HersfelöerTageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeiö
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mit des Beilagen: gllußrierteS Aalrrhaliangsblatt / Nach Aelersbens / HerZ anS Scholle / Antrrbsltnng nok Wissen Beledrang rmS Kurzweil / Wirksckaftlkcke Tagesfragen.
Nr. T0
(Erstes Blust)
Zündstoff.
S. O. S, — Dem Staatsanwalt übergeben. — Morsche Grundmauern.
So leicht dringt die Stimme eines einzelnen in dem Lärm unserer Tage nicht an die Ohren aller, die es an- geht, aber der Warnruf, den der Oberbürgermeister der Reichshauptstadt, der Mann mit dem guten Namen B ö ß, diese Woche im Preußischen Staatsrat bei der Beratung des Finanzausgleichgesetzes ausgestoßen hat, verdient es ganz bestimmt nicht, ungehört zu verhallen. Der Wasserkopf Berlin beklagt sich schon feit langem über die steuerliche Benachteiligung, der er unter Verletzung einfachster Gebote der Gerechtigkeit ausgesetzt sei, und er soll sich abermals mit der Verlängerug dieses Zustandes auf ein Jahr abfinden, nur weil eben im Reich an eine endgültige Ordnung dieser verwickelten Finanzbeziehungen zwischen Reich, Ländern und Gemeinden noch immer nicht zu denken ist. Herr Böß aber benutzt diesen Anlaß zu der recht auffällig unterstrichenen Erklärung, daß die Unzufriedenheit in Berlin und die Verdrossenheit seiner Bevölkerung gegenüber Preußen allmählich ein Maß annehme, das gefährlich zu werden drohe. Bei den im kommenden Winter zu vollziehenden Kommunalwahlen werde man in Berlin einen Ruck nach der äußersten Linken erleben, den jetzt vielleicht noch niemand für möglich halte.
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Das klingt aus diesem Munde wie ein S.-O.-S.-Ruf, ausgestoßen in höchster Not. Er bringt die Tatsache in Erinnerung, daß vor kurzem bei den Betriebsratswahlen der Städtischen Groß-Berliner Verkehrsaktiengesellschaft die Kommunisten zur allgemeinen Überraschung die Mehrheit in dieser Körperschaft errungen haben, so daß jederzeit mit einer öffentlichen Verkehrskatastrophe gerechnet werden kann. Die Kommunisten brauchen nur zu wollen, and alle Räder stehen wieder einmal still in Berlin, das Zustände dieser Art noch in sehr guter Erinnerung hat. Daß aber der in der Reichshauptstadt angesammelte Zündstoff sich mit der Schnelligkeit eines Flugfeuers über das ganze Land ausrubreiten vermag, ii; u. rdjä^
<»ne nur zu bekannte Tatsache. Der Oberbürgermeister ist sich gewiß der Ermunterung bewußt gewesen, die seine Worte für die Sache der äußersten Linken bedeuten. Wenn er es trotzdem für richtig hielt, sich an so hervorragender Stelle in diesem Sinne vernehmen zu lassen, so muß wohl nun auch dieser nüchterne und nicht gerade zu Übertreibungen neigende Mann unsere innenpolitische und unsere wirtschaftliche Lage als in hohem Grade gefährdet ansehen.
