HersfelöerTageblaü
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den kreis hersfelS mit den Bellaaea: gliuSrirktrs Anterhaltangsblalt / Nach AeieZabSkS / Herd aus Schotte / AnLekhalkNNg MZ Wisfes BelehSNAg Lab Karrweil / WEetschüftliche ZEsesfragen.
Nr. 151
Montag, den 1. Juli 1929
79. Jahrgang
Verständigung!
Nicht ungetrübt ist der Tag verlaufen, da vor zehn Jahren in Versailles zwei deutsche Staatsmänner das Diktat der Gegner unterschreiben mußten. Dieser Tag trauernden Gedenkens sah nicht ein in diesem Gedenken einiges Volk, sah vielmehr auch wieder unerquickliche parteipolitische Auseinandersetzungen, sah inneren Kampf und Zwietracht zwischen rechts und links. Vorwürfe, die eigentlich an Alter längst gestorben sein sollten, grub man aus und schleuderte sie den parteipolitischen Gegnern ins Gesicht, anstatt nur auf das zu fehen, was i st und was s e i n w i r d. Es spricht nicht gerade allzusehr für das „Volk der Denker und Dichter", daß viel zu sehr, fast immer nur darauf gesehen wird, wie das alles geworden ist. Worüber natürlich jede Seite ihre unabänderliche und selbstverständlich einzig richtige Meinung hat. Jedes Ding schon hat zwei Seiten, aber Geschehnisse, Entwicklungen, das Auf und Nieder in der Geschichte haben zwei Dutzend Gründe. Sie zu erkennen mag den Historiker interessieren; der um sein Dasein ringende Deutsche kann sich nur an die Gegenwart halten, wenn er in die Zukunft fchauen will. Muß den Blick nach vorwärts wenden, um vorwärts- zukommcn, stolpert nur, wenn er mit mindestens einem Auge immer rückwärts sieht. Gegenwart, und zwar vorerst unabänderliche Gegenwart für Deutschland aber ist alles das, was sich unter dem Worte „Versailles" begreift. Und alles das, was diesem Begriff entsprang. Darum war es selbstverständlich, am 28. Juni jenes Tages zu gedenken, der dem Heute und dem Morgen auf lange Zeit hinaus den Stempel aufdrückte. Wie es aber zu jenem Tage kam, ist — historisches StudienobjektI
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Von dem, „was ist", gingen ja auch die Sachverständigen auf der Pariser Konferenz bei ihren Beratungen aus. Wenigstens die deutschen Delegierten, über deren Ansichten und Absichten Dr. Schacht ja eine überaus bemerkenswerte Rede hielt. Als es sich herausstellte, daß nicht Mi wirtschaftlichen Grundlagen und Möglichkeiten Deutschlands maßgebend .sein sollten, s^Air MUMM der künftigen Zahlungsverpflichtungen Deutschlands, nicht wirtschaftliche Gesichtspunkte, sondern von vornherein feststehende Mindestforderungen der Gegenseite, da konnte man deutscherseits Zugeständnisse nur machen unter Festlegung gewisser Voraussetzungen - „Srche- rungen" — die es zum mindesten verhindern, dap Deutschland bei einem Versagen des Planes nicht mit dem Vorwurf des üblen Willens belegt werden samt, außerdem vor einer wirtschaftlichen Katastrophe geschützt wird. War ein Scheitern der Konferenz durch Ablehnung der amerikanischen Vermittlungsvorschläge politisch tragbar^ Dr Schacht verneint das, glaubt aber andererseits, daß' finanziell ein solches Scheitern nur vorübergehend zu einer Vertrauenskrise geführt hätte. Er halt den Aoung-Plc.n also nicht für eine endgültige Lösung, besonders dann nicht wenn über jene Voraussetzungen hinaus der handelspolitische Kampf gegen den deutschen Export nicht endlich einer wirtschaftlichen Verständigung weich- Die deutsche Delegation hat an sich schon .sich dem Urteil der übrigen Konferenzmitglieder über die wirtschaftliche Tragbarkeit der Young-Annuitäten nicht anschließen" können und ihre diese Tragbarkeit verneinende Ansicht wird sich noch um so eher und um so stärker als richtig Herausstellen, wenn man dem deutschen Export nicht mehr Ellbogenfreiheit gewährt als bisher. Daß uns dies natürlich nicht von der Pflicht entbindet, auch unsererseits durch eine entsprechende innendeutsche Finanzpolitik alles zu tun, um die Ausbringung der Zahlungen zu ermöglichen.
