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hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis yersfelö mit beu Beklageu: Illustriertes Auterhaltungsblatt / Nach Feleradeud / Hers v«s Scholle / Belehrung nuS Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragkn.

Anterbalinng uns Wisse»

Nr. 158

Dienstag, den 9. Juli 1929

79. Jahrgang

Ehrliche Arbeitsgemeinschaft"

Die Programmrede des neuen englischen Minister­präsidenten Macdonald hat mit dem, was sie nicht sagte oder nur sehr zurückhaltend andeutete, wieder ein­mal bewiesen, welch ein Abgrund klafft zwischen Partei­programm und Wirklichkeit. Nicht einmal so weit will man in England gehen, wie das in Deutschland bereits feit langen Jahren durchgeführt ist: die Kontrolle der Preispolitik im Bergbau durch ein öffentlich-rechtliches Institut, wie es der Deutsche Reichskohlenrat ist. Seine Wirksamkeit stellt eine starke Einschränkung des Unter­nehmertums dar, hat Parallelen in der Kali- und der Eisenindustrie und bedeutet außerdem den Anfang einer gegensätzlichen Entwicklung zu dem, was sich in den anderen großen Industriestaaten der Welt abspielt. Doktor Pönsgen, der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes für den Bezirk der nordwestlichen Gruppe des Vereins Deut­scher Eisen- und Stahlindustrieller, hat vor kurzem auf der Jubiläumstagung dieses Verbandes so manches ge­sagt über die Stellung des Unternehmers im heutigen Staat, über das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, was vielfach auf Ablehnung, andererseits aber auch wieder auf Billigung weiter Kreise gestoßen ist. Man erinnert sich ja kaum noch daran, daß wir vor zehn Jahren die Zentralarbeitsgemeinschaft der Arbeitgeber und Arbeit­nehmer besaßen, und daß der verstorbene Hugo Stinnes und der gleichfalls nicht mehr am Leben befindliche Karl Legien, einst Vorsitzender des Verbandes der Freien Ge­werkschaften, es waren, die diese Zentralarbeitsgemein- schaft im November 1918 zusammenzubringen vermochten. Davon ist nicht mehr viel übriggeblieben; der Gegen­satz zwischen Arbeit und Kapital oder zwischen Arbeiter- und Unternehmerschaft hat sich zu wachsender Schärfe zugespitzt, wobei es Dr. Pönsgen ganz besonders beklagt, daß sich das Unternehmertum politisch fast völlig zurückgezogen ho'. Alles das, was vor zehn Jahren cmgelettet worden ist und unzweifelhaft auch viel dazu beitrug, die Wirtschafts- und sozialpolitischen Folgen der Revolution, der beginnenden Inflation und all der sonstigen damaligen Schwierigkeiten zu mildern, scheint jetzt vergessen zu sein, und es ist leider nur eine Hoffnung, wenn Dr. Pönsgen die überbrückung der Kluft zwischen Arbeit und Kapital dann erst für möglich halt, wennder Geist ehrlicher Arbeitsgemeinschaft, wie schon einmal in Zeiten tiefster Not, wieder zu freier Ver-! ständigung zwischen den Parteien der Arbeit fuhrt" J

An die Stelle jener Zentralarbeitsgemeinschaft ist eineE n t f r e m d u n g d e r P a r t e i e n" getreten, wie Dr. Pönsgen das noch sehr vorsichtig bezeichnet. Streitig­keiten zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerschaft werden befriedet nicht durch ein übereinkomnien, sondern durch einen Schiedsspruch des Staates, der hinter die Entscheidung die Staatsgewalt stellt. Nur der Macht­kampf hat Platz gegriffen, nicht aber die Einsicht, daß Unternehmertum und Arbeiterschaft letzten Endes doch gemeinsame I n t e r e s s e n um so mehr haben, als der deutschen Gesamtwirtschaft jetzt wieder durch den Aoung-Plan gewaltige Lasten auferlegt worden sind. Nicht etwa aus dem Munde Dr. Pönsgens, sondern aus dem des auch in Deutschland sehr bekannten englischen Wirtschaftlers Keynes stammt das Wort, daß Deutschland nur dann in der Lage sei, die ihm auferlegten Lasten zu tragen, wenn esdie Löhne für Spezialarbeiter im Ver­hältnis zu den im Ausland herrschenden Speziallöhnen wird herabdrücken können".