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Die Kommunisten werden, das läßt sich ohne weiteres voraussehen, auch aus einem anderen Vorgang dieser Tage in ihrer Weise nach Kräften Kapital zu schlagen wissen. Nach dem Beschluß des Preußischen Landtages muß die Regierung den Direktor der Berliner Porzellanmanufaktur, einen in Künstlerkreisen sehr geschätzten Fachmann, dem Staatsanwalt übergeben, weil er sich in den vier Jahren seiner Amts- und Geschäftsführung einer ziemlich ausgesprochenen geldlichen Mißwirtschaft zum Schaden des Staates schuldig gemacht haben soll. Ein in Preußen bisher unerhörter Fall, der außerordentlich zu bedauern und zu beklagen ist. Unbekümmert darum, daß es sich hier nicht um einen Beamten int eigentlichen Sinne des Wortes, sondern um einen durch Privatvertrag für die Leitung eines in der ganzen Welt von früher her bestens bekannten Staatsbetriebes angeworbenen Künstler handelt. Die Dinge, die nun vor Gericht ihre volle Aufklärung finden sollen, schmecken stark nach Korruption, von der wir mehr als genug vernommen haben. Sollte hier nicht eine der vielen Schattenseiten des von Grund auf veränderten Verhältnisses zwischen Staat und Wirtschaft in die Erscheinung treten? Sollte der Staat sich nicht allmählich doch viel zuviel zutrauen, und sollte nicht gerade hier, im Umkreis der immer gewaltiger anschwellenden öffentlichen Hand, ein Abbau in erster Reihe sich empfehlen, wie es von den in schwerer Not um ihre nackte Existenz ringenden Gewerbetreibenden immer stürmischer verlangt wird?
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Für uns Deutsche kann es jedenfalls nur ein schwacher Trost sein, daß zu gleicher Zeit auch bei unseren lieben Nachbarn, den Polen, ein hoher „Funktionär", in diesem Fall der eben erst gestürzte Finanzminister, vor den Staatsgerichtshof gestellt wird, um sich dort wegen rechtswidriger Verausgabung großer Geldsummen zu verantworten. Dieser Herr Czechowicz will alles, was er verbrochen haben soll, um der schönen Augen des Marschalls Pilsudski willen getan haben, der ihm — begreiflicherweise — ungleich höher stand als die politische Verfassung und als der Polnische Sejm. Er braucht sich, für seine Person, vielleicht wegen des Ausganges dieses Prozesses keine grauen Haare wachsen zu lassen, aber für den nun schon seit Jahren schwelenden Kampf zwischen dem Diktator und der parlamentarischen Körperschaft, die sich in Warschau noch immer den Namen einer Volksvertretung beilegt, birgt die Verweisung dieses ehemaligen Ministers vor den Gerichtshof der Republik unzweifelhaft einen gefährdeten Zündstoff, der, wenn er zur Explosion gebracht wird, die Grundmauern dieses jungen und doch wohl schon einigermaßen morsch gewordenen Staats- wechenS ohn« weiteres zum Wanken bringen kann.
M : ®«-e»-
Sonnabend, den 23. März 1929 79. Jahrgang
Dr. Schacht beim Reichskanzler
Was soll Devischland zahlen?
Angeblich 1% Milliarden pro Jahr.
Reichsbankpräsident Dr. S ch a ch t, einer der Vertreter Deutschlands auf der Pariser Reparationskonferenz, ist Freitag in Berlin eingetroffen, um an einer wichtigen Sitzung der Reichsbankleitung teilzunehmen. Mit ziemlicher Sicherheit erwartet man, daß Dr. Schacht seinen Berliner Aufenthalt dazu benutzen wird, um sowohl dem Reichskanzler wie den besonders interessierten Einzelministern Aufschluß zu geben über den gegenwärtigen Stand der Schuldenverhandlungen. Wie aus Amerika gemeldet wird, soll Dr. Schacht beauftragt sein, ein neues internationales Angebot der Reichsregierung zur Kenntnis zu bringen. Ob diese Nachricht zutrifft, läßt sich natürlich mit Sicherheit nicht feststellen, da über das Fortschreiten der Besprechungen in Paris strengste Verschwiegenheit proklamiert ist.
In maßgebenden deutschen Kreisen steht man diesen aus dem Auslande kommenden Nachrichten ziemlich zurückhaltend gegenüber, da vorläufig noch gar nicht geklärt ist, welche Anschauungen bei den entscheidenden Stellen der
Montag ZrWMMahrt des „Zeppelin".
Ein viertägiger Mittelmeerflug.
