HersfelöerTageblaü
Hersfel-er Kreisblatt
Amtlicher Mnzeiger für den Kreis Hersfelö mit den Beilage»: IllaSrierteS Aalerhaltangsblatt / Nach Feierabend / Oerö unS GÄolle / Anlerbalinng naß Wissen Belehrung nab Kurrwell / Wirtschaftliche Tagessraaea.
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Nr. 103
Freitag, den 3. Mai 1929
19. Fahrsaag
KommunistenlärmimReichstag
Szenen im Reichsparlamenl.
Berlin, 2. Mai.
Die Kommunisten verlassen die Sitzung.
An den ersten Mai schließt sich der zweite — an die Mittwochsgefechte der Polizei mit den Berliner Kommunisten selbstverständlich eine turbulente Wiedereröffnung des Reichstages am Donnerstag. Das mußte bekanntgeworden sein, denn die Abgeordneten hatten sich erwartungsvoll zahlreicher aus ihren Plätzen eingefunden, als man es bei den vorgesehenen, in der Regel keinen besonderen Anreiz bietenden Spezialdebatten über den Etat des Reichsarbettsministers hätte vermuten können. Und es ging denn auch gleich vielversprechend los, wobei das bei derartigen Gelegenheiten selten mangelnde Auditorium: auf den Zuhörer- tribunen nur sehr sporadisch mitwirkte. Zehn Minuten Verspätung des sonst so pünktlichen Präsidenten Löbe steigerte die Spannung; aber auch dann erschien er nicht, sondern der Vizepräsident Gräs nahm kühn die Glocke in die Hand. Alsbald war der Abg. Pieck (Komm.) zur Stelle und begann in großer Erregung von dem „Verbrechen", wie er es nannte, zu donnern, das die Polizei gestern nach den Befehlen der So- zialdemokraten und angeblich mit Hilfe der Reichswehr begangen habe. Piecks Fraktionsfreunde unterstützten ihn stürmisch, auf den anderen Bänken schwoll der Widerspruch und mitunter wurde die Ekstase so außerordentlich, daß manche Kraftstelle rettungslos unterging. Im Gang zwischen den benachbarten Sitzen der sozialistischen Halbbrüder gab es beinahe einen Feuerübersall, als dem Sozialdemokraten Künstler ein Paket Zeitungen ins Gesicht geworfen wurde, weil darin seine als Lügen bezeichneten Enthüllungen über das geplante 200-Toten-Opfer der Kommunisten abgedruckt war. Die Natur sollte ihn mit einem Kainszeichen gezeichnet haben, nieiiue einer von AM ichMt- munisten. „Verbrecherhauptleute" und „Blutsäufer" waren andere milde Ausdrücke für sozialdemokratische Vertreter, eingeschlossen den Berliner Polizeipräsidenten.
Bei diesem Stande der Schlacht fruchteten die verschiedent- lichen Ordnungsrufe des Präsidenten wenig. Einem weiteren tätlichen Angriff entzog sich der Abgeordnete Künstler durch Retirieren hinter den Wall der Genossen. Pieck ließ inzwischen die proletarische Diktatur hochleben und verlangte sofort Stellungnahme des Reichstags zu diesem Gegenstand. Das wurde natürlich abgelehnt. Der Kommunist G e s ch k e will dafür angesichts der Wichtigkeit der Sache sofortige Vertagung des Reichstages und Untersuchung, ob wirklich Reichswehr beteiligt gewesen wäre. Dieser Antrag erhält nur die Befürwortung der Nationalsozialisten und der Kommunisten, während die Deutschnationalen sich der Stimme enthielten.
Nun erklärt der kommunistische Abg. S t ö ck e r, seine Fraktion werde sich nach dieser von ihm als unerhört angesehenen Ablehnung heute nicht mehr an den Verhandlungen beteiligen. Darüber lacht die Mehrheit . . . Die Kommunisten erheben sich und beginnen mit starken Tönen die Internationale vorzutragen. Der Präsident entschwindet von seinem Sessel, die Sitzung ist unterbrochen.
