yersfelöerTageblaü
»l,
fty»a hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfeld c
•w
140
.»W^
yetdnt*
Nr.»
J
Nr. 156
mit den Bellaaen: Illustriertes AnterhaltangsblalL / Nach Zeierabeuö / Aerd und Scholle / AaLerbaltuvg vaS Wissen Belehrang und Karrweil / Wirtschaftliche Toaestrasen.
Sonnabend, den 6. Juli 1929
rs. Jahrgang
Gprachsnvertvirrung.
Spitze Reden. — Gesunder Menschenverstand. Politische Erbweisheiten.
Wir können es versuchen, wie und womit wir wollen: ob mit Veranstaltungen zu Unehren des Versailler Friedensvertrages oder mit Festlichkeiten zu Ehren der zehnjährigen Wiederkehr der Weimarer Verfassung, ob mit der Verlängerung des Republikschutzgesetzes oder mit dem Abschluß eines großen Vertragswerkes mit der päpstlichen Kurie — immer und überall machen wir die traurige Erfahrung, daß wir uns nicht verständigen können, daß wir uns auseinan^derreden, sobald die Debatten nur einigermaßen in Fluß kommen, und daß am Schluß die Uneinigkeit größer ist als je zuvor, trotzdem wir uns ja natürlich alle in ein und derselben Sprache unterhalten, in der Sprache, die mit uns geboren ist. Besonders eklatant wieder das Beispiel der Konkordatsverhandlun- gen im Preußischen Landtag. Hier sind Zentrum und Deutsche Volkspartei so hart aneinandergeraten, daß zwischen ihnen kaum noch ein freundnachbarlicher Frak- tionsvcrkehr möglich erscheint. Und auch zwischen dem preußischen Ministerpräsidenten und dem Führer der volksparteilichen Landtagsfraktion wurden so spitze Reden gewechselt, daß ein Konkordat zwischen diesen beiden Faktoren des preußischen Staatslebens in absehbarer Zeit als ziemlich ausgeschlossen gelten muß.
*
An der deutschen Sprache als solcher kann es gewiß nicht liegen, daß diejenigen, die sich ihrer bedienen, so schwer zusammenkommen. Hören wir doch oft genug, zu unserer Freude, von Ausländern verschiedenster Zungen, daß ihnen, wenn sie sich untereinander verständigen wollen. nur eben diese deutsche Sprache als eine Art Volapük zur Verfügung stehe; es ist sogar schon einmal vorgekommen, daß Angehörige eines und desselben, auf dem Balkan beheimateten Volksstammes, die irgendwo in skandinavischen Landen auf einer internationalen Veranstaltung aufeinanderstietzen, nur in unserer Mutter-
MMM- Uutz^f-HMEMM ein- treten konnten, weil der eine im Norden, ver Ändere im Süden dieses Stämmesgcbi.etes zu Hause war. Aber im deutschen Sprachgebiet selbst versagt die erlösende Kraft unseres Sprachschatzes nur allzuoft.
Die Verwirrung der Geister wird immer größer, je mehr über öffentliche Angelegenheiten geredet wird, und manchmal scheint es sogar, als wenn über sie geredet wird, damit nur ja keine Verständigung in den lebenswichtigen Dingen zustande komme. Kein Wunder, daß bei diesem Zustand der Dinge diejenigen Männer, die • wirklich etwas zu sagen wissen, immer mehr den Geschmack an der Öffentlichkeit verlieren itnb sich auf die eigentlichen Sondergebiete ihrer Arbeit oder ihrer Interessen zurückziehen. Zum Schaden des allgemeinen Wohls natürlich, das auf diese Weise immer mehr den grundsätzlichen Lärmmachern unserer Tage ausgeliefert wird.