Man spricht von einer Entwicklung zum Hochkapitalis­mus den die Jahre der Nachkriegszeit herbeigeführt haben. Kaum mit Unrecht; all die Hoffnungen auf Sozialisierung und dergleichen sind gescheitert und außer­halb Deutschlands haben Unternehmer größten Stils gleichgültig, ob man dabei an Amerika, England, Schweden oder Frankreich denkt maßgebenden Einfluß erlangt auf den Gang der internationalen Politik. In Deutschland hingegen, wo an die Stelle der Einzelpersön­lichkeit die Macht der Organisation trat, haben wir diesen Unternehmertyp kaum noch zu verzeichnen. Wir sind aber auch nicht so weit wie etwa in England, wo Arbeitgeber- und Arbeitnehmerschaft durch ein freiwilliges Schlich­tungssystem das Jnteressiertsein beider Seiten, sowohl der Arbeitgeber wie der Arbeitnehmer, am Ertrage der Wirt­schaft zum Ausdruck bringen. In Deutschland wirkt statt derartiger Übereinkunft, die von gemeinsamem Interesse diktiert ist, ausgleichend lediglich die Staatsgewalt, - ein Zustand, der durchaus nicht als erfreulich zu bezeichnen ist.

Dr Pönsgen erinnert noch an ein zweites Wort von Keynes: Deutschlands Leistungsfähigkeit bei der Er­füllung des Aoung-Plans wird auch dadurch bestimmt, ob die übrige Welt bereit ist, d e u t s ch e W a r e n a n - zunehmen. Leider ist diese Bereitwilligkeit überaus gering entwickelt, ist vielmehr festzustellen, daß gerade die wichtigsten Gläubiger Deutschlands sich durch immer höhere Zollmauern gegen die deutsche Wareneinfuhr ab­sperren Trotzdem ist die Streitfrage um die Richtung, die der Ertrag der deutschen Wirtschaft zu nehmen hat, durch unsere Stellung als tributzahlender Staat schon entschieden. Es liegt im gemeinsamen Interesse der Unternehmer und der Arbeiter, die Konkurrenz- fähigkeit der deutschen Wirtschaft im Aus­lande durch eineehrliche Arbeitsgemeinschaft" zu stützen, sie in mancher Beziehung überhaupt erst möglich zu * _____

Ä0W bis ins fünfte Glied

Vor einem Ausverkauf

her deutschen Wirtschaft? Die rheinisch-westfälische Wirtschaft zum Aoung-Plan. Die Spitzenorganisation der rheinisch-westfälischen Wirtschaft, der Verein zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen in Rheinland und Westfalen, hatte feine Mitglieder und Freunde zu einer außer­ordentlichen Mitgliederversammlung nach Düsseldorf ein­geladen, um sie über die Ergebnisse der Pariser Re­parationskonferenz zu unterrichten und zu die­sen Stellung zu nehmen. Zu der Tagung fanden sich etwa 1200 Teilnehmer ein. Die führenden Männer der Wirtschaft waren fast ausnahmslos versammelt. Die Tagung erhielt ihre besondere Prägung durch die An­wesenheit der deutschen Sachverständigen auf der Pariser Reparationskonferenz, der Herren Dr. V ö g l e r, Ge­heimrat K a st l und Dr. Melchior. Die Tagung wurde eingeleitet mit der Eröffnungsansprache von Paul R e u s ch-Oberhausen, der u. a. folgendes ausführte:

Mit der im Aoung-Plan vorgeschriebenen Fest­legung der Tributpflicht auf weitere 59 Jahre kann und wird sich nach meiner Ansicht das deutsche Volk nicht ab­finden. Wer wie ich Enkelkinder hat, welche bereits die Schulbank drücken, muß bei Durchführung des Abkommens mit der geradezu erschütternden Tatsache rechnen, daß seine Nachkommen

bis in die fünfte Generation tributpflichtig bleiben. Daß die Höhe der vorgesehenen Annuitäten für die deutsche Wirtschaft untragbar ist, haben sämtliche Sachverständigen zum Ausdruck gebracht. Kein ver­ständiger Mensch glaubt daran, daß diese Annuitäten aus Ausfuhrüberschuß ausgebracht werden können.

