kersfelöer Tageblatt
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hersfel-er Kreisblatt
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Nr. 36
Dienstag, ses 12 Februar 1929
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79. Jahrgang
Faschingsferien.
Böse Zungen spötteln, der Reichstag hätte es wirklich gar nicht notwendig gehabt, seine Sitzungen eine Woche zu unterbrechen und in die „Faschingsferien" zn gehen, einfach deswegen, weil er in den letzten Tagen und Wochen seines Beisammenseins selbst schon eine Art Karnevalszug veranstaltet habe. Einen politischen freilich, bei dem es aber weniger witzig als merkwürdig zuging und der nicht Lachen, sondern nur kopfschüttelndes Achselzucken bei den Zuschauern bzw. Zuhörern erregte. Erregen mußte, weil ja schließlich doch der Reichstag es ist, der die Vertretung ves deutschen Volkes darstellet, Inhaber der Souveränität ist und entsprechend handeln und auch nach außen hin auftreten müßte. Aber „Krach" gab es in Hülle und Fülle; nicht bloß — gewohntermaßen — im Sitzungssaal, aus dem wieder einmal ein paar besonders bösartige Ruhestörer entfernt werden mußten, sondern auch auf der Zuhörertribüne war das Eingreifen von Beamten nötig, um Ruhe zu schaffen, da sich dort ein Beteiligter als Parlamentsredner auftat.
Aber auch hinter den Kulissen, Wenn auch nicht unter Ausschluß der Öffentlichkeit, hat in letzter Stunde noch die „Komödie der I r r u n g e n", Regierungsumbildung tituliert, eine Fortsetzung gefunden, die wirklich als ein etwas vorweggenommener Fastnachtsscherz anmutet. Denn der mit der bekannten Krise endigende Kampf um die Regierungsumbildung soll eigentlich nur infolge eines Mißverständnisses, der nicht genügenden Beachtung einer Andeutung nicht zur Einigung geführt haben. Reichskanzler Müller und die Deutsche Volkspartei hätten nicht gemerkt, daß ihnen das Zentrum tatsächlich schon einen Ministerposten in Preußen zur Verfügung, nicht etwa bloß in Aussicht gestellt hätte. Die anderen haben es nur nicht gemerkt. Warum Diese parlamentarisch-parteitaktischen Manöver und Schachzüge zwischen den Parteien, die doch — angeblich — zu- einanderkommen wollen! Und es ist nicht daß erstemal, daß man sich im Reichstag auf diese Weise nicht zusammen-, sondern auseinandermanöoriert hat. Hinterher ist es dann natürlich viel schwieriger, zu einer Einigung zu kommen als vorher. Die Kosten dieser „Mißverständnisse" trügt — das deutsche Volk. Darum larm-es
„______ng passierte.
Man will ungern für Vorgänge im Reichstag das Wort „grotesk" anwenden. aber manchmal drängt es sich doch auf die Zunge. Es patzt aber nicht mehr, wenn sich, wie gleichfalls kurz vor den „Faschingsferien", Dinge abspielen, die einen s e h r e r n st h a f t e n H i n t e r g r u n d haben. Das Hin und Her der Anträge über die Erweiterung der Krisenfürsorge ihrer Dauer nach und auf alle Berufe, die Regierungserklärungen über das Für oder Wider dieser Anträge, die gegenseitigen Vorwürfe der Parteien über „Demagogie" und „nur agitatorisch gemeinte" Anträge, dann wieder die krampfhafte Absicht, als Urheber der — finanziell laut Regierungsmitteilung gar nicht tragbaren — Vorschläge zu gelten und dies propagandistisch auszunutzen — kurz, ein wirklich nicht zur Heiterkeit stimmender Karnevalszug allzu parteipolitischer Eifersüchteleien und Eitelkeiten. Dazu ist doch aber gerade die Unterstützung der Arbeitslosen ein allzu ernsthaft' Ding, die Not zu groß und allzu dringend, um zum Gegenstand derartigen Treibens zu werden. Schließlich hat der Reichstag doch brennende Aufgaben in Fülle zu erledigen, ist auf weitere acht Tage hinausgeschoben worden, was anzupacken und baldmöglichst zu erledigen hoch seine wichtigste Arbeit ist: die Etats- beratung, die Beratung der Steuergesetze, repara- tionspolitische Aufgaben, wirtschaftspolitische Röte usw.
