grund der von den Sachverständigen vorgeschlagenen Lösung der Reparationsfrage kennzeichnen. Zuerst schien es die französische Regierung im höchsten Grade eilig zu haben mit der notwendigen parlamentarischen und diploma­tischen Erledigung der Aufgaben, die durch die Aufstel­lung des Boung-Planes entstanden waren; was wiederum die deutsche Regierung zu der Annahme veranlaßte, daß sie im Interesse der dringend erwünschten internationalen Verständigung die möglichste Beschleunigung aller Vor­arbeiten für die in Aussicht genommene Zusammenkunft der beteiligten Regierungen betreiben müsse. Kaum aber hatte sie die ersten einleitenden Schritte nach dieser Richtung getan, da ergaben sich in Paris Bedenklichkeiten über Bedenklichkeiten, teils sachlicher, teils formaler Natur; und kaum waren die ersten Anzeichen davon nach London gedrungen, als auch die neue Regierung Macdonald ihre Stirn in Falten zog und nachdenklich zu werden begann: Müssen wir nicht erst die Dominions befragen, was wir tun oder lassen sollen? Müssen wir unsere Entschließun­gen nicht abhängig machen von den Meinungen und Wünschen in Paris und in Brüssel? Wird es Deutsch­land gefallen, wenn wir uns zu einseitiger Mumung dee besetzten Gebiete bereit erklären, oder muß nicht gerade Berlin sehr viel daran gelegen sein, daß mit uns zugleich die Franzosen und die Belgier ihre Truppen von Rhein und Saar zurückziehen?

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Dazu gesellten sich sehr bald gewichtige Etiketten- fragen: Soll die Konferenz in London unter dem Vorsitz von Macdonald oder in Luzern oder Lausanne unter dem Vorsitz von Poincars vor sich gehen? Soll man das Pro­gramm für sie eng oder weit fassen, so daß nach seiner Erledigung gar keine westeuropäischen Fragen mehr übrigbleiben. Oder so, daß man nachher immer noch ineinander verstrickt bleibt und immer wieder zu neuen Besprechungen und Konferenzen bald hier, bald da, bald im Frühjahr, bald im Winter, wieder zusammen­kommen muß? Die deutsche Regierung hatte vorgeschla­gen, schon am 15. Juli in Berlin mit den technischen Kömmissionssitzungen zu beginnen: Frische Fische, gute Fische. Aber da macht die Reparationskommission un­seligen Angedenkens wieder einen Strich durch die Rech­nung: sie kann doch die Mitglieder für diese Kommissionen nicht ernennen, wenn nicht diese oder jene Vorfragen von den Regierungen zuvor geregelt sind. Also wird der Juli wohl noch mit ähnlichen welterschütternden Auseinander­setzungen über mehr oder weniger formale Dinge vergehen und der Fortschritt, den Herr Stresemann nun gern endlich in Gang gebracht sehen wollte, wird sich nicht entwickeln können. Rein, die Diplomaten auf der Gegenseite haben es nicht so eilig, wie wir es glauben wollten; und wenn Herr Briand neuerdings etwas von denVereinig­ten Staaten von Europa" zu lispeln anfängt, so will dieses Jonglieren mit verführerischen Zukunfts­idealen praktisch wirklich nicht viel bedeuten. Abermals eine Ablenkung von wichtigeren Aufgaben, die im gegenwärtigen Augenblick ihrer Lösung harren, denen der französische Außenminister sich aber Wohl nicht sehr gewachsen fühlt. Vermutlich weiß er noch keinen Ausweg aus den Schwierigkeiten, die ihm durch den Kabinettswechsel in England plötzlich erwachsen sind, und will deshalb irgendwie Zeit gewinnen.

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Gehemmter Fortschritt im Westen geförderter Rückschritt im Osten. In Belgrad und Sofia mußten dieser Tage die diplomatischen Vertreter Englands und Frankreichs wieder einmal vorstellig werden wegen der unausgesetzt sich häufenden blutigen bulgarisch-serbischen Grenzzwischenfälle. Schon sind wir dort wieder so weit wie zur Zeit der letzten Balkankriege. Opfer sollen auf Opfer, als wenn sich im Bereich der mazedo­nischen Kampfhähne nicht das mindeste geändert hätte feit der bulgarischen Niederlage von 1918. Und wenn das Unglück es will, kann schon heute oder morgen wieder ejn regelrechter Waffengang losbrechen zwischen diesen Nach­barn, die zwar beide zur slawischen Völkerfamilie ge­zählt werden, die aber trotzdem kein friedliches AE kommen miteinander finden können, j

Zum Überfluß wird es auch an der Grenze zwischey Ungarn und der Tschechoslowakei immei ungemütlicher; Verhaftungen hüben und drüben. Spto- nagebeschuldigungen wechseln mit der Behauptung von Grenz!- öder LyhriiLverletzMgM %Qi$n tzMm gM

Rund um den Aoung Man

OerGireit um die Konferenzen

M Verzögerung durch französische Dickköpfigkeit.

