Einzelbild herunterladen
 

HersfelöerTageblaü

HersfelSer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis yersfel- mit Sea Beilagen: Illu-rlerleS AnlerhattnagSdlatt / Nach Feierabend / Herd and Scholle / Anterbaltoua and Wissen Belebrnna «ob Karrweil / Wirtschaltlichr Tooeslraaen.

yingtigtnpttto: Mt einspaltig« ptfttgtflt 15 Vstnnlg, öl« RtflamtMilt 50 Pfennig. (Grunbschrlst Korpus). Bei wlröerholongrn wird ein entsprechender Preis­nachlaß gewührt. ♦ M die SchrMleitung orrant. «örtlich r Franz Zuak in hersseld. ♦ Fernsprecher Nr. 8

Nr. 30 Dienstag, den 5. Februar 1029 7g. Jahrgang

Wirren über Spanien

KZtzaMeRevollegewinniVoden.

Arbeiterräte gebildet.

Trotz aller beschwichtigenden Noten des Diktators Primo de Ribera scheint die spanische Ausstandsbewegung an Boden zu gewinnen. In Valencia kam es zu einer neuen Revolte eines Teiles der Garnison, der sich an« schickte, den verhafteten früheren Ministerpräsidenten Sanchez Guerra aus dem Gefängnis zu befreien. Der nach Valencia mit dem Flugzeug entsandte Generalleut­nant Sanjurjo, der frühere spanische Oberkommandierende in Marokko, ist mit allen nötigen Vollmachten ausgerüstet. Es soll ihm angeblich nach kurzem Kampfe mit den Auf- ständifchen gelungen sein, die Ordnung wiederherzustellen. Andererseits wird aber gemeldet, daß die Putschbewegung sich nicht auf Valencia beschränkt, sondern daß in jeder größeren Stadt ein Dreierritt aus einem Militär, einem Arbeiter und einem Republikaner besteht. Die Bewegung soll bis in die höchsten Kreise gehen.

General Sanjurjo soll in Valencia den bis dahm kommandierenden General Castro Girona verhaftet und ihn im Auto nach Madrid ins Gefängnis geschickt haben. Außerdem wurden noch andere höhere Offiziere festge- nommen, darunter die Generale Aguilera und Cabanellas, desgleichen wird die Verhaftung des ehemaligen Prä­sidenten des Nationalkongresses Villanueva gemeldet. Die

Der Klub der „Harmlosen"

„Zminerlreu" vor Gericht.

DaS Berliner Kriminalgericht in Moabit hatte wieder einmal einen großen Tag. Das große Aufgebot von Schutzpolizei, das die Zugänge zu dem Sitzungssaal des Schöffengerichts Berlin-Mitte bewachte, zeigte schon äußer­lich, daß man nicht alltägliche Angeklagte und Zeugen er­wartete. Zur Verhandlung stand der mit großer Span­nung erwartete Prozeß gegen

Mitglieder des Vereins ^Immerireu", die seinerzeit als Beteiligte an der großen Straßenschlacht gegen die „H a m b u r g e r Z i m m e r l e u 1 e" sestgenom- men worden waren.

Auf der Anklagebank haben neun Angeklagte Platz ge­nommen, zu beiden Seiten scharf bewacht von Polizei­beamten. Den Gerichtstisch zieren einige abgebrochene Stuhlbeine, Schlagringe und Knüppel, die als Waffen bei der Schlacht gedient haben. Als Zeugen ist eine große Anzahl von

„Hamburger Zimmerleuten" erschienen, die in ihrer Berufstracht, der Samtjacke, den weiten Beinkleidern und dem großen Schlapphut, der Vor­halle ein eigenartiges Gepräge geben.

Die Anklage lautet auf schweren Landfriedensbruch und Teilnahme an einer Schlägerei, bei der

ein Mensch getötet und mehrere schwer verletzt wurden.

Sieben Angeklagte sind schon erheblich vorbestraft, darunter einige wegen schweren Diebstahls und Körper­verletzung, die meisten auch wegen gewerbsmäßigen Glücksspieles.