Wir Deutsche haben nur eine geringe Begabung für politische Satire, weil wir alles zu ernsthaft nehmen, auch das Politische. Darum sollte man beim Reichstag nicht von Faschingsferien sprechen, sondern nur von einer. Woche überflüssiger Irrungen und einer weiteren unzeit- gemäßer, bedenklicher Versäumnisse.
Attentat auf den mekilanischen präfi-enien
Sein Sonderzug entgleist.
Vierundzwanzig Stunden nach der Hinrichtung des Mörders des Präsidenten Obrcgon, Toral, wurde auf den Sondcrz"g des provisorischen Präsidenten Portes Gil, der erst vor zwei Monaten sein Amt als Culles' Nachfolger angetreten hatte, ein Dynamitatteutat unternommen. Der Präsident blieb wie eurch ein Wunder unverletzt. Der Lokomotivführer des Sonderzuges ist das einzige Todesopfer; der Materialschaden ist verhältnismäßig gering.
Die Lokomotive stürzte durch die Wucht der Explosion sofort um und der erste Wagen sowie ein Sonderwagen, in denen sich mehrere Personen vom Stäbe des Präsidenten sowie der Generaldirektor der Eisenbahnen befanden, entgleisten. Eine sofort eingeleitete Untersuchung ergab, daß eine zweite Bombe auf den Schienen lag, die jedoch nicht explodierte. Der Präsident hatte bereits einige Tage vorder durch anonyme Schreiben Warnungen erhalten. Nach dem Attentat sind sofort Truppen ausgesandt worden, um die Attentäter zu suchen. Das Attentat wird mit der Hinrichtung Torals in Verbindung gebracht. Als die Beerdigung des Hingerichteten stattfand, kam es z« riesigen Demonstrationen für Toral auf den Straßen von Mexiko. Bei den Zusammenstößen mit der Polizei wurden drei Demonstranten getötet und 30 verwundet.
Der Frieden von Rom
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-Feierliche Unterzeichnung im Lateranpalast.
Die Unterzeichnung des Vertrages, der den Frieden zwischen dem Vatikan und Italien herstellt, ist nunmehr erfolgt. Von vatikanischer Seite wurde über diesen wichtigen Staatsakt eine Verlautbarung." ausgegeben, in der gesagt wird:
Am Montag wurde int Papfftaa! des apostolischen LateranpulasteS ein Vertrag zu i;< e;; L-m Heiligen Stuhl und Italien unterzeichnet, mit dem die römische Frage beigelegt und ein K o » k o r d a t zur Regelung der religiösen und kirchlichen Verhältnisse in Italien aügc schlosken n rd: Mit dem Vertrag zugleich wurde auch unterfertigt eine F i n a n z k o n v e kü o n. Bevollmächtigt waren Kardinalftrullsfctretär E-csparri und Minister- präsiden! Mniivlini
Außerdem wohnte, noch mcbr-> hohe Geistliche und politische Würdenträger Der Unterwichn'um bei, die im Saale Pia des Lateranischen Palastes vor sich ging. In seiner Mitte stand ein großer Holztisch, auf ihm vor silbernen Tintenföffera die goldenen Halter, mit denen der Pakt nnterschriebcy wurde.
