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hersfelöerTageblaü

Hersfelöer KreLsblatt

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Untetbaltaaa s«S Wissen

Rr. 126

(Erstes BliN) Sonnabend, den I. Juni 1929

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79. Jahrgang

Großstadtsensationen.

Verfallserscheinungen. Ein ausgepumptes Volk. Der Kampf um die Frenlden.

Man hat, wieder einmal, die Wahl: ob man sich mehr an dem Leckerbissen der Diebstahls- und Selbst- mordaffäre gütlich tun will, die sich um den Namen und die Persönlichkeit einer ganz plötzlich zu trauriger Be­rühmtheit gelangten i t a l i e n i s ch d e u t s ch e n Kom­tesse entwickelt hat; oder an den juristisch-finanziellen Absonderlichkeiten des sogenannten S t i n n e s - Pro­zesses, der ja in der Tat recht bemerkenswerte Ein­blicke in das auf Großgewinn aus öffentlichen Mitteln gerichtete Treiben internationaler Schwindler und Schie­ber vermittelt; oder schließlich an den grauenhaften Kultur- und Sittenbildern des neuen Jakubowski-Pro- zesses im ehemaligen Residenzschloß von Neustrelitz, der Klarheit darüber bringen soll, ob wirklich vor Jahren einmal in Deutschland der Kopf eines Unschuldigen dem Beil des Henkers hingeopfert worden ist. Wohin wir unseren Blick auch wenden mögen, aus die Höhen oder in die Tiefen der menschlichen Gesellschaft, überall trifft er auf Verfallserscheinungen, deren unheimliche Häufung die ernsteste Besorgnis auslösen muß. Fast sieht es schon so aus, als könnten wir uns ein Leben ohne Skandal­geschichten dieser Art gar nicht mehr vorstellen, und wenn sie einmal vorübergehend auszubleiben drohen, so fehlt es nicht an phantasiebegabten Leuten, die sofort ihren erfinderischen Geist spielen lassen, um dem angeblich ewig neuigkeitslüsternen Publikum den Unierhaltungsstoff zu bieten, dessen unsere Nachkriegszeit anscheinend nicht mehr entraten kann.

*

Es ist richtig: den Amerikanern, die uns ja auch auf diesem Wege mit sagen wir gutem Bei­spiel vorangegangen sind, ist die hemmungslose Über- fütterung ihrer Zeitungsleser mit Sensationen aller Art bis jetzt wenigstens nicht besonders schlech: bekommen; aber sie sind eine ganz junge Station und Nr wissen in Ziele ihres wirtschaftlichen und geschäftlichen Lebens so viel stärkende Gegenkräfte aufzubringen, daß sie um die Gesunderhaltung ihres Wesenkerns keine Furcht zu hegen brauchen. In Europa, und zumal bei uns in Deutschland, liegen die Dinge aber erheblich anders. Wir sind ein ziemlich ausgepumptes Volk, und der schwere Kampf um das nackte Leben, den breite Schichten nun schon seit Jahren unausgesetzt zu führen haben, läßt nicht viel Widerstandskraft, seelische und körperliche, ge­genüber den Gefahren, den Versuchungen und Verlockun­gen übrig, die sich ihnen heutzutage aus Schritt und Tritt darbieten. Man kann sich schließlich nicht mehr wundern, wenn es jetzt bet der ersten Gerichtsverhandlung gegen die gräfliche Juwelendiebin in einem Zimmer des Ber­liner Polizeipräsidiums zu ebenso erschreckenden wie ab­stoßenden Szenen im Zuschauerraum gekommen ist, wenn sich hier eine Sensationsgier gegenüber einem jungen Menschenkind betätigte, das sich eigentlich nur durch seinen adligen Namen aus der Menge ähnlicher Sünder gegen das Gesetz heraushob Wenn ein solches Schau­spiel schon in der bekanntlich ungemeinaufgeklärten" Reichshauptstadt möglich war, was will man da erst von den armen und kleinen Leuten einer mecklenburgischen Heidelandschaft etwa erwarten, wenn in ihrer Mitte ein­mal über Tod und Leben nächster Dorsgenossen entschie­den wird?