Wie anders verstehen doch die Engländer die Schwierigkeiten der Zeit zu meistern! Hat schon der Übergang von der konservativen zur Arbeiterregierung Macdonals sich ganz geräuschlos vollzogen, als eine Selbstverständlichkeit, die man nach dem unmißverständlichen Votum der Wählerschaft gar nicht antasten dürfe, so bietet das Unterhaus in diesen Tagen der Debatten über die Thronrede und die auf sie zu formulierende Antwort das Bild einer wahrhaft vornehmen, vom gesunden Menschenverstand ebenso wie von sozialer Gesittung beherrschten Nation. Neidlos wird dem Arbeiterführer, obwohl er nur eine Minderheit der Volksvertretung hinter sich hat, fürs erste eine Halbjahresfrist eingeräumt, damit er zeigen kann, was er zu leisten vermag, und Regierungs- und Oppositionsparteien treffen Vereinbarungen über die Ordnung der parlamentarischen Geschäfte, als hätten sie niemals miteinander über Sein oder Nichtsein im Kampf gelegen. Mit einer Loyalität, die in anderen Ländern zuweilen sogar unter politischen Freunden schmerzlich vermißt wird, kündigen hier die Gegner einander an, was der eine von dem andern in Zukunft zu erwarten hat, und es gibt weder eine kränkende Herablassung der alteingesessenen Parteiführer gegenüber den neu heraufrückenden Anwärtern auf die Machtstellungen im Staat noch ein verächtliches Hinwegsetzen dieser Stürmer und Dränger über die geheiligten Sitten und Gebräuche im politischen Leben der Nation. Bleiben die gegensätzlichen Meinungen und Weltan- chauungen selbstverständlich auch bestehen, so behandeln hre Träger sich doch gegenseitig als das, was jeder von hnen selber zu sein beansprucht, als Gentlemen, und ihre Sprache dient nicht dazu, die Verständigung hinüber und herüber unmöglich zu machen, sondern wenigstens in dem Rahmen, in dem sie überhaupt erzielt werden kann, jederzeit offen zu lassen. Den Baldwin und Lloyd George gilt die bestehende privatkapitalistische Wirtschaftsordnung als unantastbar; würden deren Grundlagen von der »sozialistischen Regierung in Frage gestellt, so würden sie 7 sich ungesäumt zum Sturze Macdonalds zusammenfinden. H Dieser wiederum will mit der Friedens- und Abrüstungs- . Politik Ernst machen und wird ja wohl sehr bald Gelegen- heit haben, zu zeigen, ob sein Wille die hier obwalten- , den Hindernisse eher zu überwinden vermag, als es den bürgerlichen Regierungen bis jetzt möglich war.
So ist das Kamvffeld der Parteien vor der ganzen .Rattog abgejt^ unh das Spiel kgnn.begirwen. Dann
Schwere Unwetterkatastrophen
Orkan und Hagelschlag in Süd- und Mitteldeutschland
Auch andere Länder betroffen.
Eine Unwetterkatastrophe mit Blitzschlag und Hagel und schweren Wolkenbrüchen, wie sie in solcher Heftigkeit schon seit langem nicht dagewesen ist, zog in den Nachmittagsstunden des Donnerstags durch einen großen Teil Deutschlands, Österreichs, der Tschechoslowakei und der Schweiz. Aus allen Teilen des Reiches laufen Unglücks- mcldungen ein. Menschen und Vieh wurden Opfer orkanartiger Stürme und von Blitz-, Hagel- und Steinschlägen. Sehr erheblich scheint nach dem bisherigen Bilde auch der Ernteschaden zu sein. Besonders schwer betroffen wurde Süddeutschland.
In dem Städtchen Altdorf prasselten fast zehn Minuten lang Schloßen in der Größe von Tauben- und Hühnereiern nieder. Das Wasser floß, große Eis- und Schuttmassen mit sich führend, meterhoch durch die Straßen.
