Einzelbild herunterladen
 

HersfelöerTageblaü

s

0

Mt Rtffemntfle SO Pfear Bei Wit-nhalaag«, wir»

SÄÖSÜffÄS?

Reisfelder Kreisblatt

____________ Amtlicher Anzeiger für den Kreis Reisfeld

mit den Bettaaen: Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feterabenv / Herd und Scholle / Autekbaltuua ovd Wissen Nelebmng und Kurzweil / Wlrlschaftllche Tooessraaea.

1.20 Reichr-Mart bei freier Zaf 1.00 Reichs-Mark. ♦ druck und Zank, NuchSruckerei in tzerafelö,

HM

*

Nr. 140

Dienstag, den 18. Juni 1929

79. Jahrgang

Madrider Nachklänge.

Der Völkerbundrat hat nachgerade einige Gewandt­heit darin erhalten, Entschließungen oder Entschlüsse zu formulieren in einer Art, daß man die wirkliche Ent­scheidung möglichst — den anderen überträgt. Man ver­meidet es, selbst irgend etwas Sachliches zu beschließen, ist mehr für Sonderkommissionen, Sonderverhandlungen, selbst dann und in solchen Dingen, die einfach liegen und nach einer endgültigen Entscheidung geradezu drängen.

Eben erst hat man sich im Young-Plan darüber ge­einigt, daß Schluß gemacht werden sollte mit all den Rück­ständen aus dem Weltkrieg, wie namentlich den Liqui­dationen deutschen Eigentums im Ausland. Und trotz­dem ist es in Madrid gerade hierüber wieder zu einer Auseinandersetzung zwischen Deutschland und Polen ge­kommen, weil die Warschauer Regierung nicht etwa bloß den Besitz deutscher Staatsangehöriger immer noch liqui­diert, sondern auch solchen Deutschen, die polnische Staatsangehörige geworden sind, mit der Begründung den Besitz enteignet, daß man die Erklärung, für Polen zu optieren, glatt ablehnt. Des weiteren hat man mit Hilfe allerhand dehnbarer Agrargesetze deutschen Grundbesitz enteignet und dafür Entschädigun­gen gezahlt, die nur einen Bruchteil des wirklichen Wertes dieser Liquidationen darstellen.

Nun hat die Madrider Tagung des Völkerbundrates wenigstens die Vorbereitung zu einer Einigung — man muß sich immer sehr vorsichtig ausdrücken — dadurch herbeizuführen gesucht, daß unter neutralem Vorsitz eine besondere Schiedskommission die ganze Liquidations­frage überprüfen soll auch in all den Fällen, wo die Liquidation bereits erfolgt ist. Da der neutrale Vor­sitzende den Ausschlag gibt, liegt immer die Möglichkeit, vor, daß Teile des geschehenen Unrechts gegenüber den Deutschen in Polen wieder rückgängig gemacht werden können; denn dort, wo von der Schiedskommission die Aberkennung der polnischen Staatsangehörigkeit und die Enteignung als zu Unrecht erfolgt erklärt werden wird, „ soll eine restlose Zurückerstattung des Besitzes an den Ge­schädigten stattfinden. Angesichts der vielen Hunderte von Fällen, in denen über ungerechte Behandlung durch die Polen deutscherseits geklagt wird, wird man allerdings kaum mit einer übermäßig schnellen Entscheidung rechnen können; außerdem weiß man aus den Erfahrungen mit der neutralen oberschlesischen Schiedsgerichtskommission, daß Monate und Jahre vergehen können, ehe ein wirk­licher Erfolg derartiger Kommissionsarbeiten festzu- stellen ist.