Betrachtet Dr. Schacht — und darum hat er unterschrieben — den Young-Plan immerhin als einen Schritt von Versailles weg einem wirklichen internationalen Wirtschafts- und politischen Frieden entgegen, ein Schritt, der nur getan werden darf, wenn nun auch dre Gegenseite gleichfalls einen Schritt des Entgegenkommens tut durch bedingungslose Räumung des Rheinlandes und befriedigende Regelung der Saarfrage — Satn sonst ist der Young- Plan nicht das, was er sein soll: ein Friedensinstrument —, so muß der Kampf in Paris vorläufig hin- ichtlich seines endgültigen Ausgangs mit einem „unent- chieden" bezeichnet werden. Oder — um einen heute be- onders beliebten Ausdruck anzuwenden —: er ist einigermaßen „über die Runden gekommen". Konnte die Gegner nicht „auspunkten", wie es der Sensation des Tages glückte. Denn was kümmert allzu viele Deutsche der Young-Plan, was das Schicksal des Republikschutzgesetzes oder der Gedenktag von Verfailles — der Boxs i e g S ch m e l i n g s war ja die eigentliche Sensatwm Und beschämend mehr interessierte, wieviel Haken, Schwinger und Uppercuts der deutsche Boxer dem ehemaligen baskischen Holzfäller versetzt hatte, wie dick dem Gegner Augen und Nase verschwollen waren oder Wann das Blut zu fließen begann, beschämend mehr als wichtigste deutsche Schicksalsfragen. Es würde nichts schaden, wenn dieses Schicksal einem nicht gerade geringen -verl unseres Volkes einen — Kinnhaken der Erinnerung versetzt.
Die Jungfernfahrt des Schnelldampsers „Bremen".
Bremen. Der Schnelldampfer „Bremen" vom Norddeutschen Lloyd trat unter Führung von Kapitän Ziegenbein seine Englandfahrt an. An Bord Schiffes sind als Vertreter der Schiffseigner Präsident He kneten. Generaldirektor Glüssel und Direktor Stadtländer. Die Fahrt über den Kanal ver- kkes bei günstigem Wetter zur vollen Zuftredenheit. ^^
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Frankreich einverstanden?
Das im Anschluß an die Abmachungen der Pariser Reparationsbesprechung entstandene Hin- und Hergerede über den Ort der anschließenden politischen Konferenz der Mächte scheint sich allmählich doch dahin zu verdichten, daß die Wahrscheinlichkeit an Boden gewinnt, die Konferenz werde in London stattfinden.
Bei der englischen Regierung ist auf ihre Anfrage eine Antwort des französischen Kabinetts eingetroffen, über den Inhalt wurde zunächst offiziell nichts bekanntgegeben, doch verlautete in Londoner politischen Kreisen ziemlich bestimmt, Frankreich habe seinen anfänglichen Widerstand gegen London fallen lassen. Die Konferenz soll erwartungsgemäß schon Ende Juli, spätestens aber Anfang August zusammentreten, um ihre Aufgaben, die Regelung der Räumungsfragen deutschen Gebietes und die sonst mit der Kriegsliquidation in Zusammenhang stehenden Angelegenheiten, in Angriff zu nehmen.
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Deutscher Konferenzvertreter Stresemann.
Da Reichskanzler Müller noch an seinem Gallen- leiden laboriert und das Bad Mergentheim aussuchen muß, nimmt man an, er werde bis zum Konferenzbeginn nicht fo weit hergestellt sein, um, wie anfänglich geplant, die Führung der deutschen Delegation zu übernehmen. Seine Vertretung durch den Reichsaußenminister Dr. Stresemann erscheint deshalb als fast sicher. Auch die Reichsminister Dr. Hilfe rding, Dr. C urtiu s und Dr. Wirth sollen teilnehmen.
Amerika bleibt abgeneigt.
Die Vereinigion„sfe^n gegcuuver dem erneuten Verlangen der Französischen Kammer, einen neuen Aufschub für die im Falle der N-chtrat-f-kat-on des Schuldenabkommens am 1. August fällige Zahlung in Hohe von 407 Millionen Dollar zu erlangen, die kalte Schulter. Die Antwort aus den vom französischen Botschafter in Washington übermittelten Wunsch ist bereits Sonnabend
Sie SesamtliMiditlmg des Krieges.