Der Saal wird leer. Kurz nach dem Verhallen ihres Trotzliedes entfernen sich auch die Kommunisten, einige Injurien heftiger Art zurücklassend. Bemerkenswert ist dabei vielleicht eine neue Titulatur für den in Abwesenheit bleibenden Herrn Löbe, der zum „K o s a k e n o b e r st" ernannt wird. Nach zwanzig Minuten erscheint Vizepräsident Graef wieder und der Meinungsaustausch über das Wohnungswesen kommt wieder zu seinem Recht — die heutigen Sensationen sind erschöpft, io.
Abg. Tremmel (Zir) dankt der Regierung dafür, daß sie den Wohnungsbau wieder in Gang gebracht habe. Die Hauszinssteuer sei eine durchaus soziale Steuer. Die Zwangswirtschaft müsse so lange aufrechterhalten werden, bis bessere Verhältnisse aus dem Wohnungsmarkt eingetreten seien.
Abg. Ebert-Potsdam (Soz) tritt für die Förderung der Landarbeitersiedlung ein, die in Ostpreußen zweckmäßig ge fördert worden sei, dagegen weniger in Schleswig-Holstein.
Abg. Troßmann. (Bayer. Vp.) meint, die Aufhebung der Wohnungszwangswirtschaft könne nur allmählich erfolgen. Man sollte daraus keine politische Frage machen
Abg. Rönneburg (Dem.), tritt für Schaffung eines Dauer-
e-
pacytfaiuyes em, weiter zur Anneger- uns Lanvarvetter- siedlung. Beim Abschnitt
Versorgungswesen
werden Wünsche über Aufbesserung der Altveteranenbezüge und Beschwerden über Mängel in der Versorgungsgesetzgebung vorgebracht. „ ,
Damit ist die Einzelberatung des Etats erledigt. Die.Entschließungen zugunsten der Versorgunassckretäre und über Verlängerung der Krisenfürsorge bis Ende Juni werden angenommen. Der demokratische Antrag auf baldige Vorlegung eines Wohnheimstättengesetzes wird abgelehnt.
Der Etat des Reichsarbeitsministeriums wird dann in der Fassung der Ausschußbeschlüsse angenommen.
Endgültig verabschiedet wird noch das internationale Übereinkommen über das Mindestalter für Zulassung von Kindern und Jugendlichen zur Arbeit auf See.
Dann vertagt sich das Haus.
Die blutige Berliner Maifeier
Samkadea und Panzerwagen.
Masfenopfer der Maifeier in Berlin.
Die Maifeiern in Berlin haben nun doch ein blutiges Ende gefunden. Während bis zu den Abendstunden am 1. Mai es zwischen kommunistischen Demonstranten und der Polizei nur zu kleinen Plänkeleien ohne ernsteren Charakter gekommen war, brachten die Nachtstunden schwere blutige Zusammenstöße. Die Kommunisten hatten in einer ihrer Berliner Hochburgen, am Wedding,
Die Polizei mit dem Wasserschlauch
als Abwehrmittel gegen kommunistische Ansammlungen.
Barrikaden ausgerichtel, gegen die ein starkes Polizeiaufgebot eingesetzt wurde und zu deren Niederreitzung auch ein Panzerauto eingesetzt werden mußte. Nach den bisherigen Ermittelungen sind bei den Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten zehn Personen getötet und etwa tausend verhaftet worden. Nach Angabe der Polizei sind achtzig Demonstranten verletzt worden, doch dürfte ihre Zahl in Wirklichkeit höher sein, da die Kommunisten die meisten der Verletzten sortschafften, um sie nicht in die Hände der Polizei fallen zu lassen. Von der Schutzpolizei sind dreißig Beamte verletzt worden. Bei vielen der Verhafteten wurden nach dem Polizeibericht Trommelrevolver, Pistolen, Kleinkalibergewehre und Munition gefunden. Bis aus 175 Personen sind die Verhafteten wieder freigelasien worden. Die noch In-
Sitzungsbericht.