Aber Berlin, wie es ist, hat nicht viel Sinn für Ein­kehr oder Selbstbesinnung. Es will seine zum erstenmal ins Leben gerufenen F e st s p i e l w o ch e n genießen und mag sich, in dieser Stimmung, gar nicht mit dem Gedanken befreunden, daß es in absehbarer Zeit mit seiner Freude am Genuß, an geräuschvollen Vergnügungen, an mehr oder weniger unterhaltenden Filmvorstellungen sozusagen aufs Trockene gesetzt werden könnte. Und doch ist es so, daß schon ganz bestimmte Beschlüsse der Lichtspieltheater, Kaffeehausbesitzer, Varietädirektoren und Vergnügungs- stätteninhaber vorliegen, ihre Häuser am 1. Juli auf un­bestimmte Zeit zu schließen, weil sie unter der Herrschaft der nun schon seit Jahren bestehenden Lustbarkeitssteuer die Unkosten ihrer Betriebe absolut nicht mehr heraus- wirtschaften können. Eine Demonstration, eine Protest­kundgebung also, um den hartnäckigen Sinn der städtischen und staatlichen Gewalten endlich der Notlage eines Ge­werbes zugänglich, zu machen, ohne dessen Betätigung der vielbewunderte Glanz der R e i ch sh a u p t st a d t einfach erlöschen muß. In Berlin wenigstens ist man fest davon überzeugt, daß derMann aus der Provinz" es un­fehlbar vorziehen würde, bei Muttern zu bleiben, wenn er hier nicht durch lichtüberströmte Straßen von Unter­haltung zu Unterhaltung wandern könnte. Der fürsorg­liche Herr Oberbürgermeister wird es wohl nicht zu diesem Äußersten kommen lassen, wenngleich ihm jede neue Schmälerung seiner Steuereinnahmen höllisch unbequem sein muß. Der ungeheure Wetteifer so ziemlich aller Groß­städte in der Werbung um Fremdenverkehr und Waren­absatz läßt es einfach nicht zu, daß Berlin auch nur vor­übergehend sich selbst außer Kurs setzt, zumal die Schrecken der ersten Maitage dieses Jahres ja wohl noch nicht überall draußen in der Welt vollständig vergessen sein werden. Den Luxus, zu rasten, darf sich heute niemand leisten, es sei denn, daß es ihm nichts ausmachte, morgen schon Rost anzusetzen. Dr. Sy.

®»$K her englischen Ardeitermrlei

Wahlverluße der aüöen.

Das neue U n : c r h a u s.

Die Ergebnisse der Unterhauswahlen in England zeigen einen nicht ganz uneriuarteten Aufstieg der Arbeiterpartei. Bis, Freitag nachmittag . wurden fest­gestellt als endgültig gewählt 208 Vertreter der Arbeiter­partei, 173 Konservative. 26 Liberale, 7 Unabhängige. Die Arbeiterpartei gewann über 70 Sitze und verlor 3. die Konservativen verloren über 78 Sitze und gewannen nur Z, die Liberalen hielten sich auf der bisherigen Höhe." Wiedergewählt sind die Führer der drei großen Parteien: Macdonald, Baldwin und LloM George: Ebenfalls ge­wählt ist die Tochter Llvud GeoraM

Warvons^S»

der Führer der Englischen -Arbeiterpartei, Bk bei den Wahlen große Gewinne zu verzeichnen hatie.