!M Räumung, Opfer und Sparsamkeit.
' Der Hauptausschuß des Deutschen Industrie- und Handelstages hat einstimmig eine Entschließung gefaßt, die die folgenden Gesichtspunkte betont: Für die Würdigung des Planes im ganzen ist es von höchster Bedeutung, ob mit ihm die abschließende Gesamtliqui- dierung des Krieges verbunden und erreicht werden wird. Eine solche Gesamtliquidierung verlangt insbesondere, daß die Besetzung des R h e i n l a n d es sofort ohne Vorbehalte, die die Freigabe entwerten und daher unannehmbar sein würden, aufzuheben und im Saar- gebiet beschleunigt die deutsche Staatshoheit uneingeschränkt wiederherzustellen sein wird. Sie bedingt weiter, daß sofort alle Maßnahmen der Beschlagnahme und L i q u i d a t i on deutscher Güter, Rechte und Interessen eingestellt und ausgeglichen und soweit möglich rückgängig gemacht werden.
Wie auch über den Plan von den zuständigen politischen Stellen entschieden werden mag, wird die Lage von allen wirtschaftstätigen Bevölkerungsschichten, Arbeitgebern wie Arbeitnehmern, besondere Anstrengungen und Opfer verlangen. Es ist damit aber auch die entscheidende Stunde gekommen, die st a a t l i ch e Wi r t s ch a f t s -, Finanz-und Sozialpolitik einheitlich und folgerichtig auf die Steigerung der Produktivität unserer Gesamtwirtschaft hinzuwenden.
Kam M der Nomg-plan in Kraft?
Nach Poincarös Meinung im Oktober.
PoincarS wurde von einem Abgeordneten nach dem Zeitpunkt des Zusammentritts der Regierungs- , k o n f e r e n z über den Young-Plan gefragt. Er erklärte, I daß diese Konferenz mit Rücksicht , auf die notwendigen technischen Vorbereitungen wohl n i ch t v o r A u g u st zusammentreten könnte. Auf die weitere Frage, ob die Regierung die Kammern alsbald nach der Konferenz zum Zwecke der Ratifizierung des Young-Planes emberufen werde, erklärte Poincare, daß die Regierung im Augenblick nicht die Absicht habe, die Kammern vor dem Monat Oktober einzuberufen und daß die Ratiftzrerung des Young-Planes erst in jenem Zeitpunkt spruchreif werde. Der 1. September sei von den Sachverständigen als Zeitpunkt des Inkrafttretens empfohlen worden, aber wenn er hinausgeschoben werden müßte, so wurde der Dawes- P l a n weiterarbeiten, und es würde sich für Frankreich keinerlei Störung ergeben.
Reichsaußenminister Dr. Stresein anu wird am Montag abend nach Baden-Baden reifen. Diese neuerliche Reise Stresemanns ist nicht etwa auf eine Verschlechterung seines G e s u n dh e i t s z u st an d e s znruckzu- führen, sondern auf seinen Wunsch, sich vor Beginn »er Diplomatenkonserenz in aller Rnheauf d.r Verhandlungen vorbereiten zu können.
in Paris eingetrofsen. In einem unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik abgehaltenen Ministerrat wurde der Bericht des französischen Botschafters in Washington über den von ihm im Auftrage der Olegierung unternommenen Schritt bei dem amerikanischen Staatssekretär mitgeteilt. Wie verlautet, soll die amerikanische Regierung den aus Anregung der Französischen Kammer ausgesprochenen Wunsch nach einer Verlegung des Termins der Zahlung für die Heeresbestände ablehnend beantwortet haben.
Was Poincarö, der g e g e n das Verlangen war, tun wird, ist noch nicht zu übersehen. Es ist möglich, daß schwere innenpolitische Erschütterungen entstehen.
Frankreich mnß Zahlen.
Die amerikanische Antwortan Frankreich.