Kraft treten sollte, ein erschrecken der Ausverkauf der deutschen Wirtschaft einsetzen wird. Von diesem Ausverkauf, der bereits begonnen hat, wird ins­besondere die deutsche Industrie betroffen werden. Aus­länder werden einen erheblichen Teil der deutschen In­dustrie beherrschen. Bei konsequenter Durchführung des Aoung-Planes würde das deutsche Volk bald a u f = hören, eine Nation zu sein; Deutschland würde zu einem geographischen Begriff Hcrabsinken.

Der Herr Reichsinnenminister hat in Kiel gesagt: Verbiltiau ng der Produktion und Erhöhung

Paul Reusch-OberhaufW, Der bekannte Großindustrielle.

der Kaufkraft der Massen sind unsere Ziele!" Mit diesen Zielen können auch wir uns einverstanden erklären. Die bisherigen Maßnahmen unserer Regierung haben jedoch das erstere Ziel in keiner Weise erreicht. Erfolgt im Rahmen unserer gesamten Wirtschafts- und Sozialpolitik nicht bald eine grundlegende Umkehr, so muß ein Teil unserer Wirtschaft verküm­mern. Ich habe diese Ausführungen

nicht gemacht, um die Arbeitnehmer anzugreifen, für deren Bestreben nach besserer Lebenshaltung im Rahmen des Möglichen jeder sozial denkende Mensch Vcr-

VereiieLier Staatsstreich in Kumamen

Massenverhaftungen von Offizieren.

Der rumänischen Regierung war seit einiger Zeit be­kannt, daß gewisse Militärkreise einen Staatsstreich beab­sichtigten. Um diese Kreise einzuschüchtern, sprach Ministerpräsident Maniu in seiner Rede am Freitag da­von, daß jeder, der verfassungsmäßige Zustände des Landes nicht respektiere, auf die eherne Gewalt des Staates stoßen werde.

In der Nacht auf Montag sollte der Staatsstreich verübt werden. Der ehemalige Kriegsminister und Hof­marschall Angelescu war als Ministerpräsident aus­ersehen. Die Regierung hat jedoch schneller zugeschlagen und noch im Lause dieser Nacht und am Montag vor­mittag zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Bis jetzt

ständnis haben muß, sondern aus dem Bedürfnis heraus, Regierung und gesetzgebende Körper­schaften zu warnen, aus dem in den letzten Jahren beschrittenen Wege fortzufahren, ein Weg, der auf die Dauer das Ziel einer besseren Lebenshaltung nicht er­reichen kann, sondern zur Verelendung des Volkes führen muß. Ich glaube nicht an die Möglichkeit der Durch­führung des Aoung-Plans. Ich kann nicht glauben an

eine Versklavung des deutschen Volkes für den Rest dieses Jahrhunderts. Ich glaube an eine göttliche Gerechtigkeit."

Nach Generaldirektor Reusch sprach Geheimrat Pro­fessor Dr. Weber -München über das Ergebnis der Pariser Konferenz und führte u. a. folgendes aus:

Allgemein ist die Erkenntnis vorgedrungen, daß letzten Endes die breiten Massen der Bevölke­rung die Last der Tribute zahlen müssen. Suchen sich die Arbeiter durch künstliche Hochhaltung der Löhne zu wehren, dann werden sie dafür Minderung des Kapitals und damit

vergrößerte Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen müssen. Die davon ausgehende soziale Beunruhigung muß der Ausbreitung des bolschewistischen Giftes Vorschub leisten. Auch aus diesem Grunde be­deuten die Kriegsentschädigungen eine ernste Gefahr für Europa.