Dieses etwas magere Resultat der Tagung des Völkerbundrates in Madrid erhielt zum Schluß doch noch einen pikanten Aufguß durch die mehr als deut­liche Erklärung, mit der der deutsche Außenminister Dr. Stresemann den Jntrigen seines polnischen Kollegen Zaleski entgegentrat. Der hatte aus den bekannten Vor­kommnissen in Oppeln eine furchtbare Staats­aktion gemacht, obwohl durch den Preußischen Staat alles geschehen war, was nur geschehen konnte, um aus der Mücke nicht einen Elefanten werden zu lassen. Zaleski fand auf die Frage Stresemanns, was denn eigentlich noch mehr geschehen sollte, um den guten Willen Deutsch­lands zur Erledigung dieses Zwischenfalls zu beweisen, nur die etwas verlegene Antwort, er — habe ja gar nicht über Oppeln gesprochen. Das ist nicht ganz unrichtig, aber wenn er von jüngsten Zwischensällen redet, wenn er an spanische Zeitungen Interviews gibt, die nur von diesen Zwischensällen reden, wenn er seinen Aufenthalt in Madrid dazu beuutzt, Polen immer wieder als die „verfolgte Unschuld" und Deutschland als den bösen Nachbarn hin­zustellen, so braucht er den Lesern nicht noch mit Einzel­heiten zu kommen, „wie er sie auffaßt". Außerdem liegt ja auch eine Beschwerde Polens beim Volkerbundrat vor, und gar keine Antwort hatte Zaleski auf den Vorwurf Dr. Stresemanns, eine derartige Stimmungsmache des pol­nischen Außenministers sei nichts anderes als ein EtN- griff in ein schwebendes Versahren

Es wird also wohl noch viel Wasser die Weichsel hinabfließen, ehe zwischen Deutschland und Polen ein einigermaßen erträgliches Verhältnis eintreten wird. Madrid hat gerade den Deutschen wieder in der Frage des Minderheitenrechtes schwerste Enttäuschungen gebracht, an denen besonders Briand mitschuldig ist. Wie ein kleines Satirspiel wirkt es, wenn in englischen Zeitungen jetzt ein Artikel des Premierministers Mac- donald über die Minderheitenfrage erscheint ein Artikel, der freilich den Nachteil hat, schon ermge Zelt Vor den englischen Wahlen von dem Führer der Arbeiterpartei. Macdonald, geschrieben zu sein. In bemerkenswert scharfer Form wendet er sich gegen die Grenzziehungs­politik von Versailles, St. Germam und wie die Frredens- verträge sonst noch heißen mögen, wendet sich mit nicht ge­ringerer Schärfe gegen den übertriebenen Nationalismus ; der jungen Staaten, polemisiert gegen Italien und billigt 'durchaus den Widerspruch, der deutscherseits gegen dre Minderheitenpolitik des Völkerbundes erhoben wird. Sehr deutlich und für Deutschland sehr angenehm zu hören! Bloß - dürfte der englische P r e m i e r m i nr.st e r Macdonald etwa anders handeln als der frühere Führer der A r b c i t e r p a r t e i geschrieben hat.

Späte

Urteil im Lakubowski-Prozetz.

August Rogens zum Tode verurteilt. -

Im Jakubowski-Nogens-Prozetz wurde nach fast drei­wöchiger Verhandlungsdauer folgendes Urteil verkündet.

Es werden verurteilt:

Der Angeklagte August Rogens wegen Mordes zur T o d e s st r a f c und wegen Meineids zu einer Zucht­hausstrafe von einem Jahr sechs Monaten. Die bürger­lichen Ehrenrechte werden ihm für dauernd aberkannt. Der Angeklagte Fritz Rogens wegen Beihilfe zum Mord und Meineids unter Berücksichtigung des Jugendgerichts­gesetzes zu einer Gesamtstrafe von vier Jahren und einem Monat Gefängnis. Nach Verbüßung von einem Jahr fünf Monaten soll Strafaussetzung aus die Dauer von fünf Jahren eintreten. Die Angeklagte FrauKähler wegen Beihilfe zum Mord und Meineids zu neun Jahren Zuchthaus. Die bürgerlichen Ehrenrechte werden ihr auf die Dauer von zehn Jahren aberkannt. Der Angeklagte B l ö ck e r wegen Meineids zu einer Zuchthausstrafe von einem Jahr sechs Monaten. Die bürgerlichen Ehren­rechte werden ihm auf die Dauer von fünf Jachren ab­erkannt.

Das Urteil wurde von den Angeklagten ruhig, im Zuhörerraum mit einiger Erregung ausgenommen, ins­besondere das Urteil gegen die Angeklagte Frau Kühler.

Ist Jakubowski schuldig?

Aus der Urteilsbegründung ist folgendes Hervorzu- Hebeu. Das Schwurgericht hat keine Entscheidung über Jakubowskis Schuld getroffen, eine endgültige Ent-

Todesopfer des Segelflugsports.

