HersfelöerTageblatt
h»rsfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
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Nr. 72
Dienstag, den 26. März 1929
79. Jahrgang
„Schlagende Gründe."
Alles mögliche ist schon versucht worden, um den politischen oder parteipolitischen Auseinandersetzungen die „schlagenden Gründe" zu entziehen; genützt hat es nicht viel. Genützt hat es auch kaum, wenn hier und da vielleicht einmal — z. B. vor einer Wahl — so eine Art Burgfrieden zwischen den verschiedenen Parteien und Verbänden vereinbart wurde und man allerseits die Zusicherung gab, sich lediglich auf mündliche Auseinandersetzungen zu beschränken. Bald war doch wieder der Krach da und dann spielten eben nicht bloß jene „schlagenden Gründe", also Zaunlatten, Steine oder was sonst zur Hand war oder rasch herbeigeholt, teilweise auch mitgebracht wurde, eine unerfreuliche Rolle, sondern das virtuos geführte standfeste Messer oder der Schlagring. Bisweilen, und nicht gerade sehr selten, auch der Stiefelabsatz. Hinterher haben dann die Ärzte zu tun oder — nichts mehr zu tun.
Wird daher die Mahnung noch Erfolg haben, die jetzt der preußische Innenminister an die politischen Verbände und die ihnen nahestehenden Parteien und Zeitungen richtet und die auch andere Landesminister hätten abgeben können, alle Anstrengungen zu machen und das Notwendige zu veranlassen, um der steigenden politischen Verhetzung und den durch sie hervorgerufenen, zum mindesten nicht verhinderten Kämpfen jener Art endlich einmal ernsthaft entgegenzuwirken? Es ist nicht die erste Mahnung dieser Art, nur wird sie diesmal verschärft durch die Drohung, zu einer Auflösung von Vereinen und Verbänden zu schreiten, die nichts tun, um solche Ausschreitungen zu verhindern, sie womöglich insgeheim noch fördern. Das gleiche wird in einem Erlaß des Ministers an die Polizeibehörden gesagt — allerdings geht er noch weit über die Drohung einer Auflösung insofern hinaus, daß er ein vorbeugendes Verbot von öffentlichen Versammlungen unter freiem Himmel oder Umzügen anordnet, wenn diese „eine unmittelbare Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellen", ebenso von geschlossenen Versammlungen, „die nach Beginn einen un- ipsÄm^^ ^ legun'g der Voraussetzungen für solche Auflösungen und Versammlungsverbote, weil sonst leicht der Vorwurf laut werden kann, daß bei ihnen auch wieder parteipolitische Erwägungen mitsprechen können. Andererseits können freilich gerade die Ortsbehörden am besten beurteilen, ob bei irgendwelchen parteipolitischen Veranstaltungen „Gefahr in Verzug" vorliegt.
Es ist geradezu traurig, daß es überhaupt zu diesem Erlaß erst noch kommen mußte! Aber gerade in letzter Zeit sind wiederholt parteipolitische Morde und Schlägereien vorgekommen, die ihre Opfer unter besonders üblen Umständen forderten. Das sind nicht mehr Körperverletzungen im parteipolitischen Affekt, sondern wohlvor- bereitete Handlungen, denen auch die Polizei häufig machtlos gegenübersteht. Traurig ist es, daß erst Versammlungsverbote notwendig wurden, um die Ruhe einigermaßen wiederherzustellen, daß also die,Staatsautorität eingesetzt werden mußte, um die parteipolitisch derart „Kämpfenden" auseinanderzubringen und vielleicht noch Schlimmeres zu verhüten! Das ist unwürdig eines Volkes, das den Anspruch erhebt, politisch reif zu sein, und bei dem nun eine Art Erziehungsarbeit einsetzen muß. Zum mindesten heute droht mit einer solchen zwangsmäßigen Beruhigung der unreifen Teile unseres Volkes, die im politischen Kampf zur rohen Gewalt greifen.