Der Große Saal, tu dem die Zeremonie der Unterzeichnung des Friedenspaktes zwischen Staat und Kirche stattfand, ist eines der Kunstkleinodien Roms. Hinter dem fünf. Meter langen Tisch saßew in den acht gold- geschmückten Sesseln die 'Persönlichkeiten, die an dem Friedensakt teilgenommen haben. In dem Saal ist eine reiche alte chinesische üHimzensammlung ausgestellt, weiter zwei silberne Kandelaber, die der ehemalW chinesische Ministerpräsident Lou Tseng Tsiang, der Bevollmächtigter Chinas in Versailles war und sich zum Christentum be keinte, d
Die GachverßäN-igZN im Hoiet „Georg V/
umz U g der Konferenzteilnehmer.
Die Reparationskonferenz in Paris begann am Montag mit einer großen Überraschung. Die Eröffnungssitzung wurde nämlich nicht im Hotel Astoria abgehalten, sondern nach dem Hotel Georg V. verlegt, da es sich plötzlich herausgestellt hatte, daß die Räumlichkeiten, die im Hotel Astoria zur Verfügung stehen, den Ansprüchen nicht genügten. Sobald im Hotel Astoria mehr Räumlichkeiten zur Verfügung stehen werden, soll die Konferenz dort weitertagen. Das Hotel Georg V. ist ein erst vor einem Jahr eröffneter Bau, der mit den neuesten Errungenschaften ausgerüstet und ganz nach amerikanischem Ge-
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um ein
schmuck eingerichtet ist.
Die Konferenz begann am Montag- nachmittag Ubr. Die Deleaierteu trafen bereits um 2 Ubr
Men Aoung.
und begaben sich sogleich in die große Glasveranda, m der die Sitzungen stattfinden werden. Nachdem sie dem Kreuz- fetter der Photographen und Zeichner standgehalten hatten, nahmen sie am langen Tisch, der mit grünem Tuch ausgelegt ist, Platz. Die Delegierten der einzelnen Staaten fetzten sich um die Tafel, wobei sie nach dem französischen Alphabet geordnet saßen. Die Reihenfolge beginnt mit
________ lleihensolge beginnt mit Dr. Vogler, rechts von ihm Dr. Schacht, dann folgen die Belgier, alsdann die Engländer, die Amerikaner Morgan und Owen Noung, neben diesen war der Platz für den Vorsitzenden frei. Rechts von dem Vorsitzenden folgen die Franzosen, dann die Italiener und die beiden Japaner.
Die Beratungen, die mit der Wahl des Vorsitzenden beginnen, würben durch den Franzosen Moreau eröffnet.
Einstimmig hatte man beschlossen, den Amerikaner
Die Vorgeschichte.
2 0 0 vertrauliche Besprechungen.
Das Blatt des Vatikans, „Osservatore Romano", gibt eine Darstellung der Vorgeschichte der römischen Frage als religiöser Frage. Diese sei von Leo XIII. in seinem Briefe an Kardinal Rampolla vom 12. Juni 1887 fest- gestellt worden. Das Erscheinen Pius' XL am Wahltage auf der äußeren Loggia der Peterskirche habe bereits zu Hoffnungen Anlaß gegeben, wobei der gleichzeitige Protest für die unanfechtbaren Rechte der Kirche die hohe Bedeutung dieses Aktes nicht verkennen ließ. Kurz darauf, am 23. Dezember 1922, habe der Vapst in seiner Enzyklika bereits darauf hingedeutet, daß seit zwei Jahren über Anregungen Mussolinis verhandelt werde. Nach Anhören sämtlicher Kardinäle, welche einmütig ihre 3 stimmung erklärten, gestattete der Papst damals die Au
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strmmung erklärten, gestattete der Papst damals die Aufnahme von privaten und vertraulichen Besprechungen, von denen 200 stattgefunden haben, alle beseelt von aufrichtigem Willen.
Von allem Anfang an aber bestand der Papst darauf, daß gleichzeitig mit den Verhandlungen und dem eventuellen Abschluß des Abkommens ein Konkordat zwischen Staat und Kirche oorbereitet und vereinbart werde, so daß das Eingehen des Konkordats zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Stam als notwendige Ergänzung sofort die Regelung der religiösen und kirchlichen Verhältnisse in Italien mit sich brächte.