Am 25. März wird das Luftschiff „Graf Zeppelin" bei günstiger Witterung seine auf etwa vier Tage berechnete M i t t e l m e e r f a h r t antreten. Dr. E ck e n e r wird die Fahrt selbst leiten, an der 68 Personen teil- nehmen werden, und zwar 40 Mann Besatzung, 3 Vertreter der Friedrichshafener Lufftchiffwerft und 25 Fahr- gäste. Unter ihnen werden sich wahrscheinlich Reichstagspräsident. Löbe, zwei Mitglieder des IMHLwges und ein reinerer des Wirtschaftsministeriums befinden. Das Luftschiff ist mit den auf den verschiedenen Werkstätten- fahrten ausgeprobten technischen Neuerungen, wie Heizanlagen und neuen Funkeinrichtungen, versehen. Voraussichtlich wird die Fahrt über Südfrankreich und das Mittelmeer an der afrikanischen und asiatischen Küste entlang gehen. Möglich ist es, daß im Anschluß daran auch Wien ein Besuch abgestattet wird. Aus die endgültige Festsetzung der Abfahrtszeit und der Fahrtlinie wird die Wetterlage _ ausschlaggebend sein.
Noch keine Klärung
des Jannowitzer Mordes.
Graf Christian im Verhör.
Die Vernehmung des wegen des Verdachtes des Vatermordes verhafteten Grafen Christian zu Stol - berg-Wernigerode, gegen den die Voruntersuchung wegen vorsätzlicher Tötung nunmehr eingeleitet ist, soll sehr widerspruchsvolle Äußerungen des Grafen gebracht haben. Im einzelnen wird über das bisherige Ergebnis der Untersuchung vorläufig strengstes Stillschweigen bewahrt.
Sowohl bei der Staatsanwaltschaft wie beim Gericht laufen zahlreiche anonyme Briefe ein, in denen die Schreiber die verschiedenartigsten Mitteilungen über die angebliche Täterschaft machen.
Hier geschah der Mord!
Das Rentmeisterhaus im Jannowitzer Schloßpark, in dem Graf Eberhard zu Stolberg-Wernigerode ermordet wurde. Der Pfeil bezeichnet das Mordzimmer. Auf dem Hof befindet sich das Auto der Mordkommission.
Wie weiter verlautet, erscheint es nach dem bisherigen Stand der Untersuchung ausgeschlossen, daß in absehbarer Zeit eine Aufklärung der Jannowitzer Vorgänge erfolgen kann. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird ein Berliner Kriminalkommissär mit der weiteren Aufklärung betraut werden. Der Rechtsbeistand des Grasen Christian, Rechtsanwalt Dr. Rusche, hatte in Gegenwart des Untersuchungsrichters Thomas eine einstündige Unterredung mit dem Verhafteten im Untersuchungsgefängnis. Der Angeklagte hat hierbei einen ziemlich sicheren Eindruck gemacht.
anderen Mächte in bezug auf die deutsche L e i st u n g s - f ä h i g k e i t bestehen. Kein Angebot, das über diese Leistungsfähigkeit hinausgcht und sich falschen Ansichten über den Stand der deutschen Wirtschaft hingibt, hätte Aussicht auf ernsthafte Berücksichtigung.
Das angebliche Angebot.
Die «mexikanischen Meldungen sprechen von einer deutschen Jahreszahlung von Milliarden Mark. Mit diesem Angebot soll Dr. Schacht von Paris nach Berlin abgereist sein. In dieser Zahl seien sämtliche Jahresleistungen einbegriffen. Das Angebot soll an einige Bedingungen geknüpft sein, über die jedoch vorläufig noch nichts bekannt sei. Auch die Anzahl der Jahre soll bereits fest- gelegt sein. Dr. Schacht habe sich zu diesem Angebot noch nicht geäußert, sondern wolle in Deutschland zusammen mit den maßgebenden Wirtschaftsgruppen die Lage prüfen.
Um irgendwie ein Urteil abgeben zu können, müßte natürlich zunächst die Anzahl der Jahre, während derer die Milliarden gezahlt werden sollen, bekannt sein. Darauf kommt es an; ehe nicht die Daue- der Zahlungsverpflichtung genannt ist, schweben alle Erwägungen in der Luft.
Lan-lvirtsvertreter beim Reichskanzler.
Prüfung ihrer Anregungen.
