Einzelbild herunterladen
 

HersfelöerTageblatt

^n^dgtnpttfe: Mt tfafoattlgt petttzeil» 15 Pfennig, ölt Rrklamyrllr 50 Pfennig. (Srun-schrist Korpus). Bei Wie-erholungm wird ein entsprechender peei»- Kachlaß gewährt. M die Schristleitung verant­wortlich: §ranZ§llok in Herr seid. Fernsprecher Nr. 8

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für öen Kreis Hersfelö mit den Bsilagm: AlluSriertes AntechLlluAgstzlati / Mach ALiersdmd / HerS and Gcholle / AKtLrdslLuvg vsv Wissen Beledmas MZ Kurzweil ^ WietschaftMe Tssessrasen..

Nr. 24

Dienstäg, den 29. Januar 1929

Sie KeersA« der

Land in Rot.

Der neunte Reichslandbundtag in Berlin.

Der Reichslandbund hat es stets verstanden, seine großen Jahresversammlungen in Berlin zu Heerschauen des deutschen Landvolkes zu gestalten. Was aber die Tausende von deutschen Bauern in den Riesenhallen des Großen Schauspielhauses und des Zirkus Busch zusammen- führte, war die gemeinsame Not, an der Groß- und Kleinbesitzer, Ost- und Westdeutscher gleich schwer zu tragen haben. Not allein aber schmiedet eine Masse noch nicht zu Willensstärke! Einheit zusammen. Sie muß die Führer haben, die ihr Ziel Weisen und Richtung geben. Diese alte Wahrheit wurde jedem erneut greifbar vor Augen gerückt, der in den beiden Riesenversammlungen es erlebte, wie die Reden der drei Präsidenten des Reichslandbundes, Bauerngutsbesitzer Bethge, Reichstagsabgeordneter Hepp und Reichsminister a. D. Schiele, mit den Zurufen aus der Versammlung zu einer großen Willenskundgebung zusammenwuchsen.

Im Großen Schauspielhaus hielt nach kurzer Begrüßung der Versammlung durch Präsident Schiele, in der bereits der Ernst der Stunde packenden Ausdruck fand,

Präsident Hepp

die Hauptrede. Einleitend gedachte er der Landbundbewegung, die vor zehn Jahren imDeutschen Landbund" ihren Anfang genommen hatte. Nachdrücklich betonte er, daß heute nicht die Zeit sei, Jubiläen zu feiern, denn die schwerste Feuer­probe stände noch bevor. Der Aufschwung der deut­schen Volkswirtschaft sei nur eine Scheinblüte, denn er beruhe auf erborgter Grundlage, und so drohe im Hintergründe der Sieg des alles beherrschenden internationa­len Finanzkapitals. Am sinnfälligsten zeige den deutschen Wirtschaftszerfall die Notlage der Landwirtschaft und ihre wachsende Unrentabilität.

Die verantwortlichen Regierungsstellen aber stünden ihr mit müder Resignation gegenüber. Eine um so verderblichere Aktivität aber entfalte die Preußenkasse. Der von ihr propagierte Plan einer Auffangeorganisation der bedrohten , Großgüter des L8«ns M .^--^^^^

der erste entscheidende Sozialisierungsschritt auf land­wirtschaftlichem Gebiete,

der dazu einen ganz ausgesprochen bauernfeindlichen Charakter trage, denn er täusche eine Teilkrisis vor, von der Klein- und Mittelbesitz angeblich nicht betroffen seien. Der Reichslandbund dagegen müsse Schaffung eines Besitz- festigungsfonds verlangen, der dezentralisiert angesetzt über die am ländlichen Kreditgeschäft Beteiligten zur Auswirkung komme.

Der Reichslandbund habe sich schon auf seiner letzten Führertagung nachdrücklich für den Gedanken der S e l b st - Hilfe eingesetzt. Aber man solle auch seine Grenzen er­kennen. Es dürfe auf keinen Fall so weit kommen, daß am Ende der Dinge das Wort steht:

Die Rationalisierung ist gelungen, die Landwirtschaft ist tot."