Die erwünschte Lösung wurde auf folgender Basis
Die erwünschte Lösung wurde auf folgender Basis erzielt: Der Italienische Staat unterschreibt einen Vertrag, welcher das Garantiegesetz aushebt, das Prinzip und die effektive und volle Macht und souveräne Jurisdiktion des Staates in einem bestimmten Territorium, genannt Citta del Vatreano, anerkennt. Italien zahlt eine Summe auch für die früheren kirchlichen Provinzen und für den Verlust der Kirchengüter und schließt ein Konkordat über die Be-
~..;ge für beigewgt und erkennt das Italienische Königreich tu feinet Meuwärtigen Gestalt und.Verfassung an.
'affung
Omen WiiiH zum Präsidenten zu wählen, da man ihn für die geeignetste Persönlichkeit hält, die Verhandlungen zu. leiten, denn man nimmt an, daß er als Amerikaner am unparteiischsten über den Dingen stehen wird.
politische Rundschau
Deutsches Reich
Krise in der Deutschen Friedensgesellschaft.
Sonntag fand in Berlin eine außerordentliche Generalversammlung der Deutschen Friedensgesellschaft statt, die aus Anlaß eines Antrages, den Zeitungszwangsbezug für die Mitglieder aufzuheben, einberufen worden war. Dieser Antrag ist mit Zweidrittelmehrheit abgelehnt worden. Daraufhin sind die Präsidialmitglieder Dr. Quidde, Harry Graf Keßler, Oberst a. D. Lange, Studiendirektor Schümer, Prof. Anna Siemsen, M. d. R., Chefredakteur Gerhard Seger, Ministerialrat a. D. Falken- berg, M. d. R., Pastor Francke, Dr. Helene Stöcker von ihren Posten zurückgetreten mit der Begründung, daß ihnen wegen des Gegensatzes in den Organisationsfragen und der finanziellen Auswirkung des Zeitungszwangs- bezuges eine weitere Mitarbeit nicht möglich sei. An Stelle von Prof. Quidde ist General v. S ch ö n a i ch zum Präsidenten gewählt worden. f
Die Steuerbelastung in Mecklenburg.
Der neue mecklenburgische Haushaltsplan bedeutet für die mecklenburgische Wirtschaft eine neue Steuerbelastung. Richt nur die Grundsteuer erfährt eine beträchtliche Steigerung, sondern auch die am 1. April 1927 aufgehobene Gewerbesteuer erscheint wieder auf dem Plan und wird im kommenden Rechnungsjahr nahezu in ihrer früheren Höhe erhoben werden. Die Grundsteuer zeigt von 1927 ab eine Steigerung von mehr als 3 £ Prozent, so daß von diesem Zeitpunkt an eine Mehrbelastung von annähernd fünf Millionen Mark zu verzeichnen ist.
Frankreich.
Deutscher Hilfsverein in Paris.
Der Deutsche Hilfsverein in Paris veranstaltete sein erstes Wohltätigkeitsfest nach dem Kriege. Das Fest, dem außer dem deutschen Botschafter v. Hoesch die Delegierten für die Revarationsverhgndlnngen Dr. Schacht, Dr. Bögler, Dr. Melchior und Geheimrat Kastl sowie der österreichische Gesandte Dr. Grünberger beiwohnten, nahm einen überaus guten Verlauf und dürfte bem Deutschen Villsverein für seine Tätigkeit wesentliche Mittel geliefert haben.
Spanien.
Politische Schwarzseherei verboten.
Auch Unglückspropheten sollen fernerhin in Spanien nicht geduldet werden. Durch eine Regierungsverfügung wird mit Gefängnisstrafe bedroht, wer an öffentlichen Orten dem Lande Unheil voraussagt oder mit verleumde-