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SersfelöerTageblaü

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für -en Kreis tzersfelö mit Sm Beilage»: Illustriertes AuterhaltungSblatt / Nach FeierabenS / AerS uns Scholle / Belehrung naß Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfrage».

Unietbattang » Wisse»

Nr. ISO Mes Blatt) Sonnabend, den 29. Juni 1929 7g. Jahrgang

Lkeberraschungen

Kampf um das Republikschutzgesetz. - Zwei Minister­präsidenten. Gratis und franko.

Wer ein Freund nicht nur mit der Zunge zu schmek- kender, sondern auch parlamentarisch-politischer Lecker­bissen ist, der kann in diesen kühlen Sommertagen sehr gut auf seine Kosten kommen. Der Reichstag taumelte förmlich durch ein unübersehbares Gewirr von Notgesetzen und Hilfsmaßnahmen, von Entschließungen und nament- Uchen Abstimmungen dem vorläufigen Abschluß seiner Beratungen entgegen, und Regierung und Opposition mußten sich in die unausbleiblichen Überraschungen teilen, die bei einer notwendigerweise so überstürzten Massen- abschlachtung eines gewaltig ausgelaufenen Arbeits­programms immer herauszukommen Pflegen. Die Rechts­parteien haben eine ziemlich empfindliche Einschränkung des der Landwirtschaft ursprünglich zugedachten Zoll­schutzes hinzunehmen, während das Reichskabinett zu­sehen muß, wie ihm das Republikschutzgesetz einstweilen einmal aus der Hand gewunden wird, dessen Ver- längerung auf drei Jahre es beantragt hatte, während der Reichstag es schon in zweiter Lesung nur noch ein Jahr in Kraft lassen wollte. Jetzt ist es völlig unter den Tisch gefallen, da die Wirtschaftspartei, verärgert durch die Haltung der Regierungsparteien in einer wichtigen Frage des Privateigentums, aus der Reihe tanzte. Frei­lich ist das letzte Wort auch in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen; wenn erst der Herbst ins Land kommt, wird Herr Severing den Reichstag abermals mit der gleichen Vorlage befassen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß mit dieser parlamentarischen Entscheidung unsere innenpolitische Lage doch ein wesentlich verändertes. Gesicht angenommen hat, und daß man danach nicht' wissen kann, wie die Verhältnisse beschaffen sein werden, . WkN.n die Volksvertretung wie. er zu löblichem Tun zu- sätnwsntrftt._^_ ** .-.....----

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So arg wie im Freistaat Sachsen wird es in der Reichshauptstadt allerdings schon nicht gut werden können. Dort leistet man sich im Augenblick den Luxus von zwei Ministerpräsidenten. Den einen hat das neugewählte Parlament im dritten Wahlgang an die Spitze der Re- gierung berufen, während der andere, das bisherige Oberhaupt der Regierung, feierlich erklärt, seinen Posten nicht aufgeben zu können, weil Diese Wahl noch seiner Meinung nicht ordnungsmäßig zustande gekommen sei. Vielleicht wird auch hier wieder erst irgendein Staats­gerichtshof in Anspruch genommen werden müssen, den Streit zu schlichten; bis dahin einigen sich die beiden Herren möglicherweise dahin, daß der eine an den geraden, der andere an den ungeraden Tagen die Sachsen regiert". Unfraglich aber laufen wir, wenn dassoweiter- geht mit dem Parlament- und mit dem Regierung­spielen in deutschen Landen, Gefahr, uns einigermaßen lächerlich zu machen in der großen Welt draußen jenseits der Reichsgrenzen, wo man Verfassungsfragen dieser Art doch ungleich ernster zu behandeln gewohnt ist. Auch in Mecklenburg weiß noch kein Mensch zu sagen, wie die neue Regierung aussehen soll, die der eben gewählte Landtag demnächst einsetzen muß.

Dr. Schacht über den Aoungplan

Die Pariser Vereinbarungen.

Eine Rede in München.

Der Hauptausschuß des Deutschen Industrie- und Handels­tages hielt in München eine große Versammlung ab, vor der Reichsbankpräsident Dr. Schacht über die Pariser Sach- verständigenlonferenz und deren Abmachungen sprach. Der Versammlung wohnten auch zahlreiche Vertreter der Staats­und Reichsbehörden bei, unter anderen der bayerische Minister­präsident Dr. Held, Innenminister Dr. Stütze!, Finanz- minister Schmelzer, als Vertreter der Reichsregierung Herr v. Haniel.

