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HersfelöerTageblatt

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Mzeiger für den Kreis Hersfel- mit den Beilagen: Illustriertes AnterhaltungSblatt / Nach Feierabend / Herd and Gcholle / Anterbaltuna und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche TageSfragen.

Nr. 155

Freitag, den 5. Juli 1929

79. Jahrgang

Tuffen in Deutschland.

Sensationsprozeß in Berlin: der Hauptangeklagte, dem Fälschung von Dokumenten und noch einiges andere vorgeworfen wird, ist einst ein hoher Beamter im zari­stischen Rußland gewesen, der andere Angeklagte war Offizier im Heer des Zaren. Hohe Offiziere des Rußland von gestern treten als Zeugen auf, im Gerichtssaal drängen sich die ausländischen Zeitungsberichterstatter, weil die Fälschungen ihre Wirkungen bis nach Amerika ausstrahlten. Im Hintergrund die Sowjetregierung, der die Angeklagten angeblich in der Absicht, hinter die Geheimnisse von Moskau zu kommen gleichfalls gedient haben. Man spricht von allerhand Beziehungen zu deutschen politischen Behörden, spürt etwas von der Gegenarbeit der Moskauer Regierung mittels ihrer deutschen Anhänger kurz, ein politischerProzeß sensationellster Bedeutung.

Und ein Prozeß, der auf das nicht immer erfreuliche Kapitel: Russen in Deutschland ein recht deutliches Licht wirft.

Die Massen des russischen Adels, der Bourgeoisie, der Offiziere des Zarenheeres vor den Bolschewiken flüchtend

ergossen sich ja in alle Länder der Welt. Frankreich und Deutschland beherbergen große Teile dieser Emigranten- fhtt und namentlich in Berlin gibt es ein ganzes Stadt­viertel, das ein sehr starkes russisches Gepräge trägt, wo es zahlreiche russische Buchhandlungen und Gaststätten gibt. Wenn auch die meisten dieser Emigranten lediglich be­strebt sind, durch intensive Arbeit sich ein neues Leben auf- zubauen natürlich unter großen Schwierigkeiten, so gibt es unter, ihnen auch allerhand unerfreuliche Elemente, diein Politik machen", selbstverständlich in antibolsche- wistischer Politik. Denn sie haben natürlich die Hoff- nung immer noch nicht ausgegeben, daß ein großer Um­schwung in Rußland sie wieder in die Heimat zurück- führen wird. Daß hierdurch der amtlichen deutschen Politik gewisse Schwierigkeiten in unseren korrekten Be­ziehungen zur Moskauer Regierung gemacht werden, liegt auf der Hand. Nicht bloß, wenn, tote vor einigen Jabren M-der S^UwMÄtö^ eines emigrierten russischen Politikers, die Nevolverschüsse knaüten und zwei Opfer niederstreckten.

Idealismus antibolschewistischer Einstellung aus Liebe zum früheren, zum heiligen Rußland, Heimatsehn­sucht und politische Betätigung aus finanziellem In­teresse gehen hier durcheinander. Dunkel und das Licht der Öffentlichkeit ängstlich scheuend sind die Quellen, aus denen so manche dieser politisierenden Elemente ihren oft reichlich bemessenen Lebensunterhalt beziehen.Sie säen nicht, sie ernten nicht" aber zwar nichtder himmlische Pater", sondern sehr irdische ernähren sie doch. Ebenso dunkel bleibt die Lebensbasis anderer Elemente, die in diese Kreise nun durch die Moskauer Regierung hinein­bugsiert worden sind und die da a l s S p i tz e l arbei­ten. Oft geborene Deutsche, die aber etwa als ehe­malige Kriegsgefangene dem revolutionären Rußland ihre gern angenommenen Dienste angeboten haben. Be­steht doch in Moskau ein amtliches Institut, das die Aus­bildung solcher Männer und Frauen für die Verwendung im Ausland, speziell für die Überwachung derKonter­revolutionäre" zum Ziel hat. Eine an sich verständliche Gegenaktion der bolschewistischen Sowjetregierung, aber natürlich auch nicht angenehm für die Regierungen jener Staaten, in denen sich diese Agenten und Agentinnen Rußlands betätigen.