(69. Sitzung.) OB. Berlin, 2. Mai.
Unter dem Vorsitz beS Vizepräsidenten Gräf wird die Sitzung um zehn Minuten verspätet eröffnet. Vor Eintritt in die Tagesordnung erhält das Wort der Abg. Pieck (Komm.), der in heftiger Weise die gestrigen Vorkommnisse in Berlin schildert und das Vorgehen der Polizei als ein Verbrechen bezeichnet. Der sozialdemokratische Berliner Polizeipräsident müßte sofort von seinem Posten entfernt werden. Von den Kommunisten werden dem Redner lebhafte Beifallskundgebungen veranstaltet und es kommt zu starken Auseinandersetzungen mit den Sozialdemokraten. Mitunter scheinen sich tätliche Auseinandersetzung« Redner will sofortige Stelle
....... scheinen sich fast ien entwickeln zu wollen. Der
Redner will sofortige Stellungnahme des Reichstages zu den Zusammenstößen vom gestrigen 1. Mai. Gegen den Antrag wird Widerspruch erhoben und die Kommunisten brechen in lärmende Kundgebungen aus. Abg. Geschke (Komm.) beantragt, der Reichstag möge sich sofort wegen der gestrigen blutigen Ereignisse vert»zen. Auch Reichswehr sei dabei beteiligt
Der Vertagungsmtttua wird gegen die Stimmen der Nationalsozialisten und der Kommunisten bei Stimmenthaltung der Deutschnationalen abgelehnt. Abg. Stocker (Komm) gibt die Erklärung ab, die kommunistische Fraktion werde sich t ' dieser Ablehnung nicht mehr an den Beratungen beteiligen. (Heiterkeit im Hause) Als dir Kommunisten insgesamt nun aufstehen und die Internationale abzusingen beginnen, verläßt der Vizepräsident Graf den Saal und die Sitzung ist unterbrochen. Die übrigen Abgeordneten entfernen sich dann, auch die Kommunisten. Nach ungefähr zwanzig Minuten Pause wird
nach
ägen.
die Sitzung wieder eröffnet
und die Aussprache über das Kapitel Wohnungs- und Siedlungswesen beim Haushalt des Reichsarbeits- ministeriums fortgesetzt. _ .
Verhaftete auf einem Berliner Polizeiauto. haftierten werden dem Richter wegen Aufruhrs und Land- friedensbruchs vorgeführt werden.
Reben der Gegend am Wedding ist namentlich der Berliner Stadtteil Ncukölln von den Unruhen stark mitgenommen worden. Neukölln lag am Abend des 1. Mai vollkommen im Dunkeln, da die Kommunisten sämtliche Gaslaternen ausgelöscht hatten. Auch hier mußten starke Polizeikräfte eingesetzt werden, um den Demonstranten entgegenzutreten. Der Polizeibericht meldet, daß die Polizeimannschaften vielfach aus Wohnungen, von den Dächern mit Schüssen und Steinen attackiert worden sind, so daß sie von der Schußwaffe Gebrauch machen mußten. In den Straßen Neuköllns finden sich als Zeichen eines vierstündigen Kamvkes vielfach Svure.« großer Ver-
Wüstungen. Zahlreiche Schaufensterscheiben sind zertrümmert worden, sämtliche Straßenlaternen sind zerstört. In den Straßen liegen von den Demonstranten benutzte Wurfgeschosse, wie zerbrochene Bierseidel, Flaschen und Blumentöpfe.
In Neukölln zittert die Unruhe, die der 1. Mai hervorgerufen hat, am 2. Mai noch nach. Die Fenster großer Häuserblocks mußten auf Anordnung der Polizei geschlossen bleiben. In dieser Gegend sind weiterhin starke Polizeimannschaften versammelt, da es nicht ausgeschlossen ist, daß es wieder zu neuen Unruhen kommt. Von Augenzeugen, die die Krawalle mitgemacht haben, wird daraus hingewiesen, daß diese blutigen Maidemonstrationen lebhaft an die Tumulte erinnern, die sich während der Revolutionstage in Berlin ab- spielten. Nie seit diesen Tagen sei es wieder zu solchen Tumulten gekommen wie in der Nacht zum 2. Mai.
