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herssel-er Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
mit bea Beilagen: Illustriertes AuterhaltongSdlatt / Nach deLeradend / Herv und GGolle / Auterbaltuua Kuh Wissen Belehrung und Kurrweil / Wirtschoftlichr Ssgestrasen.
Nr. 43 Mittwoch, bea 20. Februar 1929 7g. Jahrgang
3m Parlament soll Stimmig heWen!
VeWüer Schutz des Reichstages.
Die neuen Maßnahmen gebilligt.
Die mehrfachen unliebsamen Vorkommnisse im Reichstage, die zum Teil durch ausgeregte und hemmungslose Abgeordnete, andererseits durch unberechtigtes Eingreifen von den Zuhörertribünen hervorgerufen wurden, haben den Reichstagspräsidenten Löbe veranlaßt, eine Reihe neuer Ordnungsmaßnahmen für den Reichstag vorzu schlagen. Durch diese Bestimmungen sollen in Zukunft die erwähnten turbulenten Szenen, die mehrfach sogar zum Abbruch der Sitzung führten, vermieden werden. Der Ältestenrat des Reichstages hat nun Dienstag die Bor- schläge des Reichstagspräsidenten gebilligt.
Mit dieser Verschärfung der Ordnungsmaßnahmen muß sich noch der Geschäftsordnungsausschuß beschäftigen. In der Sitzung des Ältestenrats erklärte Präsident Löbe noch, daß er gegen jedes Schimpfwort, jeden beschimpfenden Zuruf mit unnachsichtiger Schärfe vorgehen werde.
Die zukünftigen Vorschriften.
Die strengeren Maßregeln erstrecken sich namentlich auf die Handhabung der vorhandenen Sicherheitsorgane. Die Polizeibeamten sollen im Hause zweckmäßiger verteilt werden. Auch an den Zugängen zum Sitzungssaal soll, ähnlich wie im Preußischen Landtag, eine Zahl von Beamten postiert werden. Die Beamten sind in Zivil. Die vom Präsidenten verlangte Sperre in bezug auf die Ausgabe von Tribünenkarten an die kommunistische Fraktion wird einstweilen aufrechterhalten. An den Ge- schäftsordnungsausschuß wird das Ersuchen gerichtet, eine weitere Verschärfung der Disziplinarmaßregeln gegen Abgeordneten herbeizuführen, so eine längere Entziehung der Diäten und der Fahrkarten. Ferner ist an die Polizei ein Hinweis dahin gegeben worden, daß sie, wenn ein Zusammenwirken von Abgeordneten und 4NHHIHMH^^
Rückfallwinter
Das Auf und M der Kälte.
Aufheiterung — also neuer Frost.
Es ist ein Thema mit immer gleichen Variationen: der Himmel heitert sich auf, dann wird oder bleibt es kalt — der Himmel bewölkt sich, dann wird es ein bißchen wärmer. Woraus Schnee fällt, und woraus das ganze Schaustück wieder von vorn beginnt. Augenblicklich sind wir wieder bei Aufheiterung und Frost. Ostpreußen hatte Dienstag früh wieder 20 bis 22 Grad Kälte, Berlin war erst bei 11 Grad minus angelangt. Dagegen hat im S ü d w e st e n d e s R e i ch e s die Bewölkung zugenommen, was nach den bisherigen Erfahrungen mit Schnee und milderer Temperatur — so zwischen 6 und 8 Grad unter Null — identisch ist. O stund Norddeutschland darf ruhig mit noch schärferer Kälte rechnen — aber damit die Süddeutschen nicht übermütig werden: auch sie werde», nach ihrem Schnee die Verschärfung bald zu spüren bestimmen.