Weltrekordflieger Schulz tödlich verunglückt.

Bei einem Ehrenflug über dem eingeweihten neuen Kriegerdenkmal in Stuhm (Westpreußen) ist das Sport­flugzeug „Marienburg" abgestürzt. Die Insassen, der WeltrelordfegetfUeger F e r d . *a » d,S ch u U und Ä Begleiter, der Marienburger Segelflieger Bruno Kaiser, waren auf der Stelle tot.

Nach beendigter Feier kreiste das Sportflugzeug „Marienburg" des Westpreußischen Vereins für Luftfahrt in etwa 50 Meter Höhe über dem Denkmalsplatz, als zum Entsetzen der nach Tausenden zählenden Zuschauermenge aus bisher nicht geklärter Ursache die Tragflächen

Segelflieger Schulz,

des Flugzeuges sich vom Rumpfe losten. Der Rumpf selbst sauste mit großer Geschwindigkeit un­gefähr 50 Meter vom Denkmal entfernt auf den Marktplatz nieder. Die Flieger wurden tot aus den ^rum- ''" Schul/waren die Beine und die Arme gebrochen, während Kaisers Schädeldecke zertrümmert war. Das Unglück Hütte, wenn es wenige Minuten spater emgetreten wäre, weit größere Folgen gehabst da die Menschenmenge von dem Denkmalsplatz in die Stadt zuruckstromte und durch die Straße kommen mußte, in die das Flugzeug stürzte.

Beileidstelegramm des Reichsverkehrsministers zum Tode des Segelfliegers Schulz.

Berlin. Der Witwe des tödlich verunglückten Segel­fliegers Ferdinand Schulz sandte der Reichsverkehrsminister ein Beileidstelegramm, in dem es heißt: „Zu dem tragischen Verlust Ihres um die deutsche Luftfahrt hochverdienten Mannes spreche ich Ihnen tiefempfundenes Beileid aus. Dem Wirken des vortrefflichen Mannes wird in der Fliegerei ein ehrenvolles Andenken bewahrt werden. Gott schenke Ihnen seinen Trost."

Eine Fallschirmpilotin im Rhein ertrunken.

Die bekannte Fallschirmpilotin Fräulein Elli Tnßmap ist in Chur bei einer Flugveranstaltung tödlich verunglückt. Nach einem ersten geglückten Absprung ist sie bet einem zweiten Absprung mit dem Fallschirm in den Rhein gestürzt. Der Wind trieb Fräulein Tußmar gegen Westen ab und in den Rhein, von dessen Fluten sie sortgenssen wurde. Ihre Leiche wurde geborgen.

Sühne scheidung hierüber sei nicht seine Aufgabe, sie müsse in dem noch schwebenden Wiederaufnahmeverfahren getroffen werden. Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme sei Jakubowski noch immer der Teilnahme an der Tat ver­dächtig, das Gericht könne danach seine Nichtschuld nicht aussprechen. Aber es verkenne nicht, daß gewisse Zweifel an setaer Schuld bestehen.

Das Schlußwort der Angeklagten.

Die Angeklagten, die aus der Haft vorgeführt wurden, unterhielten sich vor Beginn der Verhandlung lebhaft und aufgeregt mit ihren Verteidigern. Der Vorsitzende erteilte nach Eröffnung der Sitzung den Angeklagten das Schlußwort. FrauKähler (weinend): Ich habe der Wahrheit die Ehre gegeben und mein letztes Geständ­nis stimmt. Ich kann es vor Gott verantworten, daß ich nicht die Mörderin und Anstifterin bin. Ich hätte mein Leben für den kleinen Ewald eingesetzt, wenn ich im Augenblick des Mordes da gewesen wäre. Meine Söhne August und Fritz sowie der Angeklagte Blöcker als auch der Zeuge Paul Kreutzfeld können nach meiner Meinung die Mörder nicht gewesen sein. Frau Kühler e r st i ck t schließlich im Weinen, so daß der letzte Teil ihrer Ausführungen unverständlich bleibt. Angeklagter August Rogens: Ich muß erklären, daß, wenn ich zum Tode verurteilt werde,

mein Bruder Fritz mein Mörder ist.

Ich bin am Mordtage nicht in Palingen gewesen. Fritz R o g e n s: Ich halte meine Angaben aufrecht und bitte um Anrechnung der Untersuchungshaft.