Daher sei Staatshilfe dienotwendigeErgänzungder S e l b st h i l f e. Zu fordern sei in dieser Beziehung das mdliche Inkrafttreten der autonomen Zollsätze und die Wiederherstellung des Artikels 12 des Fleischbeschaugesetzes, unterstützt durch eine Handelspolitik, welche die notwendigen Interessen der Landwirtschaft wahre.

Ohne Einschränkung abzulehnen seien die Steuerpläne des Reichsfinanzminist er s. Sie verstärkten in dem deutschen Bauern das bittere Gefühl, daß er nur Ausbeutungsobjekt sei eines Staates, der zum Selbst­zweck geworden sei. Heute stehe der Bauer an den Pforten dieses Staates und fordere sein Recht. Deutschland ist für ihn längst zu einem

Land Not",

wie es der thüringische Bauerndichter S ch r ö e r genannt habe, geworden. Land-Not kenne nur ein ZielL a n d - F r e i - bett".Land-Not" verlangt gebieterisch die geschlossene, ein­heitlich geführte Bauernfront, die Notgilde des deut­schen Bauernblockes. Nach den ungeheuren Leistungen, die das deutsche Volk bereits vollbracht habe, können weitere Leistungen vom deutschen Volke nicht gefordert werden. Das Fahr 1929 werde in jeder Beziehung ein Schick - s a l s j a h r werden^ Lauter denn je müsse daher der Weckruf ertönen: Auf zum Kampfe für die deutsche Freiheit! Nach einer Begrüßungsansprache des Vor­sitzenden des _

Nach einer Begrüßungsansprache des Vorsitzenden Brandenburgischen Landbundes, N i c o l a s, ergriff

des

Präsident Bethge

das Wort zur Schlutzansprache. Noch einmal kennzeichnete er mit knappen Worten die Lage der deutschen Landwirtschaft: Industrie und Handel, Handwerk und Arbeiterschaft haben sich nach dem Kriege wirtschaftlich fest zusammengeschlossen und organisiert, so daß sie heute gegenüber der Landwirtschaft die denkbar stärkste Position im Gesamtwirtschaftsleben haben. Die Landwirtschaft ist heute der einzige Berufs­stand, der keinen Preis für seine Produkte

nach 'Rentabilitätsgesichtspunkten fordern kann, sondern dem man einen Preis,einfach diktiert, ganz gleich, ob er er damit aus- kommt oder nicht. _

Es gelte daher das f landwirtschaftsfördernden . aller Kraft zu fördern. Regierung, Genosse: und Berufsverbände muffen s' w l o s ch lich an einen Tisch setzen, um die Aufgabe gemein-

Wiederherstellung ° der Rentabilität sei auch die beste F ö rderung einiges u n d e n Siedlung s p o l i t k Einer Siedlung unter den jetzigen Verhattnissen könne man gerade als Bauer nur skeptisch gegenuberstehen.

Absatzproblem, unterstützt von einer Schutzzoll- und Handelspolitik, mit egierung, Genossenschaftler, Kammern 'hnell wie mög-

Die Festigung des alten Besitzes sei jetzt das nötigste.

Zum Schluß wendete sich der Redner gegen Versuche, einseitige

LmwEcs

Parteipolitik mit Landbund zu verquicken. Der Landbund sei und bleibe der unabhängige Kampfblock, m dem sich alle Angehörigen des Berufsstandes in straffster, Organi­sation zusammenfänden. Präsident Bethge ließ seine Rede ausklingen ineinHochaufdasdeutscheVaterland, welches ein brausendes Echo in der Versammlung fand.

Im Zirkus Busch ergriff nach der Eröffnung durch Präsi­dent Bethge als Vertreter Ostpreußens der Vorsitzende des Landwirtschaftsverbandes Ostpreußen, Struvy, das Wort. Seine Rede war ein erschütterndes Zeugnis des harten Rin­gens des ostpreußischen Grenzstammes auf seinem vorgescho­benen Jnselposten und eine heißes Bekenntnis zu d e m großen deutschen Vaterland. Nach weiteren Be- grützungsworten hielt