Die Wettermeldungen aus dem Auslande zeigen dasselbe Auf und Ab. In F r a n k r e i ch hat sich nach ansteigender Temperatur die Kälte wieder verschärft, während England noch nicht genau zu wissen scheint, ob es mehr oder weniger friert als in den letzten Tagen. Nord- und Osteuropa zeigen immer noch das gleiche Bild wie in der vorigen Woche: also Kälte, Kälte, Kälte. Oben im Norden ist jetzt auch der Bottnische Meerbusen zugefroren, was seit 1809 nicht mehr vorgekommen war. An den norwegischen K ü st e n aber liegen Unmengen von toten Fischen, die vom Meere angetrieben wurden. Und nun die Kehrseite: Wien hatte Montag die unter den gegenwärtigen Verhältnissen geradezu lenzliche Temperatur von 0 Grad, und in Italien hat sich das Wetter so gemildert, daß man bereits mit Schneeschmelze und Überschwemmungen rechnet. In N e w y o r k aber herrscht richtiges Frühlingswetter; man hält jedoch bereits Ausschau nach einem neuen Kälteeinbruch, der aus Kanada erwartet wird.
Vom vereisten Rhein.
Um den Gefahren des Eisganges wirksam begegne» zu können, trifft man in den einzelnen Rheinorten bereits umfassende Vorkehrungen. Vor den gefährdeten Objekten stellt man Eisbrecher auf. Außerdem ist eine Sicherheitswache in den Ortschaften eingerichtet worden. Der Beginn des Eisganges wird, wie in früheren Jahren, durch Böllerschüsse, Läuten der Glocken oder Hornsignale den Uferbewohnern bekanntgegeben. In den Häfen von St. Goarshausen und Oberlahnstein liegende Schiffe sind durch den niedrigen Wasserstand in eine verzweifelte Lage geraten: sie liegen aus Grund und müssen geleichtert werden.
Umständen wird ein Verfahren wegen Hausfriedens brnchs eingeleitet.
Die Ksalitionshefprechungen
Der Kanzler bei Hin denburg.
den
Der Reichspräsident empfing am Dienstag Reichskanzler zu einer Besprechung der politischen Lage, wobei besonders die Schwierigkeiten besprochen wurden, die für die notwendige Umbildung der Reichsregierung durch den kürzlichen Austritt des Zentrums aus dem Kabinett entstanden sind. Die Lösungsversuche werden
fortgesetzt.
Später machte der an die Stelle von Dr. Simons ernannte Präsident des Reichsgerichts, Dr. B u m k e, Besuch bei dem Reichspräsidenten.
Gireseruann und Kaas.
Die angekündigte Besprechung zwischen dem volks- parteilichen Parteiführer, Außenminister Dr. Strese- m a n n, mit dem Zentrumsführer Dr. Kaas hat Dienstag stattgefunden. Nachmittags trat dann der volkspartei liche Fraktionsvorstand im Reichstag zusammen.
Viel beachtet wird der Hinweis des führenden Organs des Zentrums, der Germania, daß von Koalitions- verhandlungen erst die Rede sein könne, wenn die Zentrumsfraktion des Reichstags einen Beschluß gefaßt habe. Aus diesem Hinweis geht hervor, daß das Zentrum gewillt ist, der bisherigen Aussprache nur den Sinn einer Fühlungnahme zu geben.
Im Preußischen Landtag wird der Führer der Volkspartei, S t e n d e l, mit Dr. H e ß vom Zentrum eine Besprechung haben, in der Abg. Stendel sich über die inzwischen geklärte Angelegenheit aussprechen wird, welchen Umständen es zuzuschreiben ist, daß die Landtags- sraktion der Deutschen Volkspartei von dem Zentrums- wWÄWÄrt Preußen auf einen Ministersitz zu verzichten, keine Kenntnis erhielt.
Große Gasexplosion in Solingen.
Die Straßen aufgerissen.
Am Dienstag ereigneten sich kurz hintereinander auf der Hauptstraße der Innenstadt in Solingen zwei Explosionen der Ferngasleitung. Die Straßen der Innenstadt wurden meterweit aufgerissen. Durch herumfliegende Explosionsmassen wurden die Schaufenster der anliegenden Geschäftshäuser vollkommen zerstört. Die Straßen sind dicht mit Glassplittern bedeckt. Da die Explosionen zur Zeit des lebhaftesten Verkehrs erfolgten, sind leider auch mehrere Schwerverletzte zu beklagen, die sofort in ärztliche Behandlung gebracht wurden.