Leicht ist es natürlich für die deutschen politischen Be­hörden nicht, dieses unter der Oberfläche vor sich gehende Treiben auch nur einigermaßen zu überwache«, wie es ja selbstverständliche Pflicht ist, und allzu wählerisch bei der Verwendung der hierfür notwendigen Mittel werden sie nicht sein dürfen, denn die Gegenseite ist darin völlig skrupellos. Immerhin bestehen bei uns nicht die Schwierigkeiten wie z. B. in Polen, wo es mit der Sowjet­regierung wegen der Emigrantenfrage zu sehr heftigen Auseinandersetzungen gekommen ist, als auch dort in Warschau die Revolver losgingen. Oder als in Frank­reich der ehemalige Kosakenhetman Petljura der Kugel eines Russen zum Opfer fiel.

Gewiß ist das Schicksal vieler Emigranten ein über­aus trauriges; sie haben alles verloren und retteten nur das nackte Leben. In die Heimat zurückzukehren ist ihnen versagt und die Hoffnung auf einen politischen Um­schwung in Rußland bleibt unerfüllte Sehnsucht. Wenn man dies in den Ländern, von denen die Emigranten als Gäste ausgenommen wurden, berücksichtigt, so erwachsen aus dem Asylrecht auch PflichtenderGäste. Pflichten gegen den Staat, der ihnen zur zweiten Heimat wurde und auf dessen Rücken sie den Kamps gegen die russischen Machthaber von heute nicht austragen dürfen. Das ist Verletzung selbstverständlicher Gastpflichten. Aber anderer­seits hat auch die Moskauer Regierung durch die Methoden ihrer unterirdischen politischen Agitation schon genug Ver­anlassung zu heftigen Beschwerden der von ihr betroffenen j Länder gegeben. Nach beiden Seiten hin also ist so i manches Mal recht unerfreulich dieses Kapitel: Russen in j Deutschland. ________

Vereinigung ElberfeldBarmen.

§ Berlin. Im Gemeindeausschuß des Preußischen Landtags wurde gegen den Widerspruch der Demokraten der Deutschen .Volkspartei und der Wirtschaftspartei die Zusammenlegung von Elberfeld und Barmen zu einer Stadtgemeinde beschlossen.

Am ven 11. August

Reichsregiernag m- Verfassungsfeier

Einspruch der Opposition.

Die Reichsregierung hat zum 11. August, an dem sich die Annahme der Weimarer Verfassung zum zehnten Male jährt, umfangreiche Richtlinien aufgestellt, nach denen die Feiern am Verfassungstage abgewickelt werden sollen. Zunächst ist ein allgemeiner Erlaß zum Flaggen ausgegeben worden. Die Reichsbehörden sollen sich mit den Landes- und Gemeindebehörden über Feiern an den einzelnen Orten ins Benehmen setzen. In den Schulen soll des Tages in einer besonderen Feier gedacht werden. Eine Festschrift wird als Prämie zur Ver­teilung kommen.

Diese Schrift, die den TitelDeutsche Einheit, deutsche Freiheit" führen wird, wird mit einem Geleitwort des Reichs­präsidenten v. Hindenburg und einem Vorwort des Reichs­kanzlers verbunden sein und soll Briefe, Reden, Schriften, Ge­dichte und Dokumente aus den historischen und geistigen Ent­wicklungslinien des 19. Jahrhunderts enthalten, die auf den jetzigen Staat hinführen. Außerdem werden Schriftsteller und Politiker von der Sozialdemokratie bis zu den Deutschnatio- nalen in dem Werk zu Worte kommen. Auch kirchliche Feiern werden am 11. August abgehalten werden. Der Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchenausschusses hat, auf Anregung des Reichsministers des Innern, den Landeskirchen empfohlen, den Verfassungstag nach ihren kirchlichen Verhältnissen zu be-

50 Jahrs Reichsdruckerei.

Eine Kundgebung des Reichspräsidenten.

Aus Anlaß des 50jährigen Bestehens der Reichs­druckerei fand im ehemaligen Herrenhause zu Berlin eine Gedenkfeier statt, mit der eine Ausstellung aus- gewählter Druckerzeugnisse verbunden war.

Der Reichspräsident hat anläßlich der Feier der Reichsdruckerei eine Kundgebung zugehen lassen, worin er ihr seinen Gliickiunngy uno j^ne Luerreunung für ihre hervorragenden Leistungen ausspricht. Namens der Reichsregierung gratulierte der Reichskanzler.