Zur Inkraftsetzung des Boung-Planes bzw. zur Vorbereitung der Übergangsmaßnahmen, die für die Überleitung vom Dawes-Plan zum Boung-Plan erforder­lich sind, ist bekanntlich eine Reihe von Konferenzen ge­plant, über die zum Teil bereits Verhandlungen geführt werden. Den Stand der Verhandlungen kann man zur­zeit wie folgt zusammenfassen. Geplant sind theoretisch

drei Konferenzen:

1. eine Konferenz der Regierungen, die sich mit der Inkraftsetzung des Boung-Plans und den politischen Folgen dieser Inkraftsetzung (Rheinlandräumung) be­schäftigen soll;

2. eine Konferenz der Leiter der Noten­banken, die sich mit der Frage des Statuts der Bank für internationale Zahlungen beschäftigen soll und die theoretisch gleichzeitig mit der Konferenz der Regierungen zur Inkraftsetzung des Boung-Plans stattfinden sollte;

3. eineOrganisationskonferenz" zur Regelung der Überleitungsfragen, die sich mit den Gesetz­entwürfen für Anpassung der deutschen Gesetzgebung an den Boung-Plan a) bei der Reichsbank, b) bei der Reichsbahn und c) bei den verpfändeten deutschen Ein­kommen befassen soll.

Die deutsche Regierung hatte vorgeschlagen, daß diese Konferenz am 15. Juli stattfinden sollte, und hat hierfür ihre Vertreter bereits ernannt. Das Reparations­komitee in Paris hat jedoch bekanntlich die Ernennung der alliierten Vertreter nicht vollzogen, weil die englische Regierung den Boung-Plan noch nicht angenommen hat.

Die Verhandlungen über die Regierungskonserenz werden zurzeit ausschließlich zwischen London und Paris geführt, die sich jedoch webet in der Frage des Könferenzortes noch in verdöse deS-Programms für die Regierungskonferenz haben einigen können. Deutschland hat sich hingegen an der Frage des Konferenzortes als nicht interessiert" erklärt.

Die Verhandlungen, wann die Präsidenten der Notenbanken zusammentreten sollen, scheinen bisher überhaupt noch nicht ausgenommen worden zu sein, offen­bar weil man diese Frage erst entscheiden soll, nachdem es feststeht, wann und wo die Konferenz der Regierungen stattfinden wird.

Die Frage einer Einberufung des sogenannten Organisationskomitees ist zurzeit ins Stocken geraten, und zwar infolge der Erklärung der Reparations-

getauscht und allerhand Forderungen gestellt, und der Ton der beiderseitigen Pressefehden streift schon fast die Grenze, die in Friedenszeiten nicht überschritten werden darf, wenn nicht abermals unabsehbares Unheil entstehen soll. Die europäische Feuerwehr ist zwar im Augenblick ander­wärts hinreichend beschäftigt, sie wird aber hoffentlich auf den Balkan doch mehr acht geben, als sie es früher, da das Donaureich noch dort auf der Wacht stand, für nötig» hielt. Jedenfalls kann man aus diesen Vorgängm aufs neue die Lehre entnehmen, daß die Welt sich trotz der vielen Friedensverträge und Friedensgarantien, die eine übergeschäftige Diplomatie in den letzten zehn Jahren geschaffen hat, sich doch in ihrem eigentlichen Wesen recht wenig verändern will. Erst wenn es gelingt, den Fortschritt zu fördern und den Rück- s ch r i 1 t zu h e m m e n, den vorhin angeführten Berliner Witz also in sein Gegenteil zu verkehren, wird die Mensch« Heit wirklich bessere Tage zu sehen bejpMtM^.

Die evangelische Mcheund im Konkordat.

Eine Kundgebung des Evangelischen Oberkirchenrats.

Der Evangelische Oberkirchenrat, die oberste Kirchen- behörde der evangelischen Kirche der altpreußischen Union, veröffentlicht eine Kundgebung an die Gemeinden, in der der Umstand, daß das Konkordat ohne gleichzeitige Ver­abschiedung eines Vertrags mit der evangelischen Kirche angenommen worden ist, als eine Verletzung der Parität und eine Gefährdung des kon - fessiöne-llen Friedens bezeichnet wird. Der Oberkirchenrat. weist sodann auf den Beschluß des Land­tages hin, wonach unverzüglich in Verhandlungen mit der evangelischen Kirche einzutreten sei, und auf die feier­liche Erklärung, mit der das Staatsministerium auf den Boden dieses Beschlusses getreten ist. Die Verhandlungen seien eröffnet, und der evangelische Volksteil erwarte, daß sie der Bedrückung der evangelischen Kirche Rechnung tragen, aber eine wirkliche Sicherheit für Fortgang und Ergebnis der Verhandlungen sei nicht geschaffen.

Die Kundgebung schließt:Die evangelische Kirche muß ihr Recht behalten! Keine Staatsregierung kann sie als Kirche minderen Rechts behandeln. Wir vertrauen darauf, daß die evangelischen Gemeinden, ohne sich in wohlbegreifliche Erbitterung zu verlieren, in Einmütig­keit und Entschlossenheit den verantwortlichen kirchlichen Stellen zur Seite treten" -..-.. ._.