Der den Hagelschlag begleitende Wirbelsturm warf vollbeladene Heuwagen um. Im Wichern-Haus, wo das Krüppelheim der Innern Mission nntergebracht ist, wurden fast 2000 Fensterscheiben zerschlagen. Einen trostlosen Anblick bieten die Felder und Gärten. Viele Bäume stehen kahl da wie im Winter, viele andere wurden vom Wirbelsturm umgeknickt oder gänzlich entwurzelt. Ebenso trostlos lauten die Nachrichten, die aus der alten
historischen Stadt Dinkelsbühl, aus Bad Reichenhall, aus der O b e rpfalz , aus der Gegend von Passau und Straubing und aus vielen anderen Gegenden kommen. In manchen Orten ist kein Haus unbeschädigt geblieben, Was Sturm und Blitz nicht zerstörten, das ventiliere oer Hagel, der vielerorts ein förmliches Chaos anrichtete. Viele Personen fielen Blitzschlägen zum Opfer. In S e e h a u s e n bei Rnhpolding brach während des Sturmes ein Großfeuer aus, das sämtliche Anwesen in Schutt und Asche legte und auch auf die umliegenden Wälder Übergriff. ‘ Auf dem Chiemsee wurden durch den Sturm vier Boote zum Kentern gebracht; z w e i Berliner Oberprimaner fanden hierbei den Tod. Auf dem Königssee bei Berchtesgaden versank ein Berliner Kaufmann vor den Augen seiner Frau in den Wellen. _________________________
aber nach ehrlichen und anständigen Kampfregeln, wie es sich unter Söhnen ein und desselben Volkes gehört. Daß eine heute neugebildete Regierung morgen schon von ihren Gegnern gestürzt wird, scheint in England als unfair zu gelten. Erst soll sie zeigen können, ob sie es besser zu machen versteht als ihre Vorgänger, und nur wenn ihre Taten gegen sie zeugen, darf man sie „davonjagen". Das ist eine der politischen Erbweisheiten, die in England zu Hause sind und die man sich auch anderwärts ruhig aneignen könnte. Vielleicht wäre damit ein erster Schritt getan, aus der unseligen Sprachenverwirrung herauszu- kommen, die jedem wirklichen Fortschritt im Staatsleben im Wege steht. Dr. Sy.
Kranzösische Truppen im GaargebieL?
Ein Pionierkommando macht Vermessungen.
Die Regierungskommission des Saargebietes ließ zu einer Nachricht der Saarhrücker Landeszeitung, die die An- Wesenheit eines mit Vermessungen beschäftigten französischen Pionierkommandos im Saargebiet feststellte, bekanntgeben, nach Prüfung der Angelegenheit habe sich ergeben, daß die Anwesenheit dieses Trüppenkommandos auf einen Irrtum beruhe und das das Kommando das Saargebiet alsbald verlassen habe.
Nach den Mitteilungen der Saarbrücker Landeszeitung hat sich das französische Pionierkommando seit Freitag voriger Woche bei dem Orte Mechern im Kreise Merzig mit p h o t o g r a p h i s ch e n A u s n a h m e n und mit Vermessungen beschäftigt. Die Landeszeitung hatte an die Regierungskommission die Anfrage gerichtet, ob das Kommando sich dort mit ihrem Wissen und ihrer Genehmigung aufhalte. Wenn ja, wer die Genehmigung erteilt habe und wie man sie rechtfertigen wolle, da vom Völkerbund der A u f e n t h a l t f r a n z ö s i s ch c r T r u P p e n
Unters 6 3 t fei.
KnsetDmmunH in Paris.
Schuldenabkommen und Rheinlandräumung.
Das französische Kabinett ist unter dem Vorsitz Poin- carös zu einem außerordentlichen Kabinettsrat zusaminen- gctrctcu, um über die innenpolitische Lage zu beraten, dre durch einen Beschluß des Finanzausschusses der Kammer für das Kabinett Poincars sehr heikel geworden ist. Der Finanzausschuß hat nämlich nach tagelangen Beratungen mit einer Stimme Mehrheit den Beschluß gefaßt, day b.e Kammer dem Schuldenabkommen mit Amerika nur zustimmen dürfe, wenn an die Spitze dieses Schuldenab- kommens der Vermerk gesetzt wirb, daß Frankreich nur dann, zahlen könne, wenn auch Deutschland seinen Zah
Die Unwetterkatastrophe erstreckte sich auch über ganz Württemberg, das Bodenseegebiet und die Schweiz. In der Umgebung von U l m wurde die ganze Ernte vernichtet. Infolge der starken Regenfälle sind die Flüsse überall im Steigen begriffen. An zahlreichen fahrenden Zügen wurden durch die großen Hagelkörner die Fensterscheiben eingeschlagen und mehrere Personen durch Glassplittcr mehr oder minder schwer verletzt.
Die Unwetterverwüstungen in Sachsen.
Wie Süddeutschland, so wurde auch ein großer Teil von Sachsen und Sch l e s i e n von dem schweren Unwetter betroffen. In Dresden wurde die Feuerwehr in fast 300 Fällen alarmiert, da zahlreiche Keller voll Wasser gelaufen waren. Einzelne Straßen glichen einem See.