Reichspostminister Dr. Schätze l, dem die Neichs- druckerei untersteht, schloß sich diesem Glückwunsch an. Er stellte mit besonderer Anerkennung fest, daß es der Reichs- druckerei in der verflossenen Zeit gelungen ist, ihrer wich­tigen Aufgabe gerecht zu werden. Besonders erkannte er die Leistungen des Personals an, das sich auch in den schwersten Zeiten in allen seinen Gruppen als pflichttreu gegenüber dem deutschen Volke erwiesen habe. Zum, Schluß gab der Neichspostminister der Zuversicht Aus­druck, daß die Reichsdruckerei auch ferner auf dem ihr zu- gewiesenen wichtigen, verantwortungsvollen Gebiete eine Musteranstalt und eine Stütze des Reiches bleiben werde.

Der Direktor der Reichsdruckerei, H e l in b e r g e r, dankte für die der Reichsdruckerei und ihrem Personal er­wiesenen Ehrungen und gab dann einen Überblick über die Geschichte und Entwicklung der Reichsdruckerei. Die Feier wurde von musikalischen Darbietungen würdig umrahmt. _________

Der Ginheitsverband landwirrschüstlicher Genossenschaften.

Grenzland Ostpreußen.

Auf dem 4 2. Deutschen Landwirtschaftlichen Genossenschaftstag in Königsberg ergriff nach einer Begrüßungsansprache des Vorsitzenden, Landesökonomieral Dr. Johannssen, namens der Reichsregierung der Reichs- ernährungsminister Dietrich das Wort. Er führte aus, daß die große Streitfrage, ob die Rot der Landwirtschaft durch Handels- und z'o l l p o l i t i s ch e Maßnahmen oder durch Maßnahmen organisatorischer Art zu beheben sei, vollkommen müßig »väre. Denn in der praktischen Politik lägen die Dinge so, daß

beide Maßnahmen sich gegenseitig ergänzen müßten, um einen Erfolg zu erzielen. Der Minister kam dann ein­gehend aus die besondere NotlageOstpr- vtzens und auf die bekannten Hilfsmaßnahmen zu sprechen, die von Reich und Staat ergriffen worden seien. Er habe kürzlich im Reichsrat gesagt, daß man nicht willens sei, eine Politik zu betreiben, bei her eines Tages

die Reichsgrenzen an die Oder zurückverlegt I würden Er werde auch weiterhin alles aufbjeten, um eine olche Gefahr zu beseitigen. Es sei zu hoffen, daß die Zu- tände in Europa sich so besserten und die deutsche Wirtschaft ich so entwickeln werde, daß auch das ungünstig gelegene Ost­preußen langsam, aber sicher aus seinen Schwierigkeiten her- auskäme.

Ferner sprach der Präsident der Preußischen Zentral- genossenschaftskasse, Klepper: Ein Rückblick zeige, daß die Genossenschaften durchaus vorwärtsgekommen seien Bei der Frage, wohin man gehen werde, käme man

an dem Einheitsverbande nicht vorbei.

Das Ziel müsse eine Vereinheitlichung durch Zusammen­fassung der Kräfte sein. Dies sei aber nur dann möglich, wenn aus freiem Entschluß gehandelt würde. Die Preutzenkasse sei bereit, die Hand zur gemeinsamen Arbeit zu reichen. Eine Selbstverantwortmig und Selbstverwaltung wie die Genossen-

geyen, evenso liegen Anregungen für die katholische Gerstlich- keit und für die israelitischen Religionsgemeinschaften vor.

Bei den Oppositionsparteien stoßen die Anordnungen für den 11. August indessen auf Widerspruch. Die Mit­glieder der volksparteilichen Fraktion des Preußischen Landtags nehmen in einer Kleinen Anfrage auf die An­ordnung des Berliner Provinzialschulkollegiums Bezug, wonach am 11. August die Schulfeiern in Form einer Demonstration unter freiem Himmel stattfinden und die Kinder in geschlossenem Zuge aus den Schulen zu den Demonstrationsplätzen hingeführt werden sollen. In der Anfrage heißt es, daß das Recht der Schulbehörde, Schul­feiern anzuordnen, durchaus anerkannt werde, daß aber die hier geplanten Aufzüge und Demonstrationen weit über diesen Rahmen hinausgingen. Es wird daher ge­fragt, ob das preußische Staatsministerium auf Grund der allgemeinen Schulpflicht die Eltern für gebunden halte, ihre Kinder an diesen Veranstaltungen teilnehmen zu lassen, und welche Sicherungen den Eltern gewährt würden, damit die Kinder nicht bei etwaigen Gegen­demonstrationen zu Schaden kommen.

