HersMerTageblatt hersfelöer Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
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Nr. 4
«Erstes Am)
Gonnabend, den 5. Januar 1929
7 g. Jahrgang
Das Sturzbad.
Die kalte Dusche. — Poincarss Marschroute. — Prozesse gegen das Reich.
Es ist eigentlich mehr die Zeit für wintersvortliche Vergnügungen, und wer das Glück genießen kann, jetzt in den Regionen der Schneeschuhe und der Rodelschlitten den Übergang ins neue Jahr zu vollziehen, der wird für Sturzbäder und ähnliche hochsommerliche Erfrischungs- Mittel gewiß nicht im geringsten zu interessieren sein. Aber Herr ParkerGilbert fragt nicht danach, ob wir seiner Abkühlungskuren bedürfen oder nicht. Er hat es für richtig gehalten, uns für alle Fälle, da wir demnächst wieder einmal mit Engländern und Franzosen über die Endregelung unserer Kriegsentschädigungsleistungen verhandeln sollen, eine gehörige kalte Dusche zu versetzen, auf daß wir uns nur ja nicht mit übertriebenen Hoffnungen an dem neuen Konferenztisch niederlassen, an dem offenbar abermals unser Fell dazu dienen soll, daß andere Leute sich aus ihm Riemen schneiden, und zwar tüchtige Riemen.
Als wenn wir nach den noch frisch genug brennenden Enttäuschungen von Lugano nicht auch ohne diesen Wink mit dem Zaunpfahl schon so ungefähr gewußt hätten, wie der Hase diesmal laufen wird. Die Uninter- essiertheit der Amerikaner an der Lösung der Reparationsfrage ist uns doch etwas gar zu oft und gar zu eindringlich versichert worden, als daß nicht schließlich leise Zweifel darüber hätten aufsteigen müssen, was wohl die w a h r e Meinung hinter diesen Gesten der Gleichgültigkeit sein möchte. Und nachdem Herr Poincarö mit der ihm eigenen Bestimmtheit wiederholt erklärt hatte, Deutschland müsse unter allen Umständen so viel Zahlungen an seine Kriegsgegner auf, sich nehmen, daß Frankreich über seine Verpflichtungen an Amerika hinaus noch einen erklecklichen Betrag für seine heimischen Bedürfnisse übrigbehalte, da war für Herrn Parker Gilbert eigentlich schon die Marschroute für feinen fälligen Jahresbericht gegeben — es sei denn, daß die Washing- tSyer^Lsgjerung auch mt dem weiteren Schicksal ihrer Be- zrehungen zu der Französischen Republik sich desinteressiert erklärte. Davon war aber natürlich nichts zu hören, und so werden sich diese Beziehungen sehr bald wieder ungleich herzlicher gestalten können, als sie unter der Einwirkung gewisser politischer Ereignisse des abgelaufenen Jahres allmählich geworden sind.
Wundern kann man sich eigentlich nur darüber, daß der Reparationsagent seine Hilfsaktion für unsere Gläubiger sounverhüllt herausgestellt hat. Richt nur, daß er sich diesmal zu seinen eigenen voraufgegangenen Berichten in unlöslichen Widerspruch gesetzt hat; an der Kleinigkeit, daß unsere Auslandsverschuldung heute schon auf 70 Milliarden Reichsmark berechnet werden muß, geht er ebenso nichtachtend vorüber wie an der Erkenntnis, daß eine wirklich zutreffende Beurteilung unserer wirtschaftlichen Lage doch selbstverständlich nur durch Vergleiche, die bis 1913 zurückgehen, gewonnen werden kann, und nicht auf dem Wege, der nur von der Überwindung der Inflation seinen Ausgangspunkt nimmt. Wer so operiert, der muß in den Verdacht geraten, daß er sich lediglich die Aufgabe gestellt habe, eine ihm von außen fertig gelieferte Überzeugung, koste es was es wolle, zu „begründen" — selbst um den Preis seines eigenen Rufes als internationaler Sachverständiger von bewährter Unparteilichkeit. Das ergibt im Effekt aber nur ein Hindernisrennen, bei dem alle Hürden und Sprungwände vorher beiseitegeschafft wurden; da braucht der Reiter sich wahrlich nicht sonderlich anzustrengen.