Zunächst wurde der Hauptangeklagte Leib vernom­men. Dieser, der bis vor kurzem zweiter Vorsitzender des Vereins war, schilderte die Einzelheiten der Straßen­schlacht und hob besonders hervor, daß nach seiner Über­zeugung

die Zimmerlcute die hinterhältigen Angreifer gewesen seien, die mit Beilen, Äxten, Knotenstöcken und Messern auf seine Vereinsgenossen losgegangen seien. Er selbst habe sich höchstens gewehrt. Er habe auch keine Ver­stärkung von anderen Vereinen herbeigerufen. Der Ange­klagte äußerte sich weiter über den Verein „Jmmer- t r e u", der 1921 gegründet worden sei, mit dem Ziel, Kol­legen Arbeit nachzuweisen. Auch Vergnügungen, Weihnachtsbescherungen und Herrenpar­tien seien veranstaltet worden. Der Verein zählt 60 bis 65 Mitglieder. Nichts werde hinter verschlossenen Türen verhandelt, sogar Polizeibeamte hätten an Sitzungen teil- genommen. Zweck des Vereins sei

Förderung der Freundschaft und der Geselligkeit, Unterstützung in Krankheits- und Notfällen. Ausschluß könne wegen ungebührlichen Betragens innerhalb und außerhalb des Vereins erfolgen. Besondere Ehrenpflicht sei die Teilnahme an Beerdigungen. Der Ange­klagte erklärte, die Mitglieder des Vereins hätten sich nach diesem Vorfall noch fester zusammengeschlossen als vorher. Der wöchentliche Beitrag betrage eine Mark, das Eintritts­geld 20 Mark und mehr. Es gäbe Mitglieder des Ver­eins, die ein Einkommen von 1000 bis 1500 Mark monat­lich hätten.

Der Angeklagte Höhne brach wiederholt in Tränen aus und erklärte dann, woraus

drei vor einigen Tagen in Ciudad Real zum Tode ver­urteilten Offiziere sollen, wie behauptet wird, Selbstmord verübt haben.

Abwehrmaßnahmen der Regierung.

Nach Beendigung einer zweistündigen Beratung mit dem König gab Ministerpräsident Primo de Ribera Kenntnis von der durch den König vorgenommenen Unterzeichnung zahlreicher Erlasse für Heer und Marine. Hierzu gehört die Schaffung eines zeitweisen S o n ber­ge r i ch t s, dessen Vorsitz ein Militärrichter führt und das der Jurisdiktion des Ministeriums des Innern unter­steht. Diese Neueinrichtung bezweckt die Herstellung einer engen Verbindung zwischen Polizei und militärischen Gerichtsbehörden in allen Fragen, die sich auf Militär- und Zivilpersonen beziehen. Ein weiterer Erlaß des Königs behandelt diktatorische Maßregeln und sieht die Inanspruchnahme der patriotischen Vereinigungen zum Zwecke der Nachrichtenübermittlung und der Überwachung vor. Dieser Erlaß verpflichtet ferner die Presse, einen Teil ihres Zeitungsraumes der Regierung zur Aufnahme halbamtlicher Meldungen und Anrufung der öffentlichen Meinung zur Verfügung zu stellen.

Zahlreiche Stellungsenthebungen sind für das Heer verfügt worden, so daß sich neben der unverhüllten Besitz­ergreifung der Presse das Bild einer vollständigen Revo­lution barbietet.

die Gründung deS Vereins „Jmmertreu" zurückzuführen sei: „1920 machte sich das Rowdytum am Schlesischen. Bahnhofs

Den der Gedanke gekommen, gerade denen Einhalt zu ge« bieten, die wirklich als Verbrecher zu betrachten sind, näm­lich den Zugereisten, den P o l a ck e n. Die Gastwirte fragten, ob wir ihnen nicht Kellner stellen könnten, weil bei ihnen so viel Banditen verkehrten. Das haben wir denn auch getan und, wenn nötig, anständig zugefaßt. Was die Polizei nicht fertig brächte, haben wir schließlich durchgesetzt, daß nämlich dies Rowdytum am Schlesischen Bahnhof aufhörte." Der Angeklagte betonte ferner, daß die Polizei genau über den Verein unterrichtet sei, um so mehr, als sich dem Vereinslokal gegenüber das Polizei­revier befinde. Man habe zum Beispiel von der Polizei die Erlaubnis bekommen, anläßlich einer Beerdigung mit Musik durch die Straßen zu ziehen. Selbst Presseleule und Polizeikommissare seien aus den Bällen des Vereins zu­gegen gewesen.

Auch die nächsten Angeklagten bestri 1 ten jede Be­teiligung an den Schlägereien und widerriefen zum Teil ihre Aussagen vor der Polizei.

Ein Unparteiischer.