Auch in der Oppositionspresse wird Widerspruch gegen die Anordnung der Reichsregierung laut und man weist darauf hin, daß die Vorbereitungen zu dem 11. August nicht in Einklang gebracht werden können, mit den schweren Sorgen, die das deutsche Volk heute drücken.

icyaflen sie forderten, sei durchaus anzuerkennen. Man wolle keinesfalls unter dem Druck verhandeln, sondern

mit Männern eines freien Entschlusses.

Darin liege, so schloß er, die Gewißheit des endgültigen Erfolges.

Der Generaldirektor der Deutschen Raisfcisen-Genossen- schaft, Freiherr von Braun, mahnt? in seiner Be­grüßungsansprache zur Einigkeit, betonte dabei aber, daß eine solche Schall und Rauch sei, wenn nicht Männer mit Rückgrat auf beiden Seiten ständen.

Die Mariiaiskrisis nicht gelöst.

Der Anspruch der evangelischen Kirche auf gleichmäßige Behandlung.

Zu den Ergebnissen der Beratungen im Hauptaus- schuß des Preußischen Landtages wird aus evange­lischen Kreisen geschrieben:

Die Annahme des Antrages Graue im Hauptausschuß des Preußischen Landtages bedeutet zunächst, daß der An­spruch der evangelischen Kirche auf paritätische gleichwertige Verträge von einer Mehrheit des Landtages und vor allem von der Staatsregierung selbst, die sich zu dem Antrag bekannte, inbindenderForm anerkannt worden ist. Freilich ist irgendeine Sicherung für einen baldigen befriedigenden Abschluß der Verhandlungen mit der evangelischen Kirche damit in keiner Weise gegeben. Es hat in der evangelischen Öffentlichkeit starkes Befremden und lebhafte Ent­täuschung hervorgerufen, daß sämtliche Anträge, die eine zeitliche Verknüpfung der Verträge mit der katho­lischen und mit der evangelischen Kirche erstreben, wenn auch nur in der Form einer (befristeten) Gleichzeitig­keit des Inkrafttretens, abgelehnt wurden. Damit hat die Ausschußmehrheit dem evangelischen Volksteil eine reale Garantie seiner Paritätsforderung verweigert und die Paritätskrisis ist mit den Ergebnissen der Ausschuß- beratn-^-n leider nicht gelöst.

Der Eisenbahnkrieg.

Ungarns Drohung.

Das tschechische Eisenbahnministerium wurde von Ungarn dahin unterrichtet, das; Ungarn, falls der Eisenbahnverkehr über Hidasnemeti nicht unver­züglich ausgenommen werde, seinerseits den Verkehr mit der Tschechoslowakei aus den anderen drei Strecken ein stweilen einstellen werde.

Der Verkehr mit Ungarn geht auf f ü n f Strecken vor sich. Die eine führt von Preßburg über die auf slowa­kischem Boden gelegene Grenzstation Petrzalka nach West- ungarn, die zweite führt von Slowakisch-Neuhäusl über Parkany und Szob nach Budapest, die dritte von Neu- häusl über Komorn nach Budapest. Auf diesen drei Strecken soll nach der ungarischen Drohung der Verkehr eingestellt werden. Besonders die zweite Strecke ist für den internationalen Verkehr von großer Bedeutung, da sie die Verbindung zwischen West- und Mittel­europa, Berlin und dem Balkan herstellt. Die vierte Strecke ist die eingestellte Strecke KaschauHidas- nemeti-Lsudapest.

Tschechischer Protest.

Der tschechoslowakische Gesandte in Budapest hat bei dem ungarischen Außenminister Walko gegen die Art der Verhaftung des Eisenbahnbeamten Pecha in Hidasnemeti p r o t e st i e r t und Aufklärung verlangt. Minister Walko erklärte, das Vorgehen der ungarischen Behörden richte sich gegen die Spionagelätig- k e i t Pechas.

Diese Antwort kann nach tschechoslowakischer Ansicht nichtalsbefriedigend angesehen werden.