HersfelöerTageblatt
hersfel-er Kreisblatt
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mit den Beilagen: Illustriertes AnlerhaltangSblatt / Nach Aeleeabmß / Herd und Scholle / Auterhaltang vud Wissen Belehrung nuö K«r;we!l / WirtschaKlkckr Taoesfragen.
Nr. 44
Donnerstag, den 21. Februar 1929
79. Fahrgang
Katastrophe unter der Erbe
Zm brennende« Zuge
unter dem Hudsonfluß.
1 000 Passagiere in Lebensgefahr.
In Newyork geriet aus der Untergrundbahnstrecke nach Hoboken zur Zeit des großen AbendverkehrS ein vollbesetzter Untergrundbahnzug unter dem Hudsonflutz in Brand. Die plötzlich ausschlagenden Flammen und der schnell zunehmende dichte Rauch und Qualm verursachte» eine außerordentliche Panik unter den Fahrgästen. Von den 150 Fahrgäste«, die bei dem Brand Verletzungen oder Rauchvergiftungen erlitten haben, find 50 schwer verletzt worden. Sechs Verwundete liegen im Sterben. Der Führer des Zuges ist tot.
Der Brand im Untergrundbahnzug entstand infolge Kurzschlusses unter dem Hudson etwa 200 Meter vom User entfernt. In den vorderen Wagen machte sich sofort starke Rauchentwicklung bemerkbar. Da bei der Newyorker Untergrundbahn die Türen automatifchschließen, konnten die Fahrgäste nicht flüchten. Es entstand ein riesiges Gedränge. In den Wagen wurden
alle Scheiben eingeschlagen, um Lust zu schaffen, bis die Hilfsmannschaften mit Licht eintrafen. Die Türen wurden dann geöffnet und die Fahrgäste zur nächsten Haltestelle geführt. Viele der Verletzten mußten auf Tragbahren fortgeschanfft werden.
Die Darstellungen der Passagiere aber die Ursache des Brandes weichen voneinander ab. Die einen wollen ihn auf K n r z s ch l u ß zurückführen, die anderen behaupten, Zeitungs- und andere Papierabfälle, die neben den Gleisen lagen, hätten sich entzündet. Als die Flammen an den Wagen des betrogenen Zuges »Wff?iWi.<O^^ stoßend, in die hinteren Wagen gestürzt, wo sie von den ahnungslosen Insassen zunächst heftig abgewehrt wurden. Es kam zu Kämpfen, bei denen
nicht nur Kleider zerrissen, sondern auch Personen verletzt
wurden. Viele wurden ohnmächtig. Nur mit größter Mühe gelang es, die Passagiere, die vielfach durch die Panik völlig verwirrt waren, zu Fuß durch den Tunnel nach Newyork zurückzuführen, was fast zwei Stunden beanspruchte. Viele brachen zusammen, als sie die frische Luft erreichten.
Die P a n i k unter den etwa 1000 Passagieren des brennenden Zuges hat, wie den Augenzeugenberichten zu entnehmen ist,
Die unsichere Wetterlage
Wettere Verschärfung der Kälte?
Winterregenbogen und Nebensonnen.
Die Wetterlage in Deutschland und den Nachbarländern ist unsicher. Es muß damit gerechnet werden, daß das Frostwetter auch in der nächsten Zeit noch anhält und sich vielleicht sogar noch verschärft; anderseits aber liegen keine Anzeichen dafür vor, daß die Temperaturen noch-einmal so tief sinken werden wie in der Februarmitte. Die Einwirkung der Sonne macht sich bei klarem Himmel besonders in den Mittagsstunden denn doch schon recht angenehm bemerkbar und hier und da taut es dann sogar ein bißchen. Die Nächte dagegen sind noch recht kalt und dürften es einstweilen auch bleiben. Wctterspezialistcn erklären energisch, daß man der immer wieder auftketcnden Meinung, daß der Golfstrom seine Richtung geändert habe und dadurch die Schuld an diesem ungewöhnlichen Winter trage, trotz alledem keinen Glauben schenken dürfe. Wer oder was aber sonst die Schuld trägt, darüber find die Gelehrten unter sich noch lange nicht einig.