An Worten und Mahnungen hat es bisher wirklich nicht gefehlt, aber sie blieben, wie der preußische Innenminister erklärt, bedauerlicherweise vielfach ohne Erfolg. Noch einmal will er an die Parteien und Bünde seslbst appellieren, ihrerseits dem Kampf weniger schroffe, ruhe- störende Formen zu geben, noch einmal — aber zum letztenmal. Nützt es auch diesmal nichts, dann will er rücksichtslos die Macht des Staates einfetzen, weil es ja schließlich doch Hauptaufgabe des Staates ist, für Ruhe und Ordnung aud) bei der Austragung parteipolitischer Meinungsdifferenzen zu sorgen, den Schlagring nicht zur beliebtesten politischen Waffe werden zu lassen. Eins wird man in den angedrohten Maßnahmen noch vermissen, was aber bekanntlich leider nur zu oft gerade der Ausgangspunkt politischer Schlachten wurde: V e r s a m m - l u n g s s ch u tz. Das mehr oder weniger gewaltsame Sprengen von Versammlungen, das ja immer vorher genau "organisiert ist, müßte so weit wie irgend möglich verhindert oder, wo es doch geschieht, unter Strafe gestellt werden. Leider ist ein entfprechender Vorschlag 1924 im Reichstag abgelehnt worden, aber er wäre die — und zwar eine leider sehr notwendige — Ergänzung der angedrohten polizeilichen „Beruhigungsaktion". Hinter der freilich noch ein nicht gerade kleines Fragezeichen steht: wieweit läßt sie sich im Hinblick auf die vielfach allzu geringen Mannschaftsbestände der Polizei namentlich abseits der Großstädte überhaupt durchführen? Wiederholt !war sie ja viel zu schwach, um durchgreifen zu können. Was allein sie unterstützen kann, wäre auch ein energisches Durchgreifen der Parteien und Verbände ihren eigenen ^Mitgliedern gegenüber.
^Berufung eines schweizerischen Gelehrten nach Deutschland.
" Zürich. Dr. S. Kobel von der Versuchsanstalt Wädenswil, .ein bekannter Forscher aus dem Gebiet des Obstbaues, hat einen Ms als Leiter der Abteilung des Kaiser-Wilhelm-Jnstituls für Züchtungsforschung in Müncheberg erhalten.
Gsterfahrt rum
„GlafZepSelm"DerdemMielmm
Moderne Kreuzritter.
Das- Luftschiff „Graf Zeppelin" hat seine Winterfesseln abgestreift und befindet sich auf der Frühjahrsfahrt. Den Sehnsuchtsweg so vieler Deutscher im Mittelfllter hat Dr. Eckener mit seinen Gefährten und Gästen eingeschlagen, umalsmoderneKreuzritter zur Osterzeit dieheiligenStättendesMorgen- l a n d e s zu besuchen.
Als die Nacht, in der man auf Frankreichs argwöhnisches Geheiß hin die Fahrt antreten wollte, in Friedrichshafen einbrach, bestand wenig Hoffnung, daß der Start vonstatten gehen könnte, denn strömender Regen llnd eisiger Nebel hatten eingesetzt. Aber vom Atlantik her war der Zeppelin ganz anderes Wetter gewöhnt und Dr. Eckener entschloß sich um Mitternacht zur Fahrt. Vorher aber ereignete sich noch
ein tragikomischer Zwischenfall.
Die Begeisterung läßt sich auch durch strömenden Regen nicht abkühlen. In der Nähe des Eingangstores der Luftschiffhalle wurde ein junger Mann entdeckt, der Wind und Wetter, strömendem Regen und eisigem Nebel getrotzt hatte, um sich i n d a s L u f i s ch i f f e i n z u s ch l e i ch e n, das bereits startklar in der Halle lag. Die Polizei brächte den Eindringling zur Wache, wo festgestellt wurde, daß es sich um den zwanzigjährigen Kellner Friedrich Herzog aus salzburgischem Gebiet handelt, der nach Friedrichshafen übergesiedelt war, um die Orientfahrt des „Graf Zeppelin" als blinder Passagier mitzumachen. „Ich will Flugzeugführer werden," gab er bei der Vernehmung an. „Ich suche sä-on seit langer Zeit nach der Möglichkeit, die Mittel für Die Ausbildung zum Flieger aufzubringen. Nur eine c r, er ordentliche Tot sowie M^ulEfuulretk -auf mn# lenken, utsi meinen Lieblings- wunsch ausführen zu können. Als blinder Passagier im Luftschiff gefunden zu werden, hätte mir die ersehnte Be- kanntheit sofort verschafft. Nun ist es leider wieder nichts damit," schloß er traurig seinen Bericht. Nach der Vernehmung auf der Polizei wurde Herzog wieder auf freien Fuß gesetzt, da der Luftschiffbau Zeppelin bislang keinerlei Strafantrag Wege» unbefugten Eindringens in fremdes Eigentum gestellt hat.
Beinahe verschlafen.