übrigens sind bei den Zusammenstößen auch Personen zu Schaden gekommen, die sich an den Demonstrationen nicht beteilig) haben. So wärd^ bekannt, daß der Inhaber einer im dritten Stock belegenen Wohnung eines Haufes am Alexanderplatz von einer verirrten Kugel getötet wurde. Ein anderer Straßenpassant geriet unter ein Polizeiauto und wurde von ihm zu Tode gefahren.
Im Reich ist die Maifeier im großen und ganzen ruhig verlaufen.
Neue kommunistische Pläne?
Die Kommunisten beabsichtigen im übrigen, die blutigen Vorgänge n Berlin für sich politisch auszu- werten. Wie es hecht, spielen sie mit dem Gedanken, in den nächsten Tagen den Generalstreik als Protest gegen das Verhalten der Berliner Polizei am 1. Mai zu proklamieren.
In Essen haben ihre politischen Anhänger es zuwege gebracht, daß auf einer Zeche etwa die Hälfte der Beleg- fchaft nicht eingefahren ist. Auf anderen Zechen versuchten kommunistische Agitatoren, die Belegschaft von der Einfahrt fernzuhalten, doch haben sie bisher keinen Erfolg damit gehabt. Drei Rädelsführer tvurden verhaftet und aus der Arbeit entlassen.
In Hamburg hat ein Teil der Werftarbeiter, ebenfalls als Protest gegen die blutigen Vorgänge in Berlin, die Arbeitsstätte verlassen. Von kommunistischer Seite wird versucht, einen Sympathiestreik der Werftarbeiter zu entfesseln.
Hoffentlich gelingt es, die Erregung, die die diesjährigen Berliner Maifeiern vielfach entfesselt haben, bald wieder, zu dämpfen. •
W.TB. Berlin, 3. Mai. (Fernsprechmeld)
Bei ö-n nächtlichen Straßenkämpfen in Neukölln sind nach polizeilichen Feststellungen 3 Personen getötet und etwa 10 Personen schwer verletzt worden.
WTB. Berlin, 3. Mai. (Fernsprechmeldung).
Der Schauplatz der nächtlichen Kämpfe in Neukölln macht bei Tagesanbruch einen wüsten Eindruck Die Hermannstraße ist durch Barrikaden auch weiterhin gesperrt, ebenso die Prinz Handjery Straße und die Zietenstraße. In der Prinz Handjery Straße und in der Steinmetzstraße haben die Kommunisten die hohen alten Bäume gefällt und quer über die Straße gelegt. Von den Häusern wurden Baugerüste abge^ssen und zu Barrikaden verwendet. In vielen Läden wurden die Schaufenster zertrümmert und die Auslagen ge- plündert. In der Lesstngstraße kam es heute Morgen um 5 Uhr wieder zu einzelnen Schießereien. Die Polizei rückte gegen 4 30 Uhr mit einem Riesenaufgebot an und hat in allerweitestem Umfang das ganze Stadt- ^sperrt. Es ist festgestellt, daß bei den nächtlichen Angriffen in der Hauptsache halbwüchsige Burschen beteiligt waren, welche einen regelrechten Borpostendienst und ein Hauptquartier unterhielten. Der Sturm auf das Polizeirevier in der Teltower- straße war ein ganz zentral angelegtes Unternehmen der vereinigten Banden. Die Straßenbahngesellschaft hat heute Morgen begonnen, die Barrikaden wepzu- raumen, um die Schienen für den Straßenbahnverkehr freizubekommen. Unter den Barrikaden liegen um- gestürzte Lastautos, Wagen usw. Die Kommunisten haben zahlreiche TelefonleituNgen und Lichtleitungen zerstört. Man befürchtet, daß sich die Vorgänge auch in den nächsten Nächten wiederholen werden.