Anwesend waren weiter der frühere Reichswirtschafts- minister Hamm und der Präsident des Reichsfinanzhofes Iahn. Nach der Rede dankte Präsident v. Mendelssohn Herrn Dr. Schacht für die aufopfernde Leitung der Pariser Ver­handlungen. %

Kein erfreuliches Ergebnis.

Dr. Schacht nannte in der Einleitung das Ergebnis der Pariser Sachverständigenkonferenz für Deutschland nicht erfreulich. Wenn die deutschen Vertreter dennoch unter­schrieben hätten, ganz gleich, ob aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen einzig und allein komme in Betracht, ob für das zukünftige Wohl -des deutschen Volkes etwas er­reicht werden konnte. Die Sachverständigen hätten lediglich nach ihrem Wissen und Gewissen gehandelt. Mit der deut­schen Regierung und der deutschen Wirtschaft, sowohl Arbeit­gebern wie Arbeitnehmern, mußten sie selbstverständlich Füh­lung unterhalten. Das Ergebnis kann nur dann richtig ge­würdigt werden, wenn man es in den Gang des großen politischen Geschehens einreihi. Übertriebene Erwartungen

6 hatten VAN ttr^ !' H^ücht aus StUWunfl. StaeiSct.

los ist es bedauerlich, daß die französische "Politik unser moralisches Recht auf die sofortige Räumung des Rheinlandes mit der Frage finanzieller Entschädigungen zu verquicken ver­suchte.

Es war unmöglich, Fragen der großen Politik anfzurollen, wie etwa die Kriegsschuldlüge oder Besprechungen über die Rheinlandräumung, die Rückgabe des Saargebiets, die Herbei­führung einer unparteiischen Abstimmung über Eupen- Malmedy, die Wiedergutmachung des oberschlesischen Unrechts, die sinnlose Abtrennung Ostpreußens vom Reich, den Raub des deutschen Privateigentums oder die Wegnahme der deut­schen Kolonien.

In allen Erörterungen haben die deutschen Delegierten sich auf rein wirtschaftliche und finanzielle Gedankengänge be­schränkt. Eine Abschätzung der jährlichen Reparationsleistungen mußte nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten vorgenommen werden. Die Gegner wollten aber bestimmte, schon fest­liegende Mindestzahlungen von Deutschland erhalten. Das Memorandum der deutschen Sachverständigen vom 17 April

Der Tag von Versailles

machte den Gedanken klar, daß die Ansprüche der Gläubiger- nationen nicht weiter gehen konnten als bis zu einer

der deutschen Leistungsfähigkeit entsprechenden ver­nünftigen Grenze.

Sollte die deutsche Leistungsfähigkeit gehoben werden, so erschien insbesondere eine Steigerung der deutschen landwirt­schaftlichen Produktion, eine größere Aufnahmebereitschaft der deutschen Märkte für deutsche Waren und eine stärkere selbständige Rohstoffversorgung der deutschen Industrie not­wendig.

Der Reichsbankpräsident erörterte darauf die bekannten Vorgänge und das Handeln um die Höhe der jährlichen Zahlungen, und kritisierte die uneinheitliche Haltung der deut­schen Presse. Schließlich sei für die deutschen Sachverständigen der Augenblick gekommen zur Entscheidung, ob es besser sei, die Konferenz ergebnislos auseiandergehen zu lassen oder auf den vom Vorsitzenden gemachten Vermittlungsvorschlag einer Durchschnittsjahreszahlung von 1988,8 Millionen Mark einzugehen. Sie suchten die für Deutschland notwendigen Sicherungen in den Plan einzubauen. Dr. Schacht ging im einzelnen noch aus diese Sicherungen ein und auf die geplante Bank für den internationalen Zahlungsausgleich. Diese Bank werde ihre Aufgabe erfüllen, wenn sie zur Verfügung stehende Mittel dazn verwende, um den Welthandel und Deutschlands Anteil daran zu beleben. Wenn die deutschen Sachverständigen den Young-Plan endlich empfohlen haben, so ist darauf hin- zuweisen, daß grundsätzlich eine Verständigungspolitik mit den Gegnern die einzige Möglichkeit bietet, in geduldiger, friedlicher Arbeit aus der verhängnisvollen Lage herauszu­kommen, in die uns der verlorene Krieg gebracht hat.