Deutschland hatte auf Grund seiner gewaltigen bis­herigen Leistungen unsere Bar- und Sachlieferungen machen bis jetzt allein mindestens 40 bis 50 Milliarden Mark aus, namentlich aber deshalb, weil das Funda­ment der Kriegsentschädigungen, die Kriegsschuld- lüge, nicht mehr zu halten ist, theoretisch das beste Recht auf seiner Seite, wenn es weitere Tribute verweigern würde. Aber es gibt keinen Gerichtshof auf der Welt, vor dem Deutschland feinen Fall anhängig machen konnte. -.-^>

Die Länder der Welt dürfen nicht übersehen, daß, wenn Deutschland untergeht, wenn man den Bogen zu straff gespannt hat, unser Untergang gleichbedeutend wäre mit dem

Untergang der ganzen europäischen Herrlichkeit, und das würde auch für den amerikanischen Geldbeutel eine äußerst empfindliche Einbuße bedeuten.

Raste und Böglers Reden in Düsseldorf.

Ein besseres Ergebnis war in Paris nicht zu erreichen.

Im Verlauf der Tagung der großen Organisationen der Schwerindustrie, die in Düsseldorf stattfand, und die sich mit der Pariser R e p a r a t i o n s k o n f e - r e n z beschäftigte, erregten besondere Aufmerksamkeit die Reden des Geheimrats K a st l und des Generaldirektors V ö g l e r. Geheimrat K a st l, der bekanntlich bis zuletzt zur deutschen Delegation gehörte, erklärte, daß

durch die Annahme des Aoung-Planes Deutschland vor ganz andere Verhältnisse gestellt werde, die ein Höchst­maß an Leistung und zielsicherer, politischer Führung be­dingen. Man müsse eine Bilanz der bisherigen Wirt- schafts- und Staatspolitik aufstellen, um Lehren für die Zukunft daraus zu ziehen.

Zum Schluß sprach Vögler, um seine Haltung in Paris zu rechtfertigen. Er erkannte an, daß ein besseres Ergebnis in Paris nicht zu er reichen gewesen sei. Er habe von dem Augenblick an, als 1650 Millionen voll geschützt angeboten wurden, nur noch darauf hingewirkt, daß keine höhere Summe be­willigt werde, und sich geweigert, eine höhere Summe zu unterzeichnen, nachdem er die Übereinstimmung seiner Auffassung mit der seiner Mandatgeber festgestellt habe. Nachdem Vögler dann auf die Gefahren des Aoung- Planes hingewiesen hatte, sagte er, daß er

an eine Revision glaube, nicht weil sie im Noung- Plan verankert sei, sondern weil sie kommen müsse, wenn Deutschland zum Krisenzentrum Europas geworden sein werde.

Die Entschließung.

Einstimmig nahm dann der Vorstand desLangnam- Vereins" folgende Entschließung an:

Der Aoung-Plan stellt eine politische und keine wirt­schaftliche Lösung der ReparationSfrage dar. Die im Langnam Verein zusammengeschlossenen rheinisch-west­fälischen Wirtschaftskreise lehnen daher die Verantwor- tung für die Möglichkeit der Erfüllung des Planes ab." sind etwa 200 aktive und Reserveoffiziere ins Militär­gefängnis eingeliefert worden. Darunter befinden sich General Brosteanu, Oberst Sturdza, Oberst Stoica sowie zahlreiche andere höhere Offiziere. General Angelescu, der Leiter der Bewegung, ist vorläufig mit Hausarrest be­straft worden. Die Regieung ist Herrin der Lage. Im ganzen Lande herrscht Ruhe.

Für Montag abend ist ein außerordentlicher Minister- rat einberufen worden, der über die weiteren Maßnahmen Beschlüsse fassen wird. Den Zeitungen ist es bisher ver­boten, über die Ereignisse zu berichten.

Start zum Transozeansiug nach Rom.

Old Orchard (®2ahic). Die amerikanischen Flieger Tanzey und Williams sind auf ihrem FlugzeugPaihfinder" zum Transozeanslug nach Rom gestartet.