In der Gegend von Neusalz an der Oder wurde fast die gesamte Ernte vernichtet. Es gibt weite Landstrecken, aus denen kein einziger Halm mehr steht. In der Stadt Neusalz blieb kein Haus unversehrt, über Liegnitz bildete sich eine Windhose, die zahlreiche Menschen förmlich in die Luft hob.
Sturm über Wien und Salzburg.
Schwer gelitten haben unter der Sturmwelle auch Wien und das S a l z k a m m e r g u t. In Wien wurden insgesamt zehn Personen verletzt. Von zahlreichen Häusern wurden die Dächer abgehoben und die Schornsteine umgelegt. In Stadt und Land Salzburg wurden Ziegel von den Dächern gerissen, Noll- läden auf die Straße geschleudert. Binnen einer Viertelstunde wurden überall ungeheure Verwüstungen an- gerichtet. Im Mirabellgarten in Salzburg tötete ein stürzender Baum den Professor Dr. Fiala. Auf dem
LMMeW von einem umstürzenden Mast der Stromlertung getroffen und getötet. In der Tschechoslowakei mußten mehrere Bahnstrecken gesperrt werden, da der Verkehr wegen der umgeworfenen Telegraphenstangen und Bäume unmöglich war. In der alten Hussitenstadt T a b o r verwüstete der Sturm die vor kurzem eröffnete Regionalausstellung; viele Pavillons wurden niedergerissen. In das Leitungsnetz der Mittelmährischen Elektrizitätswerke in P r e r a u schlug einige Male der Blitz ein und verursachte eine Betriebseinstellung. Viele Städte, darunter auch Proßnitz, lagen in voller Dunkelbeit.
lungsverpflichtungen Frankreich gegenüber prompt Nachkomme. Poincars und Briand wissen, daß Amerika auf keinen Fall diese Vorbehalte annehmen wird nnb werden sich auch kaum dazu entschließen, diesen Ausschußbeschluß von der Kammer annehmen zu lassen.
Der Ausschußbeschlnß ist vor allem auf einen Vorstoß der Linksparteien zurückzuführen, die mit diesem Vorstoß die auswärtige Politik Poincares treffen und Poincars zwingen wollen, bindende Zusagen über die Rheinland- räumung zu geben. Ob ihnen das gelingen wird, ist allerdings noch zweifelhaft. Jedenfalls ist aber die Stel- hmg des Kabinetts Poincars sehr unsicher geworden, da ihm ein Teil der Linken, die ihn bisher unterstützt hat, die Gefolgschaft plötzlich versagt.
In politischen Kreisen wird im übrigen wieder Herriot als der kommende Mann bezeichnet. Herriot selbst hat die Ratifizierung des Schuldenabkom- mens, die Inkraftsetzung des Doung-Planes und die Räumung des Rheinlandes für ein unteilbares Ganzes erklärt und den Wunsch ausgesprochen, daß die französische Regierung sich zur Räumung des Rheinlandes bereit finden möchte. Gleichzeitig warnt er indessen davor, schon jetzt auf einer Regelung der Saarfrage zu bestehen.
Schon in den nächsten Tagen wird sich zeigen müssen, ob das Kabinett Poincars in seiner jetzigen Form weiter die Gu ' <e Frankreichs wird leiten können.
Reue Zinsverbilligung für Mllereikredite
Im Rahmen des Notprogramms.
Der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft beabsichtigt, aus Mitteln des landwirtschaftlichen Notprogramms für das Rechnungsjahr 1929 eine zweite Zinsverbilligungsaktion für Molkereikredite durchzuführen. Die Zinsverbilligung ist ebenso wie bei der ersten Zinsverbilligungsaktion für Darlehen bestimmt zur Beschasfung von Anlagen und Einrichtungen zur Verbesserung der Milcherzeugung, des Milch- tranSportes und der Verarbeitung der Milch sowie zur Durchführung sonstiger Maßnahmen, deren Ziel die Rationalisierung der Milchwirtschaft und die Standardisierung und die Typisierung der Molkereiproduktion ist. Die Zinsverbilligung von höchstens 5% Prozent wird in der Regel nur gegeben zur Durchführung von Maßnahmen, die nach dem i. Januar 1929 in Angriff genommen worden sind, und zwar höchstens für fünf auseinanderfolgende Jahre.
Die Zinsverbilligung soll in erster Linie für solche Einrichtungen gewährt werden, die sich vorbildlich auswirken.