Präsident Schiele

das Hauptreferat über die Lage der Landwirtschaft. Aus der teilweise noch latenten Krise Anfang 1928 sei die für jedermann erkennbare offene Krise geworden. Vor fünf Jahren stand die Landwirtschaft noch nahezu unverschuldet da. §eute habe sie über acht Milliarden neuaufgenommener Schulden. DaS bedeutet fast ebensoviel als die jährliche Pro- duktion für den Markt ausmacht. Das Tragische dabei sei, daß

in den Zeiten der guten Ernte die relativ größte Schuldenablagerung

zu verzeichnen sei. So drohe in diesem Jahre die um 3% Mil­lionen Tonnen höhere Getreideernte und die um 5 Millionen Tonnen höhere Kartoffelernte infolge der gesunkenen Preise einen Mehrverlust von 14 0 Millionen Mark zu bringen. Damit bahne sich eine soziale Krisis von erschrecken­dem Umfang an: die Proleiarisierung des wert­vollsten, bodenständigsten Staatselementes, des Bauerntums.

Die von der Preußenkasse geplante Auffang organi- f a t i o n sei nichts als die Ausnutzung der Not und stehe des­halb auf dem Boden des Unrechts. Der durch eine antibäuer- liche Wirtschaftspolitik in der Landwirtschaft angerichtete Schaden sei im Gegenteil gutzumachen durch Besitzererhal- d e nS ch ulffsv e r hält n Hie "fei die dringendste Forde­rung, obwohl man sich klar darüber sein müsse, daß auch eine sofort durwaekübrle Umswuldunasaktion eine unMittel- Die Vorsitzenden des Relchslanddnndes.

Reichstagsabg. Bauerngutsbesitzer

Hepp. Bethge.

bare Besserung der Rentabilitätsverhalt« Nisse nicht bringen könne.

Die Möglichkeit zu einer schnellen und wirksamen Hilfe liege nur auf dem Gebiete der Preisbildung, also der Einnahmeseite der Landwirtschaft. Sie liege bei der Beeinflussung des Marktes, bei der Handels- und Zollpolitik und bei der Absatzregulierunq. Erstes Erfordernis sei die Drosselung der überflüssigen Lebensmlttel- e i n f u h r. Aber alle Maßnahmen der Zollpolitik müßten er­gänzt und unterstützt werden durch organisatorische Maß­nahmen auf dem Gebiete der Absatzregulierung,

durch Standardisierung und Herstellung von groß- handelsfähigen Produkten und durch zentrale Markt­regulierung unter starker Hilssstellung des Staates.

Abzulehnen aber sei jeder staatliche Monopolgedanke, der politische Preise für die Agrarprodukte zur Folge habe. Zur allgemeinen Wirtschaftslage übergehend, betonte der Redner,

79. Jahrgang

daß Deutschland set 1 zeyn Jayrenvonder Substanz gelebt habe, da es mehv verzehre, als es aus eigener Kraft produziere. Das Defizit sei gedeckt worden durch die Auf­zehrung der Sparkapitalien während der Inflationszeit und danach durch die Aufnahme ausländischer Kredite. Er forderte mitentscheidenden Einfluß der Landwirt­schaft bei der zukünftigen Regelung der Dawes -Tribute. Stets müßte man sich bewußt sein, daß

Erwerbslosigkeit und Nahrungsmitteleinfuhr in enger Wechselwirkung

miteinander verbunden seien. Das Schicksal der Nation liege im Schoße der deutschen Landwirtschaft. Quer durch alle nationalen Parteien gelte es, im Parlament die Kampf- und Abwehrstellung zu bilden.

Brot und Freiheit wachsen in Deutschland auf dem­selben Halm. Darum vorwärts für Ar und Halm, für deutsches Brot und deutsche Freiheit!

Das Schlußwort hielt in der Versammlung im Zirkus Busch Präsident Hepp. Es klang aus in ein begeistert ausgenommenes Hoch auf das deutsche Vaterland, zu dessen Bekräftigung die Versammlung stehend das Deutschlandlied sana.

Entschließungen der Reichslandbundvertreter.