über die Antwort der amerikanischen Regierung auf das Gesuch der französischen Regierung um Hinaus- schiebung des Verfalltages vom 1. August besagt die amtliche französische Verlautbarung folgendes: ' Der amerikanische Staatssekretär erklärte, die Verfassung gäbe dem Präsidenten nicht die Macht, den Verfalltag einer Schuld hinauszuschieben, zudem habe die Entschließung vom letzten 19. Juni ihn dieser Macht beraubt. Die aufgetretenen Schwierigkeiten gestatteten nicht, auf einen Beschluß zu hoffen, der dem Wunsche Frankreichs entspräche. Die amerikanische Öffentlichkeit fei der Auffassung, die Vereinigten Staaten hätten sich gegenüber Frankreich freundschaftlich verhalten, da das Schulden- abkommen von 1926 in Wirklichkeit ein Verzicht aus den von Frankreich während des Krieges gegenüber Amerika eingegangenen Schuldbetrag bedeute und die Lasten Frankreichs ausschließlich auf die K r 1 e a sA &
MM- RÜcktriu der Regierung?
In französischen politischen Kreisen ist nach wie vor das Gerücht verbreitet, die Regierung würde zurücktreten, sobald sie die amtliche Note der amerikanischen Regierung auf den diplomatischen Schritt des französischen Botschafters in Washington in Händen habe.
Der Spott SahMcher des «mW.
Reichsminister Stegerwald über das Flugwesen.
Reichsverkehrsminister Dr. h. c. Stegerwald führte auf dem 23. Deutschen Luftsahrertag in Essen u. a. folgendes aus: Gestatten Sie mir, daß ich zu einem der Haupt- betätigungsgebiete des Deutsche!! Luftfahrtverbandes, dem des S p o r t s, ein Wort sage. Sie, meine Herren, haben dem Flugsport in Deutschland einen Weg gebahnt. Welche Veranlassung habe ich als Reichsverkehrsminister, mich dieser Ihrer Arbeit zu freuen? Die Antwort kann kurz fein: Weil alle Entwicklung zeigt, daß der Sport der stärkste Bahnbrecher eines wirtschaftlichen Verkehrs ist. Ohne Automobilsport keine Entwicklung des Kraftwagens zum Volksverkehrsmittel, ohne Flugsport keine Entwicklung des Flugzeugs für einen wirtschaftlichen Luftverkehr. Hinzu kommt, daß die Luftfahrt tot wäre, wenn die Industrie wegen Mangels an Aufträgen zum Erliegen käme, und daß — fowie die Dinge heute liegen — in einer kräftigen Entwicklung des Flugsports und des individualistischen Bedarfsverkehrs nahezu die einzige Hoffnung für eine Verbreiterung des inläudi- fchen Flugzeugmarktes gesehen werden muß. ।
Schweres IlugZengnnglück auf dem Boöensee.
Fünf Tote, zwei Schwerverletzte.
Ein überaus schweres Flugzeugunglück ereignete sich unweit von Lindau aus dem B o d e n s c e. Das Flugzeug D. 1620 wollte eben nach einem Flug mit fünf Passagieren, dem F lu g lei te r und dem P i 1 o - t e n an Bord aus das Wasser niedergehen, als es sich nur einige Meter über dem Wasser nach einem scharfen Knall, wahrscheinlich infolge einer Explosiv n,übersch lug und dann nach wenigen Minuten im See versank. Boote, die rasch zur Unglücksstelle eilten, konnten zwei Personen bergen. Erst später konnte der Rumpf des Flugzeuges an die Oberfläche des Wassers gehoben und ausgeschlagen und die Leichen des Flugleiters, eines Oberbau- rats und der Frauen der zwei Schwerverletzten geborgen werden.
Das Vorderteil des Flugzeugs mit dem Motor liegt noch auf dem Grund des Sees; vermutlich befindet sich in ihm auch die Leiche des Piloten. Alle Bemühungen, das Flugzeug an Land zu ziehen, mißlangen, so daß der Rumpf mit einem Trajektkahn unter Wasser in den Hafen von Lindau geschleppt werden mußte, wo man ihn mit c^"/: Van hochziehen wird. '
Drei Tote bei einem Bootsunglück.
Auf dem Tegeler See bei Berlin kenterte in^ ' der Wellen eines vorüberfahrenden Schleppzuges ein Paddelboot, in dem sich d r e i P e r s o n e n befanden. Die Insassen fielen ins Wasser und gingen sofort unter. Nach kurzer Zeit wurde einer der Insassen tot geborgen. Die Suche nach den übrigen Insassen des Paddelbootes war WM erfolglos. ^ ? ^.^^^^^^