Auch in den Abendstunden des Freitags war noch nicht bestimmt zu übersehen, wie die endgültige Gestaltung des neuen Unterhauses sein wird wenn auch angesichts des starken Vormarsches der Arbeiterpartei man schon in London ohne Bedenken von M a e d onald als dem künf­tigen Premierminister sprach Dieses Amt hat er bekannt­lich schon einmal verwaltet. Es ist selbstverständlich, daß die ersten Wahlresultate aus br.; Städten und großen Jndustriebezirken einliefen, wo die Arbeiterpartei ihre stärksten Grundlagen hat. Die Zählungen auf dem Lande und auf den großen Gütern ließen natürlich länger auf sich warten * und sie brachten den Konservativen auch vielen Zuwachs. Dock dürfte es unzweifelhaft sein, QtÄBBSÄSMSra^

Völlige Einigung in Paris.

Verhandlungen wahrscheinlich abgeschlossen.

Am Freitag wurde zwischen den deutschen Sachver­ständigen bei der Reparationskonferenz und den Ver­tretern der Gläubigerstaaten in allen Fragen, deren Rege­lung noch ausstand, eine völlige Einigung erzielt, also in der Hauptsache bei den sogenannten Vorbehalten. Es sind nur noch die einzelnen Formulierungen der getroffenen Vereinbarungen festznlegen. Die Regelung der belgischen Markforderungen steht noch aus, doch dürfte diese kaum noch das Endresultat wesentlich belasten. Die Verhand­lungen sind als abgeschlossen zu betrachten.

Die Lebenshaltungskosten im Kai.

Nahezu unverändert.

Die Reichsindexziffer für die Lebenshaltungskosten (Ernährung, Wohnung, Heizung, Beleuchtung, Beklei­dung undSonstiger Bedarf") ist nach den Feststellungen des Statistischen Reichsamts nahezu unverändert ge­blieben. Die Indexziffern für die einzelnen Gruppen be­tragen (1913/14 = 100): für Ernährung 154,1, für Woh­nung 126,0, für Heizung und Beleuchtung 149,0, für Be­kleidung 172,5, für denSonstigen Bedarf" einschließlich Verkehr 191,7.

Ä Geschäsisrage Ende Mai 1929.

N o ch keine Besserung.

Das Institut für Konjunkturforschung berichtet über die Lage Ende Mai wie folgt: Auf der Güterseiie b;r Wirtschaft sind im ganzen ausgesprochen Verändern!-: : nicht festzustellen. Die Auftragseingänge zeigen leck e, sinkende Tendenz; die Rohstoffeindeckung blieb aber ' allgemeinen unverändert. Die industrielle Produktion /:; ihren Stand durchschnittlich behauptet. Die Beschäftigung ist vorwiegend in den Saisonberufen (Baugelverb,

daß sich eine prinzipielle Verschiebung der innenpolitischen Verhältnisse in England angebahnt hat.

Koaüiion mit den Liberalen?

Baldwin, der bisherige konservative Premier­minister, soll schon vor der Wahl angekündigt haben, er werde sofort seine Demission geben, wenn seine Partei in die Minderheit gerate. Ob dann Macdonald an feine Stelle tritt, dafür ist auch' ausschlaggebend die Stärke der Liberalen unter Lloyd George. Sie können sowohl mit den Arbeitern eine Regierungskoalition schließen wie sie andererseits in der Lage sind, mit den Konservativen eine Vereinigung zu bilden und damit die absolute Mehrheit im Unterhaus herzustellen.

Die Weiblichen Wähler.

Eine wesentliche Neuerscheinung bei den jetzigen Wahlen bildete die Beteiligung der Frauen zwischen 21 und 30 Jahren, die zum erstenmal das ihnen verliehene Wahlrecht ausübten. Viele von ihnen sollen konservativ gewählt haben, obwohl auch die Arbeiterpartei erheblichen Zuzug von ihnen erhielt. Die Konservativen hatten in London einen groß eingerichteten Automobilschlepperdienst organisiert, der vorzüglich funktionierte. Manche konser­vativen Führer, so mehrere Minister, blieben auf der Strecke und wurden nicht wiedergewählt. Bis Freitag abend waren für die Arbeiterpartei etwa 3X>, für die Konservativen 3, für die Liberalen 1H Millionen gezählt. Macdonald erklärte seine große Zufriedenheit. Ministerpräsident Baldwin hat für Montag eine Kabinettssitzung einberufen, die Stellung zu dem Wahl- refultat nehmen soll.