Trotzki sucht HZuisches Asyl.
Die Reichsregierung berät.
In Moskau wurde eine aintliche Erklärung veröffentlicht folgenden Inhalts: „Trotzki ist wegen antisowjeti- stischer Tätigkeit auf Beschluß einer Sonderberatung bei der Staatlichen Politischen Verwaltung aus der Sowjetunion ausgewiesen worden. Auf Wunsch Trotzkis ist seine Familie mit ihm abgereist." Damit wird seine Ausweisung bestätigt und auch über seine augenblickliche Anwesenheit in der Türkei kann kein Zweifel mehr sein, bemt er hat von dort aus das nachstehende Telegramm an den deutschen Reichstagspräsidenten Löbe gesandt:
„Pera, den 18. Februar. Mich auf Ihre Erinnerungsansprache am 6. Februar berufend, ersuche ich das hiesige deutsche Konsulat um betreffende Bewilligung. Leo Trotzki." Reichstagspräsident Löbe hat diese Bitte befürwortend an das Reichskabinett weitergegeben.
Das Reichskabinett wird zunächst den Bericht des deutschen Konsulats, der in dem beim Reichstagspräsidenten Löbe eingegangenen Telegramm Trotzkis an- gekündigt worden ist, abwarten. Das Reichskabinett braucht, wenn es sich mit der Frage einer Aufenthaltsgenehmigung für Trotzki befassen soll, amtliche Unterlagen, die noch nicht eingetroffen sind.
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Die in dem Telegramm erwähnte Erinnerungsansprache des Reichstagspräsidenten bezog sich auf die Wiederkehr des zehnten Jahrestages der Eröffnung der Verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung. Darin antwortete der Präsident auf Zwischenrufe von den Kommunisten: „Wir haben Ihnen und den anderen erst die staatsbürgerlichen Rechte gegeben. Vielleicht kommen wir sogar dazu, Herrn Trotzki in Deutschland ein freiheitliches Asyl zu gewähren."
Der Wink von oben.
Gedanken zur Pariser Konferenz.
Vorläufig befinden sich die Arbeiten der Pariser Konferenz, die das System der deutschen Tributzahlungen neu regeln soll, noch im Stadium der Einleitung. Anscheinend wenigstens — denn die Öffentlichkeit erfährt nur, was die Konferenz zu veröffentlichen für gut befindet. Um so üppiger blühen die Gerüchte auf, die Kombinationen mehr oder weniger scharfsinniger Journalisten, die Vermutungen und die Beeinflussungsmeldungen. Wenn man nicht zu berichten vermag, was vor sich geht, dann meldet man das, von dem man wünscht, daß es geschehen soll. So ganz unzufrieden braucht Deutschland aber mit der bisherigen Entwicklung, die die Konferenz genommen hat, doch nicht zu sein, ist es doch dem deutschen Vertreter Dr. Schacht gelungen, trotz ursprünglicher Widerstände das Augenmerk der Konferenz auf den von Deutschland stets alsHaupt-undKardinalfrage betrachteten Punkt zu richten, nämlich den der d e u 1 s ch e n Leistungsfähigkeit in wirtschaftlicher und wäh- rungspolitischer Beziehung. Damit ist auch verhindert worden, daß die Festlegung unserer künftigen Jahreszahlungen sozusagen in die blaue Luft hinein erfolgte, und die Darlegungen Dr. Schachts — eine eindringliche Korrektur des Berichts Parker Gilberts — sind in ihrer Wirkung denn doch mehr als nur Ausführungen „akademischen Charakters" gewesen, wie die Pariser Presse es grollend behauptet.
Da hat man nun in den französischen Zeitungen — wohl auf einen Wink von „oben her" — die Taktik geändert, wirft mit Tendenzmeldungen um sich. „Die Kon- ferenz erwarte" angeblich, daß die deutschen Vertreter schleunigst mit präzisen Vorschlägen über die Höhe der künftigen Jahreszahlungen herausrücken, die das deutsche Volk selbst für erschwinglich halte. Und zwecks Vervollständigung dieses rein taktischen Manövers läßt man leicht durchblicken, daß bei einer Weigerung der deutschen Delegation, nun selbst Vorschläge zu machen, man von einer .. Z a b l u n .g..^jLMi±Lia W4-? e uTftch's ästsidUrechen müsse. Und es ist niemand anders als ein Vertrauter Poincarös, der frühere Präsident der Reparationskommission, Dubois, gewesen, der das Signal für diesen Angriff gegeben hat.