Paris den Standpunkt der deutschen Regierung über­mittelt, die der Ansicht ist, daß diese Konferenz unab­hängig von der Konferenz der Regierungen bereits vorher zusammentreten müßte.

Zurzeit dürften in dieser Angelegenheit Verhandlungen zwischen London und Paris schweben, die jedoch vor der Entscheidung über die Regierungskonferenz kaum zu einem Ergebnis führen dürften. Es muß daher damit gerechnet werden, daß der Zusammentritt des Orga­nisationskomitees sich bis in die ersten Augusttage ver­zögern wird.

Zusammenfassend kaun man somit feststellen, daß die Inkraftsetzung des Yo u n g - P l a n e s in der Hauptsache

durch die englisch-französischen Differenzen verzögert

wird, während die deutsche Regierung abwartet, bis diese Meinungsverschiedenheiten ausgetragen worden sind.

Besatzung oderVersöhnungskommission"?

Zwischen dem Vorsitzenden der Deutschen Zentrums­partei, Dr. Kaas, und dem Reichsminister für die be­setzten Gebiete, Dr. Wirth, hat in der Frage der so­genanntenFeststellungs- und Versöhnungskommission" ein Briefwechsel stattgefunden.

Wie verlautet, stellt Kaas in seinem Briefwechsel ausdrücklich fest, daß die Annahme einer Feststellungs­und Versöhnungskommission für die Rheinlande durch Deutschland seiner Ansicht nach keinesfalls in Frage kommen kann.

Er dürfte hierin mit dem Reichsminister für die be­setzten Gebiete, Dr. Wirth, völlig einig gehen, der ebenso wie Dr. Kaas der Ansicht ist, daß man

lieber die Besatzung bis zum Jahre 1935 im Rheinlande belassen soll, als die Feststellungs­und Versöhnungskommission anzunehmen, die nur eine Verschleierung der Verewigung der inter­alliierten Militärkontrolle tm Rheinlande bedeuten würde.

Rumänien ist unzufrieden.

Die rumänische Regierung hat ihre Vertreter in Paris, London und Rom beauftragt, den dortigen Regie­rungen eine Mitteilung zu überreichen, in der auf den rumänischen Standpunkt in der Reparationsfrage und auf die Unzufriedenheit hingewiesen wird, die durch die diesem Lande durch den Boung-Plan zugewie- fenen Annuitäten hervorgerufen fei. Die rumänische Regierung bringt ferner den Alliierten zur Kenntnis, daß nach ihrer Ansicht nur eineeinzigepolitische Konferenz zu wünschen wäre, an der alle Staaten, die Gläubiger Deutschlands sind, teilnehmen würden.

Kundgebung der Münchener Studenten.

Solidarität mit Berliner Studenten.

Die Münchener Studentenschaft veranstaltete am Frie­densdenkmal eine Kundgebung, die nach Absicht der Ver­anstalter die Sympathie der Münchener Studenten mit der Haltung der Berliner Studentenschaft gegenüber dem Demonstrationsverbot des preußischen Kultusministers zum Ausdruck bringen sollte. Die katholischen Studenten­verbindungen blieben der Kundgebung fern, mit der Be­gründung, daß die bayerische Regierung den Studenten am 28. Juni keinerlei Hindernisse für ihre Kundgebung in den Weg gelegt habe. Universttätsprofessor Gras du M o u l i n - E ck a r t hielt eine Rede, in der er in scharfen Ausdrücken gegen das Berliner Verbot der Kundgebungen protestierte.

Reform der Arbeitslosenversicherung. ist och keine endgültigen Entschließungen.

Die Sachverständigenkommission zur Begutachtung von Fragen der Arbeitslosenversicherung beschäftigte sich in ihren beiden ersten Tagungsabschnitten mit der be- rufsüblichcn Arbeitslosigkeit, dem Verhältnis zwischen Versicherungsbeiträgen und Versicherungsleistungen, den Begriffen der Arbeitslosigkeit, Arbeitsfähigkeit und Ar­beitswilligkeit sowie mit den Fragen der Höhe und Dau-r der Unterstützung. Da es sich um eine erste Lesung handelte, wurden endgültige Entschließungen noch nicht gefaßt. In zwei weiteren Tagungsabschnitten soll die Kommission bis Ende Juli noch den Personenkreis der Arbeitslosenversicherung, verschiedene kleine Probleme und schließlich die finanziellen Fragen in ihrer Gesamt­heit erörtern.

Schweres Effenbahnunslülk.

Saarbrücken. Am Freitag vormittag ereignete sich rm Bahnhof Merzig ein schweres Eisenbahnunglück. Ein von Trier kommender Güterzug fuhr auf den fahrtbereiten Per- sonenzug, der stark besetzt war. Durch den Anprall wurde die Güterzuglokomotive in den letzten Wagen des Personenzuges hineingeschoben. Der Wagen wurde zum größten Teil Zer­trümmert. Die Zahl der Verletzten beträgt etwa 30. Der Heizer der Güterzuglokomotive wurde durch ausströmcnden Wasserdampf schwer verbrüht.