Als Vertreter der Landwirtschaft sprachen beim Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, Dietrich, die Herren Brandes, Schiele, Hermes und Fehr vor. Die dem Reichskanzler von den Land- wirlssührern überreichte Denkschrift vm«Sa ^s^"^ "" orten. Der Reichsminister Mte fest, daß er bereits einen bestimmten Vorschlag zur Regelung der Getreide- preise gemacht habe, und daß im übrigen auch die jetzt von landwirtschaftlicher Seite vorgeschlagene Lösung schon im Herbst vorigen Jahres erwogen und nach allen Richtungen hin durchgeprüft worden sei.
Um die Vieh- und F l e i s ch p r e i s e zu bessern, habe die Reichsregierung eine Reihe von Maßnahmen in die Wege geleitet, so die Angleichung der Viehzölle an die Fleischzölle, die Aussperrung des bisher noch zu- gelassenen Büchsensleisches die Erhöhung des Schmalzzolles, endlich sei auch ein Gesetz unterwegs, welches für eine einheitliche Handhabung der Seuchenpolizei in den Seegrenzschlachthöfen Sorge trage. Die Organisation der Milch- und Molkereiwirtschaft sei in vollem Gange und das verlangte Milchgesetz bekanntlich vor einigen Tagen den Landesregierungen und Interessenten zur Stellungnahme zugeleitet.
Im Anschluß an die Besprechung beim Reichsminister Dietrich empfing der Reichskanzler die Herren und nahm ebenfalls ihre Vorschläge entgegen. Der Reichskanzler stellte sofort Überprüfung der Anregungen in Aussicht und bemerkte, daß das Reichskabinett sich bereits wiederholt mit den einschlägigen Fragen befaßt habe. ES gelte zurzeit, neue Wege zu finden, um die Rotlage der Landwirtschaft zu «cheben. .. „ . . .. . > l x ............ • " ’ ' " '
Nochmals die lltrechter Dokumente.
„Wie vor 1 9 14.
Die Utrechter Dokumentenangelegenheit wurde bei den Beratungen über den Haushalt des Ministeriums deS Auswärtigen in der Ersten Holländischen Kammer von Abgeordneten zur Sprache gebracht. Der Abgeordnete Professor van Embden führte u. a. aus, die Veröffentlichung der Utrechter Dokumente habe in mancher Hinsicht günstige Folgen gezetttgt. Vor allem habe es sich herausgestellt, daß die falschen Schriftstücke vom belgischen Spionage- drenst hergestellt worden seien.
., ?" Abgeordnete de Savornin-Lohmann befaßte sich holländisch-belgischen Verhandlungen. Nur als gleichberechtigte Parteien könnten beide Länder mitein- ander unterhandeln. Der Abgeordnete Polak erklärte u. a., in Europa herrsche zurzeit wieder eine Atmosphäre wie vor dem Jahre 1914: es beklebe ein förmliches Relr
a herrsche zurzeit wieder eine Atmosphäre n t , ^Ke 1914; es bestehe ein förmliches Netz von geheimen Militärverträgen.
Die niederländische Regierung soll jetzt Beweise in die H.Wd bekommen haben, daß die Unterschriften des bel- Srsaien Obersten Michem und des Chefs des belgischen Generalstabes Galet, die sich auf zwei der in Holland be- frndlichen Dokumente befinden, falsch sind.
Die sächsischen Landlagswahlen ungültig.
„ , r/iVäiO. Reichsgerichtspräsident Dr. Simons hat alS Urteil des Staatsgerichtshofes für das Deutsche Reich in der A^ttaMngsstreitfrage der sozialdemokratischen Fraktion des . Landtages gegen das Land Sachsen verkündet:
1. Die Wahl vom 31. Oktober 1926 zum Sächsischen Landtag ist ungültig. 2. Die Regierung des Freistaates Sachsen ist ver- pfnchtet, Neuwahlen herbeizuführen. In der Begründung wwh erklärt, dieses Urteil bedeute nicht, daß die bisherige Tätigkeit des Landtages null und nichtig sei.