Gewaltsame BefremngspoLitik ist nicht möglich.

Solanae jedoch die innere Zerrissenheit und Zerklüftung im | Deutschen S&QVLe aWDcvxxexx, wixo es uott) xvtxo^X)^xxx^x ^x^x^- I Hungsarbeit bedürfen, um aus dem jetzigen Zustand heraus- J zukommen. Diejenigen, die an die Zukunft des deutschen Volkes noch glauben, müssen sich mutig und ehrlich auf den demokratischen Boden stellen, auf dem allein eine Gemein­schaftsarbeit für eine bessere Zeit erwachsen kann. Die materielle Grundlage für das Leben der breiten Massen in Deutschland muß nach Möglichkeit erhalten und ausgebaut werden. Ohne ausländisches finanzielles Vertrauen zu Deutschland erscheint eine wirtschaftliche Erholung als ausge­schlossen.

Der Redner empfahl zuin Schluß Besserung und strenge Ordnung in der deutschen Finanzwirtschaft, Sparsamkeit vom Reich herab bis zu den Gemeinden. Er hoffte, daß sich keine parlamentarische Mehrheit in Deutschland finden werde für die politische Notifizierung des Uvung-Planes, wenn nicht die sofortige bedingungslose Räumung des Rheinlandes und eine befriedigende Regelung der Saarfrage erfolge. Der Noung- Plan muß ein Friedensinstrument sein oder er wird über­haupt nicht sein.

Aber andererseits: auch im Lager der Nutznießer des Versailler Vertrages ist nicht alles Gold, was glänzt. Herr Poincarö bekommt früher, als er es wohl gedacht hatte, den Wechsel der Dinge zu spüren, der mit dem Siege der britischen Arbeiterpartei sich entschieden hat. Die Regierung des Herrn Macdonald steht ihm nicht mehr so selbstverständlich zur Verfügung, wie Herr Chamber- lain zu tun für richtig gehalten hatte. Sie hat als Kon­ferenzort zur Regelung der Folgerungen, die aus dem Young-Plan zunächst gezogen werden sollen, London in Vorschlag gebracht, während der französische Minister- Präsident sich schon förmlich in den Gedanken verliebt hatte, diese Zusammenkunft von Regierungshäuptern unter seinem Vorsitz in Paris sich vollziehen zu sehen. Es sind nicht gerade wohlgesetzte Liebenswürdigkeiten, die wegen dieser Meinungsverschiedenheiten nun über den Ärmelkanal herüber- und hinübergehen, und fast sieht es so aus, als hätte man in Paris bereits eine deutliche Empfindung davon, daß auf diese erste Überraschung noch viel unbequemere Eigenwilligkeiten des neuen Be­herrschers des Britischen Reiches folgen könnten. Einst­weilen redet Herr Poincarö immer noch stunden- und tagelang vor den zuständigen Kammerausschüssen über Aufwertungs- und Schuldenfragen und über Gott und die Welt. Kein Mensch weiß vorläufig zu sagen, worauf er mit diesen erstaunlichen Zungenleistungen eigentlich hinauswill, und warum er, nachdem er es mit der gründ- sätzlichen Annahme des Young-Planes zuerst so furchtbar eilig hatte, nun plötzlich einer Vertagung der politischen Konferenz bis in den August hinein das Wort redet. Meint er, daß er die Deutschen noch möglichst lange nach der Räumung des Rheinlandes zappeln lassen solle, damit »sie auf diese Weise für die Bewilligung weiterer Zuge- iständnisse, sei es am Rhein, sei es an der Saar, oder sei les am Rhein und an der Saar, gefügig werden? Die

noch stunden- und

Mheinländer zucken die Achseln, wenn sie von solchen Zu- ßmutungen hören; verlangen jetzt die Räumung ihres , Gebietesgratis und franko" und nichtper Nachnahme", und sie werden nicht zugeben, daß um ihretwillen etwa neue Schachergeschäfte eingeleitet werden, nur damit 'Herr Poincarö bei guter Laune erhalten wird. Er wird sich schon^ss oder. fs. in das MherMidlichr. fügeLNüsien.

Protest! Protest! Protest!

Machtvolle Kundgebungen gegen die Kriegsschuldlüge.