Die Vertreterversammlung des Reichslandbundes nahm aus ihrer Tagung verschiedene Entschließungen an. Zur Lage der Landwirtschaft wird gefordert, daß durch ineinan- dergreifende Maßnahmen der Handels- und Grenzpolitik und der Absatzregulierung die Einnahmeseite des landwirtschaftlichen Betriebes schnell und durchgreifend geändert wird. Die neuen Steuergesetze werden in einer weiteren Ent­schließung abgelehnt und Steuersenkung als Ziel einer gesun­den, der Lage der Landwirtschaft gerecht werdenden Steuer­politik verlangt. Schließlich wurde in einer dritten Entschlie­ßung einmütig der Ansicht der Landbundvertreter dahin Aus­druck gegeben, daß auf Grund der bisherigen Gesamtleistungen Deutschlands wie auch angesichts seiner Leisttutgsfähigkeit t-ine weitere Verpflichtung zu Reparationszahlungen für uns nicht mehr besteht.

Glückwunsch des Landbundes an den Reichspräsidenten.

Der Reichslandbund hat bei seiner Tagung in Berlin dem Reichspräsidenten eine Begrützungstelegramm ge­sandt. Stürmisch begrüßt wurden auf der Tagung Vertreter MjJgP ^ ^uO^oe^ ^b-r«.

Die Konferenz der Lan-erminifler.

Die Finanzberatungen zwischen Reich und Ländern.

Die Konferenz der Länderfinanzminister beim Reichs­finanzminister wegen der Entschädigungsansprüche der Länder aus Post, Eisenbahn und KriegS- schätzen fand ihren Abschluß mit einer informatorischen Besprechung, die die Finanzminister der größeren Länder mit dem Reichskanzler und dem Reichssinanzminister hatten.

Als Ergebnis der Konferenz, die im übrigen wegen der schwierigen Materie vertraulich war, kann nach parla­mentarischen Quellen festgestellt werden, daß die Länder­ansprüche insgesamt so hohe Milliardenbeträge umfassen, daß von einer Abfindung durch das Reich neben den Repa­rationsverpflichtungen gar keine Rede sein kann. Unter Berücksichtigung der Finanzlage des Reiches müsse eine auch unter politischen Gesichtspunkten tragbare Lösung ge­funden werden, die aus die finanzielle Existenz des Reiches, insbesondere das Etatsdefizit, Rücksicht nehme. Es gelte als nicht ausgeschlossen, daß eine Entschädigungs­möglichkeit auf dem Wege über den Finanzaus­gleich gefunden werde.

England will SkniMosiafrika anneffieren

Deutschland besteht aus seinen Rechten.

Es sind Pläne der britischen Regierung bekanut- geworden, nach denen sie die Absicht hat, das Mandats- gebiet von Tanganjika mit anderen englischen Gebieten zusammenzuschweißen und so eine Art stiller Annexion des ehemaligen Deutsch-Ostafrikas vorzubereiten.

An Berliner zuständigen Stellen hört man dazu, die Reichsregierung bestehe auf Grund des Versailler Ver­trages auf . dem Mandatsrecht. Die Reichsregierung werde sich mit dem Völkerbund in Verbindung setzen und darauf dringen, daß der im Versailler Vertrag nieder­gelegte Stand unverändert bleibt und daß eine Verände- cung nicht ohne die Zustimmung des Völkerbundes vor­genommen werden darf.

Generaloberst i j Messen t.

Im Alter v on 88 Jahren.

Generaloberst Hans von Plessen, der ehemalige dienst- tuende Generaladjutant und Kommandant des Kaiserlichen Hauptquartiers, ist in Potsdam im Alter von 88 Jahren an den Folgen einer Grippeerkrankung, die zu einem vor­ausgegangenen Schlaganfall trat, gestorben.

Am Hoflager des früheren Kaisers Wilhelm n. war Generaloberst von Plessen eine der bekanntesten Er­scheinungen. Als Sohn des Generals von Plessen wurde er 1841 geboren, diente beim 2. Garderegiment zu Fuß und nahm an den Kriegen von 1866 und 1870'71 teil. In der Folge wurde er Flügeladjutant Kaiser Wilhelms l. und 1893 Generaladjutant Kaiser Wilhelms II. Im Welt­krieg war er zugleich bis 1918 Kommandant des Kaiser­lichen Hauptquartiers. 1899 erhielt er die Stellung eines Generals der Infanterie und 1908 die eines General­obersten mit dem Rang als Feldmarschall. Von seinen drei Söhnen fiel einer 1916 als Fliegeroffizier.