„Frauen, Frieden, Freiheit!"

Der Weltkongreß für staatsbürgerliche Frauenarbeit.

In Berlin wurde der 11. Kongreß des Welt­bundes für staatsbürgerliche Frauen­arbeit mit einer Ansprache der Vorsitzenden, Frau erössneft. Im Namen bet Reichs­regierung begrüßte der Reichsminister des Innern, Seve- ring, den Kongreß, wonach mit einer großen Anzahl von Frauenreden aus dem In- und Ausland die eigentliche Tagungsarbeit begann.

Besonderen Beifall erwarb sich die Vorsitzende des Frauenbundes dadurch, daß sie ihre Ansprache in deut­scher Sprache begann und dann englisch und schließlich französisch fortsetzte, um schließlich wieder deutsch zu enden, und zwar mit dem Losungswort des Bundes: „Frauen, Frieden, Freiheit!"

Kahl-Ehrung im Reichstag.

Berlin, 17. Juni.

Eine Familienfeier sozusagen, aber zugleich eine An­gelegenheit, an der das ganze politisch interessierte Volk der Deutschen herzlichst Anteil nimmt, unterbrach heute den wichtigen, wenngleich nicht immer sehr kurzwelligen Gang der Etatsberatungen: Geheimrat D. Dr. Kahl, Abgeordneter der Deutschen Volkspartei, der bekannte Förderer der schwebenden Verhandlungen zur Schaffung eines neuen Strafrechtes, Hai das 80. Lebensjahr vollendet. Vor seinem Sitz im Parlament prangte schon vom frühen Morgen an ein imposanter Strauß von sanft gefärbten Rosen als Zeichen des festlich-frohen Tages, den Geheimrai Kahl mit seinen Angehörigen und seinen Freunden im Hause — es sind ihrer ungefähr so viele wie die Zahl der Volksvertreter beträgt — begehen kann.

Als die ungebrochene straffe Gestalt des Jubilars erschien, unterbrach Präsident Löbe die gerade im Gange befindlichen Abstimmungen, während die Abgeordneten, Tribünenbesucher und die Gäste in den Logen sich einhellig erhoben. Löbe brächte die Glückwünsche des Reichstages bat und erinnerte an das verdienstvolle Wirken Kahls in der Nationalversamm­lung und in dem seither verflossenen Jahrzehnt, wünschte ihm fortdauernde Frische und dem Reiche die Erhaltung dieser wertvollen Arbeitskraft. Bravorufe bekundeten das Einver- stäudnis der Zuhörenden. Geheimrat Kahl dankte mit kräftiger Stimme. Richt eine besondere LiMe oder eine be­sondere Befähigung hätten ihn getrieben, sich an der Politik zu beteiligen, sondern der zwingende I in v e r a t i v , das niedergebrochene Vaterland mit aufrichten zu helfen; das ge­denke er, solange ihm Atem bleibe, auch fernerhin zu tun. Enthusiastischer Beifall von allen Seiten, an dem sich auch die Minister, an der Spitze der Reichskanzler, beteiligten. Dann nahm der Achtzigjährige seinen Platz ein und die Arbeiten wurden fortgesetzt.

*

Sitzungsbericht.

(88. Sitzung.) CB. Berlin, 17. Juni.

Zu Beginn der Montagssitzung des Reichstages gibt der Präsident bekannt, daß von den Kommunisten ein Miß- trauensantrag gegen den Reichswehrminister Grüner eingegangen ist. — Die Aussprache zum Etat des Reichswehr­ministeriums wird fortgesetzt.

Abg. Ritter von Epp (Rationalsoz.) führt aus, er habe nicht den Kürzungen zum Wchreiat zugestimmt, fmtbern nur gesagt, daß seine Partei den Etat an sich bewillige. Die Be­ratungen des Wehrelats seien noch niemals so schnell und so friedlich durchgesühri worden wie diesmal, betont Abg. Ersing (Ztr.). Da Deutschland vollkommen abgerüftet habe, so besitze es ein Recht, darauf hinzuweisen, daß die anderen Länder diese Verpflichtung nicht erfüllt hätten. Redner will aber abso­lutes Festhalten der Friedenspolitik.

Ab_g. Dr, Leber (Soz.) stimmt dem Wehrminister darin bei.

1