Die tiefsten Temperaturen wurden Mittwoch früh in der Umgebung von S t e t t i n mit 22 und bei Hannover mit 20 Grad unter Null beobachtet. Berlin hatte um dieselbe Zeit „nur" 15 Minusgrade und Königsberg i. Pr. gar nur 11. In Berlin und Umgebung konnte man Dienstag zwei seltene Himmelserscheinungen beobachten: zwar merkwürdigerweise noch immer kein Nordlicht, aber doch einen Winterregenbogen am Rande einer stärkeren Nebeldecke, hervorgerufen durch «die Strahlenbrechung auf den Schneekristallen, und einen 'Sonnenring mit mehreren sogenannten Nebensonnen, die schwach die Farben des Regenbogens erkennen ließen.
§ Was die andern melden.
Auf dem ganzen übrigen europäischen Festlande ist keine besondere Veränderung der Wetterlage eingetreten. In Südfrankreich betrug Mittwoch die Durchschnittstemperatur minus 6 Grad, im mittleren Frankreich bis zu 18 Grad minus. In Nordeurova war die Wetter
geradezu phantastische Formen
angenommen. Viele, die aus eigene Faust zu flüchten versuchten, liefen nach der falschen Richtung und irrten dann in dem Tunnel umher, bis es der Polizei gelang, sämtliche Versprengte zu sammeln. Auch dann boten sich ihrem Abtransport große Schwierigkeiten, da hinter dem in Brand geratenen Zug sich eine ganze Reihe von Newyork kommender weiterer Züge angesammelt hatte und wegen der Enge des Tunnels die Zurückgeleiteten ihren Weg durch dir Mittelgänge der haltenden Züge nehmen mußten.
Die ersten wirren Nachrichten über das Unglück im Untergrundbahntunnel riefen eine
außerordentliche Aufregung in Newyork
hervor, die erst abnahm, als bekannt wurde, daß bei dem Brand des Hudsonzuges keine Menschen ums Leben gekommen seien. Immerhin hat sich die Mehrzahl der 500 Passagiere in ärztliche Behandlung begeben müssen. Die Rettung der Passagiere glückte dank der vorzüglichen Organisation der erforderlichen Hilfsmaßnahmen. Ambulanzen, Feuerwehr und die Polizei waren sofort zur Stelle. Wenn die Herausführung der Insassen des in Brand geratenen Zuges dennoch über zwei Stunden dauerte, so lag das an der Entfernung von der nächsten Station. Das ruhige und besonnene Verhalten der Sanitäter und auch der Angestellten der Untergrundbahngesellschaft sowie der Feuerwehrmann- schasten trug erheblich dazu bei, daß der Brand nicht noch schwerere Folgen hatte. *
Der Tod im Bergwerk.
In Kattowitz ereignete sich auf der Ferdinandgrube ein schweres Explosionsunglück, das drei Todesopfer forderte. Auf der 500-Meter-Sohle explodierte beim Losgehen eines Sprengschusses Kohlenstaub. Die vor Ort arbeitenden drei Bergleute wurden durch die große Stichflamme vollständig verbrannt. Die Explosion war so gewaltig, daß die ganze Strecke außer Betrieb gesetzt werden mußte. Die Schienen der Streckenbahn sowie ein 40 Zentner schwerer Haspel Md vollständig zerstört irÄÄ*^»^ gebrochen sei, und flüchteten nach dem Schacht.
*
Von flüssiger Luft zerrissen.
Im Kaliwerk Kaiserroda ereignete sich im Schacht ein folgenschweres Explosionsunglück. Zwei Arbeiter waren damit beschäftigt, Sprengarbeiten mit flüssiger Luft aus- zuführen. Aus noch nicht bekannter Ursache explodierte ihre Sprenghülse. Die Wirkung war furchtbar. Die beiden Bergleute wurden sofort getötet und bis zur Unkenntlichkeit zerrissen. Zwei andere Arbeiter wurden durch den ungeheuren Luftdruck in einer Entfernung von 100 Metern zu Boden gerissen. Der eine erlitt einen Nerven» schock, der andere geringfügige Verletzungen. Die Explo- tlon war so gewaltig, daß eine 1,50 Meter dicke Mauer glatt hinweggefegt und Maschine« sowie Förderwagen umgeworfen wurden. j
lage unverändert mit Minustemperaturen bis zu 31 Grad, in Rußland mit Temperaturen bis zu 35 Grad unter Null. Griechenland meldete außer neuer Kälte zahlreiche Überschwemmungen. Vom Zwölferkogel bei Bad Aussee wurden Notsignale gesehen, die man auf im Schneetreiben verirrte Bergsteiger oder Holzfäller zurück- führte. Eine ausgesandte Hilfstruppe konnte keine Spuren von Verunglückten finden. Infolge der furchtbaren Kälte — es wurden nachts minus 33 Grad gemessen — erlitten fünf Teilnehmer der Nettungsexpedition schwere Erfrierungen.