Die Erinnerung an den T a g v o n V e r s a i l l e s , der Deutschland vor zehn Jahren die politischen und wrrt- schaftlichen Fesseln brächte, unter denen es seufzt und noch lange leiden soll, rief in allen Teilen des Reiches und in den abgetrennten Gebieten machtvolle Kundgebungen hervor.

Protest und immer wieder Protest!

Das war der Grundton, auf den alle Verlautbarungen abgestimmt waren. Ob in den Parlamenten sich die Ver­treter der Länder versammelten oder unter freiem Himmel zum Geläut der Kirchenglocken die Menge zusammentrat, um des Trauertages zu gedenken, überall wurde das Be­kenntnis laut, nicht müde zu werden im Kampf gegen dre Kriegsschuldlüge und die sich auf ihr aufbauende schwere seelische und wirtschaftliche Belastung.

Von der Maas bis an die Meinet.

So fand auf einer Massenversammlung im B e r - liner Stadion eine Entschließung Annahme, bte mit folgenden begeistert aufgenommenen Worten schloß:Wir fordern die Rechte eines souveränen und wehrhaften Volkes zurück. Wir fordern die sofortige Zurückziehung der Besatzung. Solange Deutschland in den Ketten des Versailler Diktats und der anderen Tributverträge liegt, wird niemals wahrer Friede für Deutschland und in Europa und der ganzen Welt herrschen. Wir bekennen uns mit allen Deutschen zu einem freien, wehrhaften Reich von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt."

Unter dem Geläute der Domglocken.

Zu einer von sämtlichen bürgerlichen Parteien veran« starteten großen Kundgebung auf dem Domplatz m K o l n hatte sich eine nach Zehntausenden zählende Menge ein» gefunden um gegen die Schuldlüge und gegen die Fortdauer der Besetzung zu protestieren. Mit dem unter dem Geläute der Domglocken gemeinsam gesungenen Deutschlandlied erreichte die Kundgebung ein würdiges Ende. - Und so fanden.

in allen Städten des Reiches öffentliche Kundgebungen statt, in denen besonders der Vorwurf der deutschen Kriegsschuld mit Nachdruck zurück­gewiesen wurde. Nebenher gingen zahlloseAufrufe v o n Ver b än d en und Bünd en, die alle das gleiche

Bekenntnis ablegten.

Zurück zum Reich I

Eine große gemeinsame S a a r k u n d g e b u n g veranstalteten die politischen Parteien des Saargebiets in Saarbrücken. Sie hatte den Zweck, den unerschütterlichen Willen der Saarbevölkerung zur baldigen Rückgliederung zum Reich machtvoll zum Ausdruck zu bringen. In dem Zurück zum Reich" überschriebenen Aufruf heißt es:Die Welt soll wiederum die Stimme der gegen ihren Willen vom Vaterland getrennten Saarbevölkerung hören, die ernst und dringlich verlangt, zugleich mit der Rhein- landräumung zum Vaterland zurückzukehren."

Ein Mißton.

Deutschvölkische Studenten veranstalteten in B e r l i n aus Anlaß des Verbots der Kundgebungen in den Universitäten auf dem hinter der Universität liegenden Hegelplatz eine Protestversammlung. Die Schutzpolizei griff ein und zerstreute die Studenten, die nun vor dem K u l t u s m i n i st e r i u m gegen das Ver­bot demonstrierten. Als auch hier die Schutzpolizei ein- schrilt, kam es zu Z u s a m m e n st ö ß e n, in deren Ver­lauf einer der Schutzpolizeibeamten einen Schreckschuß abgab. Ein Teil der Studenten zog dann vor das Palais des Reichspräsidenten. Hier riefen sie ununter­brochen im Takt den Namen des Reichspräsidenten. Sie wurden schließlich zerstrem, wobei mehrfach vom Gummi­knüppel Gebrauch gemacht werden mußte, ,,..._______

Die Studentendemonstration in Berlin.

' Berlin. Nach einer Mitteilung des Polizeipräsidenten wurden insgesamt elf Personen, die an der Kundgebung eines Teiles der Studentenschaft teilgenommen hatten, darunter zwei in Mütze und Couleurband, zwangsgestellt und der Ab- terlung IA eingeliefert. Sie werden sich wegen Verletzung des Bannkrersgesetzes, wegen tätlichen Angriffes und wegen Widerstands zu verantworten haben.