Gegen 11.45 Uhr betreten die ersten Passagiere die Halle, unter ihnen die Gräfin Branden st ein- Zeppelin. Das Gepäck wird verstaut. Um 11.52 Uhr geht die Besatzung an Bord. Die Passagiere sind mit Ausnahme von Staatspräsident Bolz und Reichsverkehrsminister a. D. von Guerard vollzählig anwesend. Kurz darauf werden die Sandsäcke vom Schiff genommen. Punkt 12 Uhr gehen die meisten Passagiere an Bord. Da treffen auch Staatspräsident Bolz und Reichsminister a. D. von Gubrard ein. Man hört, daß sie n i ch t frühzeitig genug geweckt worden sind.
Luftschiff hoch!
Alles ist an Bord. Der letzte Ballast fällt. Das Schiff
Hugenbergs Brief an Amerika
„Unsere Sache i st eure Sache."
Zuerst durch Andeutungen Berliner Blätter und dann durch eine Veröffentlichung der Pressestelle der Deutsch- nationalen Partei wurde bekannt, daß Geheimrat Dr. H u g e n b e r g, der Führer der Deutschnationalen Volkspartei, einen Brief an sämtliche Senatoren und Abgeordnete der Vereinigten Staaten, an die dortigen Gouverneure und Bürgermeister, an alle führenden Zeitungen und an hervorragende Persönlichkeiten des wirtschaftlichen und geistigen Lebens in Amerika gesandt hat. Der Brief nimmt Stellung zu den gegenwärtig schwebenden Pariser Reparationsverhandlungen und wurde in der amerikanifchen Presse veröffentlicht. Die Auslassungen Dr. Hugenbergs sollen, wie die deutschnationale Pressestelle mitteilt, amerikanischen Anregungen entsprochen haben.
Aus dem Wortlaut.
Das Schreiben erklärt, die Pariser Verhandlungen gäben hervorragenden Mitgliedern des amerikanischen Volkes Gelegenheit, ihre wichtige Stimme im Sinne einer endlichen Befriedung Europas und damit der Welt in die Wagschale zu werfen.
Dann heißt es u. a. weiter: „Deutschland ist nicht in der Lage, die bisherigen Lasten aus eigener Kraft zu tragen. Nur die Anleihen, die ihm — in der Hauptsache von Amerika — gegeben wurden, ermöglichen die Zahlungen der Tribute an die Alliierten. Aus eigener Kraft hat Deutschland seit dem Dawes-Pakt nichts zu zahlen vermocht. Zurzeit also zahlen die Amerikaner die Tribullasten Deutschlands. Sie sind es, die — sicherlich ohne bösen Willen, aber tatsächlich — den Militarismus Frankreichs finanzieren, den Engländern ihren Flottenbau ermöglichen. Sie sind es, die auch dem Marxismus in Deutschland die Mittel in die Hand geben, staats- sozialistische und wirtschaftssozialistische Experimente zu machen. Die Deutschnationale Volkspartei will eine vernünftige und gerechte Lösung der Tributfrage und der damit verknüpften Fragen. Nur eine gerechte Endlösung gibt dem deutschen Volke die Möglichkeit, die Aufgaben neu zu er-
heiligen Lande
wird ausgewogen. Nachdem myn noch Wasser abgelasten ist Mes in Ordnung. Um 0,46 Uhr setzt sich das in Bewegung. Die Positionslaternen der Maschinengondeln blitzen auf und in wenigen Minuten daß Schlff im Freien. Der starke Wind treibt das Schfff sofort leicht nach Süden ab; aber schon ertönt das Kommando „Luftschiff hoch!". Die Motoren springen an. Die Zurückbleibenden rufen dem Schiffe die letzten Grüße zu, die von den Maschinisten mit Licht- signalen erwidert werden. Bald ist das Schiff in direktem Kurs nach dem Rhein den Blicken entschwunden.
Die Nacht über Frankreich.
Am Montag morgen um 2 Uhr wurde die Bevölkerung Basels durch starkes Motorengeräusch aus dem Schlafe geweätt. Es war der „Graf Zeppelin", der Basel in Richtung Marseille nberflog. Um 2 Uhr 12 Minuten Grenz? ^ Luftschiff die schweizerisch-französische
Um 7.45 Uhr französischer Zeit überflog es Marseille und schlug östliche Richtung ein.
Auf seiner nächtlichen Fahrt war das Luftschiff wegen der diesigen Luft meist schlecht zu sehen und nur das Propellergeräusch und die Lichter kündeten sein Kommen und Gehen.