Kältefolgen in Schleswig-Holstein.
In Jmkerkreisen der Provinz Schleswig-Holstein herrscht große Sorge, weil durch Fehlen jeder Möglichkeit für die sonst im Januar oder Februar üblichen „Reinigungs- flüge" große Verluste im Bienenvolk befürchtet werden müssen. Auf dem Wege von Ohrstedt nach Mitteldeutschsind sämtliche 70 Fettschweine eines Transportes erfroren. In Schwärzende! hat man auf dem Friedhof in einigen Fällen Gräber nur unter Zuhilfenahme von Sprengpatronen anlegen können.
Mündelsicherheii.
Reform der bestehenden Gesetze.
Die Arbeiten zur Reform der Mündelsicherheit haben dazu geführt, daß der Reichsminister der Justiz den gesetzgebenden Körperschaften zunächst einen Gesetzentwurf vorgelegt hat, wonach das Gesetz vom 23. Juni 1923 aufgehoben werden soll.
Dieses Gesetz hat den Zwang, Mündel- und Kindesgeld in bestimmten sicheren Werten anzulegen, insoweit gelockert, als es dem Vormundschaftsgericht die Befugnis gegeben hat, die Erlaubnis zu einer anderweitigen Anlegung auch ohne besondere Gründe zu erteilen. Außerdem hat das Gesetz vorgeschrieben, die Erlaubnis zur abweichenden Anlegung nur zu verweigern, wenn die Art der Anlegung einer wirtschaftlichen Vermögensverwaltung zuwiderlaufen würde. Künftig sollen die einschlägigen Vorschriften wieder die ursprüngliche Fassung erhalten.
Lteberraschungen.
Von einem Parlamentarier wird über die Reichstagssitzung, die verschiedene Entschließungen zur Rentnerfürsorge brächte, über die damit verbundenen politischen Vorgänge geschrieben:
Nicht bloß, laut Schiller, ist die Jugend schnell fertig Mit dem Wort, sondern auch der Reichstag und nicht minder gilt für ihn der Hinweis: »doch hart im Raume stoßen sich die Sachen". Meist sieht man das beizeiten ein und vermeidet es — wenn man nämlich als Regierungspartei selbst dafür verantwortlich ist —, Anträge zu stellen, deren Durchführung die Regierung in die größte Verlegenheit bringen kann. Freilich nicht immer und dann fällt aus des Gegners Mund das harte Wort von „demagogischen" Anträgen. Ganz peinlich wird die Geschichte aber dann, wenn durch irgendein taktisches Manöver derartige Anträge zur Annahme gelangen, weil man dann sozusagen im Eisen festsitzt, das man selbst aufstellte. Dann freut sich — die Opposition und der Außenstehende wundert sich.
So sind im Reichstag allerhand zwar sehr populäre, aber in ihren Auswirkungen zunächst ganz unübersehbare, sicherlich auch teilweise kaum durchführbare Anträge von Regierungsparteien eingebracht und angenommen worden. Eigentlich drehte es sich dabei um das besonders traurige Kapitel der Kleinrentnerfürforge. Was dabei unmittelbar herauskam, war die Annahme eines Antrages, der von der Regierung die Vorlage eines Rentnerversorgungsgesetzes verlangt, ohne allerdings einen Termin hierfür zu setzen; außerdem wurde ein Antrag angenommen, der eine Verbesserung der Rentnerfürsorge durch Reichsgesetz herbeigeführt wissen will. Der Kampf ging aber um die D e ck u n g s m i t t e l und nun fiel zunächst einmal die Regierungskoalition auseinander bei der Abstimmung über den Antrag der Wirt- schaftspart'ei, wonach Reich, Länder und Gemeinden Pensionen über 12 0 0 0 Mark nicht mehr bezahlen sollen. Das ist natürlich ein sehr populärer
Maa. besonders, da die Beträge, die auf diese Weise ^1üc>*W bfe nöilewe-rdrn K^nrentner ver- wendet werden sollen. Ob man sich öle Konsequenzen dieses Antrages allzusehr überlegt hat, darf man an- gesichts der Tatsache bezweifeln, daß er sozusagen an 8 heiterem Himmel kommt; und wieviel Geld auf diese Art nun für die Kleinrentner locker wird, läßt sich im Augenblick auch nicht sagen.