MatdsrMös Sieg.

Die Regierung in der Minderheit.

Die außerordentlichen Erfolge der Arbeiterpartei bei festgesetzten Zästmkg m Laufe-"«r-s Freitag,rachmittag stetig angenommen. Um 7,00 Uhr stellte man folgende Mandate in London fest: Arbeiterpartei 283, Konservative 236, Liberale 50, sonstige Parteien 7. Man rechnete mit der Möglichkeit einer, wenn auch kleinen, doch absoluten Mehrheit Macdonalds im Unterhause. Dainit würde seine Partei die Regierung übernehmen.

Ein Gewinn von 124 Kandidaten liegt vor für die Arbeiterpartei, 32 für die Liberalen, 3 für die Konserva­tiven und 2 für die Unabhängigen und ein Verlust von 137 Kandidaten für die Konservativen, 17 für die Libe­ralen, 4 für die Arbeiterpartei, 2 für die Unabhängigen und 1 für die Kommunisten. Die Frauenkandidatinnen schlössen im allgemeinen nicht gut ab. Der einzige weib­liche Abgeordnete der Liberalen, Miß Runciman, wurde nicht wiedergewählt. Die bisherige Regierung ist in der Minderheit geblieben, Arbeiterpartei und Libe­rale besaßen schon Freitag nachmittag 4 Uhr mehr als die Hälfte der Unterhaussitze.

Landwirtschaft) während der letzten Monate beträcht­lich gestiegen. Freilich haben die Rückwirkungen der Aus- sP-Wing von Ende 1928 und der Kälteperiode 1929 die an sich bestehenden Tendenzen zur Abschwächung vielfach überdeckt. Anspannung des Geldmarktes, sinkende Effekten- kurse und Preisrückgänge aus dem Warenmarkt kenn­zeichnen demnach die Lage, die vorerst keine Besserung sondern eher eine Zunahme der Schwierigkeiten erwarten laßt.

Taglmg ö§§ LsSsNSmiiieZgroßhandeLs.

In Stettin.

.Der Reichsverband des deutschen Nahrungsmittel- großhandels ist Freitag in Stettin zu seiner JahresDer- sammlung zusammengetreten, zu der Vertreter des Reichs, des Staates und der Staatsregierung, der Oberpräsident sowie Vertreter der Stadt Stettin erschienen waren.

vom Reichsernährungsministerium uberbractüe bte Gruße und Wünsche des Reichsernährungs- Ministers, Oberprastdent Dr. L i p p m a n n sprach für die Prenglsche Staatsregierung und als oberster Beamter der Provinz Pommern.

Über Tagesfragen und Tagessorgen

e u l= Stettin. Schärfste Kritik übte der ^dner a der Besteuerung des Handels. Er verlangte Steuern und der sozialen Lasten. Der Hauptge>chaftsfuhrer des Verbandes, Dr. Georg berichtete über die Tätigkeit des Ver- ^'.^^uerlich sei daß einige Handelsverträge immer uoch nicht zum Abschluß gekommen sind. Er be- £te deutsche Landwirtschaft einen Weg xinde, ihre Betriebe rentabler zu gestalten. Aber die zur Manzung der deutschen Lebensmittelproduktion elforder- liche Einfuhr dürfe nicht behindert werden. Mit einem Schlußwort des Präsidenten wurde die Tagung geschlossen

Maxim Gorki in Moskau eingetroffen.

Moskau. Maxim Gorki ist hier eingetroffen. Er wurde fetoltd^ Legierung uud öffentlicher Organisationen