Aufs Meer hinaus
ging jetzt die Fahrt in Richtung auf K o r s i k a, das um 12% Uhr mittags überflogen wurde. Die Gestade uralter Weltkultur bestaunten das Wunder modernsten Menschengeistes. Nach weiterer zweieinhalbstündiger Fahrt tauchten die Kuppeln der „Ewigen Stadt" auf:
Rom ist erreicht!
Die Stadt prangt noch im Festschmuck der großen Faschistenfeier des Vortages und der befreite P a v ft unb bet . in kwx 1^ neu- bestätigte Mussolini Hatten mit Tausenden von begeisterten „Schwarzhemden" Gelegenheit, den silbernen Luftriesen des Nordens zu begrüßen.
Italien Huldigt dem „Zeppelin".
Neapel. Bon Rom aus flog das Lufffchiff in südlicher Richtung an der Ostküste Italiens entlang und erschien gegen Abend über Neapel. Das Wetter und die Windverhältnisse sind äußerst günstig, und der Flug ist bisher ohne Zwischenfall verlaufen. Überall wurde das Luftschiff von der jubelnden und staunenden Menge, die rasch die Straßen und die Dächer beim Herannahen des Zeppelins füllte, mit Tücherschwenken begrüßt.
Der Brieffasten des „Zeppelin".
Das Lufffchiff befördert auf seiner Orientfahrt an Postsendungen vier Säcke mit rund 8500 Briefen und etwa 7000 Postkarten. Das Gesamtgewicht der mitgenommenen Post beträgt 94 Kilogramm.
Ein spanischer Transozeanslug.
; Die spanischen Flieger Jglestas und Jimenex sind in iSevilla mit ihrem Flugzeug „Jesus del Gran Poder" gestartet, um einen Transozeanflug nach Südamerika (Landungsziel wahrscheinlich Rio de Janeiro) zu ver- suchen.
ruuen, die ihm seine geographische Lage zuweist, den Schutz der zivilisierten Welt vor dem Bolschewismus, eine Aufgabe. in der eigentlich die gebildeten, einsichtigen und fortschrittlichen Elemente der Welt zusammenstehen sollten. Treibt man es durch eine unvernünftige Politik und durch untragbare Lasten zur Verzweiflung, so treibt man es dem Bolschewismus in die Arme. Dann erst ist Deutschland eine Gefahr.
Die Deutschnationalen bejahen den Begriff des Privateigentums, die Grundlage eines jeden staatlichen Lebens. Wir lehnen daher einen Pakt mit den Sozialisiert ab. Wir lehnen daher — als einzige große Partei Deutschlands — eine Regierungsgemeinschaft mit den Sozial- demokraten ab.
Unsere Sache ist die Sache aller derjenigen Elemente, die den Kamps gegen das Chaos wollen. Macht man uns durch eine unvernünftige Regelung der Tributlasten den Kampf unmöglich, dann bricht das Chaos über Deutschland und damit über Europa herein und bringt schließlich die ganze zivilisierte Welt in Gefahr. Unsere Sache ist eure Sache."
Als erste amerikanische Äußerung zu diesem Brief liegt diejenige der „New Uork Times" vor. Sie besagt: „Stresemanns Probleme wie auch die Bestrebungen der deutschen Bankiers, eine Lösung der Reparationsfrage zu erreichen, werden durch die Deutschnationalen nicht erleichtert. Wenn auch zu erwarten ist, daß Berlin den Ergebnissen der Reparationskonferenz kritisch gegenüberstehen werde, wie immer sie ausfallen mögen, so bedeutet doch die Vorankündigung seitens der Deutschnationalen, daß sie nicht mitarbeiten werden, eine Drohung, die niemanden schreckt, Deutschlands Stellung in der Welt jedoch wenig nützt.
Ein aggressiver Diplomat.
, ^ien. Im Wiener Grand Hotel kam es bei dem Abschieds- fouper für den Sekretär der spanischen Gesandtschaft, Villa-
•' zu einem argen Exzeß. Als der Nachtportier den spanischen Legationsrat Propere ersuchte, mit Rücksicht aus die anderen Gäste weniger zu randalieren, antwortete ihm dieser mit einem .Hieb auf den Kops. Die herbeigerufene Wache nahm über den Vorfall ein Protokoll auf, konnte aber selbstverständlich den exterritorialen Exzedenten nicht festnehmen.