In der Nachmittagssitzung begann die Zeugenvernehmung. Zunächst schilderte der Wirt des „K l o st e r k e l l e r s", in dem die erste Schlägerei stattfand, in ebenso drastischer wie Humor- voller Weise die Vorgänge in seinem Lokal. Er selbst habe als Gastwirt natürlich nicht Partei nehmen können, denn bei ihm verkehrten Leute „von ganz links bis z um deutsch- nationalen Genre". Mit einem Male sei dann du Klopperei im Gange gewesen, an der er sich nicht beteiligt habe, denn sonst hätten die Zimmerleute geglaubt, er nehme sur die anderen, und die „Jmmertreu"-Leute hätten geglaubt, er nehme für die Zimmerleute Partei, und dann hätte er feine Senge gekriegt.

Das verschuweie Deutschland

iern au«

Reparationszahlungen mit geborgtem Geld.

In der Generalversammlung der Reichsbank wurde beschlossen, für das Jahr 1928 eine unveränderte Dividende von 12 Prozent zu verteilen. In der Aussprache erklärte Dr. Schacht zu der starken Vermehrung der Gewinne der Reichsbank, daß sich hierin nur die Not der deutschen.Wirt­schaft und deren ungeheure Kreditnot widerspiegele. D,e Ge­winne würden von selbst zurücktreten, wenn wieder riv einigermaßen normaler Zinsfuß m Deutschland herrsche. I» dem gleichzeitig vorgelegten Verwaltungsbericht der Reichs, bank wird ausgesührt, daß wieder ein Jahr lang Repara­tionen nicht aus Überschüssen der Wirtschaft, fonbu geborgten Geldern abgesuhrt wurden. Es erhebe st» immer ernster die Frage, wie lange dieser Ver chuldungs. vrozeß noch forigesührt werde und wieweit die deutsche Win- schaft die im Laufe des Jahres immer ungünstiger gewordene, Kreditbedingungen noch tragen könne. Der Bericht schätzt dt» von Deutschland ausgenommenen langfristigen Aus- l and sa nle ihe n auf sieben Milliarden und daneben vw hercingekommenen k u r z s r i st i g e n Auslandsgelder a« sechs Milliarden, so wie sie von der deutschen Bankwelt te Anspruch genommen worden seien. Dazu kämen noch kurz­fristige Auslandskredite anderer Zweige der deutschen W>rv schaft und schließlich der Erwerb ansehnlicher Beträge inländi­scher Wertpapiere dnrch ausländische Käufer. Der Zinsen■ dien st, den Deutschland für die bisherigen Auslandsgelder ausbringen müsse, belaufe sich aus rund eine Milliarde iahrlich.

Verärgerungen.

Verworrene Innenpolitik.

Der Franzose hat als Bezeichnung für zwar sehr hart­näckige, aber nichtiger Ursache entspringende, um un­wichtige Dinge sich drehende Streitigkeiten das und Deutsche etwas beschämende Wort: „Querelles d’Allemand*. Also: „Deutsche Streitereien". Er würde auch das, waS sich jetzt — wieder einmal — im Reichstag zwischen den Parteien der sogenannten, weil offiziell nicht vorhandenen Regierungskoalition abspielt, mit jenem mitleidig-spötti­schen Wort bezeichnen. Leider — mit Recht. Schon seit dem Ergebnis der Reichstagswahlen im Mai 1928 ver­kündete und hielt man es für eine Selbstverständlichkeit, daß die Große Koalition kommen müsse und kommen werde. Aber bisher ist sie noch immer nicht gekommen. Und täglich erwachsen ihr neue Schwierigkeiten aus dem Wege zum Ziel.

Persönliche und sachliche — von den ersteren vielleicht noch mehr als von den andern, denn die Fraktionen des Reichstages wollen doch innerhalb der Regierung, an der sie beteiligt sind, auch was zu sagen haben. Möglichst viel sogar. Keine Fraktion gibt gern auch nur ein Fetzche« der Macht auf, die sie besitzt. Strebt nach Mehrung der Macht. Und so verlangt denn im Reich das bisher mit einem Minister vertretene Zentrum jetzt drei Ministersessel für sich. Den einen hat man schon gefunden; das ist daS bisher von einem andern Minister mitverwaltete Minist»- rium für die besetzten Gebiete. Das wird erweitert, auS- gebaut, selbständig gemacht. Es soll zu einem M i n i st e- rium der Grenzgebiete werden, da ja die besetzt« Zone sich binnen Jahresfrist um die Hälfte vermindert. Natürlich ist der Widerstand gegen eine solche Erweiterung des Kabinetts aus Sparsamkeitsgründen noch längst nicht erloschen, ist die Begründung für eine solche Neugründung »n vielen Stellen als nicht durchschlagend bezeichnet, als wirklicher Grund nur die Absicht der Fraktionen betrachtet worden, die aus den parlamentarischen Schwierigkeiten herauskommen wollen..