Nun wollte eine Regierungspartei — in diesem Falle die Sozialdemokratie — sich noch populärer machen: sie stellte den Antrag aufnachträglicheBesteuerung der Jnflationsgewinne und jener Vermögen, die sich ungeschädigt durch die Inflationszeit hindurchgerettet haben. Das war aber wohl nur so beabsichtigt, daß hoffentlich alle anderen Parteien dagegen stimmen würden, — das Zentrum tat es jedoch nicht, stimmte vielmehr mit Ja und nun kann der Finanzminister Dr. Hilfer- ding sich hinsetzen und ein derartiges Gesetz ausarbeiten, von dem er ganz genau weiß, daß es eine glatte Unmöglichkeit ist. Was übrigens der sozialdemokratische Finanzsachverständige Keil schon vor fünf Jahren zugegeben hat, weil ein solcher Vorschlag steuertechnischundurch- f ü h r b a r ist. Und jetzt, sechs Jahre nach der Inflation, erst recht.
Dazu kam aber noch eine dritte Überraschung: immer find die Sozialdemokraten dagegen gewesen, ein besonderes Kleinrentner versorgungsgesetz zu schaffen, das einen Rechtsanspruch auf staatliche Rente denjenigen zusprechen sollte, die vor dem Kriege und der Inflationszeit hauptsächlich von den Erträgnissen ihres Kapitals gelebt haben. Alle Rentner, also auch die Sozialrentner, sollten von einem solchen Gesetz umfaßt werden, und die Kleinkapitalisten von einst, die Kleinrentner von heute, unterlägen als Notleidende nur der Fürsorge, hätten keinen besonderen Rechtsanspruch an das Reich, etwa als seine Gläubiger, weil das Reich von sich aus seine Schulden gestrichen hat. Jetzt nun, nachdem das Zentrum dem sozialdemokratischen Antrag auf Schaffung einer Jnflationssteuer zur Annahme verhalf, wodurch — angeblich — die Mittel für eine Kleinrentner Versorgung hereingebracht werden können, »rußte die Sozialdemokratie die deutschvolksparteiliche Zusatzentschließung an- «ehme«, wonach den Kleinrentnern nun doch ein der- artiger Rechtsanspruch zustehen soll —, was der Reichs- arbeitsminister Wissell noch am Tage zuvor als „unsozial" bezeichnet hatte!
«in ziemliches Durch, und Gegeneinander also, das teils Heiterkeit, teils Verlegenheit hervorrief, dem Ansehen der Reichstagsfraktionen und -Parteien aber wirklich nicht gerade dienlich ist. Man munkelte: das Zentrum habe mit der überraschenden Zustimmung zu dem offenbar nur propagandistisch gemeinten Antrag einer Jnflationssteuer nur eine Art „Erziehungsarbeit" an der Sozialdemokratie leisten, ihr auch zeigen wollen, daß eine Regierungspartei keine derartigen Anträge stellen darf Bei den Verhandlungen über die Ausdehnung der Krisenfürsorge war ja auch allerhand Merkwürdiges in dieser Art passiert. „Opposition" und Regierungspartei zu spielen, will die Zentrumspartei der Sozialdemokratie offenbar abgewöhnen; Dr. Marx hat neulich in einer Zentrurusversammlung dahingehende Andeutungen ge« macht
Daß diese Dinge sich nun aber gerade bei der Be- harrdlungher Kleinrentnerfrage abgespielt haben, wirst