Auf den R e i ch s k a n z I e r hat, wie seine Neujahrs- ansprache an den Reichspräsidenten deutlich genug erkennen ließ, der Parker-Gilbert-Bericht sehr verstimmend gewirkt. Er ist trotzdem für vierzehn Tage Erholung in den Schwarzwald gefahren, wo er sich, wenn er will, bequemer als von Berlin aus mit anderen Gegnern auseru- andersetzen kann, die ihm in der letzten Zeit das Leben auch nicht gerade leichter gemacht haben. Man weiß, daß Baden schon seit Monaten mit dem Reich in Gerichtsfehde liegt wegen seiner Ansprüche aus der Neugestaltung der Reichsbahn, und nun hat auch W ü r t t e m b e r g den Staatsgerichtshof angerufen, weil das Reich ihm Kapltal und Zinsen für die Überlaffung der württembergischen Post und Telegraphie schon seit vielen Jahren vorenthalt. Das sind, den Freistaat Sachsen eingerechnet, der glerch- falls seiner verlorenen Staatsbahn nachtrauert, schon drei Einzelländer, die als Kläger gegen das Reich auftreten, und von Bayern kann man wohl mit Sicherheit erwarten, daß es nicht mehr lange um einen Vorwand oder einen Grund in Verlegenheit sein wird, um auch seinerseits vor den Staatsgerichtshof zu gehen. •
Fehlt bloß noch Preußen, um den Reigen der Prozeßkrieger gegen das Reich vollzumachen. Und wirklich, auch hier hört man schon einiges Säbelklirren. Tue Regierung Braun lebt ja mit derjenigen des Herrn Müller, trotz weitgehender politischer Seelengemeinschaft, ohnedres nicht im besten Einvernehmen. Vorläufig wird noch einigermaßen verbindlich davon gesprochen, man werde ' „vielleicht" genötigt sein, den Staatsgerichtshof anzu- rufen, um gewisse finanzielle Forderungen nicht durch Verjährung zu gefährden; von da bis zur formalen Em- reichung der Klage in Leipzig ist aber wohl nur ein Schritt. Jedenfalls, die Reichsregierung steht sich, auch abgesehen von prominenten Fremdlingen, mit denen sie es zu tun hat, einem Sturzbad von Angriffen ausgesetzt, die ihr die Freude am Leben und Wirken einigermaßen ver-
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Der unbegründete
Ireparatlonsbericht.
Ein großer Teil der amerikanischen Presse hat sich nach der ersten kritiklosen Wiedergabe des die günstige Lage Deutschlands betonenden Berichts des Reparations- agenten besonnen und zweifelt jetzt die Stichhaltigkeit der optimistischen Äußerungen Parker Gilberts unverhohlen an. Die Blätter weisen auf die einhellige Ablehnung in Deutschland hin und sagen, der deutsche Reichskanzler Müller werde nach seiner Rückkehr aus den Ferien stärkere Mitarbeit finden als je zuvor. Gegen den angeblichen wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands spreche die große Arbeitslosenziffer, ferner der Rückgang der Kohlenerzeu- gung und -ausfuhr, die Steigerung der Einfuhr usw. Es sei leicht für Parker Gilbert, sagt ein Leitartikel, aus anderer Leute Haut Riemen zu schneiden.
Gilbert äußerte sich selbst nach seiner Ankunft in New- Hork, er lehne es ab, sich näher über seinen Bericht zu äußern. Er meinte, die deutsche Aufregung beruhe wahrscheinlich auf einer h a st i g e n Durchsicht seines Berichtes, der deutsche Text des Jahresberichtes liege noch nicht vor, werde aber vorbereitet. Hätte der deutsche Text vorgelegen, so würden die deutschen Äußerungen wahrscheinlich anders lauten.
Kritik selbst in Frankreich.
Ob dem Jubel über Parker Gilberts rosiges Gemälde von Deutschlands Erstarkung scheint selbst in Paris noch ein Rest von Besinnung erhalten geblieben zu sein. So schreibt das „Journal", Gilbert habe wahrscheinlich ein zu optimistisches Bild von der deutschen Wirtschaftslage entworsen. Es sei nicht zu leugnen, daß die deutsche Zahlungsbilanz mit 1,8 UMÄen ReiMmM passiv sei. Parker Gilbert habe Die L.M . ^n Eükzücken dargestellt, weil er damit die Newhorker Finanzleute für die in Aussicht genommene Anleihe günstig stimmen wolle. Den Deutschen habe er eine Verminderung ihrer Schulden ver
gällen können. Die Prozesse vor dem Staatsgerichtshof kann sie gewinnen oder verlieren, ohne daß dadurch entscheidende Eristenzfragen des Reiches berührt zu werden brauchen. Den Prozeß vor dem in Genf beschlossenen internationalen Sachverständigenausschuß aber muß sie gewinnen, wenn Deutschland nicht vollends zugrunde gerichtet werden soll. * Dr. Sy.