DerLüjfXi^«. Schwj-erigteiten auch in ' her Preußenregierung. Dort verlangt die Deutsche Volkspartei — ihr Unterhändler war Ende ver­gangener Woche beim Ministerpräsidenten Braun — Bildung der Großen Koalition gleichzeitig mit der im Reich. Verlangt natürlich auch zwei Sitze im Ministerium. Hier sind die Fäden aber noch verworrener, weil allerhand sachliche Differenzen zwischen den Parteien dazukommen. Die Konkordatsfrage zum Beispiel. Darin ist dem Zentrum die Deutsche Volkspartei „ganz verdächtig". Bis­her haben die Demokraten drei Sitze im Kabinett, sie sollen zwei, darunter eben das Kultusministerium, aufgeben — und machen darob Lärm und widerstreben. Die Preutzen- frage ist aber zum Drehpunkt des ganzen Streits ge­worden und die Deutsche Volkspartei lehnt es ab, wieder einen auf die Zukunft vertröstenden Wechsel anzunehmen, besonders, da ihr schon im Juni vergangenen Jahres ver­beißen worden war, sie würde im Oktober ins Preußen- kabinett hineinkommen.

Ganz ungeklärt sind die sachlichen Schwierigkeiten tm Reich. Hier drückt und drängt das Zentrum in besonderer Schärfe, will fast ultimativ die Bildung der Großen Koa­lition erzwingen. Gegen die Besetzung des Justizministe­riums durch einen seiner Männer laufen aber die anderen Parteien Sturm, weil gewisse Reformen im Rechtswesen, vor allem die Neuregelung der Ehescheidung, aber auch in Strafrechtsfragen erfolgen sollen, worüber die Meinungen aller beteiligten Parteien sehr erheblich auseinandergehen. Dazu allerhand Vorkommnisse im Reichstag, die auf eine Art gegenseitiger Verärgerungspolitik hinausstreben: das Abstimmungsergebnis bei dem Gesetz­entwurf über die Pensionierung der Wartestandsbeamten z. B., der durch Zentrum und Bayerische Volkspartei zum Scheitern gebracht wurde. Der sozialdemokratische Vor­wärts schreibt einen drohenden Artikel gegen jene Parteien der Regierungskoalition, die sich in unangenehmen Ent­scheidungen „vor der Verantwortung drücken" wollten.

Und nun noch der in aller Öffentlichkeit ausgetragene Krach zwischen Preußen und Bayern! Die Viersteuererhöhung und die Kürzung der Summen, die aus den Reichssteuereinkünften an die Länder gehen. Da­bei will das Zentrum ohne die Bayerische Volkspartei, mit der sie sich wieder fest zusammengeschlossen hat, die Große Koalition nicht mitmachen — kurz, ein wilder Knäuel widerstreitender persönlicher und sachlicher Interessen im Reich und in Preußen, verschärft noch durch die zahlreichen Konflikte zwischen dem Reich und den Ländern.

Das geht aber nun, wenig gerechnet, schon drei Wochen hindurch in dieser Art, ohne daß man praktisch mit der Regierungsumbildung vom Fleck kommt. Und dies außerdem noch jetzt, acht Tage, bevor die Konferenz zur Neuregelung des Dawes-Planes zusammen- tritt! Man wird in Deutschland — wie schon öfter — dieses Schauspiel nicht verstehen, das die parlamen­tarischen Fraktionen und die Parteiführer innerhalb und außerhalb der Regierungen dem deutschen Volke darbieten.

Der Witte des Zentrums.

Auf einer Festversammlung des Zentrumsvereins für Alton« und Umgegend anläßlich seines 10jährigen Be­stehens sprach Reichskanzler a. D. Dr. Marx über das Thema „Zentrum einst und jetzt". Dabei machte Dr. Marx über die Politik, die das Zentrum in den bevorstehenden Wochen im Reich zu betreiben gedenkt, nadteinem Bericht