Vorläufig versucht man vielmehr, zu einer Art Programm für die eigentliche Arbeit zu kommen, und angeblich soll durch Besprechungen Dr. Schachts, vor allem mit dem Vorsitzenden der Konferenz, Owen Uoung, hierüber auch schon eine Art Einigung erzielt worden sein, die. aus dem Stadium der bisherigen „Generaldebatte" herausführt. Das wäre die Aufteilung der Arbeit auf mehrere Unterkommissionen, die nun ihrerseits wieder Sachverständige heranziehen sollen — also ähnlich, wie das 1924 bei der ersten Dawes-Konferenz geschehen ist. Das würde natürlich auch wieder in deutschem Interesse liegen, weil zum mindesten die Amerikaner auf dieser Konfsrenz all die Arbeit für völlig überflüssig betrachten müssen, wenn die Delegierten mit fertigen Ansichten über Deutschlands Wirtschaftslage und Zahlungsfähigkeit, demgemäß auch über die Höhe der künftige»» Jahreszahlungen nach Paris gekommen wären. Dann könnte man sich Wohl die Diskussion von vornherein sparen.
Es sind doch allerhand wichtige Unterfragen zu klären, die für eine wirklich objektive und zutreffende Beurteilung der deutschen Leistungsfähigkeit in Betracht kommen. Dabei steht natürlich die Prüfung der deutschen Zahlungsbilanz und ihrer Entwicklungsmöglichkeiten im Mittelpunkt, die ja nichts anderes als die eigentliche Rentabilität der deutschen Gesamtwirtschaft illustriert. Dr. Schacht hat dargelegt, daß die Zinsenlast für die Anleihen, die der deutschen Wirtschaft namentlich aus dern Ausland zugeflossen sind, unbedingt höher ist als der Mehrertrag, den die deutsche Wirtschaft mit Hilfe dieser Kapitalien erzielt. Und das soll auf die anderen Delegierten denn doch nicht ohne Einfluß geblieben sein, besonders da sie wissen, daß gerade Dr. Schacht als deutscher Reichsbankpräsident unvorteilhaften oder unnötigen deutschen Ausländsanleihen immer schärfsten Widerstand entgegengestellt hat. übrigens hat er es an einem deutlichen Hinweis nicht fehlen lassen, daß an eine wirkliche Besserung der deutschen Zahlungsbilanz durch erhebliche Steigerung der Ausfuhr so lange nicht zu denken ist, als gerade die wichtigsten auswärtigen Absatzgebiete Deutschlands ihre an und für sich schon hohen Zollmauern ständig erhöhen.
Das alles ist freilich der Kern des ganzen Leistungs- Problems und — vorläufig ist man in Paris noch üicht so weit, sich damit eingehend zu beschäftigen. Immerhin kann man, weit entfernt von einer Überschätzung, denn doch sagen, daß jedenfalls der Anfang für Deutschland nicht gerade ungünstig gewesen ist.
Reparationen und Beamtenbesoldung. "^^.
Der Gesamtvorstand des Deutschen Beamtenbundes Werst tn einer Entschließung darauf hin, daß die Gehalts- aufbesserungen der Beamten, in denen der Reparationsagent irrigerweise eine Hauptursache der öffentlichen Ausgaben erblickt, seit Jahren zurückgestellt worden seien, und zwar nicht zuletzt mit Rücksicht auf diejenigen Schwierigkeiten, die sich von Anbeginn der Reparationszahlungen infolge dreser Lasten bei den öffentlichen Etats gelfetib machten. Die drohenden sozialen Folgen der Reparationslasten seien vom Generalagenten bisher keineswegs genügend gewürdigt worden.