FastZvoosopersonenbeschDigtrasReich
Eine Denkschrift des Reichsfinanzministers.
In einer umfangreichen Denkschrift hat soeben der Reichsfinanzminister Dr. Hilferding dem Reichstag eine Übersicht darüber verschafft, wieviel Beamte, Angestellte und Arbeiter in der Inflationszeit für das Reich tätig waren und um wieviel inzwischen durch den Beamtenabbau diese Zahl geringer geworden ist. Am Stichtage, dem 1. Juli 1928, beschäftigten sämtliche Reichsbehörden, mit Ausnahme der Reichspost, insgesamt 177 659 Personen; weitaus die Mehrzahl davon, nämlich über 98 000, waren als Beamte tätig. Bemerkenswert ist es, daß die Reichspost allein mit 289 590 Beschäftigten weit mehr Beamte usw. hat als alle übrigen Reichsbehörden zusammen. Insgesamt waren demnach 1928 467 249 Personen in den Reichsbehörden tätig.
Gegenüber dem 1. Oktober 1923 ist das riesige Heer der Reichsarbeitnehmer insgesamt um immerhin 124 329 Beamte, Angestellte und Arbeiter geringer geworden. Das Reich selbst hat in seinen verschiedenen Behörden zusammen etwa 40 000, die Reichspost mehr als das Doppelte „abgebaut".
Immerhin haben im einzelnen einige Personal- verMehrungen stattgefunden, die sich aber nur auf Angestellte und Arbeiter beziehen und insgesamt wenige hundert betragen. So hat das Reichswirtschaftsministerium für die Erweiterung der statistischen Erhebungen, das Reichsarbeitsministerium wegen der vermehrten Sozialaufgaben, das Reichsverkehrsministerium bei der Wasser- straßenverwaltung und das Reichsfinanzministerium für den weiteren Abbau des Buch- und Betriebsprüfungs- dienstes sowie für die Übernahme der Verwaltung der thüringischen und mecklenburgischen Landessteuern durch das Reich neuer Arbeitskräfte benötigt. Auch das Bureau des Reichspräsidenten hat seit dem 1. Oktober 1923 bei gleichgebliebener Beamtenzahl (16) je drei Angestellte und Arbeiter mehr bekommen.
Abgesehen von der Reichspostverwaltung werden übrigens natürlich weitaus die meisten Beamten und übrigen Arbeitnehmer beim Reichssinanzministerium beschäftigt, das, um nur en Beispiel zu nennen, von den 98 281 Beamten der Hoheits- und Betriebsverwaltungen des Reiches (mit Ausnahme der Reichspost) am 1. Juli 182« allein 76132 beschäftigte.
Drei Berbin-Uchkeiiserklarungen.
Im öffentlichen Interesse.
Vom Reichsarbeitsminister sind folgende Schiedssprüche für verbindlich erklärt worden: Der Schiedsspruch fürdieMünsterländischeTextilindustrie vom 20., November, der Sckiedssvruch im Lobnitreit der
sprochen und den Alliierten sofortige Zahlungen vorge- zaubert. Man täte in Frankreich gut daran, sich nicht Illusionen hinzugeben und immer wieder die volle Wahrheit zu fordern.
Halbe Wahrheiten.
Reichstagsabgeordneter Dr. R. Schneider von der Volkspartei, der als genauer Kenner des Reparationsproblems gilt, wendet sich in einem zu Dresden veröffentlichten Artikel scharf gegen den Bericht Parker Gilberts. Dr. Schneider sagt: „Schlimmer als Unwahrheiten sind halbe Wahrheiten. Das schlimmste für Deutschland ist es, daß nicht nur der Schein gegen uns spricht, sondern, daß auch manche mühevolle, in fremden, hoch zu verzinsenden Kapitalien geschaffene Leistung deutschen Wagemutes in dem unendlich schwierigen Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft irreführend gegen uns ausgespielt werden kann. Das heißt nach dem bisher Geschehenen:
„Deutschland kann zahlen?"
Was bisher geleistet wurde, mußte auf Borg geleistet werden. Es ist unbestritten, daß die Kapitalbildung Deutschlands bei weitem nicht für den notwendigsten eigenen Bedarf ausreicht, geschweige denn für Tributzahlungen. Parker Gilbert weiß es und alle Wirtschasts- kenner der Welt wissen es, daß gerade infolge der Repara- tionslasten Deutschlands Kapitalbedarf und damit Deutschlands Zinsenlast und Zinsenhöhe hoch über den Durchschnitt der anderen Länder getrieben ist. Im vergangenen Jahr ist Leihgeld in Deutschland vier Prozent teurer gewesen als in den Ländern, die mit uns konkurrieren. Wir wissen wohl, daß manchmal der Schein gegen uns spricht: „Berlin im Licht", der Betrieb des KÜrfürstendammes, die Großzügigkeit so mancher Stadtverwaltung mit Ausstellungen und sonstiger illuminierter Repräsentation. Da wird mancher Schaden ««gerichtet, und S t r e s e m a n n hatte ganz recht, als er neulich zornig ausrief: „Ich wünschte, daß doch einmal die Oberbürgermeister Reparationsverhandlungen führen möchten!"
Bielefelder Textilindustrie vom 30^ November. Ferner der Schiedsspruch vom 6. Dezember vorigen Jahres im Tarifstreit der Ost sächsischen Textilindustrie. Sämtliche Verbindlichkeitserklärungen erfolgten unter der Begründung des öffentlichen Interesses.
Der Kellogg-Pakt in Amerika.
Flottenvorlage anscheinend zurückgestellt.
Der Senat in Washington begann mit der Beratung des Antikriegspaktes Kelloggs und stellte deshalb die Besprechung der Flottenaufrüstungsvorlage einstweilen zurück. Trotzdem wurde sofort von der Marinewehrkraft gesprochen, denn Senator H a l e begann mit der Darlegung, daß der Kellogg-Pakt militärische Schutzmaßnahmen für die Vereinigten Staaten keineswegs überflüssig mache. Man dürfe die Marine, die gleichsam Amerikas Lebensversicherung darstelle, nicht vernachlässigen. Das Recht des nationalen Selbstschutzes werde durch den Kellogg-Pakt keineswegs berührt. Hake verwies auf die neuen Seerüstungen Englands, Frankreichs, Japans und Italiens.
Senator Borah meinte, der Sinn des Paktes könne nicht sein, den Krieg abzuschaffen. Das Recht zum Selbstschutz dürfe keiner der unterzeichnenden Mächte genommen werden. In keinem Falle würden sich die Vereinigten Staaten zu irgendwelchen Sanktionsmaßnahmen oder überhaupt zur Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung der Paktbestimmungen verpflichten. Im besonderen würden sie auch keinerlei europäische Verbindlichkeiten, wie etwa unter dem Völkerbundstatut oder den Locarno- verträgen, übernehmen können.
Die Opposition betonte, der ganze Kellogg-Pakt bedeute ein Scheinmanöver, eine Geste, hinter der keine Spur von ernstem Willen stehe.
Litauen für Rußlands Kriegsächtungspakt.
Amtliche Zu st immun g.
Vor kurzem sandte Rußland an Polen eine Aufforderung, schon vor dem allgemeinen Inkrafttreten des Kelloggschen Antikriegsvertrages diesen Pakt bei den gegenseitigen Beziehungen in Kraft treten zu lassen. Während Polen sich abwartend verhält und einstweilen in feinen Zeitungen gegen den Sowjetstaat polemisiert, hat Litauen, dem das russische Angebot ebenfalls zuging, den Vorschlag unmittelbar angenommen.
Offiziell wird aus K o w n o gemeldet: Nachdem sich die litauische Regierung mit dem Inhalt der russischen Note bekanntgemacht hat, stimmte sie zu, den Kellogg-Pakt auf Grund des dritten Paragraphen für eine Gruppe Länder in Kraft treten zu lassen, bevor er von den übrigen Mächten, die ihre Unterschrift unter den Pakt setzten, ratifiziert worden ist. Die litauische Regierung hat beschlossen, den Kellogg-Pakt anzuerkennen, und die baltischen Staaten eingeladen, sich dem Protokoll anzuschließen.